FC Bayern München – Juventus Turin 4:2 n.V. (0:2, 2:2)

Justin Trenner 17.03.2016

Die Rollen waren vor dem Spiel also klar verteilt. Juventus durfte dieses Spiel auf keinen Fall verlieren und benötigte mindestens ein Tor um die Chance auf das Weiterkommen zu wahren. Den Bayern hätte hingegen ein niedriges Unentschieden gereicht.

Falls ihr es verpasst habt:

Pep Guardiola veränderte im Vergleich zum Werder-Spiel einige Positionen und stellte die im Schnitt älteste Mannschaft auf, seit er Trainer des FC Bayern ist. Durch den Ausfall von Arjen Robben, der aufgrund von Adduktorenproblemen das Spiel verpasste, rückte Douglas Costa wieder in die Startelf. Der gegen Bremen zuletzt stark aufspielende Kingsley Coman saß hingegen nur auf der Bank, wo sich auch Thiago etwas überraschend wiederfand. Sowohl Vidal als auch Lewandowski durften dafür wieder von Beginn an spielen, während Mario Götze erwartungsgemäß draußen blieb. Für ihn kam ein Einsatz in der Champions League zu früh.

FC Bayern München vs. Juventus Turin, 16. März 2016

Massimiliano Allegri musste seine Startelf im Vergleich zum Hinspiel aufgrund von Verletzungen umstellen. Neben Chiellini, der bereits in Turin fehlte, fielen auch Marchisio und Dybala kurzfristig aus. Mandzukic war zudem angeschlagen und saß zunächst auf der Bank. Alex Sandro, Hernanes und Alvaro Morata rotierten in die Startformation. Auch in der taktischen Ausrichtung veränderte Allegri seine Mannschaft.

Die Turiner begannen druckvoll und sehr hoch verteidigend in einem 5-2-3, das in Ballbesitz oder bei sehr hohem Pressing situativ zu einem 3-4-3 variierte. Mit klarer Mannorientierung sowie großem Aufwand schafften es die Italiener, den deutschen Rekordmeister früh unter Druck zu setzen und vor allem auch eklatante Ungenauigkeiten zu erzwingen. Trotz einer guten Halbchance von Vidal in der 2. Spielminute startete Juventus deutlich besser in die Partie. So war es auch wenig überraschend, dass Paul Pogba nach einem Fehler von David Alaba das 0:1 erzielte. Der Österreicher konnte einen langen Ball von Khedira auf Lichtsteiner nicht verteidigen. Die anschließende, den Ball verfehlende Parade des heraneilenden Manuel Neuer landete nach einem weiteren Pass bei Pogba, der den Ball aus kurzer Distanz nur einschieben musste.

Auch in der anschließenden Phase ließ die Elf von Allegri nicht nach. Die Ungenauigkeiten im Spiel der Bayern häuften sich. Zwar kamen sie durch Ribéry (10., 26.), Müller (13.) und Costa (18.) zu einigen kleineren Möglichkeiten, doch etwas wirklich Zwingendes kam dabei nicht herum. Juventus hatte hingegen die klar besseren Chancen. Nach einem Fehlpass von Neuer war es Morata, der beinahe das 0-2 erzielte. Doch der Schiedsrichter entschied auf Abseits. Schließlich sollte dies aber Cuadrado gelingen. Nach einem weiteren Fehler von Alaba erzielte er das 0:2. Der 23-Jährige verlor am gegnerischen Strafraum den Ball und verpasste es dann das taktische Foul zu spielen. Anschließend lief Morata mit dem Ball ein Mal über das gesamte Spielfeld ohne dabei wirklich attackiert zu werden. Auch Benatia verpasste hier das wohl notwendige Foul. Die darauf folgende Kombination mit Pogba und Cuadrado führt zum frühen 0:2 in der 28. Minute.

In der Folge beruhigte sich das Spiel, weil sich Juve zurückzog. Die Bayern bekamen etwas Kontrolle über das Geschehen, ohne daraus aber wirklich Zählbares machen zu können. Lediglich eine echte Großchance von Lewandowski (42.) stand zur Halbzeit auf dem Konto der Münchner, während Juventus durch Cuadrado (44.) fast noch das 0:3 erzielte. Manuel Neuer war es, der die womögliche Vorentscheidung verhinderte.

Pep Guardiola wechselte zur Pause nur auf einer Position und brachte Juan Bernat für den überforderten Medhi Benatia. Sein Leistungsniveau wird im Sommer zu bewerten sein, wenn der Kader vollständig und verletzungsfrei ist. Auch im zweiten Durchgang veränderte sich das Bild nicht. Bayern fand keine Lösungen und Juventus hatte gleich drei gute Möglichkeiten zwischen der 56. und 58. Minute durch Morata. In der 60. Minute brachte Pep Guardiola dann Kingsley Coman für Xabi Alonso. Douglas Costa bespielte fortan verstärkt das Zentrum und den rechten Halbraum, während der Franzose auf die rechte Seite ging, wo er gegen Bremen bereits glänzte. Das brachte den Bayern mehr Kontrolle und einige Halbchancen durch Ribéry (63.) und Müller (70.). Allgemein kam der junge Franzose direkt sehr gut in die Partie und war an vielen Aktionen beteiligt. So war es Coman, der in der Entstehung am 1:2 beteiligt war, als er an der Grundlinie einen verloren geglaubten Ball rettete (73.). Robert Lewandowski köpfte anschließend die Flanke von Douglas Costa in das Tor von Buffon. Die Bayern erhöhten den Druck und kamen zu einer weiteren guten Chance durch Ribéry (77.). Es sah lange Zeit in der Schlussphase so aus, als könne der FC Bayern nicht mehr den Ausgleich erzielen, doch dann war es Thomas Müller, der in der Nachspielzeit die Hoffnungen der Münchner wiederbelebte und nach Flanke von Kingsley Coman zum 2-2 einköpfte. Es gab tatsächlich Verlängerung in München. Über weite Strecken der Partie konnte man daran, unter Berücksichtigung der gezeigten Leistung des FC Bayern, nicht mehr glauben.

Juventus kam wieder etwas mutiger in das Spiel und bekam durch Lichtsteiner (92.) die erste große Chance der Verlängerung. Doch insgesamt wirkten die Bayern jetzt zielstrebiger und wacher in den Zweikämpfen. Nachdem Ribéry in der Anfangsphase zwar viele Aktionen hatte, aber inzwischen ausgelaugt wirkte, reagierte Pep Guardiola und brachte Thiago für ihn (101.). Auch in der zweiten Halbzeit der Verlängerung dasselbe Bild. Die Bayern bemüht um Kontrolle, Juventus mit einigen im Ansatz gefährlichen Kontern, die sie nicht mehr ausspielen konnten. Chancen blieben zunächst aus, doch dann war es eine herrliche Kombination zwischen Müller und Thiago, die das 3:2 durch den Spanier besorgte (108.). Juventus brauchte nun zwingend ein Tor und ging direkt mehr Risiko, was Bayern einen Konter über Kingsley Coman bescherte (110.). Der Franzose, dessen Einwechslung das Spiel der Münchner merklich belebte, konnte in Robben-Manier zum 4:2 abschließen und beendete so auch die letzten Hoffnungen der Turiner – wenngleich Mandzukic und Sturaro mit einer Doppelchance in der 116. Minute noch einmal die Chance auf den Anschlusstreffer hatten.

Auch Bonucci scheiterte am starken Manuel Neuer (118.) und so blieb es schließlich beim 4:2 für den FC Bayern und einem glücklichen, schlussendlich vor allem hart erarbeiteten Einzug ins Viertelfinale.

3 Dinge, die auffielen:

1. Alaba startet schlecht

David Alaba erwischte einen bemerkenswert schlechten Start in diesen Abend. So schwach wie in der ersten Halbzeit dieses Champions-League-Spiels und auch über weite Phasen der zweiten Halbzeit, hat man den Österreicher schon lange nicht mehr gesehen. Er war nicht nur an den beiden Gegentreffern direkt beteiligt, sondern legte auch weitere Großchancen des Gegners vor. Bei seinem ersten Fehler in der 6. Spielminute, der zu Pogbas Führungstreffer führte, schaffte es Alaba nicht einen ganz normalen, relativ unkomplizierten langen Ball zu verteidigen. Er verkomplizierte die Situation. Zur Halbzeit hatte der Österreicher eine Passquote von nur 78%, was für seine Verhältnisse unterirdisch ist. Über das ganze Spiel strahlte er in engen Situationen eine Unruhe aus, die man so einfach nicht kennt. Nachdem Guardiola ihn auf die Innenverteidiger-Position stellte, wurde dies etwas besser. Grundsätzlich sollte es jedoch nicht der Abend von David Alaba sein.

ODD ANDERSEN / AFP / Getty Images
David Alaba nach seinem Fehler, der zum 0:1 führte.
(Bild: ODD ANDERSEN / AFP / Getty Images)

Alaba fehlte in vielen Situationen die nötige Cleverness. Er hätte beispielsweise beim 0:2 nach eigenem Ballverlust ein taktisches Foul spielen können, entschied sich aber für das Laufduell mit Morata, das er schließlich verlor. Alaba gewann nur 38% seiner Zweikämpfe und kam mit Verlängerung auf 93 Ballkontakte, was ebenfalls sehr wenig für ihn ist. Offensiv scheiterte er zu häufig an eigenen Ungenauigkeiten und auch sein Zusammenspiel mit Franck Ribéry harmonierte nicht so gut, wie gewohnt. Alles in allem ein gebrauchter Abend für den Österreicher, was durchaus bemerkenswert ist, da er sonst einer der konstantesten Spieler ist.

2. Vidal und Coman drehen die Partie

Grundsätzlich ist es oft zu einfach einen Umschwung auf ein oder zwei Spieler zu begrenzen. Aber an diesem Abend haben zwei Spieler für die Wende gesorgt. Zum einen ist das Arturo Vidal, der eine nahezu unfassbare Willenskraft zeigte und viele Konter von Juventus Turin im Keim erstickte, als es wichtig wurde. Zum anderen Kingsley Coman, der an drei von vier Treffern beteiligt war.

Als Arturo Vidal in Dortmund mit einer sehr guten Leistung glänzte, gab es nicht wenige, die meinten, dass der FC Bayern ihn für genau diese Spiele verpflichtet habe. Zu Beginn des Spiels wirkte der Chilene in seinen Ballaktionen noch sehr ungenau. Jedoch zog sich dies durch die gesamte Mannschaft. Neben Alonso wirkte er oft überflüssig. Seine Positionierung war über weite Phasen viel zu tief und so gab es kaum vertikale Entlastungspässe für die Münchner. Als er sich ab dem zweiten Durchgang und spätestens nach der Auswechslung von Alonso viel höher positionierte, wurde auch das Spiel des FC Bayern besser.

Gegen den Ball war er der wichtigste Mann auf dem Feld für die Münchner. Fünf Tacklings, vier Interceptions und eine Passquote von 95% zeigen, wie wichtig er für das Team war. Gerade in der Phase wo die Bayern ihre Aufholjagd begonnen haben, war es Arturo Vidal der mit seiner Genauigkeit im Gegenpressing viele Konter der Turiner verhinderte und einen erneuten Angriff einleitete. Auch vor dem 2-2 von Thomas Müller hat er einen entscheidenden Zweikampf gewonnen, der den Ausgleich erst ermöglichte. Man kann auch durchaus davon sprechen, dass der Chilene seine Mitspieler positiv mitgezogen hat.

Arturo Vidal. Kämpfernatur. (Bild: TOBIAS SCHWARZ / AFP / Getty Images)
Arturo Vidal. Kämpfernatur.
(Bild: TOBIAS SCHWARZ / AFP / Getty Images)

Kingsley Coman war der zweite entscheidende Spieler. Mit ihm gab es nicht nur mehr Zielstrebigkeit zum Tor, sondern auch die Spieler um ihn herum wurden auffälliger. Speziell Douglas Costa harmonierte in tieferer Position sehr gut mit dem Franzosen und brachte einige gefährliche Flanken in der Schlussphase der regulären Spielzeit. Beim 1:2 Anschlusstreffer behauptete Coman einen Ball an der Grundlinie, um dann Costa zu bedienen. Er flankte den Ball auf Lewandowski, der den Auftakt zu einer furiosen Schlussphase gab. Am Ausgleich war Coman sogar direkt beteiligt. Auch in der Verlängerung bestätigte er seine starke Form und erzielte das entscheidende 4:2 selbst. Drei Torschussvorlagen, zwei erfolgreiche Dribblings und zwei eigene Abschlüsse komplettieren seinen starken Auftritt.

Der Franzose bewies damit, dass er in Zukunft nicht nur als “Joker” glänzen könnte, sondern durchaus eine Alternative für die Startelf ist. Auch in wichtigen Spielen, wenn er dieses Leistungsniveau halten kann.

3. Starke Moral kaschiert schwachen Auftritt

Der FC Bayern legte rund 70 Minuten den vielleicht schwächsten Auftritt unter Guardiola seit dem Rückspiel gegen Real Madrid hin. Die Münchner hatten zwar viel Ballbesitz, aber über die meisten Phasen des Spiels keinen richtigen Zugriff auf die Partie. Juve verteidigte im 5-2-3 sehr hoch und schob so teilweise zu einem 3-4-3 nach vorne. Bayern hatte damit ebenso große Probleme wie mit der Manndeckung, weil im Aufbau jede Struktur fehlte. Alonso und Vidal waren beide zu tief positioniert und Alaba auf der Außenbahn selten zu guten Anspielen in die Offensive fähig. Auch Kimmich kam sehr selten dazu einen Pass durch die Schnittstelle der vordersten Pressinglinie zu spielen. Die Turiner machten das sehr clever und rückten – auch wenn sie überspielt wurden – sehr schnell zurück.

War der FC Bayern dann in der Hälfte von Juventus, war es das Ziel von Allegris Mannschaft die Münchner so zentral wie möglich zu halten. Ribéry und Costa hatten über 70 Minuten kaum Zugriff zum Spiel, weil sie stets in Manndeckung waren. Juventus zeigte, wie man gegen die Bayern in der Breite verteidigen muss und offenbarte, dass die Elf von Guardiola ohne ihren Flügelfokus an diesem Abend keine nennenswerten Lösungen finden konnte. Dass dann ausgerechnet zwei Flanken für den Ausgleich sorgten, ist bezeichnend für den schwachen Offensivauftritt des FC Bayern an diesem Abend.

Mit einem Thriller-Spiel ins Viertelfinale. (Bild: TOBIAS SCHWARZ / AFP / Getty Images)
Mit einem Thriller-Spiel ins Viertelfinale.
(Bild: TOBIAS SCHWARZ / AFP / Getty Images)

Auch die Ungenauigkeiten im letzten Drittel bleiben ein Thema bei den Bayern. David Alaba (11 von 15 Pässen im Angriffsdrittel), Douglas Costa (46/54) und auch Franck Ribéry (32/38) sind hier durchaus negativ hervorzuheben. Viele Konter von Juventus wurden eingeleitet, weil die Guardiola-Elf einen Angriff nicht geduldig und genau genug ausspielen konnte. Gerade die beiden Flügelspieler verdribbelten sich zu häufig, spielten einen ungenauen Pass oder waren im Gegenpressing nicht zielstrebig genug. Speziell bei Franck Ribéry bestätigte sich der Eindruck, dass er noch nicht bei 100% ist.

Herausragend war dann aber die Moral der Mannschaft. Angeführt von Arturo Vidal und motiviert durch die beiden Tore kurz vor Schluss, rannten die Bayern an und fanden ihre Linie. Auch die zum Schluss wachsende Müdigkeit der Turiner spielte den Münchnern dabei in die Karten. In der Verlängerung zeigten sie alles, was sie in den 90 Minuten zuvor vermissen ließen. Schnelle und kluge Seitenverlagerungen sowie Zielstrebigkeit zum Tor.

Ab dem 2:2 hatte man den Eindruck, dass es nur noch einen Sieger geben kann. Das war der FC Bayern.

FC Bayern München – Juventus Turin 4:2 N.V. (0:2, 2:2)
FC Bayern München Neuer – Lahm, Kimmich, Benatia (46. Bernat), Alaba – Alonso (60. Coman) – Costa, Müller, Vidal, Ribéry (101. Thiago) – Lewandowski
Bank Ulreich – Rafinha, Götze, Rode
Juventus Turin Buffon – Lichtsteiner, Bonucci, Barzagli, Evra, Alex Sandro – Cuadrado (89. Pereyra), Khedira (68. Sturaro), Hernanes, Pogba – Morata (72. Mandzukic)
Bank Neto – Zaza, Asamoah, Rugani
Tore 0:1 Pogba (6.), 0:2 Cuadrado (28.), 1:2 Lewandowski (73.), 2:2 Müller (90.), 3:2 Thiago (108.), 4:2 Coman (110.)
Karten Gelb: Kimmich, Vidal, Lewandowski, Thiago, Bernat / Khedira, Morata, Lichtsteiner, Bonucci, Cuadrado, Pereyra, Sturaro
Schiedsrichter Eriksson (Schweden)
Zuschauer 70.000 (ausverkauft)

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