Analyse: Würde Florian Wirtz zum FC Bayern passen?

Niels Trenner 09.02.2024

In Deutschland sieht man in Florian Wirtz den nächsten großen Superstar. Der FC Bayern soll seine Karriere schon länger verfolgen und sieht in ihm einen zukünftigen Baustein des Kaders. Das Anforderungsprofil von Wirtz scheint auf den ersten Blick perfekt auf die Bayern zugeschnitten zu sein.

Er ist jung, deutscher Nationalspieler und besitzt riesiges Potenzial. Es war einst die Vision von Uli Hoeneß den „FC Bayern Deutschland“ aufzubauen. Es sollten möglichst viele deutsche Nationalspieler für den FCB spielen. Doch wie gut ist Florian Wirtz? Passt er zum aktuellen System des Rekordmeisters und Thomas Tuchel?

Florian Wirtz: Seine bisherige Laufbahn

In Pulheim geboren wurde Florian Wirtz den größten Teil seiner Karriere beim 1. FC Köln ausgebildet. Er spielte sich dort bis in die U17 des Clubs, ehe es im Januar 2020 zu Bayer Leverkusen ging. Er absolvierte dort zuerst einige Spiele in der U19 von Leverkusen. Doch er spielte sich schnell in den Profikader der ersten Mannschaft, auch wegen der damaligen Corona-Pandemie.

Sein erstes Bundesligator erzielte er, wie hätte es auch anders sein können, gegen den FC Bayern am 06.06.2020 in Leverkusen. Mit diesem Tor schoss Wirtz sich damals zum jüngsten Torschützen der Fußball-Bundesliga. Mittlerweile wurde er jedoch von Youssoufa Moukoko abgelöst. Dieses Tor sollte trotzdem der Startschuss für den weiteren Verlauf seiner Karriere bei Leverkusen sein.

Florian Wirtz ist heute deutscher Nationalspieler und hat mit seinen 20 Jahren bereits über 130 Profispiele für Leverkusen absolviert und das trotz eines Kreuzbandrisses in der letzten Saison. Die meisten Partien spielte er in der Bundesliga. Zudem konnte er sich auch international in der Europa League schon mehrfach unter Beweis stellen. In diesen 130 Spielen sammelte er dazu 31 Tore und 43 Vorlagen. Durchaus beachtliche Zahlen für einen 20-Jährigen.

Florian Wirtz: Welche Stärken würde er zum FC Bayern bringen?

Den Großteil der Spiele absolviert Florian Wirtz im offensiven Mittelfeld. Genau da kommen seine Stärken am besten zum Vorschein. Hier kann er sich zwischen den Linien des Gegners positionieren. Er ist sehr beweglich, dribbelstark und kann gut mit seinen Mitspielern kombinieren.  

Für Ballan- und mitnahme reicht ihm oft ein Kontakt, dann kann er seinen Körper aufdrehen und so neuen Raum öffnen. Von hier aus kann er entweder die Mitspieler mit präzisen Steckpässen in Szene setzen, selbst in den neuen Raum hineinlaufen und oder direkt den Abschluss suchen.

Bei den raumgewinnenden Pässen (7,28/90 Minuten) und schusserzeugenden Aktionen (6,10) gehört er laut FBref zu den besten drei Prozent auf seiner Position in den Top-5-Ligen. Das zeigt die genannten Stärken seiner Spielanlage auf. Die Anzahl Scorerpunkte (13 in 20 Bundesliga-Spielen) ist auch sehr ordentlich. Allerdings liegt das auch am System, das Xabi Alonso in Leverkusen spielen lässt.

Das 3-4-2-1-System von Xabi Alonso kommt seinen Stärken sehr entgegen. Hier spielt er oft den linken der beiden offensiven Zehnerpositionen. Im Spiel mit Ball hat Leverkusen eine Asymmetrie. Frimpong schiebt auf der rechten Seite sehr hoch, zum Teil sogar bis auf höhe des Stürmers. Die linke Seite wird meist überladen und Frimpong auf der rechten Seite isoliert.

Florian Wirtz hat dann viel Freiraum und viele Anspielmöglichkeiten. In genau diesem Raum kann er den Ball verteilen, mit seinen Mitspielern kombinieren oder sie in Szene setzen. Bayer Leverkusen spielt mit einem gepflegten Kurzpassspiel und vielen vertikalen Bällen nach vorne. Dieses Spiel ist wie gemacht für Florian Wirtz.

Wie gut er als Einzelkönner ist, zeigt sein Tor gegen den SC Freiburg am 9. Spieltag der Bundesliga. Es wurde sogar kürzlich von der ARD zum „Tor des Jahres 2023“ gewählt. Ein Tor, das die Zunge eines jeden Fußballfan schnalzen lässt.

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Florian Wirtz: Welche Schwächen müsste der FC Bayern erwarten?

Eine klar herausragende Schwäche bei Florian Wirtz zu finden, ist schwierig. Man könnte vielleicht argumentieren, er sei defensiv nicht so stabil oder nicht so zweikampfstark. Allerdings muss er wahrscheinlich grundsätzlich weniger Zweikämpfe führen, da er mit seiner spielerischen Klasse oft gar nicht erst in einen Zweikampf verwickelt wird.

Sein Anlaufverhalten lässt sich aufgrund der Spielweise in Leverkusen auch schwer beurteilen. Xabi Alonso lässt gegen den Ball ein Mittelfeldpressing spielen. Meist in einer 4-4-2-Formation. Das Zentrum wird so dicht gemacht. Wirtz besetzt gegen den Ball meist die Position des zweiten Stürmers oder die des Linksaußen.

Durch kluges Abwarten und Herausschieben der Mannschaft werden so die Bälle gewonnen. So ist seine Defensivrolle schwer einzuschätzen. Oftmals läuft er Gegner nur an, um einen Pass zu forcieren. Dadurch ist er automatisch weniger in Zweikämpfe verwickelt. Positiv ist, dass er in diesem Konstrukt nicht negativ auffällt.

Auch die Statistiken zu Zweikampfwerten hätten wenig Aussagekraft, da die Bälle einerseits nicht oft in seinen Zonen zurückerobert werden (aufgrund des genannten Mittelfeldpressings) und andererseits die gesamte Mannschaft einfach klug gegen den Ball agiert. Es braucht nicht den Zweikämpfer Florian Wirtz im System Leverkusen. Er ist dabei ein Teil des Ganzen. Die Balance der Leverkusener Mannschaft ist hierbei entscheidend.

Es stellt sich natürlich die Frage mit welchem System und mit welcher Taktik Florian Wirtz bei den Bayern konfrontiert wäre. Er ist vielleicht kein Pressingspieler, wie es ein Thomas Müller ist. Aber muss er das überhaupt sein? Wie würde der FC Bayern Florian Wirtz in seinem Spiel einbinden?

FC Bayern: Mögliche Rollen von Florian Wirtz

Die Kaderzusammenstellung beim FC Bayern war gerade in dieser Saison immer wieder Thema. Anhand der bisherigen Analyse von Wirtz ist festzuhalten, dass seine Spielweise sich in vielen Punkten mit der von Jamal Musiala gleicht. Das kann bei der Zusammensetzung des Kaders ein Problem sein. Aufgrund eines solchen Beispiels werden hier mögliche Spielsysteme mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen genannt.

4-2-3-1: Es ist das aktuelle System der Bayern. Die Fähigkeiten von Wirtz sind dabei auf der Zehn am besten aufgehoben. In diesem Fall müsste entweder Jamal Musiala oder Thomas Müller auf eine andere Position ausweichen, damit würde man sie deren Stärken berauben. Die andere Möglichkeit wäre, Wirtz auf eine der Aussenpositionen zu schieben, dort wären seine Fähigkeiten allerdings nicht optimal genutzt.

Hingegen wenn die Bayern, ähnlich wie unter Flick, hinten mit einer asymmetrischen Kette spielen und Davies hoch herausschieben würde, könnten Musiala und Wirtz als Duo im Zentrum wirbeln. Es bleibt die Frage, ob die defensivere Rolle des rechten Verteidigers mit Mazraoui und Boey optimal besetzt wäre.

4-3-3: Die Diskussion um eine Holding Six reißen beim FC Bayern nicht ab. Das bevorzugte System mit einer solchen Holding Six wäre wahrscheinlich das 4-3-3. Hier könnte Wirtz eine der beiden Achter-Positionen bekleiden. Diese Position ist ihm mit seinen Fähigkeiten definitiv zuzutrauen. Mit Blick auf den Kader gäbe es ein anderes Problem.

Bei dieser Formation gäbe es ein Überangebot an Spielern, die diese Position spielen könnten. Kimmich, Goretzka, Laimer, Pavlović und auch Musiala oder Müller. Zudem hat der aktuelle Kader nicht viele klassische Flügelspieler, welche für ein 4-3-3 von Vorteil wären. Leroy Sané oder Serge Gnabry ziehen beispielsweise oft gerne ins Zentrum.

Da stellt sich die Frage, ob man mit dem aktuellen Kader und diesem System das Maximum aus der Mannschaft herausholen würde.

3-4-2-1: Es wäre das aktuelle System von Leverkusen. Thomas Tuchel hat zu seiner Zeit bei Chelsea ein ähnliches System mit Dreierkette gespielt. Wirtz könnte wie in Leverkusen eine der beiden Zehnerpositionen bekleiden. Die andere würde vermutlich Jamal Musiala gehören. Offensiv hätten die Bayern so jede Menge Optionen.

Sané, Müller und Gnabry könnten ebenfalls die Zehnerposition bekleiden, was wiederum zu einer immensen Konkurrenzsituation führen würde. Die Außenbahnen könnten für Davies und Boey zudem wie gemacht sein – auch Kingsley Coman wäre eine Option. Wobei das System für den Franzosen wohl nicht optimal wäre. Ein anderes Problem wären die Innenverteidiger. Mit de Ligt, Upamecano, Kim und Dier wären es nominell nur vier Innenverteidiger für drei Positionen. Hier müsste man dann auf jeden Fall nachrüsten.

FC Bayern: Fazit zu Florian Wirtz

Florian Wirtz hat das Potenzial und die Fähigkeiten, um beim FC Bayern zu spielen. Ein Wechsel im Sommer 2024 scheint aktuell kein Thema zu sein. Sein Vater, von dem er auch beraten wird, hat kürzlich im kicker folgendes gesagt: „Mein Bauch sagt mir: Florian ist noch jung. Er hat noch einen Teil seiner Entwicklung zu gehen. Dafür ist Leverkusen eine gute Ausbildungsstätte.“

Der FC Bayern tut gut daran, ihn im Auge zu behalten und seine Situation zu verfolgen, muss aber gleichzeitig aufpassen, den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Im Sommer steht die Europameisterschaft in Deutschland an. Ein mögliches Zusammenspiel mit Sané und Musiala könnte sich da schon zeigen. Die Situation könnte 2025 eine andere sein. Mit Blick auf den auslaufenden Vertrag von Thomas Müller wäre Wirtz ein idealer Ersatz.

Eine Verpflichtung würde allerdings auch andere Hürden mit sich bringen. Der Vertrag von Wirtz läuft bei Leverkusen bis zum Sommer 2027. Der Marktwert von Florian Wirtz liegt laut transfermarkt.de bei 100 Mio. Euro. Die Ablöse wäre dementsprechend hoch. Wirtschaftlich wäre Wirtz eine Herausforderung, sportlich aber in der Einbindungsfrage ebenfalls. Dennoch wäre er sehr wahrscheinlich eine Bereicherung.

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