Aleksandar Pavlović (FC Bayern)
Bild: Leonhard Simon/Getty Images

FC Bayern: Das zentrale Mittelfeld im Datencheck – Weltklasse oder eine Ebene darunter?

Justin • 19.10.2026 •


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Im zentralen Mittelfeld werden Spiele gewonnen. Torhüter und Stürmer liefern zwar die Szenen, über die alle Welt nachher spricht, doch in der Schaltzentrale wird bestimmt, wer die Kontrolle über ein Spiel hat.

Beim FC Bayern bilden Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlović seit mittlerweile vielen Partien ein Duo. Unter Vincent Kompany haben sich beide gefunden und jeweils den Partner bekommen, den sie für ihr Spiel benötigen.

Es ist fast schon frappierend, zu sehen, wie beide ohneeinander funktionieren – beziehungsweise deutlich weniger funktionieren. Und ein bloßer Blick in die Daten von Wyscout verrät auch, warum das so ist. Wir haben die 100 zentralen Mittelfeldspieler der europäischen Top-5-Ligen mit den meisten Pässen pro 90 Minuten miteinander verglichen – mit dabei sind alle nationalen und internationalen Wettbewerbe mit ihren Klubs.

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Joshua Kimmich: Der Mann fürs Risiko beim FC Bayern

Kimmich ist der Mann fürs Risiko. Der 31-Jährige spielt für einen Sechser unglaublich viele Pässe ins Angriffsdrittel (14,72 pro 90 Minuten). Damit belegt er hinter Manuel Locatelli von Juventus Turin den zweiten Platz in unserem Vergleich. Auch Pavlović ist hier mit 12,52 auf einem starken sechsten Rang unterwegs.

Allerdings spielt Kimmich auch 24,42 Pässe pro 90 Minuten, die einen vertikalen Raumgewinn von rund zehn Metern haben und klar nach vorn ausgerichtet sind – Platz 6 in Europa. Hier kommt Pavlović „nur“ auf den 14. Rang (21,27). Auch 0,74 Torschussvorlagen (Platz 9), 0,19 Second-Assists – also der Pass vor dem Assist (Platz 2) und 0,4 „Smart Passes“ (Platz 8) sind Top-Werte in Europa von Kimmich.

„Smart Passes“ werden von Wyscout als Pässe definiert, die die Defensivreihe des Gegners durchbrechen und einen signifikanten Vorteil im Angriff erzeugen. Also jene Pässe, die akut Gefahr erzeugen. Kimmich ist auch bei den erwarteten Torvorlagen (0,22) auf einem herausragenden vierten Rang und hat trotz des Risikos, das er eingeht, immer noch eine beeindruckende Passquote von 91,39 Prozent. Zwar „nur“ Platz 28, aber im Mix aus Risiko und der bloßen Prozentzahl dennoch kein Wert, den man wirklich kritisieren kann. Das Feld ist hier sehr eng beieinander.

Dafür ist Kimmich bei der Passgenauigkeit seiner progressiven Pässe die Nummer eins in Europa. Auf 87,95 Prozent kommt kein anderer Spieler. Pavlović steht bei 84,33 Prozent (Platz 12).

Aleksandar Pavlović als perfekte Kimmich-Ergänzung

Aber genau das ist auch der Punkt, warum sich beide so gut ergänzen. Pavlović konzentriert sich deutlich mehr auf Stabilität. Auch er hat viele sehr gute Vertikalpässe in seinem Spiel, wägt aber etwas mehr ab. Weder für den einen, noch für den anderen Spieler ist die Schwerpunktsetzung dabei falsch. Sie ist in der Mischung genau richtig für das Spiel, das Kompany sehen will.

Pavlović hat die dritthöchste Passquote aller Spieler in der Vergleichsgruppe (93,75 Prozent). Auf dem ersten Rang steht übrigens Frenkie de Jong mit 94,31 Prozent. Dass der 21-Jährige nicht noch bessere Offensivwerte hat, liegt weniger an seinen Fähigkeiten, sondern mehr an seiner Rolle. Er hält Kimmich mit seiner disziplinierten Spielweise den Rücken frei.

Überraschungen gibt es im internationalen Vergleich kaum. Kimmich und Pavlović belegen in nahezu allen relevanten Passstatistiken einen Rang in den Top-10, teilweise sogar in den Top-5. Ein Problem beim Vergleich ist, dass es hier und da Spieler auf die Liste geschafft haben, die in ihren Vereinen in deutlich offensiveren Rollen eingesetzt werden.

So ist Kimmich bei den erwarteten Vorlagen nur deshalb auf dem vierten Platz, weil Bruno Fernandes, Arda Güler und Kevin De Bruyne vor ihm sind – alles eher Offensivspieler. Mittelfeldspieler, die hingegen in diversen Ballbesitz-Statistiken auf Augenhöhe mit den beiden Bayern-Stars auftauchen, sind Pedri, Rodri, Locatelli, Barella und natürlich Vitinha.

Interessant ist aber, wie durchmischt und ausgeglichen der Konkurrenzkampf hier ist. Beim reinen Blick auf die Statistiken kann man kaum zum Urteil kommen, dass einer dieser Spieler deutlich besser als der andere wäre. Höchstens, dass sie alle unterschiedlich eingesetzt werden und für ihre Mannschaften enorme Bedeutung haben – weil sie alle Weltklassezahlen liefern.

Und defensiv? Eine Frage des Kontextes

Das ist auch ein wichtiger Punkt zur Einordnung. Kimmich kommt beispielsweise auf 5,48 erfolgreiche Defensivaktionen pro 90 Minuten, Pavlović auf 6,05. Beide fallen damit in der Liste deutlich ab. Die Top-Spieler haben hier bis zu 8,22 (Johnny Cardoso). Cardoso spielt aber für Atlético Madrid und ist deutlich mehr mit Defensivarbeit beschäftigt als Kimmich und Pavlović. Dafür sind seine Qualitäten mit dem Ball weniger gefragt.

Interessanter sind da die Vergleiche mit Spielern in ähnlichen taktischen Systemen. Vitinha kommt beispielsweise auf 5,22 und Rodri auf 6,31. Auch wenn die Zweikampfquote eine zu Recht umstrittene Statistik ist, weil sie ausblendet, wo und wie viele Zweikämpfe geführt werden, ist zumindest interessant, dass Kimmichs 65,66 Prozent für einen 14. Platz reichen. Pavlović kommt hier nur auf 59,21 Prozent und führt pro 90 Minuten auch nur rund einen Zweikampf mehr als Kimmich (rund vier und rund drei).

Vitinha kommt da auf einen ähnlichen Wert und 61,47 Prozent Zweikampfquote. Pedri hebt sich defensiv mit fast fünf Zweikämpfen und einer starken Quote von 68,12 Prozent aus der Gruppe der bekannten Top-Spieler ab. Der Vergleich zu Rodri ist auch spannend. Mit 4,77 Zweikämpfen kommt er auf einige mehr als Kimmich, aber auf eine knapp schlechtere Erfolgsquote (64,41 Prozent). Beide haben hier ein ähnliches Niveau. Zumal das Spiel von Barça etwas wilder und zweikampfintensiver ist.

Die Gretchenfrage in der Beurteilung

Zahlen sind sicherlich nicht alles – und während sie für die eine Seite als unerlässliches Argument im Kampf für Spieler wie Kimmich sind, die regelmäßig harter Kritik ausgesetzt sind, sind sie gerade den Kritiker*innen oft ein Dorn in jenem Auge, dem sie mehr vertrauen als jedem Wert. Vielleicht liegt aber auch genau hier das große Problem: In der Polarisierung.

Kimmichs Rolle in einer Mannschaft ist ebenso komplex wie die von Pavlović und anderen Spielern bei ihren Teams. Die Vergleichbarkeit einer 100-köpfigen Liste ist nur mit Kontexten gegeben. Dass Spieler wie Vitinha, Pavlović und Kimmich jeweils über 85 Pässe pro 90 Minuten haben und damit in den Top-5 der europäischen Spitzenligen stehen, ist zu einem großen Teil der Spielweise geschuldet.

Declan Rice taucht in kaum einer relevanten Passstatistik auf. Dass er ein mindestens sehr guter Taktgeber ist, würde wohl niemand bestreiten. Aber Arsenal spielt einen anderen Fußball als PSG und die Bayern. Das berühmte Argument, der Mittelfeldspieler würde das Spiel zu wenig an sich reißen, wäre hier schnell belegbar. Aber wäre das fair?

Der FC Bayern hat ein Mittelfeld auf Top-Niveau

Gerade bei Kimmich wird oft auf die Aktionen geschaut, die ihm nicht gelingen. In jedem Spiel könnte man eine Compilation mit mindestens fünf Aktionen drehen, die ihn in ein schlechtes Licht rückt. Er ist nun mal der Part im Mittelfeld, der das Risiko so hoch drehen soll, wie es für ihn gerade noch komfortabel ist. Weil er das Vertrauen vom Trainerteam bekommt, genau das ausbalancieren zu können.

Im Zusammenspiel mit Pavlović funktioniert das hervorragend. Mit Goretzka als Partner oder zuletzt sogar mit Bischof gab es kleinere Ungereimtheiten. Aber die gab es andersherum auch, als Pavlović im DFB-Team bei der WM mit Felix Nmecha zusammenspielen musste. Statt sich an den Dingen festzubeißen, die während eines Spiels nicht so gut laufen, sollte man die Qualitäten in den Fokus rücken.

Kimmichs Zahlen im Offensivspiel sind absurd für einen Sechser oder gar Achter. In Europa gibt es höchstens zwei andere Sechser/Achter, die so zuverlässig in den wichtigsten offensiveren Passstatistiken auftauchen wie er: Pedri und Vitinha. Pavlović wiederum ist ein beeindruckend stabiler Fußballer. Wobei stabil hier nicht solide meint, sondern stabil auf allerhöchstem Niveau.

Die schiere Anzahl an Aktionen und die damit verbundene Präzision kann kaum jemand matchen. Vielleicht noch Rodri. Es ist schwer zu definieren, wer der beste Sechser Europas ist. Alle Top-Kandidaten haben ihre Stärken und kaum Schwächen. Die Zahlen geben hier schlicht nicht her, wer wem insgesamt überlegen ist. Aber sie geben her, dass sich all die genannten Spieler auf einem höheren Level bewegen als alle anderen.

Dass der FC Bayern hier zwei Spieler mit dabei hat, ist auch eine Erklärung dafür, warum sich einerseits das Spiel unter Kompany über die Jahre so stabilisiert hat und andererseits eine für den fortlaufenden Erfolg. Haben die Münchner also in Summe das beste Mittelfeld Europas? Eine faire Antwort wäre hier: Vielleicht.

Tom Bischof ist auch Teil der Liste und in einigen Werten relativ weit vorn mit dabei, hat im untersuchten Zeitraum aber zu oft als Linksverteidiger gespielt, als dass wir seine Zahlen als fairen Vergleichspunkt sehen würden. Dennoch lässt sich auch bei ihm ablesen, wie groß das Talent ist.

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