FC Bayern: Alibi-Diskussion um Joshua Kimmich
Ist es nicht irgendwie komisch, dass rund um die deutsche Nationalmannschaft in den letzten Tagen ein Spieler im Fokus war, der gar nicht dabei war?
Joshua Kimmich, vom Bundestrainer lediglich für die beiden Spiele gegen die Niederlande (1:1) und Griechenland (0:1) berufen, bestimmt auch Tage nach seinem 116. Einsatz im DFB-Jersey die Gazetten. Die Diskussion um Kimmich nimmt bisweilen komische Züge an.
Und die Meinungen, das ist ja das Schöne am Fußball, könnten nicht unterschiedlicher sein. Michael Ballack findet, dass Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp seinen Spielführer Joshua Kimmich „rausdelegiert“ hat, „um zu sehen, wie die Gruppe ohne ihn funktioniert“. Ballack sieht diese Entscheidung keinesfalls als Schwächung für Kimmich, so der 50-Jährige gegenüber RTL.
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Experten uneins über Kimmich: Abgesang des FC Bayern-Star oder nicht?
Oliver Kahn hingegen betont, dass die Aussage von Klopp, er wolle sein Team auch einmal ohne ihren Leitwolf (Kimmich) spielen sehen, „nicht besonders positiv“ für den 31-Jährigen sei. Die Aussage des Ex-Liverpoolers sei eine gewisse Art der Diskreditierung, so der ehemalige Bayern-Funktionär weiter. Unter einem neuen Trainer müssten sich alle Spieler neu beweisen. Da Kimmich mit der DFB-Elf keine Erfolge vorzuweisen hätte, wäre es eine schwierige Situation für den Münchner. Und Lothar Matthäus? Der Rekordnationalspieler sieht die Debatte um Kimmich entspannt.
„Jürgen Klopp hat es ja erklärt, warum er diese Maßnahme ergriffen hat und die Mannschaft zweimal ohne ihren Kapitän auskommen musste. Für mich ist Joshua Kimmich gesetzt. Ich beteilige mich überhaupt nicht an dieser Diskussion, ob wir ihn brauchen oder nicht. Joshua Kimmich war für mich der beste Feldspieler beim ersten Spiel in den Niederlanden. Er ist ein Anführer, er hat Erfahrung. Er trägt dazu bei, Mannschaften stärker zu machen“, so der Ex-Profi gegenüber RTL und Sky.
Wir könnten an dieser Stelle wahrscheinlich noch zig weitere Expertenmeinungen ausweisen, vermutlich finden sich in dieser bemerkenswerten Diskussion auch Stimmen, die Kimmich nie wieder im DFB-Dress sehen und solche, die ihn wieder als Rechtsverteidiger aufstellen würden. Auch abseits der bekannten Stimmen ist die Diskussion lebendig. Nicht wenige Fans fordern in den üblichen Kommentarspalten, dass es jetzt an der Zeit wäre, Kimmich auszusortieren.
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Ein Blick auf die Fakten: Joshua Kimmich mit guten Spielen für den DFB
Versuchen wir an dieser Stelle doch mal einen Blick auf die Fakten. Joshua Kimmich ist unangefochtener Stammspieler beim FC Bayern, einer der besten Mannschaften in Europa. Vermutlich auch weltweit. 501 Pflichtspiele im rot-weißen Trikot untermauern diese These genauso wie seine bisherigen 180 Scorerpunkte (47 Tore, 133 Vorlagen).
Mit 116 Länderspielen gehört Kimmich zu den erfahrensten Spielern im DFB-Kader. Der gebürtige Rottweiler hat mit dem FCB bisher 25 Titel gewinnen können und ist auch mit 31 Jahren Dreh- und Angelpunkt im Spiel des Rekordmeisters. Ist das gleichbedeutend mit einem Freifahrtschein in Schwarz-Rot-Gold?
Natürlich nicht. Auch hier muss Kimmich mit Leistung überzeugen. Und war die Leistung in den besagten ersten beiden Länderspielen denn so schlecht? Beim Remis gegen Oranje brachte Kimmich laut SofaScore 51 von 53 Pässen an den Mann (Passquote 96 Prozent), in der gegnerischen Hälfte spielte er keinen einzigen Fehlpass (27 Pässe), seine langen Bälle waren zu 80 Prozent erfolgreich (4 von 5 Bällen).
Kimmich kann auf zwei Balleroberungen, zwei klärende Aktionen und einen geblockten Torschuss zurückblicken, mit 11,6 Kilometer Laufdistanz war er auch rund vier Kilometer mehr unterwegs als sein Pendant Felix Nmecha, der allerdings nur 64 Minuten spielte und in dieser Zeit ähnlich gute Passwerte sammelte wie der Münchner.
Bei der 0:1-Niederlage gegen die Griechen war Kimmich sogar laufstärker (12,2 Kilometer) und auch defensiv aktiver und erfolgreicher (sieben Balleroberungen). Seine Passquote war mit 92 Prozent und 50 Prozent erfolgreicher langer Bälle (3 von 6 Pässen) nur marginal schlechter als gegen die Xavi-Elf.
Kurzum: Statisch gesehen hat Kimmich zwei ordentliche bis gute Länderspiele gemacht. Und dennoch wird der Münchner bedeutend kritischer gesehen als Nmecha, der sich in Augsburg vor dem 0:1 von Kourbelis wie ein Schuljunge ausspielen ließ. Dass Kimmich den Schuss des Griechen dann entscheidend abfälschte – geschenkt. Es ist ein bisschen auch die Geschichte Kimmichs im DFB-Team: Herausragende Werte, jeder Trainer vertraut ihm in Verein und Nationalteam uneingeschränkt, aber trotzdem werden Fans nicht warm mit ihm.
Nach Bischof-Gala für DFB: Kimmich zukünftig nur auf der Bank?
Bischof und Pavlović hingegen haben gegen – zugegebenermaßen biedere Serben – und auch teilweise in Griechenland einen begeisternden Auftritt hingelegt. So zumindest die öffentliche Wahrnehmung. Rein statistisch gesehen waren die Münchner in Sachen Passgenauigkeit und defensiven Aktionen auf Kimmich-Niveau.
Und genau hier liegt das Problem: Man kann im Fußball einzelne Spiele nicht 1:1 miteinander vergleichen, denn auch der Versuch von uns hinkt natürlich, wenn man Komponenten wie Mit- und Gegenspieler in die Betrachtung miteinbezieht. Während Bischof und Pavlović ein eingespieltes Duo sind, die es insbesondere gegen die Serben auch deutlich leichter hatten, bildete Kimmich mit Nmecha ein Duo, das noch nicht so oft zusammenspielte (13-mal) oder trainierte. Zumal sie beide Spielertypen sind, die Offensivdrang haben. Oder anders: Kimmich fehlte ein Pavlović.
Der Dortmunder ist eigentlich ein Achter. Ein klarer Sechser fehlt in dieser Konstellation. Pavlović ist ein disziplinierter Sechser, der seinen Teamkollegen den Rücken freihält. Bischof profitierte gegen Serbien davon und konnte seine offensiven Fähigkeiten ausspielen. Wenn Kimmich aber die tiefere Position spielen muss, dann fehlt ihm der Raum für offensivere Akzente. Ist es also nicht eine Personal- sondern eine Taktikdiskussion?
Jürgen Klopp hat diese Fragen wohl schon kommen sehen und der ehemalige BVB-Trainer versuchte sie in den Pressekonferenzen im Keim zu ersticken, als er immer wieder die Stärken seiner Mittelfeldspieler herausstellte. Und explizit Kimmich lobte.
Klopp sei froh, dass „Jo Kimmich deutscher Nationalspieler ist“. Vielleicht auch an den ein oder anderen Experten gerichtet gab Klopp nach dem Sieg gegen Serbien zu Protokoll: „Ich freue mich auf die Zukunft mit den Jungs, mit allen. Und ich hoffe, dass ich eine Auswahl habe“. Und die Kimmich-Debatte? Da gebe er auf, weil jedes Wort ohnehin nach individuellem Wunsch interpretiert werde. Die Journalisten sollen tun, was sie wollen, so der Tenor.
Diskussion beendet? Eher nicht. Sie dürfte erst begonnen haben. Absurd ist sie in Teilen aber allemal. Der Eindruck entsteht, dass der Wunsch nach Neuem die Faktenlage überstimmt.



