Lena Oberdorf jubelt mit ihren Teamkolleginnen vom FC Bayern
Bild: Maja Hitij/Getty Images for DFB

Lena Oberdorf: Kann sie Georgia Stanway beim FC Bayern beerben?

Justin 19.07.2026


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Als Lena Oberdorf im Sommer 2024 zum FC Bayern wechselte, war das ein Erdbeben, das die Bundesliga erschütterte. Die wohl talentierteste deutsche Mittelfeldspielerin ging den im Fußball wohl emotional schwierigsten Weg: Von einem Rivalen zum anderen.

Wenn man die Situation damals ehrlich beleuchtet, war schon dort absehbar, dass der VfL Wolfsburg auf dem absteigenden Ast ist, während sich in München etwas entwickelte. Die Hoffnung am Campus war riesig, dass mit Oberdorf eine Schaltzentrale entstehen kann, die selbst in ganz Europa für Aufmerksamkeit sorgt.

Die damals 22-Jährige sollte die perfekte Ergänzung für Georgia Stanway sein. Zwei Jahre später bleibt festzuhalten: Oberdorf absolvierte nur 314 Minuten für den FC Bayern – nur 238 Minuten davon zusammen mit der Engländerin.

Stanway ist jetzt weg. Und Oberdorf nach ihrem zweiten Kreuzbandriss zurück. Die Frage, wie stark sie zurückkommen kann und ob ihr Körper endlich stabil bleibt, kann niemand zum jetzigen Zeitpunkt beantworten. Aufgrund ihrer Abwesenheit scheinen aber viele vergessen zu haben, was für eine herausragende Spielerin sie in jungen Jahren bereits war.

Miasanrot erinnert daran – und analysiert, was sie dem Spiel des FCB geben kann.

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Zunächst mal ist da ihre offensichtliche Stärke, die einer der Hauptgründe dafür ist, dass sie europaweit hoch angesehen war: Defensiv ist sie eine absolute Wucht. Zwar ist die Stichprobe im Vergleich zu Stanway nur sehr klein, aber Oberdorf kommt pro 90 Minuten im Bayern-Trikot laut Wyscout auf drei erfolgreiche Defensivaktionen mehr, auf mehr als doppelt so viele gewonnene Kopballduelle (2:1) und auf fast einen abgefangenen Pass mehr.

Ihre Zweikampfquote von 77 Prozent ist für eine zentrale Mittelfeldspielerin herausragend. Stanway kommt auf 61 Prozent. So richtig beeindruckend wird es aber, wenn man nicht nur auf ihre bloße Menge an Zweikämpfen schaut, sondern auch darauf, wo auf dem Feld sie diese führt.

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Stichprobe ihrer Zweikämpfe in vier Bundesliga-Partien der Saison 2023/24. Via Wyscout.

Oberdorf ist eine einzigartig weiträumige Verteidigerin im Mittelfeld. Sie ist stark im Vorwärtsverteidigen, sie ist stark in der Restverteidigung und sie ist gut darin, immer genau in den Räumen aufzutauchen, in denen es gerade brennt. Dabei ist sie gar nicht schnell oder explosiv. Sie kann ein Spiel aber lesen und weiß oft, was in zwei, drei oder vier Pässen auf dem Feld passiert.

In Wolfsburg agierte sie deshalb jahrelang als Ankersechserin. Sie räumte vor der Abwehr ab und sie sicherte die Offensive ab. Der VfL konnte es sich mit ihr erlauben, mehr Spielerinnen in die letzte Linie zu schieben, weil Oberdorf sowieso in der Lage ist, den Raum alleine zu verteidigen, für den viele Teams eher zwei Spielerinnen benötigen.

Oberdorf in der Analyse: Technisch saubere Zweikämpfe

Aber Oberdorf hat nicht nur die fast schon visionäre Qualität, die richtigen Räume gegen den Ball zu besetzen. Sie hat auch eine hervorragende Zweikampftechnik. Sie weiß genau, wann es richtig ist, die Gegenspielerin aktiv unter Druck zu setzen, wann sie eher zurückweichen muss und wie sie sich dabei positionieren muss.

Wenn man aktuell bei der Weltmeisterschaft der Männer oder auch in der Frauen-Bundesliga sieht, wie oft es Verteidiger*innen passiert, dass sie die falsche Seite öffnen, dann ist es bemerkenswert, wie oft Oberdorf perfekt zur Gegenspielerin positioniert ist, um aus dieser Position heraus die größtmögliche Chance auf einen gewonnenen Zweikampf zu haben.

Ihre Physis und Athletik helfen ihr in der Defensive selbstverständlich, aber es wird oftmals unterschätzt, wie beweglich und agil sie eigentlich ist. Ein Beispiel aus dem Bundesliga-Spiel gegen den SC Freiburg aus der vergangenen Saison:

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Oberdorf nähert sich ihrer Gegenspielerin in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit von hinten an, damit die nicht aufdrehen kann. Im ersten Moment sieht es so aus, als würde sie nur das tun: Absichern und einen Angriff verhindern.

Als Oberdorf aber erkennt, dass die ballführende Spielerin so gar keine Optionen hat, nimmt sie nochmal mehr Kontakt auf, dreht ihren Oberkörper auf und spitzelt den eigentlich abgeschirmten Ball an das Bein der Freiburgerin. Von dort rollt er ins Aus. Eigentlich Einwurf Bayern, aber die Schiedsrichterin kann anscheinend selbst nicht glauben, dass Oberdorf so beweglich ist.

Es ist eine auf den ersten Blick unscheinbare Szene. Aber sie kombiniert eine hohe Spielintelligenz mit der Fähigkeit, hier kein naives Foul zu machen, sondern das Bein fair am gegnerischen Körper vorbei in Richtung Ball zu drehen. Ein für das Spiel nicht sehr bedeutungsvoller, aber technisch anspruchsvoller Zweikampf.

Offensive Rolle beim FC Bayern?

Als Oberdorf zum FC Bayern kam, gab es ein bisschen Unruhe rund um öffentliche Aussagen von Alexander Straus. „Wir haben verschiedene Herangehensweisen, Wolfsburg und Bayern“, erklärte er damals: „Lena hat offensiv mehr anzubieten, wenn sie in die richtige Position kommt. Sie hat Potenzial in ihrem Angriffsspiel.“

Das wurde vielerorts falsch interpretiert. Plötzlich wurde die Frage gestellt, ob Straus mit ihr als Zehnerin plane. Tatsächlich ging es dem Norweger aber vor allem darum, dass Oberdorf in Ballbesitz Potenzial hat. In einem Hintergrundgespräch mit Miasanrot sprach er davon, dass er in der deutschen Nationalspielerin mehr sehe als eine reine Abräumerin.

Sein Plan war es, ihr offensiv ein paar Freiheiten zu geben und sie aktiver in die Spielgestaltung einzubeziehen. Rein statistisch bestehen hier auch die größten Unterschiede zu Stanway. Die Engländerin hat ein großes Talent dafür, der Ballzirkulation ihres Teams einen Rhythmus zu geben. Mit kurzen Dribblings, klugen Freilaufbewegungen und einem vertikalen Aufbauspiel.

Pro 90 Minuten spielte Stanway bei den Bayern 18 Pässe, sieben Vorwärtspässe, drei lange Pässe und drei Pässe ins Angriffsdrittel mehr als Oberdorf. Außerdem kommt die Engländerin auf etwa 0,7 Deep Completions mehr – das sind erfolgreiche Zuspiele in die Gefahrenzone mit einem Radius von 20 Metern rund um das gegnerische Tor.

Lena Oberdorf: Großes Potenzial im Spielaufbau

Oberdorfs Spiel mit dem Ball war bisher nicht spektakulär. Aber sie hat dennoch schon andeuten können, dass sie hier großes Entwicklungspotenzial hat. Sie ist beim Aufdrehen und Kontrollieren von Bällen technisch nicht so stark wie Stanway, weiß ihren Körper und ihre Fähigkeit das Spiel zu lesen aber auch in solchen Situationen einzusetzen.

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Nur die wesentlichen Spielerinnen eingezeichnet.

In der 12. Minute gegen Köln sahen sich die Bayern mit einem hohen Pressing der Gäste konfrontiert. Oberdorf kommt der ballführenden Spielerin in hohem Tempo entgegen und wird angespielt. Noch während der Ball unterwegs ist, orientiert sie sich mit zwei Blicken über die linke Schulter. Der erste dient der generellen Vororientierung, beim zweiten schaut sie, wie nah ihre Gegenspielerin an ihr dran ist. Der zweite Blick ist unmittelbar vor der Ballannahme.

Oberdorf dreht ihren Körper leicht nach links auf, um zu signalisieren, dass sie in diese Richtung aufdreht oder spielt. Genau dort ist aber alles zugestellt. Direkt nach dieser Bewegung dreht sie dann mit dem rechten Außenrist in exakt die andere Richtung auf. Damit verschafft sie sich für einen Bruchteil einer Sekunde Luft. Eine weitere Kölnerin läuft sie dort an, was aber dazu führt, dass ihre Mitspielerin freier und anspielbereit wird.

Es gibt auch andere Szenen, in denen sie sich etwas leichter pressen lässt. Was aber auch daran liegt, dass sie in Wolfsburg nur selten in der Rolle der tiefen Spielgestalterin war. Gut vorstellbar, dass auch José Barcala in ihr dieses Potenzial sieht und sie einen Großteil der Stanway-Verantwortung mit übernehmen soll.

Schwieriger Blick in die Zukunft

Allerdings muss Oberdorf dafür erstmal wieder in die Form kommen, die sie vor ihren Verletzungen hatte. Es ist einerseits ein großes Risiko, das der FC Bayern eingeht, wenn er im Mittelfeld keine weitere Verstärkung sucht. Aber es ist zugleich eine Chance.

Ihre große Chance. Die Seuchenjahre hinter sich zu lassen und jetzt durchzustarten. Den Weg zu beschreiten, den sie nach ihrem Wechsel bestreiten wollte. Oberdorf war zu Großem bestimmt.

Ob sie das immer noch ist, wird diese Saison zeigen. Bei all den Debatten über ihre Verletzungen sollte aber zumindest nicht vergessen werden, welche Spielerin sie war – und welche sie für den FC Bayern noch werden kann.

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