Einwurf: Willkommen zurück, Boa!

Katrin Trenner 08.07.2020

Gefühlt habe ich mich schon hundertmal von Jérôme Boateng verabschiedet. Wie oft war er schon mit einem Fuß aus der Tür; wie herzzerreißend Uli Hoeneß‘ Aussage, dass Boateng sich besser einen anderen Verein suchen sollte; wie verloren, isoliert und leistungsschwach wirkte der Innenverteidiger häufig auf dem Platz.

Doch jetzt, zum Saisonende, hat sich Boateng – auch aufgrund der Verletzungen diverser Mitspieler – wieder einen Stammplatz erkämpft. Vor einigen Monaten sah es noch ganz danach aus, als würde seine Zeit beim FC Bayern sich tatsächlich dem Ende zuneigen. Ob Boateng am Ende der Saison wirklich den Verein verlässt, oder ob er seinen Vertrag, der noch bis 2021 läuft, doch noch erfüllt, steht momentan noch nicht fest. Eins ist jedoch sicher: Trainer Hansi Flick schätzt Boateng, ist (mit-) verantwortlich für die Renaissance des Innenverteidigers und hat wahrscheinlich auch indirekt dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Spieler und Verein wieder zu kitten.

Vor gut einem Jahr riet Uli Hoeneß „Fremdkörper“ Boateng, sich einen anderen Verein zu suchen. Die Art und Weise, wie dies geschah – live im Fernsehen, während der Meisterfeier am Münchner Marienplatz – war alles andere als galant und stilvoll. Aber selbst eingefleischte Boateng-Fans mussten sich eingestehen, dass da etwas zerbrochen war. Und zwar so unwiderruflich, dass kein Happy End mehr folgen konnte.

Auf dem Absprung

Auch Boatengs Verhältnis zu den Fans hatte gelitten. Er ging nach Spielen nicht mehr mit dem Rest der Mannschaft in die Fankurve, sondern verschwand gleich in der Kabine. Als es auf dem Platz nicht mehr gut für ihn lief, wurde Boateng oft belächelt, manchmal sogar verspottet, weil er sich für Mode interessiert, eine eigene Brillenkollektion entworfen und ein Lifestyle-Magazin namens BOA ins Leben gerufen hat. Der hat nur Klamotten und Bling-Bling im Kopf, kein Wunder, dass seine Leistungen so rapide bergab gehen. (Aber ernsthaft, wenn es ihm Spaß macht, ja, dann lasst ihn doch!)

Zu Beginn dieser Saison war Boateng schon so gut wie weg. Medienberichten zufolge gab es bereits eine Einigung für eine Boateng-Leihe zu Juventus Turin, und folgerichtig erschien Boateng auch nicht mehr zum Mannschaftsfoto-Termin. Doch in letzter Sekunde platzte der Deal, und Boateng konnte wieder nicht weiterziehen.

Er entschuldigte sich bei den Fans für sein Verhalten in der vergangenen Saison und erntete für seine Ehrlichkeit viel Anerkennung. Doch auch wenn die Fans schnell bereit waren, ihm zu verzeihen, hatte Boateng zu Beginn der Saison wenig Freude. Unter Niko Kovač spielte er zunächst keine Rolle. Erst als Niklas Süle und Lucas Hernández langfristig ausfielen, rückte Boateng zurück in die Startelf, war aber oft nur noch ein Schatten seiner selbst.

Er wirkte verunsichert, und es unterliefen ihm häufig Stellungsfehler. Oft wurde Boateng auch in Laufduelle gezwungen, in denen er sich aufgrund mangelnder Schnelligkeit nur noch mit einem Foul behelfen konnte: so auch seine Notbremse nach zehn Minuten gegen Eintracht Frankfurt im November. Boateng flog vom Platz, und am Ende hieß es 1:5. Es war das letzte Spiel unter Kovač.

Beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt im November 2019 sieht Boateng nach einem Foul an Stürmer Goncalo Paciencia die rote Karte.
(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Das große Comeback

Mit Hansi Flick übernahm ein Trainer die Mannschaft, der Boateng kennt, wertschätzt und an ihn glaubt. Einer, der mit den Spielern redet und immer ein offenes Ohr für sie hat. Schritt für Schritt und mit enormer Willenskraft kam Boateng wieder an frühere Leistungen heran – spätestens nach der Zwangspause in der Corona-Krise, aus der er erstarkt zurückkehrte, war die Renaissance des Jérôme Boateng vollendet. Mit David Alaba, seinem langjährigen Teamkollegen und neuem Partner an der Seite, versteht er sich hervorragend. Die Mannschaft sichert wieder besser nach hinten ab und erspart Boateng so oft die lästigen Sprintduelle.

Und was macht Boateng? Er verteidigt und grätscht wie zu seinen besten Zeiten. Er ist wieder vermehrt für den Spielaufbau zuständig. Er verzaubert uns mit feinen Pässen und langen Bällen. Er lacht und hat Spaß und feierte fröhlich die Meisterschaft und den Gewinn des DFB-Pokals.

Dass Boateng in dem Spiel gegen Bremen, das den Bayern den achten Meistertitel in Folge bescherte, die Vorlage zum entscheidenden Tor gab – das ist fast zu kitschig, um wahr zu sein. Dass er im Pokalfinale mit einer Monstergrätsche ein Gegentor verhinderte, vor den Augen des Bundestrainers, der ihn bereits im März 2019 als „zu alt“ befunden und bei der Nationalmannschaft nebst Thomas Müller und Mats Hummels aussortiert hatte – welch eine herrliche Genugtuung.

Boateng in Bayern Münchens “Rot gegen Rassimus – Black Lives Matter” T-shirt. Der Innenverteidiger hat immer offen über seine Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland gesprochen.
(Foto: KAI PFAFFENBACH/POOL/AFP via Getty Images)

Blick nach vorn

Ein Boateng in dieser Form ist unverzichtbar für die anstehenden Spiele in der Champions League. Was danach geschieht, darüber wird wohl im August verhandelt. Die Zukunft gehört natürlich den Jungen: Sowohl Süle als auch Hernández haben sich bereits zurückgemeldet, und sie werden früher oder später auch ihre Einsätze bekommen. Doch wäre es nicht wunderbar, bis dahin und darüber hinaus immer noch einen Boateng in der Hinterhand zu haben?

Es gibt auch noch andere Gründe, warum Boateng dieser Mannschaft gut tut – gerade in Zeiten von Black Lives Matter und immer wieder aufkommenden Diskussionen um Rassismus im Fußball und in der Gesellschaft. Boateng hat, natürlich auch aufgrund seiner eigenen Erfahrungen, in dieser Hinsicht nie ein Blatt vor den Mund genommen, sondern hat seine Meinung stets klar und öffentlich vertreten. Das war nicht immer selbstverständlich – man denke da nur an die unglücklichen Aussagen einiger seiner Mannschaftskollegen nach der WM 2018.

Dieses soziale Engagement gepaart mit seinen – inzwischen wieder hervorragenden, vielleicht sogar Weltklasse-Fähigkeiten auf dem Platz sind nur zwei der vielen Gründe, warum ich schon immer einen „soft spot“ für Boateng hatte. Sollte er sich dazu entschließen, den Verein zu wechseln, dann wäre das zwar immer noch traurig – es tut immer weh, wenn Lieblingsspieler den Verein verlassen. Aber es wäre trotzdem das Happy End, an das vor einem Jahr niemand mehr geglaubt hätte.
Boateng würde den FC Bayern nicht als ausrangierter Ersatzspieler verlassen, sondern als verdienter Innenverteidiger, mit zwei oder hoffentlich drei weiteren Titeln im Gepäck. Es wäre kein würdeloser Abgang mehr, sondern ein Abschied, wie er ihn nach neun Jahren beim FC Bayern verdient hätte: versöhnlich. Dennoch möchte ich eigentlich sagen: Komm, Boa, mach das Jahrzehnt voll!



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King Coman Hands of God
  1. Schöner Artikel. Ich war immer ein großer Boa Fan.

    Die letzte Saison hat mir einfach weh getan, aufgrund des öffentlichen/seinem Theater und aber auch die schwächeren Leistungen. Ich bin überrascht, dass er doch wieder so zurück kam.

    Bzgl. Verlängerung denke ich (mit Gehaltseinbusen), dass man mit Boa verlängern muss falls Alaba geht, man mit Alaba/Toungy im MF plant oder vielleicht auch 3erkette spielen möchte.

  2. MMn wird Boa seinen Vertrag erfüllen.
    2021 können beide Seiten dann immer noch die aktuelle Situation bewerten und ggf. um 1 Jahr verlängern. Wahrscheinlicher ist dann aber das er ablösefrei wechselt.

  3. Ich fände es auch schön, wenn er zumindest noch ein Jahr bleibt. Rein sportlich war er in der Rückrunde eine Bank, und wir sind in der Abwehr jetzt auch nicht allzu breit aufgestellt. Er wäre wohl kein Stammspieler mehr, aber das war bei Ribery und Robben in ihrem letzten Jahr auch so und stand einem gelungenen Abschied nicht im Wege. Zudem hatte ich nie den Eindruck, dass seine Projekte abseits des Platzes irgendeine Unruhe in die Mannschaft bringen. Dass Fussballer über 30 sich schonmal ein zweites Standbein aufbauen, ist völlig normal und nachvollziehbar. Es macht(e) ja auch niemand Müller seine Pferdezucht oder Lahm seine Business-Investitionen zum Vorwurf.

    Aber auch darüber hinaus glaube ich, dass er noch eine sehr wichtige Rolle bei der Staffelübergabe an die nächste Generation spielen kann. Seine Fähigkeiten in der Spieleröffnung sind echt selten, dazu die Erfahrung, schonmal in WM- und CL-Finals gespielt zu haben. Wäre doch schön, wenn er noch einiges davon als Mentor an Nianzou weitergeben kann. Ich hege auch immer noch die Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft Upamecano bei uns spielen wird. Wenn der sich zu seiner Physis und Technik noch das Boatengsche Spielverständnis aneignen könnte, hätte man den perfekten Innenverteidiger – wie es Boateng selber schon auf dem Gipfel seiner Karriere war.

  4. Sehr schöner Artikel. Ein absoluter Lieblingsspieler von mir und somit seine Formkurve unter Flick ein absolutes Saison Highlight für mich.
    Beide Seiten hatten sich letzten Sommer nicht mit Ruhm bekleckert, aber wir sind alle nur Menschen.

    Vor zehn Jahren hätte man noch gesagt, mit 32 ist er im besten Verteidiger alter. Er kann der Mannschaft auf und neben dem Platz noch viel geben, und ich würde mir wünschen dass er noch zwei Jahre bleibt und erst mit 34 in Fußball halb Rente in die MLS geht, oder wo immer es in hinziehen mag. Seine Erfahrung ist Gold wert für die Jungen in der Abwehr, und ich glaube er hat die Einstellung mit weniger Minuten klar zu kommen und mannschaftsdienlich zu sein.

    Es gibt wenig Schöneres als wenn ein Lieblingsspieler etwas unerwartet im Herbst deiner Karriere nochmal aufblüht. Freue mich sehr für ihn.

  5. Toller Artikel!! Danke! :)

    Freut mich auch für Boa, dass er nochmal die Kurve bekommen hat. Eine Baustelle weniger! Was mich direkt zu den nächsten führt:

    Laut Flick und KHR wollen und MÜSSEN wir uns für nächste Saison ja breiter aufstellen. Da wartet dann aber noch ne Menge Arbeit, wenn man bedenkt, dass wohl noch 5 bis 7 Spieler gehen werden:

    – Odriozola
    – Coutinho
    – Perisic
    – Martinez
    – Thiago

    – Tolisso
    – Alaba

    Stellt man den Abgängen unsere aktuellen Zugänge Sané (für Perisic) und Kouassi (für Javi) gegenüber müssen Hasan und Olli also noch 3 bis 5 weitere Spieler verpflichten, nur um die aktuelle Kadertiefe zu halten. Das wird eine Herkulesaufgabe. Und der eigentliche Umbruch nach der Robbery-Ära findet jetzt erst mit der Saison 20/21 statt, die mit großer Wahrscheinlichkeit sehr an die Substanz gehen wird:

    Sollten die Jungs das CL-Finale erreichen, spielen sie bis 23. August. Am 11. Sep. könnte dann schon wieder die Buli starten (für Bayern evtl. ein par Tage später). Dazwischen soll die Mannschaft noch einige Tage Urlaub bekommen und ein Vorbereitung durchgezogen werden. Zudem will der DFB NICHT davon absehen, Spieler des FCB für die Nationelelf-Partien zu nominieren!!Ich frage mich, wie das mental und kräftemäßig funktionieren soll??
    Daher hoffe ich, dass noch ein Umdenken stattfinden und die neue Saison erst Ende Sep. starten wird! Bei dem engen Terminkalender frage ich mich auch, ob Flick seinen Tempo- und Pressing-Fußball weiter so durchziehen kann.
    In den letzten Partien der abgelaufenen Saison war es schon sehr auffällig, dass man in der 2. Hz. regelmäßig Problemen bekam und der sich Gegner wesentlich mehr Großchancen erspielen konnte als vor dem Halbzeitpfiff. Hoffentlich haben Flick und Gerland noch einen Plan B in der Schublade!!

    Antwortsymbol2 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. Ein vernünftiger Ansatz wäre in der kommenden Saison verstärkt die Jugendspieler einzusetzen und zwar nicht nur die letzten 5 min, sondern auch mal von Beginn an oder 45 min. Ich hoffe ja, dass auch weiterhin 5 Wechsel pro Mannschaft je Spiel erlaubt sind.
      Ich denke das Potenzial ist bei unseren 3.-Liga-Meistern auf jeden Fall da. Offensiv OBM, Zirkzee, Arp, Singh, Dajaku; im Mittelfeld der zurückkehrende Fein, Cuisance und vllt. Stiller; Defensiv Tonguy, Mai, Richards -> alles Kandidaten die für mich mit Spielanteilen den nächsten Schritt machen können und für 30 min v.a. gegen die Gegner aus der unteren Tabellenhälfte auch mal den etablierten Spielern eine Pause zu geben.
      Der Lohn könnte natürlich in gut eingebunden, jungen Spielern, die motiviert sind, sich beweisen wollen und natürlich viel günstiger sind als alle möglichen Neuverpflichtungen.
      Natürlich ist das riskant, aber wenn einer nach 3-5 Versuchen wirklich als eine eklatante Schwachstelle im Bayernsystem vom Gegner ausgemacht wird, dann ist das halt so, aber ich denke Bayern wird nicht der einzige Verein sein, der Probleme bekommen wird in der nächsten Saison und wir werden vermehrt diese “kleinen, internen Lösungen” in der Bundesliga sehen.

      1. Die Frage ist nur, wer die kommende Saison von den genannten Drittligameistern wirklich noch zur Verfügung stehen. Ich denke da werden einige Anfragen kommen. OBM ist gerüchterweise z.B. auf dem Abflug nach H’heim…

  6. “Das war nicht immer selbstverständlich – man denke da nur an die unglücklichen Aussagen einiger seiner Mannschaftskollegen nach der WM 2014.”
    Ist da nicht die WM 2018 gemeint? Oder was war 2014?

    Ansonsten schöne und verdiente Hommage.
    Ich sehe mittlerweile auch gar kein vernünftiges Szenario mehr, in dem wir ihn nach Saisonende gehen lassen sollten. Pavard hat sich als RV festgespielt, Martinez wird tendenziell gehen. D.h. wir hätten außer Boateng für die Position des RIV nur noch Süle (hinter dem erstmal größere Fragezeichen stehen) und den blutjungen Kouassi. Fände ich sehr optimistisch, so in die Saison zu gehen.

    Antwortsymbol5 AntwortenKommentarantworten schließen
    1. Vielen Dank für den Hinweis – ja, ich meinte die WM 2018. Wir haben es geändert.

    2. “—man denke da nur an die unglücklichen Aussagen einiger seiner Mannschaftskollegen nach der WM 2018.”

      Klärt mich auf, was waren das für Aussagen?

      1. Ich nehme an es geht dabei um die “Causa Özil” vor/während/nach der WM 2018.

      2. War auch mein erster Gedanke, ich kann da aber keinen Zusammenhang erkennen.

      3. Während Boateng sich doch recht deutlich gegen Rassismus positioniert(e), schwiegen viele der Mannschaftskollegen damals oder äußerten sich mindestens sehr ungünstig zum Thema. Ich kann die Vorwürfe schon sehr gut nachvollziehen.

  7. Hach Boateng… einer der elegantesten Abwehrspieler aller Zeiten. Ich denke in 10 Jahren wird man verwundert darüber sein, wie sehr man sich in München doch an ihn erinnert – einfach weil er Phasenweise zu brilliant war. Wer ihn im Stadion gegen Dortmund und ManCity erlebt hat… Das war Kunst. Nicht einmal gesprintet oder gegrätscht, er stand einfach immer mitten drin und hat emotionslos den Ball abgefangen.
    Mir haben sein rasanter Abfall und die schlechten Leistungen seit 2018 weh getan und ich bin schon mal heilfroh, dass ein beschissener Abgang abgewendet ist

    Antwortsymbol1 AntwortKommentarantworten schließen

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