Was ist grün und stoppt die Bayern?

Maurice Trenner 21.11.2020

FC Bayern gegen Werder Bremen. Während der Nord-Süd-Gipfel früher mal für Furore sorgte, ist die Begegnung in den letzten Jahren deutlich einseitiger geworden. Seit zehn Jahren konnten die Hansestädter keinen Punkt mehr gegen den Rekordmeister erringen. Den letzten Sieg fuhr der SVW in Bayern sogar 2008 ein. Damals führten Özil, Diego und Pizarro die Grün-Weißen zum 5:2-Sieg ausgerechnet am Wiesnauftakt.

Falls ihr es verpasst habt

Die Aufstellungen

Auf diese illustre Auswahl kann Florian Kohlfeld im Jahr 2020 nicht zurückgreifen. Doch zumindest bei der Formation vertraute er mit der Mittelfeldraute auf die alte Schaaf’sche Schule. Mit Marco Friedl stand sogar ein Ex-Münchner-Talent in der Startelf. Im Sturm spielte mit Rashica einer der Gewinner der Vorsaison.

Bei den Hausherren musste Trainer Hansi Flick kurzfristig auf Süle und Tolisso sowie erstmals auch auf den verletzten Kimmich verzichten. Vor der Stammhintermannschaft entschied sich Flick für Javi Martínez und gegen Marc Roca oder den zur Mannschaft gestoßenen Nianzou, die laut Flick zuletzt im Training auffielen. Davor feierte Jamal Musiala sein Startelf-Debut in einer offensiven Viererreihe neben Müller, Costa und Coman. Flick trat also in Anlehnung an das Line-up of Death von Guardiola ohne richtiges Mittelfeld auf.

Die erste Halbzeit

Zu Beginn zeigten sich die Gäste aus dem Norden abwartend. Besonders Costa konnte in der Anfangsphase mit einigen Flanken für Gefahr sorgen. Es entstand jedoch keine zwingende Torchance. Diese hatte danach Bremen, wobei Sargent und Augustinsson am überragend reagierenden Neuer scheiterten.

Kurz danach musste Lucas vom Platz, der sich zuvor bei einem Zweikampf mit Gebre Selassie verletzt hatte. Für ihn kam Goretzka, Martínez rückte in die Abwehr und Alaba nach hinten links. 

In der Folge kamen die Bremer weiterhin gefährlich vors Tor, doch Bittencourt vergab aus bester Position ans Außennetz. Die Münchner waren nun bemüht wieder mehr Kontrolle ins Spiel zu bekommen. Eine weitere scharfe Hereingabe von Costa konnte Pavlenka nur prallen lassen, doch Musiala vergab. Da spielerisch oft die Ideen gegen die nun kompakten Bremer fehlten, mussten sich die Bayern mit Fernschüssen begnügen. Doch sowohl Coman als auch Musiala verzogen.

Bremen war in dieser Phase merklich passiver und warteten scheinbar nur auf den Pausenpfiff, doch konträr zum Spielverlauf der letzten zehn Minuten gingen die Gäste dann in Führung. Nach einem Einwurf ließen sich die Münchner wie eine Schülermannschaft ausspielen. Sargent konnte in den Rückraum legen, wo Eggestein alleine stehend zum 1:0 traf (45.). 

Die zweite Halbzeit

Ohne weitere Wechsel ging es in die zweite Hälfte. Die erste Chance der Halbzeit hatten direkt die Hanseaten. Boateng hob das Abseits auf, sodass Rashica kontern konnte. Schlussendlich klärte der Abwehrboss in höchster Not. Auf der Gegenseite traf Costa per Fernschuss die Latte. Großen Chancen aus dem Spiel waren jedoch weiter Mangelware.

Als Flick schon Gnabry, Sané und Choupo-Moting zur Einwechslung antreten ließ, köpfte Coman am langen Pfosten eine lange Flanke von Goretzka ein (62.). Der wichtige Ausgleich nach einer Stunde. Kurz danach erfolgte dann der Dreierwechsel, wobei Torschütze Coman, Costa und Musiala den Platz verließen. 

Die Hausherren sortierten sich nun im 4-4-2, wobei Müller und Choupo-Moting ihre Rollen frei interpretieren durften. Doch wer jetzt auf eine Schlussoffensive der Münchner wartete, wurde enttäuscht. In der 82. Minute hatte gar Sargent die Chance zur erneuten Bremer Führung, doch Goretzka konnte in letzter Sekunde per Grätsche retten. Nur wenige Sekunden später vergab Choupo-Moting die große Chance zum Siegtreffer nach einer Hereingabe von Sané. 

Am Ende blieb es beim leistungsgerechten 1:1. Für die Bremer kurioserweise die fünfte Punkteteilung mit diesem Endergebnis in Folge. Die Münchner hingegen stolpern nach neun siegreichen Spielen in Folge erstmals, wodurch Leipzig im Abendspiel durch einen Sieg mit zwei Toren die Tabellenführung übernehmen könnte.

Dinge, die auffielen

1. Zur Kreativität gezwungen

Im ersten Spiel nach der Kimmich-Verletzung überraschte Flick mit einem 4-1-4-1-System. Die vor allem von Guardiola bevorzugt gegen schwache Gegner in der Bundesliga eingesetzte Formation feierte somit ein kleines Comeback. Die Bayern unter Flick waren eigentlich ausschließlich mit einer Doppelsechs aufgelaufen. Noch überraschender war, dass Martínez als einziger Sechser vor der Abwehrkette agierte. Eine Position, die bei dem Spanier wenige Stärken und viele Schwächen zu Tage bringt. Selbst zu seinen besten Tagen war Martínez in dieser Rolle am persönlichen Maximum und von diesen Tagen ist er mittlerweile doch weit entfernt.

Besonders problematisch war der Spielaufbau, in dem der Baske in dieser Position speziell gefragt wäre. Es hat seinen Grund, warum diese Rolle bei Guardiola beispielsweise von Thiago besetzt wurde. Weshalb Flick dem jungen Roca keine Chance gibt, wird von Spiel zu Spiel schwerer zu erklären.

So zeigte sich die Münchner Mannschaft wieder einmal in eine Offensive und Defensive getrennt. Doch auch die vermeintlich durchschlagskräftige offensive Viererreihe plus Lewandowski kamen in der ersten Hälfte nicht zur Entfaltung. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison schlichen sich viele Ungenauigkeiten und Ballverluste ins Bayern-Spiel ein. Der junge Musiala war gegen die physischen Bremer in der Zentrale teils überfordert, während Costa zwar ein Aktivposten war, doch genauso oft das Spiel verschleppte. An Müller, Lewandowski und Coman lief das Spiel weitestgehend vorbei.

2. Favorit auf dem Zahnfleisch

Nachdem sich die Bayern schon etwas in die Länderspielpause geschleppt hatten, zeigten sie sich im ersten Spiel danach nicht gerade wie ausgewechselt. Gebeutelt durch mehrere angeschlagene Spieler und ohne Regisseur Kimmich wirkte die Mannschaft teils kopflos. Einige Spieler, besonders Pavard, wirken bereits seit längerem überspielt und ausgelaugt. Dazu ist Lucas nach heute der nächste Spieler, der sich zum Lazarett gesellt. Sicher auch eine Folge der vielen Spiele, durch die jeder Akteur am Maximum agiert.

In der Defensive macht sich dies durch eine gesteigerte Anfälligkeit bemerkbar. Keines der letzten fünf Spiele konnte man ohne Gegentor absolvieren. In der gesamten Bundesliga-Saison hielt Neuer seinen Kasten erst zweimal sauber. In der Offensive fehlt es an Genauigkeit und Automatismen. Dazu kommt eine Ideenlosigkeit im Spiel gegen gestaffelte Hintermannschaften, die immer wieder zu weitestgehend ungefährlichen Flanken führt. Das dominante, erdrückende Offensivspiel der Roten von Beginn der Saison ist in weite Ferne gerückt. Eine weitere Pause ist im eng getakteten Spielplan jedoch nicht vorgesehen. Bis Weihnachten stehen noch acht Spiele an.

3. Musiala alleine im Zentrum

Nach seinem Debüt für die englische U21-Nationalmannschaft, durfte Musiala nun auch sein Startelf-Debüt in der Bundesliga feiern. Im Spiel gegen die Bremer schlug sich der 17-Jährige beachtlich. Natürlich konnte er das Spiel der Münchner an diesem Tag nicht lenken, aber von welchem Spieler, besonders in dem Alter, kann man das in solch einem Spiel erwarten? 

Musiala zeigte seine bekannten Ansätze mit einer extrem guten Ballführung in engen Räumen. Das ein oder andere Mal musste er dabei jedoch auch erkennen, dass dies in der Bundesliga nicht so einfach klappt wie im Jugendbereich. Zudem fehlt ihm schlichtweg die Physis, was im Zentrum noch stärker auffällt als auf dem Flügel. Jedoch ließen ihn die Mitspieler auch oft hängen, wodurch der Youngster oft alleine den Spielaufbau regeln musste. Dies meisterte er so gut wie möglich. Besonders beeindruckend, dass er sich auch nach gescheiterten Aktionen nicht verunsichern ließ, sondern weiter mutig in die Zweikämpfe ging.

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