Adventskalender: Unsere Wunschtransfers – Türchen 11

Daniel Trenner 11.12.2020

“Wunschtransfers”, eine seltsame Denksportaufgabe. Klar, wenn man einfach freies Geleit in alternativer Fußballgeschichte hätte, sind die Transfers einfach festzumachen, speziell in den düsteren 00er Jahren. Wer hat denn nicht in den gängigen Fußballsimulationen eine All-Star Mannschaft bei seinem Lieblingsverein versammelt und war dann “auf Jahre hin unschlagbar?”

Spannender werden da Transfers, die knapp scheiterten wie unser neuntes Türchen, doch am wildesten wird es, wenn man im Zuge der Recherche für so eine What-if?-Reihe auf konkrete Gerüchte um Weltklassespieler trifft, die durchaus zur Kategorie All-Star gezählt werden dürfen, tatsächlich aber mal kurz vor der Unterschrift bei den Bayern waren.

Die Situation beim Spieler

Anderson Luís de Souza alias Deco erlebte 2004 das wahrscheinlich aufregendste Jahr seiner Karriere. Holte er mit dem FC Porto im Jahr zuvor noch das kleine Triple aus Meisterschaft, heimischen Pokal und UEFA-Cup (der damals noch mehr Wert hatte als heute), schafften sie 2004 die absolute Sensation. Unter Trainer José Mourinho kegelte man erst im Achtelfinale das große Manchester United aus der Champions League, um sich am Ende in Gelsenkirchen im berüchtigten Finale der Kleinen gegen den AS Monaco höchstselbst die Krone der besten Vereinsmannschaft Europas aufzusetzen.

Die portugiesischen Festwochen sollten noch weitergehen, wenige Tage später eröffnete Portugal in Porto die EM 2004 und beendete sie einen Monat wieder. Beide Male mit einer Niederlage gegen Otto Rehhagels sensationelle Griechen, aber naja, es kann schließlich auch nicht alles klappen. Der frisch eingebürgerte brasilanischstämmige Deco spielte sich nach der Auftaktniederlage in die Mannschaft und verdrängte den langjährigen Weltklasse-Regisseur des AC Mailands, Rui Costa, für den Rest des Turniers auf die Bank.

2004 war nichts weniger als Decos Durchbruch in die Weltklasse, im Sommer sollten noch hohe individuelle Ehrungen dazukommen, die zum besten Mittelfeldspieler und des besten Vereinsfußballers Europas und am Ende des Jahres bekam er beim Ballon d’Or sogar sechs Stimmen mehr als Ronaldinho und wurde Zweiter.

Der Aufstand der Kleinen” – Deco bejubelt sein entscheidendes Tor im Champions-League-Finale.
(Foto: Andreas Rentz/Bongarts/Getty Images)

Die Situation bei Bayern im Sommer 2004

Und tatsächlich war dieser Spieler bereits mit einem Bein bei Bayern. Zu Zeiten in denen Bastian Schweinsteiger noch als flinker Flügelflitzer galt, nach einer Saison in der Bayern gar nichts gewann und Werder Bremen das Double überlassen musste.

Der damalige Präsident des FC Bayern, Franz Beckenbauer, verriet als TV-Experte im Rahmen des Champions-League-Finals, dass man in Verhandlungen sei und gab überhaupt eine sagenhaft befangene Performance. So bescheinigte er dem Regisseur, man hätte ihn über weite Strecken der Partie ja gar nicht gesehen und dass er sich eine Bewertung dann doch lieber spare.

Der angeblich so unsichtbare Deco hatte da noch Minuten zuvor beim 3:0-Sieg seiner Mannschaft das erste Tor vorbereitet, das zweite höchstselbst gemacht, um dann fünf Minuten vor Schluss mit tosenden Applaus von über 20.000 mitgereisten Anhängern ausgewechselt zu werden, ehe er sich im Anschluss auch noch die Auszeichnung des besten Spieler des Finals krallte. Ganz offensichtlich hatte der Kaiser einen ganz fest sitzenden Maulkorb hoeneßscher Bauart verpasst bekommen.

Doch diese Anekdote mal außen vor gelassen, war Bayern denn wirklich kurz vor Vollzug? Ja! Gab niemand geringeres als der Spieler selbst Jahre später im Buch “Die Paten der Liga” zu:

“Ich wollte Porto verlassen und hatte zwei Offerten, von Bayern und vom FC Chelsea. Ich war mir sicher, dass ich nicht nach Chelsea wollte. Mein Trainer in Porto, José Mourinho, wechselte nach Chelsea und wollte mich mitnehmen. Ich habe gerne unter ihm gearbeitet, aber es war Zeit, unabhängig zu werden. Deshalb sollte es Bayern sein. Mein Agent sagte mir, was sie mir geben wollten. Alles klang gut. Ich sah mich damals schon als Bayern-Spieler.”Deco

Der Deal fiel am Ende ins Wasser, weil der Berater des Spielers Jorge Mendes dann doch lieber mit Barcelona den Deal machen wollte und dem damaligen Präsidenten des Vereins so lange mit eingespielten Fangesängen von Porto-Anhängern (“Oh Deco – du bist der beste Spieler der Welt”) beackerte, bis Barça für 21 Millionen Euro zubiss. Manchmal ist die Fußballwelt dann eben doch kindischer als man es eigentlich von diesem millionenschweren Business erwarten würde.

Alternative Historie: Was wäre wenn?

Es ist tatsächlich interessant zu überlegen, ob eine Verpflichtung eines weiteren Zehners wie Deco nicht eine Kettenreaktion mit sich gebracht hätte. Damalige Medienberichte spekulierten, ob nicht Michael Ballack im Gegenzug den Verein hätte verlassen können (ironischerweise genau zum FC Barcelona) und auch Franz Beckenbauer fand die Kombination aus Deco und Ballack nicht ideal, wobei das auch vielleicht wieder Verhandlungstaktik war.

Ich jedoch glaube nicht an einen vorzeitigen Verkauf Michael Ballacks. Der FC Bayern sah sich damals immer noch als Nabel der Fußballwelt, auch wenn man es eigentlich gar nicht (mehr) war. Eben deshalb war man später so erbost über Ballacks vollkommen logischen Entschluss, noch einmal eine Kategorie nach oben wechseln zu wollen. Es erscheint mir da doch reichlich unwahrscheinlich, dass man den besten deutschen Feldspieler ganze zwei Jahre vor Vertragsschluss abgeben würde.

Nein, wahrscheinlicher ist, dass beide zusammen gespielt hätten. Hätte Ballack dann aber doch zwei Saisons später den Verein verlassen, hätte Deco das Kreativloch besser aufgefangen, als es schlussendlich (nicht) passiert ist.

Im Gegensatz zum Kaiser glaube ich auch nicht, dass die Kombination aus Deco und Michael Ballack großartig problematisch gewesen wäre. Grundsätzlich spielte Bayern damals in einem klassischen 4-4-2 der 00er Jahre, also entweder flach oder in der Variante mit Raute. Nur heißt das nicht, dass die Außenpositionen auch unbedingt von Außenspielern bekleidet wurden.

Während der neue Trainer Felix Magath im Zentrum meist auf Martín Demichelis und den Capitano vertraute, wurde es auf den Außen mitunter recht wild. Statt Deco verpflichteten die Bayern kurz darauf Torsten Frings vom BVB, Frings gilt nicht zu Unrecht als einer der vielen bayerischen Transferflops, doch das ändert nichts daran, dass er trotzdem ziemlich viel spielte. 29 Spiele absolvierte Frings alleine in der Liga, viele davon nominell auf den Außen-, bzw. Halbpositionen. Eine ähnliche Ausbeute galt auch für andere nicht-wirklich-Außenspieler wie Sebastian Deisler oder Owen Hargreaves.

Schlichtweg besser als der Rest

Was Deco all diesen Spielern voraus hatte? Er war schlichtweg weit besser als sie alle (gut, bei Deisler mag man diskutieren, aber der hatte bekanntlich ganz andere Probleme). Deco war ein exzellenter Techniker, verfügte über ein vorzügliches Passspiel und strahlte im letzten Drittel immer Torgefahr aus. Im Vorfeld seines Debüts beim FC Barcelona spekulierten einige noch, er und Freigeist Ronaldinho wären zu viel, doch der Portugiese überraschte auch als Achter mit seriöser Arbeit gegen den Ball, etwas ähnliches hätte er bei Bayern sicher auch geschafft.

Abzüglich des gigantischen Peaks von Pirlo und den spanischen Mittelfeldspielern gegen Ende des Jahrzehnts, hätten die Bayern um ein Haar mit Deco einen der besten klassisch kreativen Mittelfeldspieler der Dekade in seiner Blütezeit verpflichtet. Felix Magath ist ja viel zuzutrauen, aber vielleicht wäre es international nicht ganz so trist geworden mit der gewissen brasilianisch-portugiesischen Note.

Hinweis: Hinter Türchen 12 hätte der FC Bayern beinahe den womöglich besten Spieler der Geschichte seines Kontinents verpflichtet.

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