„Mia san Merch“: Trikot-Wahn beim FC Bayern
Acht verschiedene Trikots gibt es 2026/27 in einer einzigen Saison. Man könnte meinen, dass das was als sportliches Arbeitsgewand begann, zu einer rotierenden Mode-, Sponsoren- und Sammlerkollektion verkommen ist. Ja, das Trikot des FC Bayern wird immer mehr von einer Identitätsfläche schrittweise in ein reines Marketingprodukt verwandelt.
Um das Ausmaß dieser Produktoffensive zu begreifen, lohnt ein detaillierter Blick auf das aktuelle beziehungsweise bald aktuelle Sortiment. Das Aufgebot wird sich aus sechs Match- bzw. Sondertrikots sowie zwei Retro-Remakes zusammensetzen.
Und natürlich findet man als FC Bayern für alles seine Gründe. Letztlich geht es aber vermutlich doch nur um den Versuch, noch mehr Zielgruppen mit noch mehr Produkten zu erreichen.
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Der FC Bayern will möglichst viele Zielgruppen erreichen
Dass diese Flut an Textilien entsteht, hat mit sportlicher Notwendigkeit natürlich gar nichts zu tun. Es ist das Resultat mehrerer kommerzieller Logiken, die gleichzeitig bedient werden. Ausrüster Adidas und der FC Bayern wollen neue globale Zielgruppen erschließen: von der traditionellen Kurve über Streetwear-Käufer bis hin zu internationalen Modekunden.
Und auch Sponsoren werden dann zu Trikotdesignern, wie die Telekom zeigt, aus deren 25-jährigem Jubiläum direkt drei verkaufbare Shirts generiert werden. Luxusmarken wie MCM nutzen zusätzlich den aufstrebenden Frauenfußball als Stil-Plattform. Und der Boom um Retro-Designs wird so hart gemolken, dass aus einer einzigen Vorlage von 2002/03 zwei separate Verkaufsprodukte entstehen – in Verknüpfung zur Telekom-Story.
Die Finanzrechnung: Was der Trikot-Wahn wirklich kostet
Besonders drastisch wird die Entwicklung, wenn man die Preisgestaltung zusammenrechnet. Bei einem Standard-Verkaufspreis von 99,95 Euro pro regulärem Trikot in der Basis-Version (Replica) summiert sich der Kauf der gesamten Acht-Trikot-Kollektion auf beachtliche 799,60 Euro – Beflockung, Bundesligapatches oder Champions-League-Logos noch gar nicht mitgerechnet.
Wer als Sammler oder Edelfan den Anspruch erhebt, die identischen Spieler-Varianten (Authentic-Version) für 149,95 Euro pro Stück im Schrank hängen zu haben, blickt sogar auf eine Gesamtsumme von fast 1.200 Euro. Was früher ein erschwingliches Fan-Souvenir war, ist damit endgültig in den Bereich eines kostspieligen Luxushobbys gerückt. Selbst dann, wenn man die Shirts irgendwo etwas günstiger schießen kann.
Man kann sogar davon ausgehen, dass die Preise insgesamt noch höher sind, da für Spezial-Editionen – wie die von MCM – die Preise noch gar nicht feststehen und weniger als ein normales Trikot wird das Trikot garantiert nicht kosten.
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Aufschrei beim FC Bayern: Die Südkurve kämpft um ihre Farben
Dass die aktiven Fans diese Entwicklung nicht tatenlos hinnehmen, zeigte sich jüngst in der Allianz Arena. Vor dem Bundesliga-Spiel gegen Union Berlin bezog die Südkurve klar Stellung. Ein riesiges Banner zeigte ein traditionelles rotes Trikot mit der unmissverständlichen Botschaft: „Die Clubfarben sind unantastbar!“ Während der 90 Minuten forderten die Anhänger in Sprechchören lautstark die Rückkehr zu rot-weißen Textilien.
Der Frust entzündete sich am Wiesn-Trikot. Es geht der aktiven Fanszene längst nicht mehr nur um die ästhetische Bewertung eines einzelnen Shirts. Es geht um das Prinzip. Weil das Wiesn-Trikot inzwischen kein Ausnahmefall mehr ist, sondern ein verlässlich wiederkehrendes Sondermodell, steht es als Symbol für eine Entfremdung: Die Tradition und die visuelle Seele des Vereins treten schrittweise hinter Kampagnen, Kollaborationen und Verkaufszyklen zurück.
Wie tief der Graben zwischen Vereinsführung und Fanszene stellenweise ist, verdeutlicht die Reaktion von Sportvorstand Max Eberl. Dieser kommentierte das florale Oktoberfest-Design mit den Worten, es sei „so skurril, dass ich es schon wieder cool finde“.
Was im Management und beim Ausrüster als mutiges Aufmerksamkeits-Marketing gefeiert wird, wirkt auf der Tribüne wie Hohn. Für viele Fans zählt die Wiedererkennbarkeit ihres Klubs – nicht der nächste PR-Gag.
Ein bisschen mehr Rot-Weiß, ein bisschen weniger Kleiderschrank
Am Ende muss man es wohl auch mit einem Schmunzeln nehmen: Schlimm ist es natürlich nicht, wenn im Kleiderschrank Vielfalt herrscht, und das eine oder andere Retro-Shirt löst auch bei Romantikern wohlige Nostalgie aus. Jeder kann ja selbst entscheiden, ob er die Klamotten kauft oder nicht und wenn einem früher ein Trikot nicht gefiel, betrug die Wartezeit auf eine neue Chance oft zwei bis drei Jahre – das ist heute sicher angenehmer.
Die Wahrscheinlichkeit ist gestiegen, dass für jeden etwas im Lineup dabei ist. Doch wenn der Zeugwart vor jedem Anpfiff erst einmal das Handbuch aufschlagen muss, um zu prüfen, welches Motto-Shirt heute auf dem Programm steht, wurde wohl etwas übers Ziel hinaus geschossen.
Rein rechnerisch könnten die Bayern-Profis fast an jedem vierten Spieltag ein neues Gewand überziehen. Wenn der eigene Klub bei jedem Auftritt anders aussieht, geht die schönste Tradition im Fußballsport ein Stück weit verloren: dass man seine Mannschaft schon aus einem Kilometer Entfernung an den Farben erkennt.
Ein paar Trikots weniger im Sortiment schaden weder dem Stil noch dem Erfolg, und auch das Portemonnaie der Fans würde etwas durchatmen.



