DFB-Team: Leroy Sané und Joshua Kimmich vom FC Bayern im Deutschland-Trikot.
Bild: Alexander Hassenstein/Getty Images

Szenenanalysen – DFB-Team: Was Julian Nagelsmann vom FC Bayern lernen kann

Justin 01.07.2026


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Was gerade medial auf Julian Nagelsmann einprasselt, ist enorm. Mit dem DFB-Team ist er bereits im Sechzehntelfinale der WM 2026 an Paraguay gescheitert. Nun muss sich der 38-Jährige Vorwürfe aller Art gefallen lassen: Nicht menschlich genug, nicht bodenständig genug, nicht gut genug, nicht schlau genug, nicht clever genug in seiner Kommunikation und und und.

Jeder Experte und jeder Fan hat es besser gewusst. Alle hätten sie vieles anders gemacht. Das ist es, worauf man sich einlässt, wenn man der echte Bundestrainer der insgesamt über 80 Millionen in Deutschland wird.

Trotzdem ist es enorm, was er aktuell ausgesetzt ist und in welcher Art und Weise gerade mit ihm umgegangen wird. Dass er nicht alles richtig gemacht haben kann, wenn Deutschland so früh an einem der schwächsten Gegner der K.-o.-Phase scheitert, liegt auf der Hand.

In ein paar Szenenanalysen setzen wir uns heute damit auseinander, was taktisch hätte anders oder womöglich besser laufen können – versuchen gleichzeitig aber auch zu erklären, was die Beweggründe des Trainers gewesen sein könnten, anders zu handeln. Außerdem schauen wir darauf, wie der FC Bayern gegen ähnliche Gegner agiert.

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Julian Nagelsmann: So breit wie nötig, nicht so breit wie möglich

Tobias Escher enthüllte einst einige von Nagelsmanns über 30 Prinzipien, die in seiner Philosophie fest verankert sind: So breit wie nötig, nicht so breit wie möglich. Der Grundgedanke: Wenn sein Team in Ballbesitz engmaschig positioniert ist, vereinfacht das die Ballzirkulation, ermöglicht Kontakte in den gefährlichen Zonen (Halbräume und Zehnerraum) und es kommt dem Gegenpressing bei Ballverlusten entgegen, wenn man viele Spieler aufgrund der engeren Abstände sofort in Ballnähe hat.

Die folgende Analyse bedeutet nicht, dass der Trainer frei nach Giovanni Trapattoni „ein Idiot“ ist. Fußball wird immer subjektiv betrachtet und er wird durch so viel mehr Faktoren beeinflusst als nur der Taktik. Kleinigkeiten entscheiden über Erfolg und Misserfolg. Es gibt keinerlei Gegenthese, dass die in diesem Artikel gemachten Vorschläge erfolgreicher gewesen wären, als das, was das DFB-Team bei der WM gespielt hat.

Nagelsmann hat seine Philosophie über viele Jahre hinweg bei verschiedenen Stationen entwickelt und geformt. Er hatte außergewöhnlichen Erfolg mit Hoffenheim, er erreichte ein Champions-League-Halbfinale mit Leipzig und holte mit ihnen als einer von zwei Trainern bisher einen zweiten Platz in der Bundesliga. Und auch in München war seine Zeit durchaus zwiegespalten – gerade in der Endphase wurde sie durch die Unruhe innerhalb des Klubs massiv beeinflusst.

Ihm wurde sogar die Möglichkeit des echten Scheiterns genommen, wenn man so will. Als die Entscheidung fiel, hätte Nagelsmann theoretisch noch alles gewinnen können. Jede Spielweise hat ihre Vor- und Nachteile. Bei der WM 2026 überwogen die Nachteile seiner Philosophie.

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Szenenanalysen Deutschland vs. Paraguay: Zu langsam

Mehrere Szenen gegen Paraguay zeigen, wo das DFB-Team an seine Grenzen gekommen ist. Nagelsmann selbst kritisierte hinterher treffend, dass seine Mannschaft zu langsam verlagert habe. Aber seine Ausrichtung hat dieses Problem womöglich verschärft.

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In dieser Szene gibt es grundsätzlich zwei Probleme:

  • Sané macht das Spiel nicht breit, um für eine direkte Verlagerung offen zu sein.
  • Der linke Halbraum ist gänzlich unbesetzt, sodass kein Doppelpass mit anschließender Verlagerung möglich wäre – beispielsweise.

Durch das enge Positionsspiel kann Paraguay sehr kompakt verteidigen, ohne Angst zu haben, dass auf den Flügeln jemand durchbricht.

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In einer weiteren Szene kombiniert sich Florian Wirtz mit Pavlović nach innen. Eigentlich hat er die perfekte Körperstellung um jetzt entweder einen Pass in den Strafraum zu spielen oder die Kugel auf den rechten Flügel zu verlagern, um dort eine Eins-gegen-eins-Situation herzustellen. Beides ist aber nahezu unmöglich.

Im Zentrum kommt ihm keiner für weitere Kombinationen entgegen und rechts steht Sané sehr weit innen, weil von Nagelsmann so gewollt. Paraguay kann auch hier wieder das Zentrum verdichten und muss nicht befürchten, dass irgendwo Schnittstellen aufgehen. Wirklich Tempo bekommen die Deutschen so nicht ins Spiel.

Aus der Perspektive von Nagelsmann dürfte hier ein Entgegenkommen in den Zehnerraum der Optimalfall sein. Wirtz geht hinterher, bekommt einen Klatschball, jemand anders geht tief in die Lücke, die durch das Entgegenkommen aufgeht und ist womöglich durch.

Verlagerungsprobleme gegen Paraguay

Das Problem ist nur, dass die Spieler diese Situationen nicht schnell genug erkannt haben – oder sie hatten unterbewusst Angst vor weiteren Ballverlusten. Das System von Nagelsmann funktioniert am besten mit Spielern wie Wirtz oder Jamal Musiala. Spieler, die in engen Räumen sehr stark sind. Theoretisch kommt das System auch dem Kader entgegen, der über sehr viel Klasse im Zentrum verfügt.

Nur wenn Wusiala und Co. nicht die ausreichende Form haben, um sich in diesen Räumen zu behaupten, ist es womöglich kontraproduktiv, wenn man die Räume systemisch bedingt noch enger macht.

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Eine weitere Szene: Deutschland hat den Ball auf dem rechten Flügel. Wieder kein Entgegenkommen für Steil-Klatsch und wieder keine Breite im Spiel. Weder der eine Ansatz, noch der alternative Ansatz sind vorhanden. Wirtz lässt sich viel zu spät auf den Flügel fallen. Deutschland verlagert kleinteilig und langsam, zieht Paraguay nicht horizontal auseinander und ermöglicht es ihnen, ohne Druck ausreichend schnell zu verschieben. Dass vier Spieler gegen zwei pressende Stürmer aufbauen, kommt noch dazu. Das macht es schwerer, Tiefe ins Spiel zu bekommen.

Was das DFB-Team vom FC Bayern lernen kann

Übrigens spielt auch der FC Bayern durchaus ähnlich. In vielen Angriffssituationen sind sie nicht maximal breit positioniert, sondern relativ eng, um Kombinationen durch die Mitte oder die Halbräume zu erzwingen und bei Ballverlusten ins Gegenpressing zu kommen. Aber sie sind variabler und haben immer wieder auch Szenen, in denen sie das Spiel komplett breit machen.

Harry Kane lässt sich gern fallen, zieht damit Gegenspieler aus der Kette und die Außenverteidiger machen aktiv Läufe in die letzte Linie, um die Flügelspieler freizulaufen. Das ermöglicht schnelle Verlagerungen und zieht die Abwehrketten auseinander.

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Ein relativ simples Beispiel aus der Bundesliga-Partie gegen den 1. FC Heidenheim: Díaz und Olise machen das Spiel im Aufbau maximal breit. Der Kolumbianer zieht damit einen Außenverteidiger weit heraus und öffnet das Zentrum damit ein bisschen mehr. Dort sind die Bayern immer noch eng positioniert. Rechts auf dem Flügel macht Laimer einen sehr wichtigen Lauf für Olise: Durch seinen diagonalen Weg bindet er für einen Bruchteil einer Sekunde zwei Gegenspieler, die sich nicht sofort einig sind.

Erst spät geht einer der beiden Abwehrspieler in Richtung Olise. Leon Goretzka spielt eine perfekte Verlagerung, Laimer bindet den zweiten Verteidiger, der Olise doppeln könnte und so gibt es ein Eins-gegen-eins.

Bayerns Lösungen gegen tiefe Blöcke

Noch ein Beispiel gegen Union Berlin, die sehr tief verteidigt haben.

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Hier überladen die Münchner den linken Flügel mit acht Feldspielern, weil Laimer ins Zentrum zieht. Er bietet sich in der Schnittstelle an und die Bayern können mit nur einem Pass öffnen. Dann dreht der Österreicher auf und verlagert mit einem einfachen Pass auf Olise. Das dauert keine vier Sekunden im gesamten Verlagerungsprozess. Union kann zwar verschieben, hat aber sofort Druck, weil Olise ins Eins-gegen-eins gehen kann.

Diese Szene zeigt: Es braucht nicht immer die maximale Breite für Verlagerungen. Aber es braucht das richtige Angebot, um sich aus engen Spielsituationen zu befreien, um dann ballfern Raum zu erzeugen. Zugegeben: Der Vergleich ist etwas unfair. Die Bayern haben eine überragende Saison mit viel Selbstbewusstsein gespielt. Und Olise hat eine ganz andere Klasse als Sané oder Leweling. Selbiges gilt für Díaz auf der anderen Seite.

Learnings für Deutschland und Nagelsmann

Und trotzdem gibt es klare Learnings in Bezug auf die deutsche Nationalmannschaft, wenn man sich ansieht, wie die Bayern tiefe Gegner bespielen. Selbst wenn Nagelsmann – aus legitimen Gründen – nicht von seinem Zentrumsfokus abrücken wollte, hätte es mehr Unterstützung durch die Außenverteidiger und Achter gebraucht.

Sané war häufig wieder einer der Sündenböcke nach dem Paraguay-Spiel. Laut Fotmob hat er kein einziges seiner sieben Dribblings gewonnen. Schaut man sich diese aber an, waren sie allesamt schlecht von der Mannschaft vorbereitet. Teilweise hatte er es mit zwei Verteidigern zu tun, oft sogar mit drei. Das war möglich, weil es im Halbraum und Zentrum zu wenig Bewegung gab und Deutschland nur selten mit Überladungen arbeitete, um dann mal auf Sané zu verlagern.

Wirtz gewann auf dem linken Flügel mehr Situationen, weil er unter anderem von Nathaniel Brown mit Läufen unterstützt wurde und auch Aleksandar Pavlović unterstützte. Rechts hingegen war Felix Nmecha keine Hilfe und die taktische Rolle von Joshua Kimmich führte dazu, dass auch er keine Laimer-Tiefenläufe machte.

Nicht alles ist auf Nagelsmann zurückzuführen. Vorwerfen lassen muss sich der Bundestrainer dennoch, dass er es nicht geschafft hat, Lösungen für die Probleme zu finden. In Interviews fand er oft die richtigen Worte und er analysierte die richtigen Themen. Nur schien er keinen Weg zu finden, es auf dem Platz zu verbessern.

Sicherlich auch eine Frage der Form einzelner Spieler. Aber auch eine Frage der Flexibilität. Wenn es durchs Zentrum nicht funktioniert, muss man vielleicht doch von seinen Überzeugungen ein Stück weit abweichen. Fairerweise war Deutschland in der zweiten Halbzeit gegen Paraguay durchaus in manchen Situationen etwas breiter positioniert. Mehr als ungefährliche Flanken kam dabei aber nicht heraus, weil die Unterstützung für die Flügelspieler fehlte.

Ein unerklärlicher Bruch im DFB-Team

Ob Nagelsmann nun seinen Hut nehmen muss, wird sich zeigen. Es ist besonders ärgerlich, dass Deutschland in den ersten beiden Spielen ein ganz anderes Gesicht gezeigt hat. Sicherlich auch mit Problemen, sicherlich auch weit entfernt von perfekt. Aber variabler, temporeicher und mutiger.

Wie schwer man sich gegen die Ivorer tun kann, zeigte auch Norwegen im Sechzehntelfinale. Dann aber kam der Bruch. Ein unerklärlicher Bruch, der vielleicht sogar in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft einmalig ist.

Neben all den taktischen Themen ist das vielleicht die entscheidendste Erkenntnis: Das Team hatte keinerlei Stabilität in seinen Leistungen. Sicherlich hatte Nagelsmann daran seinen Anteil. Aber es sind vor allem die Spieler, die sich fragen müssen, wie ein solcher Leistungseinbruch zustande kommen konnte.

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