Manuel Neuer (FC Bayern) patzt gegen Real Madrid. Er springt Richtung Ball und tätschelt ihn ins eigene Tor.
Bild: Adam Pretty/Getty Images

FC Bayern bekommt seine Standardschwäche nicht wirklich in den Griff

miasanrot 18.04.2026

Dieser Artikel wurde von Maximilian verfasst. Maximilian hat sich bei Miasanrot beworben.

Der FC Bayern hat jüngst im Spiel gegen St. Pauli den 54-jährigen Torrekord aus der legendären Maier-Beckenbauer-Müller-Ära gebrochen. Das Torverhältnis liegt nun bei 105:27 Toren. Eine unfassbare Zahl, jedenfalls bei den geschossenen Toren.

Bei den Gegentoren sind die Münchner mit 27 Gegentoren ebenfalls auf Platz 1, jedoch ist man, wenn man es zum Beispiel mit der Saison 15/16 (17 Gegentore) vergleicht, verhältnismäßig weit weg von den eigenen Rekorden. Im europäischen Vergleich mit den Tabellenführern der restlichen Top-5-Ligen muss man sich aber keinesfalls verstecken: Arsenal (24 Gegentore), Inter Mailand (29 Gegentore), PSG (23 Gegentore) und der FC Barcelona (30 Gegentore). Es zeigt nur, dass die Defensive unter Pep Guardiola damals außergewöhnlich gut war.

Die Bayern erdrücken ihre Gegner in dieser Saison. Offensiv verzweifelt eine Defensivreihe nach der anderen am Angriff um Harry Kane, Michael Olise und Co. Durch die offensive Wucht fallen Gegentore oft kaum ins Gewicht. Genau darin liegt aber die Gefahr: Die Fehler bei vermeintlich “unwichtigen” Gegentoren als Schönheitsfehler abzutun. Gerade in der Crunchtime entscheiden Details zwischen Sieg und Niederlage.

Vor allem bei Standardsituationen haben die Münchner Schwierigkeiten, die es in den Griff zu bekommen gilt.

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Bayern kassiert zu viele Gegentreffer nach Standards

Miasanrot hat sich die Gegentore im DFL-Supercup, DFB-Pokal, in Bundesliga und Champions League angeschaut, um zu erfahren, wie viele Tore insgesamt nach Standards kassiert wurden. 

Wettbewerbsübergreifend kassierte man insgesamt 44 Gegentore. Nach unserer Zählung kassierte der FC Bayern 19 dieser Gegentore nach einer Standardsituation. Als Standard wurden dabei Elfmeter, Eckentore, Einwürfe und Freistöße gezählt. Als Freistoßtor wurden neben direkt verwandelten Freistößen auch Freistoßflanken sowie schnell ausgeführte Freistoßvarianten mit weniger als vier Ballstationen zwischen Ausführung und Torerzielung gezählt. 

Das Resultat ist bemerkenswert: Immerhin 43 Prozent der Gegentore fallen nach Standards. Die Sportschau berichtete kürzlich, dass in der Bundesliga nur 24 Prozent der Tore auf Standards zurückzuführen sind. Demnach fallen etwas weniger als ein Viertel aller erzielten Tore nach Eckball, Freistoß und Co..

Den Werten der Sportschau können andere Kriterien zugrunde liegen, was genau als Standardtor definiert wird, wodurch die Zahlen der ARD nur als grobe Einordnung zu verstehen sind. Bei Bayern kommt man in dieser Saison dennoch auf einen ungewöhnlich hohen Anteil an Standardsituationen, der schon deshalb nicht ignoriert werden sollte, weil die Gesamtanzahl der Gegentore nicht außergewöhnlich gering ist.

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Sie ist zwar auch nicht außergewöhnlich hoch, aber hoch genug, um eine Schlussfolgerung in Sachen Standards zuzulassen.

Szenenanalyse: Freiburg nutzt die größte Schwäche des FC Bayern

Wie verteidigen die Bayern also ihre Standards und was muss man dabei noch besser machen?

Die Bayern verteidigen ihre Standards in einer Mischung aus Raum- und Manndeckung. Das ermöglicht in der Theorie die flexible Adaption an verschiedene Strafraumszenarien, erfordert aber klare Zuteilungen und klare Kommunikation. Etwas, was beispielsweise gegen Freiburg mehr schlecht als recht funktioniert hat.

Schaut man sich die Situation aus dem vorletzten Bundesligaspiel an, aus der ein Tor resultierte, wird das deutlich. Im dichten Gedränge vor dem Tor von Manuel Neuer sind drei Verteidiger am, beziehungsweise um den ersten Pfosten: Konrad Laimer, Josip Stanišić und Joshua Kimmich stehen jeweils sehr eng an ihren Gegenspielern. 

Jamal Musiala, Min-jae Kim, Aleksandar Pavlović sowie Tom Bischof stehen am zweiten Pfosten und sichern für Abpraller ab. Díaz und Olise kümmern sich um mögliche Läufe zum Tor zwischen Elfmeterpunkt und Fünfmeterraum. Maßgeblich für das Tor war in diesem Fall zwar der Patzer von Neuer – wenn er dort zum Ball geht, muss er ihn haben – die Fehler fangen jedoch schon mit dem Verschätzen von Kim an:

  • Kim verschätzt sich bei der Flugkurve des Balles und springt unter dem Ball durch – Neuer muss hin.
  • Neuer wird von Pavlović, der sich ebenfalls Richtung Ball orientiert, blockiert und kommt nur schlecht an den Ball und lässt ihn in die Mitte abtropfen, beide werden aus dem Spiel genommen.
  • Der hinter Pavlović stehende Bischof will ebenfalls zur Kugel und rückt in Richtung Ball und entfernt sich vom zweiten Pfosten in Richtung Fünfmeterraumbegrenzung und lässt das Tor frei werden.
  • Stanišić und Musiala verschlafen den Abpraller in die Mitte, wodurch Höler zum Schuss kommt.

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Weitere Informationen

Zu viele Abstimmungsprobleme beim FC Bayern

In Summe sind vier Spieler zum Ball gesprungen und haben dabei das Tor aufgemacht. Mit etwas mehr Fortune hätte dieses Tor von Kim noch geblockt werden können, dennoch waren vier von elf Spielern in der Fehlerkette des Tores direkt beteiligt. Und das, obwohl auch Stanišić und Musiala (nach dem Abpraller) geschlafen haben. Also hat mehr als die Hälfte des Teams in dieser Situation einfach nicht gut genug aufgepasst. 

Am einfachsten wäre es natürlich gewesen, wenn Neuer auf der Linie bleibt. Es wäre höchstwahrscheinlich gewesen, dass Pavlović oder Bischof den Ball “einfach” aus der Gefahrenzone befördert hätten. Dadurch, dass sich Neuer aber zum Ball bewegt, muss Pavlović schnell realisieren, dass er jetzt nicht auch zum Ball aufrücken sollte. Gleiches gilt für den hinter ihm stehenden Bischof.

Wenn Pavlović sich nicht gleichzeitig mit Neuer zum Ball orientiert, kommt er diesem nicht in den Weg und sorgt dafür, dass Neuer mit etwas mehr Bewegungsfreiheit zum Ball gehen kann. Gleichzeitig deckt er selbst dann zumindest einen Teil des Tores selbst ab. 

Ein Torwart mit der Klasse von Neuer muss diesen Ball besser entschärfen oder zumindest merken, dass er den Ball dort nur unsauber spielen kann und dann lieber im Kasten bleiben. Diese Szene zeigt jedoch eindeutig, dass es schnell brenzlig werden kann, wenn die Abstimmung und die Kommunikation beim Verteidigen der Standards wie in dieser Situation nicht passen. In dieser Saison passiert das zu oft. Spieler können sich im Rücken der Bayern-Spieler davonschleichen, Übergaben funktionieren nicht und erstaunlich viele Ecken und Freistöße aus dem Halbfeld werden brandgefährlich.

In der Champions League können Standards den Unterschied ausmachen

Freiburg hat es gut gemacht, indem sie, wie viele andere Mannschaften auch, den Fünfer komplett überladen und Neuer zu schwierigen Entscheidungen gezwungen haben. Außerdem passieren alle diese kleinen Fehler in einem Bruchteil von einer Sekunde. Die Elf von Vincent Kompany fand sich schon oft in solchen Situationen in dieser Saison wieder.

Vor allem in einer Phase der Hinrunde, als viele Gegentore nach Standards gefallen sind. Auch wenn es im Saisonverlauf besser geworden ist, werfen Situationen wie letzte Woche in Freiburg immer wieder Fragen auf und erwecken den Eindruck, dass der Erfolg beim Verteidigen der Standards noch zu oft vom Zufall und einer Menge Gottvertrauen abhängt.

Als absolute Topmannschaft muss es der Anspruch sein, bei Standardsituationen häufiger die richtige Entscheidung zu treffen. In der Bundesliga sind über 34 Spieltage in der Regel genug Zeit, um einzelne durch Standardgegentore nicht gewonnene Spiele zu kompensieren – was dem FCB fairerweise noch nicht allzu oft passiert ist.

In Pokal und Champions League entscheiden genau diese Nuancen am Ende aber über Rausfliegen und Weiterkommen. Zumal europäische Topteams in der Regel noch kaltschnäuziger vor dem Tor sind und kleinste Kommunikations- und Abstimmungsprobleme ausnutzen. In der Ligaphase war das gegen den FC Arsenal gut zu sehen.

Deshalb ist es wichtig, dass Kompany dort (weiterhin) den Finger in die Wunde legt und die Defensive bei ruhendem Ball ebenfalls zur (schwarzen) Bestie für den Gegner werden lässt. 

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