FC Bayern nach 2:2 gegen Stuttgart angeknockt

Justin Trenner 10.09.2022

Julian Nagelsmann nutzte die englische Woche, um zwischen den Spielen gegen Inter Mailand und den FC Barcelona nochmal etwas zu rotieren. Und so bekam Leon Goretzka beispielsweise die Chance, sich von Anfang an zu beweisen. Darüber hinaus starteten beim FC Bayern München Mathys Tel, Jamal Musiala, Serge Gnabry, Noussair Mazraoui und Dayot Upamecano für Sadio Mané, Kingsley Coman, Leroy Sané, Benjamin Pavard und Lucas Hernández.

Der VfB Stuttgart schickte ein flexibles 5-3-2 aufs Feld, um das Zentrum möglichst kompakt zu halten und Bayern frühzeitig auf die Flügel zu zwingen. Dementsprechend startete auch das Spiel.

1. Halbzeit: FC Bayern ohne Power, aber mit Führung

Denn die Münchner taten sich mit der eng gestaffelten Formation der Gäste schwer. In der Anfangsphase gab es kaum nennenswerte Angriffe, während der VfB sich ein-, zweimal zumindest im Ansatz bei offensiven Umschaltaktionen zeigen konnte – ohne allerdings eine klare Chance herausgespielt zu haben.

Den ersten Abschluss des Rekordmeisters verbuchte Joshua Kimmich in der 18. Minute – nach einem direkten Freistoß aus gut 25 Metern Distanz. Fast 30 Minuten dauerte es, bis die Münchner nach einer guten Kombination über außen erstmals richtig gefährlich wurden. Mazraoui flankte den Ball zu Tel, der jedoch zu unpräzise abschloss. Auch der Nachschuss von Gnabry führte nicht zum Erfolg.

Die Mehrfachchance eröffnete eine kurze Druckphase des FCB. Gnabry (33.) scheiterte aus der Distanz, wenig später war es dann aber Tel, der sein zweites Pflichtspieltor erzielte (36.). Alphonso Davies konnte links freigespielt werden und bediente den Angreifer dann im Rückraum. Mit dieser Führung und einer äußerst dürftigen Vorstellung der Bayern ging es dann in die Kabinen.

2. Halbzeit: Stuttgart erkämpft sich ein 2:2

Ruhe gab das den Bayern aber nicht. Im Gegenteil: Stuttgart erzielte kurz nach der Pause den Ausgleich, als Joshua Kimmich den Ball im eigenen Strafraum verlor. Allerdings kassierte der VAR den Treffer wieder ein, weil Führich leicht am Trikot zog. Eine zugleich vertretbare wie streitbare Entscheidung.

Wenige Minuten später konnte es den Stuttgartern aber schon egal sein. Führich erzielte dann auf ganz legale Art und Weise das 1:1 (57.). Für den VfB war dieser Treffer durchaus verdient. Das wiederum war aber Jamal Musiala egal. Angespielt von Mazraoui tänzelte sich der 19-Jährige im Strafraum in eine gute Schussposition, die er zum 2:1 nutzte (60.).

Anschließend brachte Nagelsmann Leroy Sané und Josip Stanišić für Tel und Mazraoui, einige Minuten später kam Eric Maxim Choupo-Moting für Thomas Müller. Das Spiel blieb unverändert zäh. Erst in der 74. Minute rüttelte die Latte von Manuel Neuer das Publikum wieder wach. Guirassy setzte das Leder ans Gebälk. Glück für den FCB.

So richtig souverän spielten die Münchner das 2:1 jetzt nicht herunter, Stuttgart blieb gefährlich. Bayern bekam dafür den einen oder anderen Konter. Und so kam es, wie es fast schon kommen musste. Matthijs de Ligt stieg Guirassy auf den Fuß, der VfB bekam einen Elfmeter und die Bayern mussten sich erneut mit einem Unentschieden zufrieden geben. Der Gefoulte traf zum 2:2-Endstand.

Dinge, die auffielen:

1. Alphonso Davies – zwischen Breitengeber und Zehner

Zugegeben: Neu ist es nicht, dass der Kanadier innerhalb der 90 Minuten zwischen Genie und Wahnsinn schwankt. Ungewöhnlich ist es für einen 21-Jährigen auch nicht, dass er gute und weniger gute Momente hat. Gleichzeitig hat Davies nun einen ordentlichen Berg an Erfahrung angesammelt in den vergangenen Jahren.

Gegen Stuttgart hat der Linksverteidiger eine überwiegend gute Leistung gezeigt. Und doch gibt es immer wieder Situationen, in denen er zu hektisch agiert und unter Druck falsche Entscheidungen trifft. Verstärkt werden solche Fehler, wenn Davies einrückt und dort gepresst wird.

Seine Rolle unter Julian Nagelsmann ist sehr ambivalent. Ist der Ball auf der rechten Seite unterwegs, rückt er meist ein, um den Raum zu verengen und möglichst auch im Gegenpressing präsent zu sein. Wird verlagert, rückt Davies meist sehr spät auf den Flügel. Deshalb waren meist nur kleinteilige Verlagerungen möglich.

Seine besten Aktionen hatte der 21-Jährige aber, wenn er breiter positioniert war. Wie beispielsweise bei seinem Assist zum 1:0. Für Nagelsmann und das Pressing ist es wohl unabdingbar, dass Davies auch mal enger positioniert ist. Als Verlagerungsoption auf dem Flügel kann er gleichzeitig eine echte Waffe sein. Die Frage ist, ob und wie beides miteinander kombiniert werden kann. Irgendwo dazwischen liegt nämlich derzeit eine nicht ganz optimale Rolle für Davies.

2. Träge mit und ohne Ball

Unabhängig von individuellen Leistungen schafften es die Bayern nicht, die Dynamik der letzten Wochen auf den Rasen zu bringen. Die erste Halbzeit gegen den VfB Stuttgart war vermutlich die schlechteste der gesamten bisherigen Saison und erinnerte sogar an einige Tiefpunkte der vergangenen. Zur Verteidigung der Münchner muss angeführt werden, dass Nagelsmann ordentlich am Rotationsrad drehte.

Fehlende Abstimmung und Einbindungsprobleme waren vor allem Noussair Mazraoui, Mathys Tel, aber auch Leon Goretzka anzumerken, der Anlaufzeit brauchte, um sich an den Rhythmus zu gewöhnen. Das bedeutet nicht, dass diese Spieler individuell gesehen schlecht gespielt hätten, aber es gab zu viele einzelne Ballvorträge, in denen ihre Positionierung, die Passgenauigkeit oder das Verschleppen des Tempos zu Ballverlusten oder anderweitigen Problemen führten.

Bayerns Spiel wirkte dadurch träge. Es gab kaum schnelle Kombinationen, oftmals versuchten sie es durch lange Dribblings – und so entstand schnell eine „Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Mentalität“. Auch etablierte Spieler schafften es nicht, den Neuen zu helfen. Serge Gnabry blieb abermals glücklos, Thomas Müller ließ seine Qualität nur in wenigen Phasen aufblitzen – und so blieb selbst das Pressing zu oft zahnlos. Hohe Ballgewinne, um den Defensivriegel der Gäste zu knacken? Fehlanzeige.

3. FC Bayern: Weg ist die Euphorie

Dynamik, Schnelligkeit, begeisternder Offensivfußball – was beim 1:1 gegen Borussia Mönchengladbach noch da war, war gegen Union Berlin (ebenfalls 1:1) nur noch teilweise vorhanden. Auch der 2:0-Sieg gegen Inter unter der Woche konnte nur in Teilen an den guten Saisonauftakt anschließen. Spätestens dieses 2:2 markiert nun das Ende der Anfangseuphorie.

Woran es liegt? Wohl an vielen Faktoren. Gegen Stuttgart hatte die Rotation ihren Anteil. Doch ehrlicherweise sah es auch in den vorherigen Partien nicht sehr viel besser aus. Das Fehlen von Robert Lewandowski wird den Rekordmeister weiterhin begleiten – noch mehr, wenn der Pole im direkten Duell treffen sollte.

Gegen Stuttgart hätte es einen Spieler auf der Neunerposition gebraucht, der Bälle festmachen und weiter verteilen kann. Dazu war niemand in der Lage. Gleichzeitig wäre es übertrieben, alles am Fehlen einer echten Neun festzumachen. Der Wechsel auf die neue Spielweise wird Zeit benötigen. Insofern war der starke Start in die ersten Spiele vielleicht gar nicht so förderlich. Er hat Erwartungen erzeugt, die Bayern nun nicht halten konnte.

Zeit ist in München ein begrenztes Gut. Dennoch wird es Geduld brauchen. Und doch muss die Frage erlaubt sein, warum es vor allem die etablierten Spieler nicht schaffen, ihre Bestleistung konstant auf den Platz zu bringen. Das 2:2 gegen Stuttgart ist der vorläufige Tiefpunkt. Nicht nur bezüglich des Ergebnisses, sondern vor allem mit Blick auf die Leistung. Die war so träge, wie ein Auslaufen am letzten Spieltag bei 15 Punkten Vorsprung.



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