Vorschau: Olympique Lyon – FC Bayern München

Justin Trenner 17.08.2020

Ein Favorit nach dem anderen scheidet aus dem Wettbewerb aus. Atlético Madrid, von vielen nicht nur als unangenehmster Gegner für die Bayern, sondern auch als Mitfavorit gehandelt und auch Manchester City sind raus. Mit RaBa Leipzig, Paris und Lyon stehen somit drei Klubs im Halbfinale, die den Wettbewerb noch nie gewonnen haben. Lediglich der FC Bayern ist als nun achtmaliger Halbfinalist seit der Saison 2009/10 so etwas wie ein Stammgast.

Olympique Lyon hingegen erreichte dieses im selben Zeitraum nur ein einziges Mal – damals ging es ebenfalls gegen den FC Bayern. 2010 erreichten die Münchner ohne größere Probleme das Endspiel. Auch diesmal ist der Deutsche Rekordmeister klar favorisiert. Obwohl Lyon mit Juventus Turin und eben Manchester City zwei Top-Teams ausschalten konnte, bewerten Buchmacher die Wahrscheinlichkeit auf einen weiteren Erfolg als sehr gering. Deutet also alles auf ein erneutes Triple der Bayern hin?

Immerhin ist der FC Bayern eine Mannschaft, die spätestens seit dem 8:2-Erfolg über Barcelona in aller Munde ist. Unter der erdrückenden, nahezu zermalmenden Dominanz der Bayern zerfielen die Katalanen in ihre Einzelteile. Es war eine Machtdemonstration. Ein Auftritt, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Bayern gegen Lyon: Neustart bei 0:0!

Doch nun beginnt die Partie gegen Lyon wieder bei 0:0. Es wäre fatal, nach dem Kantersieg zu glauben, der Rest liefe von selbst. Die Franzosen werden dem FC Bayern zudem andere Qualitäten abverlangen als Barcelona es tat. Wie wir bereits vor der Partie analysierten, lag der Schlüssel zum Sieg vor allem in der Organisation des Pressings. Es ging darum, den Einzelspielern Barças die Freude am Spiel zu nehmen und ihnen Fehler aufzuzwingen. Viel Laufarbeit ohne Ball also.

Lyon hingegen wird hinten kompakter stehen und sich besser organisieren. Sie haben kein großes Interesse daran, den Ball über einen längeren Zeitraum durch die eigenen Reihen laufen zu lassen. Stattdessen wollen sie auf Umschaltmomente warten, in denen sie den aufgerückten Gegner überrumpeln können. Die Bayern werden diesmal also viel Laufarbeit mit dem Ball benötigen.

Lyon-Trainer Rudi Garcia weiß um die Stärken seiner Angreifer, wenn sie mit Raum und Platz agieren können. Er weiß auch darum, dass ein zu offensiv ausgerichteter Matchplan schnell in die Hose gehen kann. Gerade weil Manchester City und der FC Bayern sich in der Spielweise recht ähnlich sind, dürfte der Auftritt im Viertelfinale eine Art Blaupause für beide Mannschaften sein.

Lyons Grundausrichtung gegen Manchester City

Einerseits wird Lyon nicht von dem abweichen, was sie zuletzt so erfolgreich gemacht hat. Auf der anderen Seite kann Hansi Flick die Fehler von Manchester City optimal für die Vorbereitung seines Teams nutzen.

In einer 5-3-2-Ausrichtung gegen den Ball versuchte Lyon, insbesondere das Mittelfeldzentrum kompakt zu verteidigen, gleichzeitig aber auch die entsprechende Breite in der Defensivlinie zu haben, um Flügelangriffe abzuwehren.

Lyons Defensivformation gegen Manchester City. Ekambi und Depay sind zwischenzeitlich auch mal höher angelaufen und in den Phasen eines höheren Mittelfeldpressings kam sogar Aouar mit in die höchste Pressinglinie, wodurch ein 5-2-3 beziehungsweise 3-4-3 entstand.

Erobert Lyon den Ball, geht es oft schnell. Insbesondere über links versuchten sich Houssem Aouar und Maxwel Cornet immer wieder durch das Pressing der Citizens zu kombinieren. Gab es keinen direkten Kombinationsweg, wählte Lyon meist den langen Ball hinter die Abwehrkette der Guardiola-Elf. Interessant ist zudem, dass Lyon gegen City während einiger Ballbesitzphasen auf eine Viererkette umstellte, weil Cornet so extrem hoch positioniert war. Gerade mit dem ebenfalls sehr offensiv spielenden Kimmich könnte das eine interessante Paarung ergeben.

Im Spiel nach vorn setzt Lyon auf einen sehr offensiv agierenden Cornet. Dubois ist auf der rechten Seite etwas zurückhaltender. Mitunter entsteht so aus dem 5-3-2 heraus ein 4-4-2 oder gar 4-3-3.

Viele Chancen haben sich die Franzosen aber weder gegen Juventus noch gegen Manchester City erspielt. Am Samstag waren es nur sieben Abschlüsse. 1,1 Expected Goals kamen dabei herum, also 0,15 xG pro Schuss.

Szenenanalysen: Hier könnte es für die Bayern eng werden

Statistiken sind die eine Seite, die andere ist die brutale Effizienz, mit der Lyon seine Tore gegen Juventus und City erzielt hat. Bekommen sie die Möglichkeit, treffen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit. Und doch brauchten die Franzosen insbesondere gegen Manchester City viel Glück, um in die nächste Runde zu kommen.

Zwei recht ähnliche Szenen aus den Viertelfinal-Partien der beiden Mannschaften sollen nun aber zeigen, wie es auch gegen den fünfmaligen Champions-League-Sieger aus München klappen kann. Denn die Bayern überrollten Barcelona zwar, zeigten aber in der Anfangsphase der Partie Schwächen, die Lyon für sich nutzen könnte.

In der 11. Spielminute erobert Barcelona nach einem Einwurf in Bayerns Hälfte den Ball und spielt ihn zurück zu Gerard Piqué, um neu aufzubauen. Die Münchner sehen in der Situation einen Trigger für ihr Angriffspressing und attackieren den Spanier. Mit seiner individuellen Klasse gelingt es ihm, zwei Münchner auszudribbeln und den Ball anschließend an der Außenlinie nach vorn zu spielen.

Weil Barcelona vorher den Einwurf zustellte, haben sie nun eine Überzahlsituation auf der eigenen linken Seite. Das zentrale Mittelfeld der Bayern verpasst es, diese auszugleichen und so kann Barça die Defensivspieler binden und zusätzlich mit Jordi Alba einen Spieler zwischen den Linien ohne Gegnerdruck positionieren. Frenkie de Jong lässt Piqués Zuspiel auf Alba klatschen und der schickt Luis Suárez theoretisch auf die freie Bahn zu Manuel Neuers Tor. Da dem Angreifer aber das Tempo fehlt, kann er von Alphonso Davies noch eingeholt und verteidigt werden.

Dennoch: Gerade weil Lyon schnellere Spieler in der Offensive hat, könnten solche kurzen Phasen des Chaos für sie wichtig werden. Kommen sie erstmal hinter die Abwehr der Bayern, sind sie schwerer wieder einzuholen als Suárez. Auch der Ausgleichstreffer durch das Eigentor von David Alaba und einige andere Szenen im ersten Durchgang offenbarten, dass die Bayern nicht unverwundbar sind, wenn Bälle hinter ihre Defensivreihe gespielt werden. Barça kam immer wieder mal mit wenigen Kontakten oder einem langen Ball zu guten Möglichkeiten.

Lyons Qualitäten im Spiel nach vorn

Dass Lyon solche Situationen für sich nutzen kann, zeigten sie beispielsweise beim Tor zum 1:0 gegen Manchester City.

Die Entstehung des ersten Treffers von Lyon gegen Manchester City. (1)

In der Entstehung kann Lyon den Ball in Ruhe durch die Abwehr laufen lassen, obwohl Manchester City relativ hoch steht. Spätestens als der Ball vom Torwart zum linken Innenverteidiger gespielt wird, muss City in so hoher Position reagieren. Der zentrale Angreifer aber schaut nur zu, statt den Druck zu erhöhen und auch Kevin de Bruyne reagiert als rechter Flügelstürmer ungünstig. Statt schon den Pass auf den Flügel durch einen anderen Laufweg zu verhindern (grau eingezeichnet), läuft er den Verteidiger auf direktem Weg an und nimmt sich so selbst aus dem Spiel. Denn links hat Lyons Spieler nun zu viele Optionen und zu viel Platz.

Hier könnte das Pressing der Bayern theoretisch besser greifen, weil die Mannschaft von Hansi Flick in der Regel besser organisiert ist als Manchester City es in dieser Situation war:

Bayerns Pressing gegen Lyon in einer solchen Situation?

Serge Gnabry ist beispielsweise ein sehr intelligenter Pressingspieler und allein durch die Unterstützung von Thomas Müller in der Offensive hätten die Bayern einen Spieler mehr zur Unterstützung als City. Rechts würde zudem der Außenverteidiger näher am Gegenspieler sein, wenn der Ball trotzdem auf die Außenbahn gelangt. Im Gegensatz zu dem, was Manchester City in der ersten Halbzeit anbot, sind die Bayern aggressiver und druckvoller in ihrem Anlaufverhalten.

Die Entstehung des ersten Treffers von Lyon gegen Manchester City. (2)

City hingegen agierte ungewohnt passiv, ließ Lyon in dieser Situation sogar am Flügel gewähren: Marçal kann ungestört zehn bis fünfzehn Meter mit dem Ball laufen und dann einen langen Ball hinter die Abwehrkette spielen, wo Lyons Angreifer sich clever positionieren. Zwar wird Karl Toko Ekambi noch vor seinem Abschluss gestoppt, doch weil Kyle Walker ihm nicht im Sprint hinterherläuft, kann Cornet das 1:0 aus dem Rebound erzielen.

Andere Prioritäten als gegen Barça?

Lässt man die Franzosen spielen, haben sie die technischen Fähigkeiten, um mit wenigen Aktionen gefährlich zu werden. Insofern wird es auch in dieser Partie wichtig sein, dass die Bayern das gewohnt konsequente und starke Pressing durchziehen. Denn unter Druck, das zeigte insbesondere die Schlussphase gegen Manchester City, tut sich Lyon sehr schwer damit, die eigene Offensive in Szene zu setzen.

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Die Bayern sind immerhin das Team im laufenden Wettbewerb, das die meisten hohen Ballgewinne verbuchen konnte. Trotzdem könnte diese Qualität ausnahmsweise nicht von so zentraler Bedeutung sein wie sonst. Wie bereits angedeutet, wird die Mannschaft von Rudi Garcia ohnehin sehr kompakt positioniert sein. Es ist unwahrscheinlich, dass die Bayern ähnliche Defensivlöcher beim Gegner finden werden wie noch gegen Barcelona. Auch nach Ballgewinnen dürfte das Umschalten schwerer fallen als am Freitagabend.

Umso mehr wird die Kreativität in Ballbesitz gefragt sein. Auch hier können die Bayern daraus lernen, was Manchester City gegen Lyon nicht gut gemacht hat. Pep Guardiolas Team hatte quasi kaum Tiefe im Spiel. Zwar gelang es vor allem Kevin de Bruyne immer wieder, Spieler aus der Fünferkette herauszuziehen, doch wirklich genutzt haben die Skyblues diese Räume nicht.

Lyon bietet Räume an, Bayern muss sie aber nutzen

City verstand es zwar gut, die Formation Lyons durcheinander zu bringen, doch Kapital schlagen konnten sie draus nicht. Es fehlte an Tiefe im Spiel.

Das Beispiel aus der 31. Spielminute steht exemplarisch für viele ähnliche Szenen, in denen City Lyon zwar gut auseinander ziehen konnte, es letztendlich aber verpasste, den gewonnenen Raum zu bespielen. Durch die Dreierkette fehlte Guardiola vorn ein Spieler, der regelmäßig in diese Lücken vorstoßen konnte.

Bei den Bayern wäre es wohl Müller, der die Gegenspieler aus seinen Positionen zieht, während Serge Gnabry, Robert Lewandowski und auch Ivan Perišić in die Tiefe gehen. Dass die Münchner das gut beherrschen, zeigten sie häufig in der Bundesliga, wo sie mehrfach Erfahrungen mit Fünferketten sammelten.

Vielleicht ist das der größte Vorteil, den sie gegenüber Manchester City haben. In England wird eine andere Art von Fußball gespielt. Lyons Spielweise erinnert hingegen stark an einige Bundesligisten – beispielsweise an Eintracht Frankfurt.

Fazit: Kein Selbstläufer, aber trotzdem eine Pflichtaufgabe

Alles in allem sind die Bayern gegen Lyon klarer Favorit. Es wird aber dennoch eine weitere Top-Leistung brauchen, um das Finalticket zu lösen. Mit Ball wird vor allem Geduld wichtig sein. Vertikalität und Tempo sind zentrale Bestandteil des bayerischen Fußballs. Doch agieren sie zu hektisch, könnte Lyon davon profitieren, indem sie einen Schlagabtausch erzwingen. Tendenziell sahen die Bayern selten gut aus, wenn es auf dem Platz schnell hin und her ging.

Stattdessen wären sie gut beraten, den Ball laufen zu lassen und durch viel Bewegung einerseits den Gegner müde zu spielen – Lyon wirkte in der Schlussphase gegen Manchester City recht platt. Andererseits können sie dadurch bewirken, dass Lyon sich irgendwann zurückzieht und die Wege für Konter dadurch sehr lang werden. Es wird von zentraler Bedeutung sein, das Angriffstempo zu variieren und vor allem dann schnell anzugreifen, wenn sich Lücken in Lyons Formation ergeben.

Für Flick und die Mannschaft ist diese Herausforderung vielleicht sogar eine größere als jene gegen den FC Barcelona. Der Trainer kritisierte vor nicht allzu langer Zeit die mangelnde Balance aus Tempo und Ruhe im Spiel nach vorn. Gegen Olympique Lyon können sie nun unter Beweis stellen, dass sie sich seitdem weiterentwickelt haben. Es ist eine Pflichtaufgabe für die Bayern. Aber ein Selbstläufer wird es deshalb nicht.

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