Vorschau: FC Bayern München – 1. FC Nürnberg

Justin Trenner 07.12.2018

Die Gefahr liegt in der aktuellen Situation darin, zu früh wieder ins andere Extrem umzuschlagen. So wie die Krise nicht nur eine Ursache hatte, ist jetzt nicht alles plötzlich gut. Es ist die Mischung aus vielen Umständen, die Bayern-Fans in dieser Woche etwas entspannen lässt.

Zu diesen Umständen zählt, dass die letzten Gegner den FC Bayern kombinieren ließen. Hohes Pressing gab es nur in wenigen Phasen zu beobachten und so fühlte sich die Hintermannschaft des Rekordmeisters nur selten unter Druck gesetzt. Auftaktpässe und Kombinationsspiel hatten dadurch eine höhere Erfolgsquote.

Es sind jedoch nicht nur die schwachen Gegner, die den FCB kurzzeitig erstrahlen lassen. Durch die Entscheidung des Trainers, Kimmich und Goretzka als Doppelsechs auflaufen zu lassen, verbesserte sich die Struktur im zweiten Drittel enorm. Der nächste Schritt muss es nun sein, das Offensivspiel zu verfeinern.

Die Cruyff-Raute als Träumerei

Und doch muss man konstatieren, dass Kovač endlich etwas verändert hat, was über personelle Wechsel hinausgeht. Die Doppelsechs hat kurzfristig für einen Aufschwung gesorgt. Kehrt Thiago vollends zurück, bieten sich dem Trainer sogar noch mehr Möglichkeiten.

Voraussichtlich wird er Kimmich dann wieder auf die rechte Außenbahn schieben und Thiago gemeinsam mit Goretzka ausprobieren. Theoretisch dürfte das auch Sinn ergeben. Eine weitere Option wäre die Mittelfeldraute. Mit Thiago auf der Sechs, Kimmich und Goretzka auf den Halbpositionen und James oder Müller hinter den Spitzen hätte Kovač eine spielstarke Achse, die die Abhängigkeit von den Außenpositionen etwas lösen könnte.

Erinnert sei da an die Cruyff-Raute im 3-1-2-1-3. Für Kovač sind das vermutlich zu viele Experimente, aber zumindest als Gedanke macht diese Option Sinn. Bayern könnte so wieder mehr Kontrolle im zweiten Drittel erlangen und die Ballverluste im Zentrum minimieren.

Lange Zuspiele in den Halbraum

Unter Niko Kovač versucht der FC Bayern in dieser Saison sehr häufig, lange Flachpässe in den Halbraum des Angriffsdrittels zu spielen. Das heißt, dass entweder die Innenverteidiger oder der tiefere Sechser sehr lange Wege bespielen müssen. Zu Beginn der Saison funktionierte das richtig gut. Die beiden hohen Achter boten Anspielstationen und waren gleichzeitig direkt von mindestens zwei Mitspielern (Stürmer und Flügelspieler) umgeben.

Dadurch entstand sofort Druck auf die Abwehrkette des Gegners und meist auch ein oder zwei Optionen für die Folgeaktion. Mit vereinzelten Mannorientierungen gelang es den Mannschaften aber zunehmend, diese Risikopässe abzufangen oder für Ungenauigkeit beim Passgeber zu sorgen. Bayern fand kein Gegenmittel und rannte in einige gefährliche Konter. Gegen Benfica und Bremen sah es auch deshalb besser aus, weil der Passgeber Zeit hatte und Müller sich klug zwischen den Ketten positionieren konnte.

Grenzen wurden jedoch auch hier deutlich. Süle spielte gleich drei Fehlpässe in den rechten Halbraum über eine Distanz von mindestens zehn, einmal sogar dreißig Metern. Bei Boateng sind es mindestens zwei Zuspiele dieser Art, die kein Ziel fanden und auch Goretzka sowie Kimmich kamen zusammen auf mindestens zwei Fehlpässe, die aufgrund der hohen Distanz scheiterten. Doch es liegt nicht nur an der Länge dieser Pässe.

Warten auf den Moment

Durch die Doppelsechs fehlt jetzt natürlich ein weiterer Achter oder Zehner, der Müller und Lewandowski bei der Arbeit zwischen den Ketten unterstützt. Dafür ist die Stabilität im defensiven Zentrum höher. Ballverluste haben nicht mehr das Gewicht der letzten Wochen. Hätten die Bayern diese Fehlpässe in einem 4-1-4-1 gespielt, wäre Bremen vermutlich häufiger gefährlich vor das Tor gekommen.

Diese langen Laserpässe bringen ein hohes Risiko mit. Deshalb muss Kovač natürlich abwägen, inwiefern er dieses Risiko balancieren kann. Mit der Doppelsechs hat er sich nun vorerst für eine tiefere Variante entschieden. Auch auf ein direktes Gegenpressing verzichten die Bayern in letzter Zeit häufiger. Es geht dem Trainer darum, mit diesen Zuspielen schnellen Druck im Angriffsdrittel zu erzeugen. Allerdings muss er sie noch dosieren.

Kovač sprach neulich von Geduld in Ballbesitz. Er will, dass die Mannschaft auf den richtigen Augenblick wartet. So wie vor dem 2:1 durch Serge Gnabry, als Müller sich fallen ließ und Süle ihn mit einem relativ einfachen Zuspiel über rund 15 Meter bediente. Für den Passgeber sind dabei drei Dinge entscheidend: Kann derjenige, den ich anspiele, mit Druck umgehen? Ist durch den Pass eine gute Folgeaktion möglich? Ist der Empfänger vielleicht von zu vielen Gegenspielern umgeben? Nicht immer treffen die Aufbauspieler hier die richtige Entscheidung.

Auch gegen Nürnberg ist Geduld gefragt

Einige Ballverluste können durch eine bessere Dosierung dieser Zuspiele noch vermieden werden. Die Rückkehr Thiagos sowie das Tempo durch Coman machen aber Mut auf weitere Optionen. Während Thiago jemand ist, der sowohl Empfänger im Halbraum als auch Verteiler im Sechserraum sein kann, zeigte Coman nach seiner Einwechslung in Bremen, warum er so vermisst wurde.

Die Qualitäten des Franzosen im Eins-gegen-Eins sind enorm und bringen eine vermisste Komponente ins stotternde Angriffsspiel. Gerade gegen Nürnberg könnte er zu einem Schlüssel werden. Die Gäste werden von Anfang an mit hoher Intensität agieren.

Trainer Köllner variierte zuletzt zwischen 4-4-2, 4-2-2-2, 4-3-3 und 4-2-3-1. Gegen Dortmund kam aber auch ein defensiveres 5-3-2 zum Einsatz und auf Schalke ein relativ ähnliches 3-4-1-2. Köllner passt vieles auf den Gegner an und versucht, die fehlende individuelle Klasse mit taktischen Veränderungen auszugleichen. Nicht immer gelingt das. 0:7 gegen Dortmund, 2:5 gegen Schalke, 0:6 gegen Leipzig – während das Spiel auf Schalke als Ausrutscher gesehen werden kann, scheiterte Nürnberg in den anderen beiden Partien jeweils am hohen Tempo der Gegner.

Wie viel ist die Leistungssteigerung wert?

Der Versuch, dieses Tempo durch eine gute Defensivstaffelung auszubremsen, ging nach hinten los. Sie kamen jeweils nicht in die Zweikämpfe, weil das Spiel an Passivität krankte. In den falschen Momenten wurden Räume geöffnet, selten wurde mal aggressiver nach vorn geschoben. Bei Ballgewinnen fehlten zudem Klasse und Ideen, um Nadelstiche zu setzen. In Leipzig erreichten die Nürnberger einen Expected-Goals-Wert von 0,39, in Dortmund waren es 0,15.

Für Köllner und den FCN haben diese Spiele weniger Relevanz, weil sie dort auf dem Papier ohnehin kaum eine Chance haben. Dem FC Bayern zeigt es aber, dass diese Mannschaft Probleme bekommt, wenn Top-Mannschaften ihr Tempo auf den Platz kriegen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Bayern eine ähnliche Leistung wie in Bremen braucht.

Geduld, wenn Geduld angebracht ist und Tempo, wenn sich zwischen den Ketten des Gegners eine Möglichkeit bietet. Vor allem wird es darauf ankommen, dass die Offensivspieler die Positionen besetzen und Passwege ermöglichen, die schlussendlich für gute Ausgangspositionen im letzten Drittel sorgen. Am Wochenende stehen nicht nur drei Punkte auf der To-do-Liste. Macht der FC Bayern gegen die Nürnberger spielerisch den nächsten Schritt, so steigt auch das Selbstbewusstsein erneut etwas an. Für das Finale gegen Ajax und die beiden Top-Spiele gegen Leipzig und in Frankfurt wäre das sehr wichtig. Dann wird man nämlich sehen, wie viel die jüngsten Leistungssteigerungen wirklich wert sind.

Das Thesen-Duell

Die Regeln findet ihr hier. Die Zahl für These 3 wurde diesmal von Justin gewählt. Kurzfristige Änderungen sind bis zum Spieltag noch möglich.

Ergebnis des letzten Spieltags: Justin 3,8 : 2,4 Fatbardh

Zwischenstand insgesamt: Justin 55,4 : 51,2 Fatbardh

Justins Tipps

  1. Torschütze: Serge Gnabry
  2. Freie These: Bayern schießt mindestens 3 Tore.
  3. Über/Unter 3,5: Über!
  4. Aufstellung: Neuer – Rafinha, Süle, Boateng, Alaba – Kimmich, Goretzka – Müller – Gnabry, Lewandowski, Coman

Fatbardhs Tipps

  1. Torschütze: Robert Lewandowski
  2. Freie These: Ein Bayern-Spieler erzielt mindestens einen Hattrick.
  3. Über/Unter 3,5: Über!
  4. Aufstellung: Neuer, Rafinha, Süle, Boateng, Alaba, Kimmich, Thiago, Müller, Gnabry, Lewandowski, Coman

Hinweis: Stand jetzt gibt es keinen Autor für das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg. Daher könnte es sein, dass es keine Analyse geben wird. Wir bitten dies zu entschuldigen.

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