Von Widerstandskraft bis Depression – wie sich Rassismus auf die Psyche von Fußballspielern auswirkt

Katrin Trenner 24.06.2020

Auch in der Bundesliga setzen Spieler und Vereine Zeichen gegen Rassismus und unterstützen die Black-Lives-Matter-Bewegung, die ihren Ursprung in der afroamerikanischen Gemeinschaft in den USA hat und Gewalt gegen Schwarze und People of Color bekämpft.

Diese Solidarität ist extrem wichtig – und lange überfällig. Auch Rassismus im Fußball ist leider kein neues Phänomen: Schmähgesänge und Beleidigungen auf dem Platz und im Stadion gibt es immer wieder. Es hat durchaus Fortschritte gegeben in den vergangenen Jahren, wie beispielsweise die zahlreichen „Fanprojekte“, für die Fußballfans mit professionellen Sozialarbeitern zusammenarbeiten.

Dennoch war es in der Vergangenheit oft so, dass die die Fußballer, die sich öffentlich gegen Rassismus ausgesprochen haben, oft diejenigen waren, die selbst Rassendiskriminierung zum Opfer gefallen sind, ob in ihrem Alltag oder im Stadion.

Der Berliner Sportpsychologe Uwe Knepel, der unter anderem im Nachwuchsleistungszentrum des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC aktiv ist, sagt, dass die Auswirkungen auf die Psyche eines Spielers, der rassistischen Beleidigungen oder Anfeindungen ausgesetzt ist, von unterschiedlichen Faktoren abhängen.

„Zum einen geht es um die Häufigkeit, also die Anzahl der erlebten Wiederholungen, die man in so einem Fall betrachten muss, und zum anderen um die eigene psychische Widerstandskraft, die sogenannte Resilienz,“ erklärt Knepel. „Die eigene individuelle Vorgeschichte spielt immer eine Rolle.“

Was passiert also mit einem Fußballer, wenn er auf dem Platz rassistisch beleidigt wird, sei es von Fans, anderen Spielern oder Offiziellen?

„Kurzfristig, in der Situation, ist es zunächst einmal eine riesige Ablenkung für den Spieler, der das gedanklich mit sich trägt und sich vielleicht nicht mehr hundertprozentig auf das Spiel konzentrieren kann,“ sagt Knepel.

„Einige werden vielleicht gereizt oder empfinden einen emotionalen Schmerz und suchen nach Möglichkeiten, um sich zu entladen. Zum Beispiel kann es dazu führen, dass der Betroffene ruppig spielt oder viele Fouls begeht, oder Getränkekisten in die Gegend wirft. Oder man ist nicht mehr im Spiel, und auf einmal funktioniert nichts mehr. Im schlimmsten Fall ist es so, dass wirklich gar nichts mehr geht, oder dass aufgrund eines groben Fouls eine rote Karte kommt – einiges davon ist ja auch in der jüngsten Vergangenheit schon passiert.“

Im Extremfall kann natürlich auch eine Depression die Folge sein

Langfristig jedoch kann es zu weitaus gravierenderen Folgen kommen. Laut Knepel haben Studien gezeigt, dass sich bei Jugendlichen nach länger anhaltenden und sich immer wiederholenden Feindseligkeiten häufig Verhaltensauffälligkeiten gezeigt haben.

„Da gibt es Veränderungen im Verhalten allgemein, aber es können auch depressive Symptome wie anhaltende Müdigkeit, erhöhte Reizbarkeit oder Schlafstörungen auftauchen,“ erklärt der Sportpsychologe. „Im Extremfall kann natürlich auch eine Depression die Folge sein – und für einen Fußballer oder Sportler kann das im schlimmsten Fall bedeuten, dass er aufhören muss.“

Wenn ein Fußballer während eines Spiels rassistischen Beleidigungen ausgesetzt ist, so muss er diesen Reiz von außen zunächst realisieren und für sich bewerten – dies ist etwas, was in der Regel sehr schnell und automatisch geschieht.

„Es ist ja nicht so, dass ein Spieler sich dazu entscheidet, jetzt wütend, traurig oder ängstlich zu werden, sondern das passiert ganz automatisch,“ sagt Knepel. „Hier gibt es mithilfe sportpsychologischer Maßnahmen und Techniken Möglichkeiten, Prozesse zu wiederholen und auch Verhaltensziele mit den Sportlern zu erarbeiten, damit sie sich selber darüber im Klaren sind, wie sie in so einer Situation eigentlich reagieren wollen. Das kann trainiert werden.“

Es geht um mehr als nur den Preis für Fair Play

Die Betroffenen haben auch die Möglichkeit, sich direkt oder über den Mannschaftskapitän an die Offiziellen oder die Bank zu richten und damit den Drei-Punkte-Plan der Fußballverbände in Gang zu bringen. Das dreistufige Verfahren reicht von einer Unterbrechung bis zum vollständigen Abbruch einer Partie.

„Das ist schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung, aber natürlich muss man auch erst einmal sehen, ob dieser Drei-Punkte-Plan langfristig etwas bringt,“ sagt Knepel. „Dazu müsste man zunächst Ergebnisse und Informationen sammeln und auswerten, um ein Urteil darüber fällen zu können. Als Mannschaft geschlossen vom Feld zu gehen, ist in der Jugend schon passiert, aber das wurde am Ende am grünen Tisch gegen sie entschieden. Das muss man leider auch berücksichtigen, dass es eben um mehr geht als nur den Preis für Fair Play.“

Das Wichtigste für einen Spieler, so Knepel, ist es, ein gutes und funktionierendes Netzwerk zu haben, das sie auffängt – von Vertrauenspersonen im Team und Verein über Sportpsychologen bis hin zu Familie und Freunden. Dabei ist es aber nicht unbedingt so, dass jeder Fußballverein sportpsychologische Betreuung anbietet.

„Es gibt Spieler, die haben ihre eigenen Sportpsychologen und machen das privat, aber es gibt auch Vereine, die stellen Sportpsychologen,“ erklärt Knepel. „Es soll auch welche geben, die haben gar keine. Natürlich wäre es eigentlich vorteilhaft, aber leider ist die ‚Laiensicht‘ auf den Sportpsychologen häufig noch vorbelastet, vor allem im Fußball. Das ist noch Aufklärungsarbeit, die geleistet werden muss.“

Der Sport allein wird nicht reichen

Es sind aber nicht nur Situationen im Alltag oder auf dem Platz, in denen der Fußball mit Rassismus zu kämpfen hat. Seit dem Aufstieg der sozialen Netzwerke gehört es beinahe wie selbstverständlich für einen Fußballer dazu, auf Plattformen wie Instagram, Facebook, Twitter oder TikTok aktiv zu sein. Das hat aber nicht nur Vorteile – es öffnet den Raum zu Online-Bashing.

„Rassistische Anfeindungen im Netz können ähnliche Auswirkungen haben wie auf dem Platz, obwohl hier der Unterschied ist, dass man sich besser mit der Situation arrangieren kann, da der Fußballer sich in dem Moment nicht auf dem Spielfeld befindet,“ sagt Knepel. „Man kann sich ja zum Beispiel bewusst dazu entscheiden, ein oder zwei Tage vor einem Spiel nicht mehr online zu gehen, um keine Kommentare lesen zu müssen.“

Um langfristig und effektiv gegen Rassismus im Fußball – und natürlich in der kompletten Gesellschaft – vorgehen zu können, muss noch mehr Aufklärung in der Bildungsarbeit passieren, so Knepel.

„Wir sind uns alle einig, dass es wichtig ist, dass in dem Bereich etwas passiert, und dass es auch durchdacht sein muss, um langfristige Wirkung zu haben. Das geht natürlich über den Sportbereich hinaus, da es nicht nur ein sportliches, sondern ein gesellschaftliches Phänomen ist, und da muss sich auch die Politik drum kümmern,“ sagt er.

„Wichtig ist, dass das Thema an- und ausgesprochen und nicht totgeschwiegen wird. Solange diese Ungerechtigkeit herrscht, müssen wir das Thema aktuell halten, und durch Bildungsarbeit eine andere Richtung einschlagen – in voller Breite, nicht nur im Sport, denn das wird nicht reichen.“

Mehr zum Thema: https://www.dw.com/de/jerome-boateng-zu-rassismus-kein-kind-auf-dieser-welt-wird-als-rassist-geboren/a-53674105 

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