Thomas Müller: Wo ist eigentlich das Problem?

Justin Trenner 06.12.2016

In dieser Analyse soll zunächst ein subjektiver Eindruck vermittelt und anschließend mit Hilfe von Statistiken geprüft werden. Statistiken bilden einen Ausschnitt der Realität ab und ermöglichen durch Interpretation einen Blick auf die Realität – in dieser Analyse sind sie wichtiger Indikator für die Leistungsbewertung von Thomas Müller.

Wo ist Thomas Müller & was macht Ancelotti da?

Lange Zeit fragten sich die Bayern-Fans, wer die Nummer 25 auf dem Rasen ist und was sie mit ihrem Müller gemacht hat. Der Angreifer wirkte unsicher, vergab plötzlich Elfmeter und traf auch aus aussichtsreichen Positionen kein Scheunentor mehr. In der Bundesliga hat der Nationalspieler nach 13 Spielen noch keinen Treffer erzielt. Die Gründe dafür wurden von vielen Beobachtern daran festgemacht, dass Müller auf der Außenbahn nicht mehr so gut eingebunden sei.

Dementsprechend würde der 27-Jährige zu weniger Aktionen im Strafraum kommen, nicht mehr so häufig aus aussichtsreicher Position abschließen können und auch sonst sei er in seinem Spiel dort eingeschränkt und verschenkt. Dass der Bayern-Star als zweite Spitze im Zentrum seine größten Stärken hat, zeigte sich nicht zuletzt gegen Mainz 05. Doch wieso stellte Ancelotti ihn dann immer und immer wieder auf die ungeliebte Außenbahn?

Dafür gibt es zwei logische Argumente. Auf der einen Seite hat der Italiener einen Flügelspieler gebraucht, um seine unfitten Dribbler regelmäßig zu schonen und sie nicht wieder zu verheizen. Dennoch fielen Robben und Ribéry wiedermal über einige Wochen aus. Mit Kingsley Coman gesellte sich der dritte von vier Außenbahnspielern dazu und auch Costa war lange Zeit verletzt. Zwar fehlten niemals alle vier zugleich und Ancelotti hätte oft auf ein 4-4-2 wechseln können, aber letztendlich war ihm das Risiko vielleicht zu hoch. Auf der anderen Seite ist dieser Thomas Müller, wenngleich er im Zentrum besser wirken kann, in der Rolle des einrückenden Flügelspielers aber vielleicht auch gar nicht so schlecht.

Wenige Auffälligkeiten im Quervergleich

Es sei vorweg gesagt, dass alle Statistiken nur Bundesliga-Spiele beinhalten, da dieser Wettbewerb eine Formkurve am ehesten bewerten lässt.

Zwischen den Spielzeiten 2009/10 und 2015/16 hat Thomas Müller seine Anzahl an Abschlüssen kontinuierlich gesteigert. Waren es damals noch zwei Schüsse pro 90 Minuten, sind es in der vergangenen Saison schon 3,6 gewesen. Mit 3 Versuchen pro 90 Minuten liegt er in dieser Spielzeit knapp über seinem Durchschnitt von 2,7.

Interessant ist es daher, sich auch anzuschauen, wie Müller abschließt und von wo. 2,6 seiner 3 Abschlüsse finden innerhalb des gegnerischen Strafraums statt. Das ist zusammen mit der Saison 2013/14 sein Bestwert. Nur 2015/16 kam der Nationalspieler auf mehr (2,8/90 Minuten). Auch hier also ein aktueller Wert über dem Durchschnitt (2,2/90 Minuten).

Auffällig ist jedoch, dass im Schnitt nur ein Schuss pro 90 Minuten auf das Tor des gegnerischen Torwarts geht. Die Werte in den vier Spielzeiten davor waren 1,8/90 Minuten, 1,6/90 Minuten, 1,2/90 Minuten und 1,5/90 Minuten. Nur 2010/11 (0,9/90 Minuten) und 2011/12 (0,8/90 Minuten) waren es weniger. Müller liegt hier unter seinem Durchschnitt von 1,2 Abschlüssen auf das Tor pro 90 Minuten.

Ein weiterer, kleiner Unterschied zu der Vergangenheit ist in der Art seiner Chancen festzustellen. Mit 0,8 Kopfbällen pro 90 Minuten hat der 27-Jährige aktuell den zweithöchsten Wert seiner Karriere. In der Triple-Saison war es einer in 90 Minuten. Allerdings waren es in den anderen Jahren nicht viel weniger. Der Durchschnitt von 0,55 Kopfbällen pro 90 Minuten wird durch die geringen Werte (0,2; 0,2; 0,4) von 2009 bis 2012 gedrückt.

Überdies erzielt Müller die mit Abstand meisten seiner Tore mit seinem starken Fuß. Im Schnitt sind es 0,34 pro 90 Minuten, während er mit Links und seinem Kopf nur 0,14 Treffer pro 90 Minuten erzielte. Das ist deshalb spannend, weil er in der aktuellen Spielzeit durchschnittlich mit 1,6 Abschlüssen mit rechts so wenige hat, wie seit drei Jahren nicht mehr. Von 2009 bis 2013 waren es 1,4, danach immerhin 2 pro 90 Minuten.

Müller war in seiner Karriere konstant torgefährlich.(Grafik: Lukas)
Müller war in seiner Karriere konstant torgefährlich.
(Grafik: Lukas)

Als Torjäger geschätzt, als Vorlagengeber unterschätzt

Müllers Rolle beim FC Bayern ist eine extrem wichtige. Seine Torschussbeteiligungen untermauern das. Seit 2009 war er nur in einer Spielzeit an weniger als 4 Torschüssen pro 90 Minuten beteiligt (2010/11; 3,7/90 Minuten). Im Triple-Jahr (5,3/90 Minuten) und in der vergangenen Saison (5,9/90 Minuten) waren es sogar über 5.

So auch in der Aktualität. Müller bereitet derzeit 2,4 Abschlüsse pro 90 Minuten vor (Bestwert in seiner Karriere). Addiert mit seinen eigenen Torschüssen sind das 5,5 direkte Beteiligungen im Schnitt.

Der Nationalspieler ist damit der wichtigste Vorlagengeber der Münchner nach Ribéry (2,6 Torschussvorlagen/90 Minuten) und kommt nach Arjen Robben (3,1/90 Minuten) und Robert Lewandowski (4,4/90 Minuten) auf die drittmeisten Abschlüsse.

Als Vorbereiter hat er seine Qualitäten nicht verlernt. Der 27-Jährige bereitet zurzeit 0,5 Treffer pro 90 Minuten vor.

Nicht messbare Makel im Spiel

Statistisch gesehen ist Müllers Saison also gar nicht so schlecht. Sie zählt aus dieser Perspektive sogar zu den besseren in seiner Karriere. Dennoch gibt es offensichtliche Dinge, die sich anhand von Statistiken nur schwer messen lassen.

Man kann sich aber beispielsweise seine Passquote (72%) ansehen und stellt fest, dass es die schlechteste in seiner Laufbahn ist. Nur in der Saison 2014/15 war er dort ähnlich schwach (72,4%), sonst bewegte sich die Quote immer um die 77%.

Oftmals sind es Konzentrationsschwächen. Müller wirkt nicht frei im Kopf und dieses Argument lässt sich auch anwenden, wenn man nach Gründen für seine Torflaute sucht. Er hadert mit sich, spielt ungewohnte Fehlpässe und macht einfache Fehler.

Es sind aber Kleinigkeiten von denen da die Rede ist. Kleine Schrauben, an denen er selbst drehen muss. Dafür braucht er jedoch Spiele und Erfolgserlebnisse. Ancelotti sieht das genauso und bringt Müller deshalb zurecht immer wieder.

Müllers Einbindung beim FC Bayern

Anfangs wurde bereits erwähnt, dass der Angreifer auch ein passabler Außenspieler ist. Er sucht sich ohnehin seine eigenen Wege, öffnet Räume für seine Mitspieler und zieht so ins Zentrum. Eine Rolle, die Ancelotti sowieso für seine Außenspieler definiert hat.

Das beste Beispiel lieferte dafür das Heimspiel gegen Eindhoven. Müller rückte stark ein und agierte so im sonst unterbesetzten Zehner-Raum.

Bayerns Nummer 25 ist keinesfalls verschenkt auf dem Flügel. Das lässt sich ein stückweit auch damit beweisen, dass sich die Position seiner Abschlüsse kaum verändert hat.

Die Problematik mit Thomas Müller auf der Außenbahn ist eher eine andere als seine eigene Leistung. Durch sein Einrücken wird eine Position auf dem Flügel frei, die von Philipp Lahm, Rafinha oder Joshua Kimmich besetzt wird. Allesamt Spieler, die keine Eins-gegen-Eins-Situationen provozieren.

Müllers durchschnittliche Schussposition hat sich in den letzten Jahren kaum verändert.(Grafik: Lukas)
Müllers durchschnittliche Schussposition hat sich in den letzten Jahren kaum verändert.
(Grafik: Lukas)

Bayerns Zauber-Dreieck

Indiskutabel ist hingegen, dass der Angreifer im Zentrum seine besten Leistungen abrufen kann. Statistiken hin oder her, das, was Müller am Wochenende in Mainz zeigte, war ein klarer Sprung nach vorne. Zieht man zwei oder drei unglückliche Ballverluste ab und addiert etwas Abschlussglück, kommt man auf den Müller der letzten Jahre.

Die Entscheidung Ancelottis, dass Arjen Robben und Robert Lewandowski in der direkten Umgebung von Müller wirbeln durften, war eine sehr gute. Dieses Dreieck ist nahezu unschlagbar.

Müller legte mit der Hacke auf Robben ab, kreuzte mit Lewandowski die Laufwege und bewegte sich immer auf die Position, die beiden am ehesten half. Will man von dem Bild ausgehen, dass Robben und Lewandowski sich nicht immer so gut verstanden, so ist Müller wahrscheinlich der Schlichter. Das beruhigende Element in diesem für Bayern so essenziellen Dreieck.

Thomas Müller. Statistiken / 90min (Bundesliga)

 2009/102010/112011/122012/132013/142014/152015/162016/17
Abschlüsse21,92,22,92,93,13,63
Tore0,40,40,20,60,50,40,80
Torschuss-
vorlagen
21,82,12,42,51,52,32,5
Assists0,20,40,20,50,40,40,20,5
Pässe
(%)
33 (77%)31,7 (76,4%)39,1 (78,8%)36,9 (77,7%)41,6 (78,6%)36,9 (72,4%)40,5 (77%)40,7 (72%)

Ein Fazit lässt sich schnell ziehen. Die Statistiken bestätigen, dass Müllers Form während dieser Saison deutlich besser ist, als das viele erwartet hätten. Seine offensichtlichen Probleme sind mental und sie lassen sich mit einigen Erfolgserlebnissen am Stück wieder lösen. Das Spiel in Mainz war dafür ein Schritt in die richtige Richtung.

Quelle für Daten & Statistiken: Whoscored.com

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