Round-Up: Nebenkriegsschauplätze

Daniel Trenner 12.12.2021

Marco Neppe, Technischer Direktor

Marco Neppe wird Technischer Direktor | FC Bayern
Beförderungen beim FC Bayern: Der Verein hat seinen bisherigen Chef-Scout Marco Neppe zum Technischen Direktor befördert, sowie Chef-Juristen Michael Gerlinger zum neugeschaffenen und etwas absurd klingenden Posten “Vice President Sports Business and Competitions”. Während man bei letzterem durchaus mit dem Kopf schütteln kann, wem denn dieser Postenname eingefallen ist – gerade der Anglizismus irritiert – freut mich Neppes Beförderung sehr.

Hier haben wir wirklich eine klassische Aufstiegsgeschichte, die man bei einem Super-Club wie dem FC Bayern eigentlich nie mehr sieht. Gekommen als junger Assistent von Michael Reschke hat er sich mit seinem Talent, Fähigkeiten und vor allem seinen Resultaten bis fast an die Spitze des größten Vereins des Landes gearbeitet.

Apropos Reschke, erinnert sich noch jemand an die Gefühlslage der (internetaffinen) Fangemeinde anno 2017? Uli Hoeneß war wieder da, Matthias Sammer brach gesundheitlich weg und auf einmal schied auch Michael Reschke aus dem Verein. Reschkes sukzessive Misserfolge sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er beim FC Bayern großartige Arbeit verrichtete – die Produzenten des Champions-League-Titel-Tores grüßen nett.

Seine moderne Art des Scoutings gab es beim FC Bayern bis dato nicht. Nicht immer nur bei der Bundesligakonkurrenz zu fischen, sondern mit Datenbanken jeden Spieler der Welt im Blick haben. Der FC Bayern war es nicht gewohnt einen Mann zu haben, der sich auf die Tribünen unterklassiger Ligen setzte, und Teenager beobachtete.

Und 2017 war er auf einmal weg. Es fühlte sich an als würde Hoeneß mit aller Macht die guten, alten Zeiten wieder auferstehen lassen wollen. Das Gefühl täuschte nicht, aber die Zeit zurückdrehen konnte er nicht völlig, denn Reschkes Netzwerk blieb weiterhin im Verein. Der neue Stuttgart-Sportchef wollte eigentlich seinen Schüler Neppe mitnehmen, doch in einem damals noch völlig untergegangenem Moment, blockte Bayern ab. Schon da erkannte man Neppes Auge und förderte ihn. Es war nun an ihm in Wintermänteln verkleidet, inkognito auf kanadischen Tribünen Talente zu scouten.

Jahre später und die Neppe-Spieler im Profikader sind offensichtlich. Spieler der Qualitäten von Davies und Musiala für die damaligen Tarife zu gewinnen, hat Achtung hinterlassen, die der Verein nun mit der Beförderung zurückzahlt. Padawan Neppe ist nun auf dem Level seines Meisters Reschke angelangt. “Technischer Direktor” ist exakt der gleiche schwammige Begriff, den Reschke beim Rekordmeister inne hatte. Zweifelhaft, ob dies der letzte Schritt auf Neppes Karriereleiter ist.

So gut seine Beziehung zu Salihamidžić auch sein mag, sollten der Verein und Sportvorstand irgendwann getrennte Wege gehen, stünde ein interner Nachfolger bereits in den Startlöchern. Es wäre der endgültige Aufstieg des Schülers, gekommen als bloßer Assistent. Doch sollten Schüler ihre Meister nicht auch so immer übertreffen?

Die Rückkehr der Geisterspiele

Stellungnahme zu Geisterspielen im Dezember 2021 | Club Nr. 12
Die Geisterspiele sind zurück und somit auch der Fan-Ärger. Nachdem Markus Söder mit seiner CSU sich wochenlang darauf beschränkt hat, alles was die vierte Welle angeht der neugewählten Ampel anzulasten, ist der Pandemie in Bayern derart eskaliert, dass der selbsternannte “Mister Vorsicht” unter Anderem dem gesamten Freistaat Bayern eine Geisterspiel-Kur verordnet hat.

Nun gut, ist Markus Söder ein lauthalsiger Opportunist? Sicher. Reitet er gerne mal populäre, ja gar mitunter populistische Wellen? Natürlich. Sind die Geisterspiele schon allein deshalb falsch? Nein, nicht unbedingt. Mir ist bewusst, dass ich hier auf Konfrontationskurs mit so gut wie allen in der Fußballblase gehe, doch mir sind Geisterspiele derzeit tatsächlich ganz lieb.

Fakt ist, dass man überall, wo es nicht weh tut die Kontakte reduzieren oder am besten gleich streichen sollte. Doch die Gastronomie und Kultur kämpft schon jetzt um ihre Existenz, zu hart traf sie die zweite und dritte Welle. Es ist also richtig hier erstmal Abstand zu nehmen und Bereiche anzugreifen, die es sich leisten können und damit sind wir unweigerlich beim Fußball. Niemand kann es sich besser leisten auf Publikum zu verzichten als eben der König aller Sportarten. Jeder Verein, vor allem aber natürlich der FC Bayern kann auf Zuschauer verzichten und trotzdem weiter existieren. Der Fußball hat Fernsehübertragungen, Kinos und Theater nicht. Es ist daher richtig zuerst die Bereiche zu beschränken, die zwar womöglich am lautesten quengeln, aber auch am ehesten damit leben können. Natürlich beschweren sich hier mit Club Nr. 12 auch Fans. Doch so leid es mir tut, Fans sind egal. Niemand darf in dieser Notlage für politische Entscheidungen irrelevanter sein als Genusskonsumenten. Filmfreunde und Opernbesucher helfen mit ihren Genusskontakten wenigstens gebeutelten Wirtschaftszweigen, für den Fußball gilt das nicht.

Lothar Wieler sagt immer wieder es gäbe zu viele Kontakte in der Gesellschaft und dazu gehören eben Fußballstadien. Man trifft sich vor dem Spiel, nach dem Spiel und während des Spiels ist man gerne mal überemotionalisiert. Vereine entgegnen hier gerne mal, dass kaum jemand nach ihren Spielen infiziert war, doch ist das nur die halbe Wahrheit. Niemand weiß derzeit, wo die Infektionen herkommen. Die Kontaktnachverfolgung ist schon seit längerer Zeit komplett zusammengebrochen. Spitzfindige Bemerkungen sind hier unangebracht. Fakt ist, dass Virus ernährt sich von Kontakten, aggressive Varianten wie Delta und Omicron ungleich mehr wie der Wildtyp. Kontakte also dort zu verbieten, wo sie niemandem wirtschaftlich in Existenzängste schicken, ist also sinnvoll.

Ein besonderes Ärgernis ist für mich hier ein Argumentationsstrang des Clubs Nr. 12, den man immer wieder bei den verschiedensten Sachverhalten wiederfindet: Die angebliche Sicherheit durch fehlende Aerosolübertragung im Freien. Schon im Frühling kamen Forscher hier zu Wort, die die Gesellschaft verwirrten. Draußen sei man gänzlich sicher, weil infizierenden Aerosole sich an der frischen Luft einfach verfangen. Ja, stimmt. Nur wird Corona eben nicht nur durch Aerosole übertragen. Es gibt eben auch die Tröpfcheninfektion und wenn Menschen lange Zeit an ein und demselben Ort versammelt sind, fliegen die eben durch die Luft. Wenn es mal emotionaler wird, wenn man darauf nicht achtet… jeder kennt die Situationen. Genau deshalb waren die Experten ja auch so entsetzt über die Bilder des Kölner Karnevals oder Stadions, auch wenn sich dort Menschen unter freiem Himmel zusammen fanden. Genau deshalb schließt Bayern ja auch die Weihnachtsmärkte, denn beim Glühweintrinken infizieren sich die Menschen dicht an dicht auch unter freiem Himmel.

Der Profifußball ist der derzeit womöglich unwichtigste, weil gesündeste Wirtschaftszweig Deutschlands, ihn in dieser harten Welle zu beschränken, während nirgendswo mehr Intensivbetten frei sind, ist also richtig. Geisterspiele? Ja, bitte!

Die Jahreshauptversammlung & Qatar Airways

Sitzt Rekordmeister Antrag aus? Bayerns Katar-Zoff beschäftigt Gericht | N-TV
Von Geldwerten, moralischen Werten und werten Kunden | Texterstexte
Kommentar zur Jahreshauptversammlung des FCB: Bayerns Bosse haben nichts verstanden | Spox
Es war einmal in einem Land vor unserer Zeit… Naja gut, so lange ist die Jahreshauptversammlung dann doch nicht her. Es war immerhin das Thema der Bayernmitglieder in den letzten Wochen. Michael Otts Katar-Antrag, Bayerns Aussitzen und Blockade vor Gericht und dann das laute Crescendo auf der eigentlichen JHV, wo das Thema über allen schwelte und schlussendlich zur “schlimmsten Veranstaltung” wurde, die Uli Hoeneß “je um den FC Bayern erlebt” hatte. Die Replik darauf ist denkbar einfach:

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Der Verein hat sich das Thema selbst hochgezüchtet mit seinem arroganten Verhalten vor und während der Jahreshauptversammlung und erntet nun die aufgestaute Wut seiner Mitglieder. Erst Recht, weil sich der Verein wirklich glücklich schätzen sollte, so einen überfairen Kritiker wie Michael Ott zu haben, dessen Anträge und Wortmeldungen eher noch übervorsichtig und übernuanciert waren. Eine Nuancierung, die die Verantwortlichen mit ihrem Verhalten nicht verdienen.

Die ersten erfolgten behutsamen Schritte der persönlichen Gespräche mit Antragstellern sind gut gemeint, reichen aber auch nicht aus. Dies ist ein öffentlicher Konflikt, den der Verein öffentlich eskaliert hat und dessen Agenten der Verein öffentlich diffamiert hat. Er muss auch öffentlich weitergetragen werden. Denkbar sind etwa mitgeschnittene Podiumsgespräche und schlussendlich selbstverständlich auch ein Antrag auf einer zukünftigen Jahreshauptversammlung.

Was die Zukunft des eigentlichen Sponsorings mit Qatar Airways angeht, bin ich etwas ratlos, muss ich gestehen. Das Verhalten des Vereins legt eigentlich nahe, sie wollen unbedingt daran festhalten, denn wieso auch sonst sollten sie sich derart mit Händen und Füßen wehren? Andererseits würde eine Verlängerung die Situation endgültig eskalieren. Doch wenn der Verein gar nicht an Qatar Airways festhalten will, fragt man sich unweigerlich, wieso sie dann in einen derartigen Konflikt mit ihrer eigenen Fangemeinschaft gehen.

Das Impfdebakel

Ungeimpfte gegen Geimpfte – Beim FC Bayern droht plötzlich Explosionsgefahr in der Kabine | Focus
Volltätowiert, aber Angst vor der Impfung? | Der Freitag

… Doch bei all den Qatar-Airways-Querelen sollten wir nicht vergessen, dass das öffentlichkeitswirksamste Thema rund um den FC Bayern die (Nicht-)Impfthematik fünf seiner Spieler war. Mehrfach bis in die Primetime der Tagesschau schaffte es besonders Joshua Kimmich als Gesicht der Affäre. Mehrere Wochen hatte jede Talkshow (und Deutschland halt lächerlich viele von denen) irgendwo ein Segment über Joshua Kimmich. Das vorzeitige Ende des Ganzen kam mit der Immunisierung seiner Spieler, Gnabry und Musiala sind mittlerweile geimpft, Choupo-Moting und Kimmich genesen. Drolligerweise weiß niemand ob sich der Fünfte im Bunde, Cuisance, wirklich hat impfen lassen. Ihn hat man einfach während des Ganzen vergessen. Aber genau genommen ist das auch nur ein Ebenbild seiner gesamten Bayern-Karriere.

Bei beiden weiß man mittlerweile, dass sie einen schwereren Verlauf erwischt haben, bedauerlich, aber leider auch schlicht ihre eigene Schuld. Gerade die neuesten Entwicklungen um Joshua Kimmich gingen medial wieder durch die Decke. Leider hat er erneut verpasst sich öffentlich für die Impfung auszusprechen. Der ehemalige zukünftige Bayern-Kapitän hat im Zuge des ganzen bereits so viel öffentliche Anerkennung verspielt, dass man nur hoffen kann, er hat diesen Teil seiner Kommunikation einfach nicht bedacht. Nicht auszudenken, wenn er im neuen Jahr sich auch noch mit der dann kommenden Impfpflicht anlegen wird.

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Zusatz: Just heute hat Joshua Kimmich offenbart, er werde sich nun doch impfen lassen. Schön, damit ist dieses Thema samt PR-Desaster erledigt.

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