Philipp Lahms Rücktritt – großer Spieler, großer Kapitän, großer Paukenschlag

Felix Trenner 18.07.2014

Seit 2010 war Lahm in einer Kapitäns-Doppelfunktion tätig. Sowohl in der Nationalmannschaft, als auch beim FC Bayern war er unter den Spielern der Herr des Platzes und der Umkleidekabine – kurzum: der mächtigste Fußballer Deutschlands. Sein Wort hatte Gewicht, seine Meinung wurde geschätzt und er galt als der wohl zuverlässigste und, positiv gemeint, bravste Spieler, den Deutschland in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hatte. Diese Rolle spielte er auch auf dem Platz: Aufgeräumt, ruhig am Ball, zweikampfstark und eben extrem konstant und zuverlässig auf seinem hohen Niveau. Egal ob als Links- oder Rechtsverteidiger oder, seit 2013, im Mittelfeld: Auf ihn war Verlass. Diese Stütze bricht nun weg, innerhalb Jogi Löws Team entsteht nicht nur ein Machtvakuum außerhalb des Platzes, dass gefüllt werden muss, sondern auch auf dem Platz macht Lahm’s Weggang das Ganze nicht einfacher. Auf der Rechtsverteidigerposition kann der Bundestrainer nicht gerade von Alternativen auf hohem Niveau schwärmen. Das angesprochene „Machtvakuum“ wird wohl aufgefüllt werden von Bastian Schweinsteiger, so er nicht ebenfalls beschließt am Höhepunkt seiner Karriere „Ade“ zu sagen. Alternativ wäre auch Manuel Neuer ein Kapitän, der viel Akzeptanz genießt – den allerdings, nach Löws Philosophie, seine Torwartposition ins Hintertreffen geraten lassen könnte. Sami Khedira ist aus meiner Sicht der geeignetste Kandidat: Im richtigen Alter, auf der richtigen Position, meinungsstark und mit einem guten Draht zu Löw – er bringt vieles von dem mit, was ein Nationalmannschaftskapitän braucht.

Klares Bekenntnis zum FC Bayern München

In der Nationalelf warten also Entscheidungen darauf, getroffen zu werden. Beim FC Bayern hingegen wird man sich freuen. Durch den Rücktritt bezieht Lahm klar Stellung: München ist mir wichtig(er). Sicher, man kann argumentieren, die paar Länderspielreisen seien locker machbar, aber andererseits muss man erkennen, in welcher Situation sich Lahm befindet: Im Herbst wird er 31, hat einen kleinen Sohn zuhause und startet in seinen letzten langen Vertrag hinein. Bis 2018 (dann wäre er 34) soll das hohe Niveau, auf dem er jetzt spielt, mindestens gehalten werden. Und Lahm hat längst erkannt, dass er dafür Opfer bringen muss. Regeneration lautet hier das Stichwort und lässt sich gut festmachen an der Anfangsphase der kommenden Saison. Während er als Nationalspieler zwischen dem 2. Und 3. Spieltag schon wieder gegen Argentinien und Schottland ran müsste, wird er diese zwei Wochen dringen benötigen, um die verpasste Vorbereitung in Teilen aufzuholen. Insgesamt „spart“ sich Lahm während der Saison 2014/15 durch den Rücktritt neun Spiele und Reisen nach Israel und Georgien. Pep Guardiola darf sich darauf freuen, in der kommenden Saison andere Säulen zu schonen, Lahm wird in den Spielen nach den Länderspielpausen, gegen Stuttgart (3. Spieltag), Bremen (8. Spieltag) und Hoffenheim (12. Spieltag) sicherlich zur Stammformation zählen. Auch auf seine Position könnte sich der Rücktritt auswirken. Mehr Einsatzzeiten im Mittelfeld werden wahrscheinlicher, schließlich ist von nun an Lahm der Spieler im Kader, der von allen Mittelfeldakteuren am wenigsten Verpflichtungen außerhalb des Vereins hat.

Zu guter Letzt sollte man nicht vergessen, dass die Nationalmannschaft auch psychologisch eine Herausforderung darstellen kann. Nach dem WM-Triumph in Rio ist das nächste Ziel, die EM 2016, noch zwei Saisons entfernt – ein langer Zeitraum für einen Fußballer in seinem Alter. Und die unbändige Motivation, Qualifikationsspiele gegen Gibraltar zu bestreiten, ist möglicherweise nicht mehr gegeben, vor allem nicht dann, wenn im Hinterkopf die nächste wichtige englische Woche mit dem FC Bayern ansteht. So gesehen, lässt sich Lahm’s Rücktritt als Sinnbild dessen wiedergeben, was ihn seine gesamte Karriere über (auf und abseits des Platzes) ausgezeichnet hat: Fundiert und sachlich zu überlegen und dann die Entscheidung zu treffen, die nicht nur für ihn, sondern auch für seinen Verein und seine Mitspieler am besten ist.

Danke, Philipp.

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