Nie wieder rechtfertigen

Steffen Trenner 16.07.2014

Ein Spiel stand für Lahm und Schweinsteiger zwischen dem Label unvollendet oder vollendet. Wie oft hatten sich Lahm und Schweinsteiger gerade nach der Saison 2011/2012 kritische Fragen und Kommentare gefallen lassen müssen. Ein großes Aber schien ihre erfolgreiche Karriere bis dahin zu begleiten. Ein Spiel, 120 Minuten, 5-6 kritische Szenen, die dieses Spiel in die ein oder andere Richtung hätten verändern können. Am Ende dieser 120 Minuten steht die Vollendung. Nach dem Champions League-Sieg mit dem FC Bayern im Jahr 2013 auch der Weltmeister-Titel 2014. Mehr geht nicht. Die Zeit der Rechtfertigungen, der Relativierungen endet mit dem 1:0-Erfolg über Argentinien.

Es ist schon bemerkenswert wie sich diese beiden Spieler seit ihrem gemeinsamen Profi-Debüt für den FC Bayern in einem unbedeutenden Champions League Spiel gegen Lens im Jahr 2002 nebeneinander her entwickelt haben. Ihr fußballerischer Weg ist eng verknüpft. Und doch sind sie sowohl in ihrem Spiel, als auch ihrer Persönlichkeit verschieden. Lahm ist die große Konstante der letzten 10 Jahre. Sowohl beim FC Bayern als auch in der Nationalmanschaft. Seine Entwicklung verlief stetig. Sein Spiel hat sich in dieser Zeit in seinen Grundzügen kaum verändert – es wurde höchstens sicherer und reifer. Egal ob als Linksverteidiger, Rechtsverteidiger oder zuletzt im zentralen Mittelfeld – Lahms Leistungen blieben konstant. Seine Passsicherheit, seine unfassbare Ruhe, seinen Zug im Hinterlaufen und seine unterschätzten defensiven Qualitäten kennzeichnen sein Spiel.

Als Linksverteidiger zog es ihn naturgemäß mit Ball etwas mehr in die Mitte, als Rechtsverteidiger entwickelte er sich zu einer Mischung aus einem aktiv hinterlaufendem Rechtsaußen und einem diagonal orientierten Aufbauspieler. Im Zentrum konzentrierte er sich auf die Balance und die offensiven wie defensiven Verbindungen. Und doch ist es seine große Qualität, dass es in seinem Spiel kaum einen Unterschied ausmacht, ob er im WM-Finale antritt oder in der Bundesliga gegen den SC Freiburg aufläuft. Eine solche Konstanz auf so hohem Niveau über einen so langen Zeitraum habe ich zumindest in den letzten 10 Jahren bei keinem Fußballer gesehen.

Schweinsteigers Entwicklung verlief anders. Aus dem zunächst wilden, risikofreudigen später häufiger verunsicherten Flügelspieler wurde vor knapp fünf Jahren ein spielstarker, torgefährlicher zentraler Mittelfeldspieler. Hier stieß er in die Weltklasse vor, weil er sich vor allem taktisch und physisch weiterentwickelte. Verletzungen, sportliche Misserfolge wie das verlorene Champions League-Finale 2012 oder die darauf folgende Europameisterschaft – Rückschläge gab es für ihn auch danach noch genug. Nicht mal der Sieg im Champions League-Finale 2013 wischte bei vielen Kritikern, die Zweifel, die mal in seinem (angeblich) langsamen Spiel, mal an seinem öffentlichen Auftreten festgemacht wurden, weg. Auch für Schweinsteiger ist mit dem WM-Titel die Zeit der Rechtfertigungen vorbei.

Anders als Lahm hat es in Schweinsteigers Spiel immer gewisse Schwankungen geben. Gerade nach kleineren oder größeren Verletzungen tat sich Schweinsteiger schwer seinen Rhythmus zu finden. Sein Spiel ist aufwändig. Laufintensität und Aggressivität sind Elemente, die einen großen Einfluss auf die Qualität seines Spiels haben. Sie sind häufig die Grundlage dafür, dass Schweinsteiger Struktur- und Taktgeber im Mittelfeldzentrum sein kann. 15,3 Kilometer lief Schweinsteiger im WM-Finale – mehr als jeder andere Feldspieler. Schweinsteiger steckte die meisten Fouls ein (6) und war nicht nur verbal der Anführer seiner Mannschaft. Auch er ist endgültig ein Vollendeter.

Für Lahm und Schweinsteiger schließt sich mit dem WM-Titel ein Kreis. Beide sollten jetzt den notwendigen Abstand gewinnen. Der Alltag nach dem historischen Moment wird grau. Der FC Bayern steht vor einer kniffligen Saison mit hochmotivierten Verfolgern und der Herausforderung viele WM-Fahrer im Verlauf der Vorbereitung physisch und mental aufzufangen und sukzessive zu integrieren. Schweinsteiger und Lahm müssen niemandem mehr etwas beweisen. Für sie geht es in den verbleibenden Jahren ihrer Karriere nur noch um den maximalen Erfolg. Für den FC Bayern könnte die Saison 2014/2o15 gerade deshalb der Beginn des Übergangs werden. Neue Spieler, neue Charaktere werden mehr Verantwortung übernehmen (müssen). Dieser Weg könnte holprig werden. Lahm und Schweinsteiger werden dabei auch Niederlagen und Rückschläge kommentieren und verkraften müssen. Rechtfertigen brauchen sie sich zumindest mit Blick auf ihre Karriere endgültig nicht mehr.

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