Patreon-Kolumne: Wie ist Kingsley Coman zu ersetzen?

Justin Trenner 07.03.2018
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Der FC Bayern und seine Flügelspieler – seit nun mehr als 10 Jahren ist das eine ganz besondere Geschichte. Fehlten Ribéry und Robben in der Vergangenheit, waren die Erfolgschancen stark limitiert. Daran hat sich mit fortschreitendem Alter aber zumindest ein bisschen was geändert.

Die Statistiken sprechen für sich

Im Fokus standen in dieser Saison andere Spieler. Zu Beginn war es Thiago, der die fehlende Struktur im Mittelfeld unter Trainer Ancelotti irgendwie kaschieren konnte. Nach dessen Verletzung rückte James immer mehr in den Mittelpunkt. Der Kolumbianer glänzte im Zentrum und stieg schnell zum Schlüsselspieler auf.

Im Schatten Ribérys, der sich in der Hinrunde ebenfalls verletzte, ging jedoch noch ein anderer Bayern-Spieler durch die Decke. Seit seiner Verpflichtung wurde fortlaufend diskutiert, ob er überhaupt das Niveau habe, um Robbery eines Tages zu beerben. Gerade unter Ancelotti fehlte das Vertrauen des Trainers komplett.

Der Ribéry-Ausfall war dann aber, so paradox das klingen mag, ein Glücksfall für Kingsley Coman und den FC Bayern. Coman entwickelte sich mit dem Vertrauen des Trainers und regelmäßiger Spielzeit zum bestens Eins-gegen-Eins-Spieler der Bundesliga.

4,2 Dribblings gewann der Franzose pro 90 Minuten. Kein Spieler mit mehr als 500 Minuten kann diesen Wert toppen. Aber auch seine Erfolgsquote spricht für sich. 57,5% seiner Duelle gewinnt er, während Leipzigs Bruma (4 erfolgreiche Dribblings/90 Minuten) auf 54% kommt und Dortmunds Pulisic (3,3 erfolgreiche Dribblings/90 Minuten) nicht mal die Hälfte seiner Dribblings gewinnt (43%). Auch der von vielen zurecht gelobte Leon Bailey (Leverkusen) erreicht Comans Quote nicht. Er gewinnt 2,7 Dribblings in 90 Minuten und ist damit zu 56,25% erfolgreich.

So richtig spannend ist dann aber der Vergleich mit den eigenen Teamkollegen. Bis man in dieser Statistik Robben und Ribéry findet, dauert es eine Weile. Letzterer gewinnt lediglich 30% seiner Dribblings. Speziell bedeutet dies, dass der 34-Jährige nur 1,4 von 4,6 Versuchen pro 90 Minuten erfolgreich gestaltet.

Robben ist mit 1,3 erfolgreichen Dribblings (von 3,8 Versuchen) und einer Quote von 34% zwar leicht besser in seiner Selektion, aber auch nicht wirklich effektiver. Beide zusammen gewinnen also deutlich weniger Eins-gegen-Eins-Situation als Kingsley Coman.

Allein daraus formuliert sich ein riesiges Problem, das der FC Bayern nun in der Schlussphase der Saison hat. Ausgerechnet in der Phase, in der die Titel in den Pokalwettbewerben entschieden werden, fehlt ihnen ein Spieler, der auf der Außenbahn Durchbrüche kreiert. Coman – und das muss so klar gesagt werden – war der Gamechanger des FC Bayern.

Kingsley Coman verletzte sich gegen Hertha schwer.
(Foto: Guenter Schiffmann / AFP / Getty Images)

Spielte er von Anfang an, erspielten sich die Bayern mit viel Druck Chancen. Sie waren weniger leicht auszurechnen und deutlich flexibler. Coman war sicher dominant in seinem Spiel, aber er wusste sich auch selbst rauszunehmen. Dann ging eben mal über rechts die Post ab oder es wurde auf ihn verlagert.

Genau das bekam Ribéry zuletzt nicht hin. Er fordert jeden Ball und ist in seinem Spiel zu dominant, obwohl er das Tempo nicht immer gehen kann. Er leitet damit zu viele gefährliche Kontergelegenheiten des Gegners ein.

Die taktische Entwicklung Comans ist hingegen bemerkenswert. Er positioniert sich gut, findet die richtigen Räume und weiß mittlerweile ganz genau, wann er ins Dribbling gehen kann und wann nicht. Diese bewusste Dosierung, die ihm zu Beginn noch oft zum Verhängnis wurde, hat er mittlerweile sehr gut balanciert. Ist er ausreichend abgesichert, geht er auch mal ins Risiko.

Ein selbstbewusster, spielfreudiger und extrem effektiver Coman wird den Münchnern fehlen. Auch wenn der 21-Jährige in Zukunft weiter an seiner letzten Aktion arbeiten muss, war er der Schlüssel im sonst nicht selten behäbigem Offensivspiel seiner Mannschaft.

Das belegen auch die Zahlen. Mit Coman in der Startelf gewannen die Bayern in dieser Saison 88% ihrer Pflichtspiele. Ohne ihn waren es lediglich knapp 70%.

War die Kaderplanung schlecht?

Dass dieser Ausfall die Münchner nun so hart trifft, hat aber nicht nur den Grund, dass Robben und Ribéry ein gewisses Alter erreicht haben. An guten Tagen sind sie immer noch in der Lage, den FC Bayern eine Klasse besser zu machen.

Diese guten Tage lassen sich aber besser planen und steuern, wenn rotiert werden kann. Das wird nun ob der Personaldecke schwieriger und das kann man der Klubführung durchaus vorwerfen. Mit drei echten Flügelspielern in die Saison zu gehen, war nicht gut durchdacht.

Allein schon deshalb, weil auch bei Robbery nicht damit gerechnet werden konnte, dass sie eine ganze Saison fit bleiben. Hier muss man sich entweder fragen, weshalb kein weiterer Spieler verpflichtet wurde oder wieso Gnabry nach Hoffenheim verliehen wurde.

Es darf durchaus angezweifelt werden, ob dieser jetzt einen großen Unterschied machen würde, wenn es auf internationaler Bühne gegen die absoluten Top-Teams geht, aber zumindest in der Bundesliga hätte er den Unterschied machen können, während Robben und Ribéry geschont werden.

Gnabry gewann in der Liga 54% seiner Dribblings. 3,3 erfolgreiche Duelle von 6,1 Versuchen sind ein Topwert, der nicht nur die Klasse im Eins-gegen-Eins unterstreicht, sondern auch für die Selektion seiner Dribblings spricht. Seine Torgefahr ist darüber hinaus bekannt. 2,6 Abschlüsse hat er pro 90 Minuten und das reichte trotz seiner Verletzung zu 4 Toren in 1049 Minuten. Seine 4 Torvorlagen ergänzen eine gute Bilanz.

Er wäre zumindest eine sinnvolle Ergänzung gewesen. Spätestens jetzt. Auch wenn man solche Situationen nicht immer vorhersehen kann, so hätte man sie in diesem Fall zumindest schon früher einbeziehen sollen.

Welche Alternativen bietet der Kader jetzt?

Trotz allem hat dieser Kader aber auch jetzt noch die Möglichkeiten, den Ausfall irgendwie zu kompensieren. Die Bundesliga ist durch. In Freiburg haben die Münchner bewiesen, dass es national in vielen Fällen auch ohne echte Flügelspieler geht. Das sieht dann nicht immer gut aus, ist aber zweckmäßig, um Kräfte zu schonen.

Die im wahrsten Sinne des Wortes zentralere Rolle werden aber Thiago, James und Müller spielen. Sie haben das Team auf ihre Art und Weise schon mehrfach durch die Saison getragen. Von ihnen wird es jetzt abhängen, ob man den Coman-Ausfall kollektiv kompensieren kann oder eben nicht.

Wenn Heynckes den Mut hat, alle drei in den großen Spielen aufzustellen, ist der FC Bayern immer noch in der Lage, flexiblen und temporeichen Fußball zu spielen. Das liegt an den verschiedenen Qualitäten, die dieses Dreieck mit sich bringt. Sie ergänzen sich einfach sehr gut.

Thiago ist der Strukturgeber. Er bietet sich zwischen den Linien an und verteilt die Bälle in gefährliche Zonen. Der Spanier überlädt Räume, verlagert das Spiel und transportiert den Ballbesitz nicht nur vom ersten ins zweite, sondern auch von da ins Angriffsdrittel. Vor allem aber nimmt er James wichtige Arbeit im Achter-Raum ab.

Der Kolumbianer kann sich dann nämlich endgültig auf seine Kernposition im Zehner-Raum, aber auch im rechten Halbraum konzentrieren und muss den Spielaufbau nicht mehr so stark mitbestimmen. Vorne sorgt er für Abschlüsse und letzte Pässe. Doch er zieht auch Gegenspieler auf sich, die dann Räume für Lewandowski oder Müller öffnen.

Letztgenannter wird zunehmend stärker. Müller ist nicht nur zurück, sondern auch wichtiger denn je. Gerade jetzt, wo die Flügelspieler schwächeln oder verletzt sind, lebt der FC Bayern von seinen Läufen, von seiner Mentalität und von seiner Spielintelligenz. Der Raumdeuter kann endlich wieder in seiner Rolle als freies Element brillieren und er gewinnt den Münchnern damit Spiele.

Mal als Torschütze, mal als Vorbereiter und mal, weil er einen völlig absurden Weg geht, der einen Mitspieler in eine optimale Position bringt. Müller ist aber auch als sogenannter Typ auf dem Platz absolut unerlässlich. Er gibt niemals auf, er geht voran und er motiviert seine Mitspieler.

Der Angreifer coacht seine Offensivkollegen, organisiert das Pressing mit, gibt Kommandos und übernimmt Verantwortung. Wenn Müller Form und Einstellung in die großen Spiele transportieren kann, ist ein ganz wichtiger Schritt in Richtung Coman-Kompensation gegangen.

Mit James, Thiago und Müller auf dem Feld gibt es viele Möglichkeiten, hinter die gegnerische Abwehr zu gelangen.

Müller interpretiert seine Rolle ohnehin immer sehr zentral. Kimmich wird dann zum offensiven Flügelspieler auf der Außenbahn. Die defensive Absicherung erfolgt durch eine Art Dreierkette hinten, die durch Martínez komplettiert wird. Nicht ungefährlich, aber oft effizient. Der Spanier muss einen großen Raum alleine verteidigen, ist jedoch der einzige Spieler im Kader, der das kann.

Das Dreieck James, Müller und Lewandowski ist nicht nur in der Lage, die richtigen Räume zu erlaufen, sondern auch kombinativ hinter die Kette des Gegners zu kommen.

Thiago bildet ein weiteres Element, das aus tieferen Zonen unterstützend absichert, aber auch aktiv dabei hilft, enge Situationen aufzulösen, zu verlagern und Mitspieler mit komplizierten Pässen zu finden. Eine Option wäre, dass die Bayern im Zentrum Kimmich auf den Außen freispielen, der dann (wie in der Grafik) die einlaufenden Spieler finden kann. Allerdings muss die Heynckes-Elf hier an ihrer Strafraumbesetzung arbeiten.

Möglich wäre natürlich auch, dass sie sich direkt durchkombinieren oder den eingerückten Ribéry auf der anderen Seite bedienen. In solchen Situationen ist der Franzose nämlich weiterhin sehr stark. Nicht so gut läuft es bei ihm, wenn er ohne viel Raum auf die Kette zulaufen muss.

Heynckes muss weiter gut rotieren

Jupp Heynckes ist quasi als Dauermoderator gefordert. Er wird wichtige Entscheidungen treffen müssen. Lässt er das benannte Dreieck ran, das vom großartigen Javi Martínez abgesichert wird, oder opfert er einen von ihnen für Vidal? Auch Vidal kann – speziell in den Auswärtsspielen der UEFA Champions League – einen großen Mehrwert bieten.

Dann muss der Chilene aber in höheren Zonen agieren als neulich in Freiburg. Er kann den gegnerischen Strafraum überladen und die Halbfeldflanken von James und/oder Thiago, aber auch die Hereingaben von Kimmich verwerten. Das und die Ballgewinne im direkten Gegenpressing machen ihn an guten Tagen zur Maschine, der man einige leichtfertige Ballverluste durchaus mal verzeihen kann.

Vidals Vorstöße müssen ausreichend abgesichert werden.

Wichtig wäre dann jedoch, dass der Chilene von seinen Teamkollegen etwas abgesichert wird. In der Grafik sieht man, dass seine Vorstöße einen großen Raum öffnen, den Thiago so nicht hinterlassen würde. Entweder vertraut man darauf, dass auch das noch von Martínez aufgefangen wird, oder Ribéry und Alaba sind etwas wachsamer. Vidal kann eine Waffe sein, aber auch ein Risiko. Trainerteam und Mitspieler müssen ihn deshalb richtig einsetzen.

Heynckes wird hier abwägen müssen, welche Offensivbesetzung gegen welchen Gegner benötigt wird und ob er den Fokus eher auf eine gute Absicherung oder auf die Offensive legt. Fakt ist, dass der FC Bayern Coman schmerzlich vermissen wird. Sein Ausfall ist der Worst Case und führt dazu, dass die Münchner ihr Spiel anpassen müssen.

Doch sie haben weiterhin ihre Möglichkeiten. Sie haben technisch begabte Spieler im Zentrum, die Robbery entlasten können, eine beeindruckende Physis, einen intakten Kader, dessen Einstellung bemerkenswert ist und sie haben Müller – einen Spielertypen, den in Europa kein anderes Team hat.

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