Niko Kovac wird neuer Bayern-Trainer

Felix Trenner 13.04.2018

Hasan Salihamidzic und Niko Kovac lagen sich in den Armen und streckten die Hände zum Himmel. Soeben hatten sie mit dem FC Bayern Real Madrid im Viertelfinale der Champions League mit 2:1 besiegt, beide waren im Lauf der zweiten Halbzeit aufs Feld gekommen. Oben in den Rängen des Olympiastadions erhoben sich Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge von ihren grünen Schalensitzen und spendeten, mit ihrem typischen zufriedenen und manchmal fast schon schelmischen Lächeln im Gesicht, verdienten Applaus.

Es ist durchaus möglich, dass sich diese Szene vom 02. April 2002 in einem guten Jahr wiederholt – mit dem Unterschied, dass die Sitze in der Allianz Arena grau sind. Der FC Bayern hat es wieder einmal geschafft, einen Superlativ zu kreieren und der vielleicht familiärste Verein der Welt zu werden.

Mit der Verpflichtung von Niko Kovac als neuem Trainer, als Nachfolger von Jupp Heynckes, haben es die Vereinsbosse innerhalb von nicht ganz zwei Saisons geschafft, externes Know-How durch FCB-Blutsverwandte zu ersetzen. Statt Sammer und Reschke führt heute Brazzo das Day-to-day-Business – macht das aber, wie man aus dem Vereins-Umfeld erfährt, mit viel Herzblut und erstaunlichem Geschick.

Mutigste Entscheidung seit Klinsmann

Auf der Bank wird bald Niko Kovac statt Pep Guardiola oder Carlo Ancelotti Platz nehmen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Kovac fast schon die kleinstmöglichste Lösung der Trainerfrage. Es braucht keine zwei Blicke, um zu sehen, was Hoeneß und Rummenigge an dem Kroaten gefällt: Er ist jung, er spricht deutsch, er kennt die Bundesliga, er kommt aus der Familie – und, so hart das klingen mag, er ist zu einhundert Prozent kontrollierbar.

Dennoch macht man einen großen Fehler, wenn man die Kovac-Verpflichtung als Grund für einen Pauschal-Angriff auf die Familienpolitik des FCB hernimmt. Das Führungstrio hat offensichtlich den Mut, einen anderen Weg zu gehen als die Mehrheit der großen europäischen Vereine, bei denen kleine Namen meistens von vorneherein ausgeschlossen werden.

Niko Kovac als Trainer beim FC Bayern ist in vielerlei Hinsicht ein Experiment, möglicherweise das spannendste seit Jürgen Klinsmann im Jahr 2008/09. Damals wie heute hatte man Vertrauen in einen jungen Trainer, der noch nie zuvor unter Dreifachbelastung gearbeitet hatte, der nicht einmal in den Ansätzen den Druck, der auf einen Bayern-Trainer herrscht, kannte. Die Frage ist: wird man damit erneut scheitern?

Keine toxische Stimmung

Vermutlich nicht. Erstaunlich vieles spricht für Kovac, dem die wenigsten den großen Wurf wirklich zutrauen und dessen Arbeit in Frankfurt dennoch die meisten schätzen. Die Eintracht konnte Kovac in das internationale Geschäft führen, er konnte eine Mannschaft mit einem klaren Konzept und viel Potential formen.

Beim FC Bayern wird er qualitativ höheres, aber auch anspruchsvolleres Spielermaterial vorfinden – mit dem er allerdings zurechtkommen wird. Warum? Es ist schwer vorstellbar, dass der langjährige Kapitän und Chef einer wilden kroatischen Nationalmannschaft nicht verstanden hat, wie man ein Team leitet. Die Mannschaft ist durchaus in guten Händen, erst recht, wenn Peter Herrmann tatsächlich weiter als Co-Trainer an Bord bleiben sollte.

Niko Kovac ist allerdings kein Nerd und erst recht kein Laptop-Trainer. Der Wunsch vieler Anhänger – die Rückkehr zu einem überragenden taktischen Konzept a la Guardiola – wird somit nicht in Erfüllung gehen. Wer die Situation beim FC Bayern jedoch genau analysiert, wird wohl oder übel einsehen müssen, dass ein Taktiker in der Konstellation mit Hoeneß an der Spitze nicht gut aufgehoben wäre. Bevor sich in dem Verein von innen heraus eine toxische Stimmung mit weiteren Konflikten entwickelt, ist vielleicht eine „kleine“ Lösung besser.

Der FC Bayern hat in Niko Kovac eine familienorientierte, risikoreiche und in gewisser Weise unpopuläre Wahl getroffen. Ob die Entscheidung von Erfolg gekrönt sein wird ist nicht vorhersagbar. Fest steht: Der FC Bayern der Saison 2018/19 wird ein so starkes Mia-san-Mia-Selbstvertrauen ausstrahlen wie selten zuvor und geht gleichzeitig ein enormes Risiko ein. Der Platz an der Sonne in der Bundesliga ist weiterhin höchstwahrscheinlich, daher ist das Abschneiden in der Champions League umso wichtiger.

Man wird also sehen, ob sich Geschichte wiederholt und Hoeneß-Rummenigge im April 2019 stolz lächelnd auf den Rasen herunterblicken können, wo sich Hasan Salihamidzic und Niko Kovac in den Armen liegen.

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