FC Bayern München – FC Sevilla 0:0 (0:0)

Justin Trenner 11.04.2018

Doch nach den Rückspielen am Dienstagabend waren sie gewarnt. Das vermeintliche Freilos AS Rom drehte eine 4:1-Hinspiel-Niederlage gegen den FC Barcelona und zog hochverdient in die Runde der letzten Vier ein.

Dass auch der FC Sevilla nicht zu unterschätzen ist, war den Bayern klar. Und so bot Heynckes die derzeit bestmögliche Elf auf.

Falls Ihr es verpasst habt:

Vor Ulreich liefen Kimmich, Boateng, Hummels und Rafinha auf. Alaba stand nach seiner Rückenverletzung noch nicht im Kader. Im Mittelfeld entschied sich Heynckes diesmal für Martínez, James und Müller.

FC Bayern vs. Sevilla, GrundformationenFC Bayern vs. FC Sevilla, Grundformationen

Obwohl Vidal verletzt fehlte, und das Tandem Thiago-James im Hinspiel gut funktionierte, entschied sich der Trainer erneut dagegen. Ribéry, Robben und Lewandowski komplettierten das Jupp’sche 4-1-4-1.

Gleich sechs Spieler waren vor der Partie mit Gelb vorbelastet: Kimmich, Lewandowski, Boateng, Ribéry, Tolisso und Rudy.

Sevilla hingegen musste auf Kjaer verzichten, der von Mercado ersetzt wurde. Dafür kehrte der dynamische Banega zurück in die Startelf. Vorne war Correa zunächst fraglich, doch der Argentinier konnte spielen. Somit konnte auch Vincenzo Montella seine fast beste Mannschaft aufstellen. Erwartet wurde das flexible 4-4-2 aus dem Hinspiel.

Und so war es auch. Sevilla begann mit hohem Pressing, um die Bayern möglichst früh unter Druck zu setzen. Doch die ließen sich zunächst nicht beeindrucken, und umspielten die erste Pressinglinie bereits in der dritten Minute zum ersten Mal gefährlich. James schickte Lewandowski, der von Mercado nur per Foul gestoppt werden konnte.

Trotz konzentrierter Anfangsphase war aber auch Platz für Konter der Gäste vorhanden. In der 12. Minute kamen diese in ihre erste gefährliche Abschlussposition, der Ball flog jedoch fast aus dem Stadion.

Nach einigen Fouls verloren die Bayern ein Stück weit ihren Rhythmus. Sevilla nutzte aber auch die zweite gute Möglichkeit nicht, die sich daraus ergab (16.). Es war nun für kurze Zeit ein offener Schlagabtausch zweier Mannschaften, die sich sofort gegenseitig störten. Doch zwangsläufig führte dies dazu, dass sie sich auf Dauer neutralisierten.

So hatten die Bayern nach etwas mehr als 30 Minuten nur sechs Abschlüsse, wovon nur einer aus gefährlicher Position im Strafraum resultierte. Darüber hinaus gab es nur einen Hauch von Gefahr, wenn jemand aus der Distanz abzog. Sevilla hatte ebenfalls einen guten Abschluss, und zwei, drei Halbchancen. Gerade Mitte der ersten Halbzeit passierte jedoch nicht viel.

Erst kurz vor der Pause sollte sich das Tempo wieder erhöhen. Robben (40.) und Müller (42.) schafften es jeweils nicht, nach vielversprechenden Kontern die letzte Aktion zu bringen.

Auch nach der Pause ging das Spiel sehr lebhaft weiter. Lewandowski (49.) und Ribéry (51.) verpassten die Führung ebenso wie Correa auf der anderen Seite, der nach einem Kopfball nur die Latte traf (59.).

Wieder und wieder schafften es die Bayern nicht, die sich bietenden Möglichkeiten zum Konter zu nutzen. Speziell die fehlende Abstimmung zwischen Robben und Lewandowski war ein wiederkehrender Grund für schlechte Abschlusspositionen. Nach rund 70 Minuten schoss Robben aus spitzem Winkel aufs Tor, statt den Polen im Zentrum zu suchen. Lewandowski zeigte seinem Mitspieler deutlich, was er davon hielt.

Jupp Heynckes wechselte in der 77. Minute Sandro Wagner für den Stürmer ein. Damit löste er diese Streitigkeit auf – ob bewusst oder unbewusst. Die Schlussphase der Partie war ein bisschen von Unsicherheit geprägt. Obwohl die Bayern das Geschehen oft genug im Griff hatten, so war eine Führung Sevillas nicht komplett unwahrscheinlich.

Und doch schafften sie es nicht rechtzeitig, die Münchner für ihre unkonzentrierten Phasen zu bestrafen. Die wiederum zogen sich etwas zurück, um aus einer nun kompakteren Haltung zu kontern. Den hässlichen Schlusspunkt setzte Correa mit einem unfassbar harten Foul an Javi Martínez. Rot war da fast noch zu wenig.

3 Dinge, die auffielen:

1. Gutes Zweikampfverhalten reicht nicht aus

Nach Ballverlusten haben die Bayern sofort nachgesetzt. Oft konnten Hummels, Boateng und Martínez in letzter Sekunde dazwischen grätschen. Auch das Gegenpressing griff in entscheidenden Momenten immer wieder. Gegen den Ball hat sich größtenteils eine Mannschaft entwickelt, die es dem Gegner schwer macht, Tore zu erzielen.

Und doch gibt es diese Phasen, in denen das alles kurzzeitig im Chaos versinkt. Dann irrt Martínez alleine zwischen Mittelfeld und Abwehr herum, und versucht zu retten, was zu retten ist. Dann muss Hummels herausrücken, und spektakulär retten. Dann packt Boateng ausnahmsweise mal die Grätsche aus, die bei ihm sonst so verhasst ist. Immerhin haben die Bayern diese Klasse. Und zur Not konnten sie sich zuletzt auch noch auf einen starken Ulreich verlassen.

Trotzdem sind es diese Phasen, die eine sonst souveräne Leistung ein Stück weit kaputt machen. Sevilla hatte allein in der ersten Halbzeit mindestens vier Mal genug Raum, um eine Großchance herauszuspielen. Dass es ihnen nicht ein einziges Mal so richtig gelang, war pures Glück.

Solche Situationen dürfen den Bayern im Halbfinale nicht mehr passieren. Dann ist die Qualität des Gegners erneut eine andere. Mannschaften wie Liverpool warten nur auf solche Phasen, um dann aus zwei Chancen drei Tore zu machen. Heynckes und das Trainerteam sind gut beraten, in den nächsten Wochen an den Umschaltmomenten in die Defensive zu arbeiten.

Genau dann stimmen die Abstände häufig nicht. Präventiv könnte man aber auch daran arbeiten, die Ballverluste zu minimieren. Da diese aber nicht ausbleiben, werden beide Baustellen demnächst wohl im Fokus stehen.

2. Ein Stratege und ein Franzose fehlen

Was wäre, wenn? Diese Frage stellt man sich in München wahrscheinlich häufiger, als viele bei diesen Ergebnissen annehmen. Es läuft ja, aber irgendwie fehlt doch der letzte Schritt. Auch gegen Sevilla war die Leistung der Mannschaft gut, aber nicht sehr gut. Das lag vor allem an zwei bis drei Positionen, die derzeit nicht optimal besetzt sind, und so zu den benannten Baustellen führen.

Zwar werden viele Bayern-Fans das ungern lesen, doch Martínez ist kein Maestro. Der Spanier gewinnt Zweikämpfe, stopft Löcher und spielt speziell gegen den Ball so gut in Heynckes’ System wie vermutlich kein anderer Sechser auf der ganzen Welt. Gegen Sevilla gewann er mal wieder fast alle seiner Zweikämpfe in der Luft und am Boden. Im Gegenpressing eroberte Martínez sogar vier Bälle. Das macht ihn so wertvoll für Heynckes, und wahrscheinlich wird dieser Mehrwert auch wieder deutlicher, wenn der Gegner im Halbfinale beispielsweise Real Madrid heißt.

Doch der Gegner könnte auch Liverpool oder AS Rom heißen. Dann müssen die Bayern – wie gegen Sevilla – größtenteils selbst das Spiel machen. Dann ist Javi Martínez auf der Sechs nicht die allerbeste Option, die der FC Bayern haben könnte. Vermutlich ist er dann immer noch die beste Option des Kaders, aber eine mit vielen Nachteilen. So schaffte der Spanier es mehrfach nicht, den Aufbau der Münchner zu gestalten.

Martínez spielt häufig Querpässe, und lässt sich gerne unter Druck setzen. Er ist kein so großer Antikörper in Ballbesitz, wie es Arturo Vidal manchmal ist, aber er ist eben auch zu wenig gewinnbringend. Insgesamt kam Martínez als zentraler Spieler nur auf 37 Pässe (31 erfolgreich). Gerade gegen vermeintliche Außenseiter brauchen die Bayern dort einen Strategen, einen Ballverteiler – jemanden, der wie Xabi Alonso oder früher Bastian Schweinsteiger das Tempo diktieren kann. Einen solchen Spieler vermissen die Bayern derzeit schmerzlich. Auch James Rodríguez ist nicht in der Lage, Martínez bei dieser Aufgabe entscheidend zu unterstützen. Heynckes verpasste es nun schon mehrfach, Thiago und James gemeinsam vor Martínez auszuprobieren. Im Mittelfeld fehlt es der Mannschaft zu häufig an Kontrolle.

Und so geht es häufig im Spielaufbau direkt auf die Außenbahn, wo die nächste kleine Problemzone liegt. Ja, gerade Franck Ribéry war auch gegen Sevilla wieder sehr aktiv. Er ist immer noch für den einen Moment gut. Das zeigte sich mehrfach. Doch auch seine Fehler und Unkonzentriertheiten kriegt der Franzose einfach nicht in den Griff.

Auf der anderen Seite spielt mit Arjen Robben jemand, der zunehmend an Dominanz verliert. Auch der Niederländer war aktiver als zuletzt, doch viel Produktives kam dabei nicht heraus. Gerade mit Lewandowski hatte Robben ständige Abstimmungsprobleme. Ein Problem, das längst geklärt schien, in den letzten Wochen aber mehrfach zurückkehrte.
Um Missverständnisse zu vermeiden: das soll nicht als harsche Kritik an “Robbery” verstanden werden. Beide bemühten sich, hatten hin und wieder gute Aktionen, und belebten in einigen Phasen das Spiel. Und doch reicht es am Ende eben nur, um ein gutes Spiel gemacht zu haben. Kein sehr gutes. Dafür war der Einfluss zu unkonstant und fehleranfällig.

Ein anderer Franzose wird in München schmerzlich vermisst. Coman war auf dem besten Weg, diese kleinen Problemchen zu beheben. Mit ihm waren auch Robben beziehungsweise Ribéry stärker. Doch seine Verletzung traf die Bayern hart. Im Angriffsdrittel fehlt der Mannschaft der letzte, entscheidende Schritt. Es bleibt auch deshalb zunächst dabei, dass man sich in München folgende Frage stellen muss: Was wäre, wenn?

3. Das siebte Halbfinale in neun Jahren

Bei aller Kritik muss auch gesagt werden: es ist Meckern auf hohem Niveau. Wenngleich diese Baustellen geschlossen werden müssen, wenn es gegen die ganz Großen geht, so darf man das Positive nicht unter den Tisch kehren.

Auch wenn nicht immer alles perfekt funktioniert, so stimmen Mentalität und Einstellung. Dieser Mannschaft ist ein entscheidender Sprung in der nächsten Runde durchaus zuzutrauen. Vielleicht ist es auch ein großer Pluspunkt für den FC Bayern, dass sie bisher nie an ihr Limit gegangen sind beziehungsweise gehen mussten.

Eine Steigerung war im Laufe der Rückrunde immerhin zu erkennen. Das Offensivspiel wird beispielsweise immer fluider und flexibler. Auch die Rhythmuswechsel sind unter Heynckes zur Waffe geworden. Sicherlich spielte den Bayern in die Karten, dass das ganz große Los in der Champions League bisher ausblieb, doch geschenkt wurde ihnen auch gegen Besiktas und Sevilla nichts.

Gerade die vermeintlichen Underdogs haben im diesjährigen Viertelfinale bewiesen, dass sie die großen Mannschaften ärgern können. Allein deshalb kann die größtenteils konzentrierte Leistung der Bayern nicht klein geredet werden. Sie haben zum siebten Mal seit der Saison 2009/2010 ein Champions-League-Halbfinale erreicht, und halten sich somit erneut in Europas Spitze. Darauf können der Klub und seine Fans stolz sein. Wie viel ab da noch möglich ist, hängt auch davon ab, wie schnell sie ihre kleinen Baustellen schließen können. Aber es sind nur noch drei Spiele zum ganz großen Traum. Und wenn ihr mich fragt, ob die Bayern das Ding gewinnen können, dann sage ich: “Jupp!”

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FC Bayern – FC Sevilla 0:0 (0:0)
FC Bayern Ulreich – Kimmich, J. Boateng, Hummels, Rafinha (87. Süle) – Javi Martinez – James – Robben, T. Müller, F. Ribery (71. Thiago) – Lewandowski (77. Wagner)
Bank Starke – Juan Bernat, Rudy, Tolisso
FC Sevilla Soria – Jesus Navas, Mercado, Lenglet, Escudero – N’Zonzi, Banega – Sarabia (70. Sandro Ramirez), Vazquez (81. Nolito), Correa – Ben Yedder (68. Muriel)
Bank Sergio Rico – Arana, Daniel Carrico, Pizarro
Gelbe Karten Mercado, N’Zonzi, Banega
Rote Karten Correa
Schiedsrichter­ William Collum (Schottland)
Zuschauer 70.000

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