Miasanrot Stats Corner – Harry Kane und die Kader Entwicklung des FC Bayern

Lukas Trenner 12.08.2023

Das Stürmerproblem

Auch wenn die enttäuschende Leistung des FC Bayern in der abgelaufenen Saison eine Vielzahl an unterschiedlichen Ursachen haben mag, so wurde doch über wenig so angestrengt diskutiert, wie über den Abgang von Robert Lewandowski. Mit ihm verließ ein Garant für Tore den Verein, welcher nicht selten in der Lage war, Probleme im Spiel der Bayern durch seine herausragende Torquote zu kaschieren.

Auch bedingt durch die wenig überzeugenden Leistungen seines designierten Nachfolgers Sadio Mané, wurde die tatsächliche Nachfolge letzenendes auf viele Schultern verteilt. Nachfolgende Grafik zeigt, dass dies letztlich aber nur bis zu einem gewissen Grad funktionierte:

Durch die einzelnen Linien, wird hier die Anzahl der geschossenen Tore im Vergleich zur Gesamtanzahl der Spiele des Vereins dargestellt. Die rote Linie zeigt jeweils den Wert für den besten Torschützen der jeweiligen Saison. Hier zeigt sich, dass Lewandowski über die letzen drei Saisons im Schnitt mehr Tore schoss als Spiele gespielt wurden. Seinen Platz als Toptorschütze der Bayern übernahm Serge Gnabry, kam jedoch bei weiten nicht auf die selbe Ausbeute wie Lewandoski.

Ebenfalls interesssant ist, dass ein Blick auf die zweit- bis fünftbesten Schützen zeigt, dass hier wider Erwarten keine wirkliche Veränderung zu beobachten war. Die Schultern, auf welche einige der Tore von Lewandowski nun verteilt wurden, waren demnach eher in der Breite zu finden.

Ob der fehlende Stürmer nun wirklich die zentrale Herausforderung für den FC Bayern war, wird weiterhin heiß diskutiert. Zwar ging die absolute Torausbeute leicht zurück, allerdings bedarf es sicherlich auch einiger Zeit, den stark auf einen Zielstürmer ausgerichteten Spielstil entsprechend anzupassen. Und auch Thomas Tuchel scheint dem Fehlen eines absichernden Sechsers eine größere Bedeutung zuzuweisen. Nichtsdestotrotz scheinte der Stürmer im Transfergremium des FC Bayern allerhöchste Priorität zu genießen. Neben der absoluten Wunschlösung – des englischen Naitonalstürmers Harry Kane – wurden zwischenzeitlich noch weitere Kandidaten gehandelt. Es lohnt ein kurzer Blick auf die Zahlen:

Harry Kane und andere gehandelte Kandidaten

Folgende Grafik zeigt neben Harry Kane einige andere, der in den Medien eine größere Rolle spielenden Stürmerkandidaten für den FC Bayern. Jeder Punkt steht hierbei für die Leistung des jeweiligen Stürmers in einer der vergangenen fünf Saisons:

Die Darstellung im ersten Quadranten links oben, gibt einen ersten Überblick über die allgemeine Torgefährlichkeit. Die Y-Achse zeigt die Tore pro „Expected Goal“ – also gewissermaßen die Effizienz im Abschluss. Die X-Achse ergänzt diese Information durch die Produktivität des Angriffspiels – Dargestellt durch die erwarteten Tore ohne Elfmeter pro 90 Minuten Spielzeit.

Harry Kane, Randal Kolo Muani und auch Dušan Vlahović fallen hier durch hohe Effizienz und einen überdurchschnittlich guten Abschluss auf. Victor Osimhen hingegen erspielt sich außergewöhnlich viele Chancen pro Spiel. Wie auch in den folgenden Grafiken, fällt die jahrelange Konstanz von Harry Kane auch hier auf.

Die Darstellung im Quadranten links unten erweitert den Überblick nun noch um die Dimension der gespielten Zeit. Hier wird deutlich, dass Harry Kane nur sehr wenige Spiele verpasst. Er ist nicht für größere Verletzungsanfälligkeit bekannt und fand sich als absoluter Leistungsträger bei Tottenham nur selten nicht auf dem Platz wieder.

In den verbleibenden Quadranten sind noch weitere Metriken aufgeführt, welche bei der Beurteilung eines Stürmerkandidaten von Interesse sein könnten. Auffällig ist hier, dass Harry Kane durchaus auch als Vorlagengeber in Erscheinung trat. Auch wenn es hier größere Schwankungen im Laufe der letzten Jahre gab. Seine Kopfballquote erscheint hier eher durchschnittlich und er trat auch nicht übermäßig mit defensiven Aktionen im Gegenpressing auf.

Veränderungen im Kader

Auch durch die starke mediale Begleitung des Transfers, fühlt es sich an, als würde der Zugang von Harry Kane einen erneuten Umbruch im Kader des FC Bayern signalisieren.

Gefühlt durchlebt der FC Bayern tatsächlich einen ständigen Umbruch im Kader (siehe auch unser Artikel von 2019 Weiter, immer weiter oder tatsächlich der Umbruch?).

Blicken wir auf die letzten sechs Saisons mussten zunächst Philipp Lahm und Xabi Alonso ersetzt werden. Zwei Jahre später gingen Franck Ribéry und Arjen Robben. Das Jahr darauf Thiago (und Countinho). Dann Alaba und Boateng. Und schließlich Robert Lewandowski und Niklas Süle. Dennoch gelang es stets eine sehr kompetitive Mannschaft zusammenzustellen.

Die folgende Grafik versucht diesen kontinuierlichen Umbruch darzustellen. Zu sehen sind hier die Spielanteile der einzelnen Spieler pro Saison. Jedes Rechteck repräsentiert einen Spieler, wobei durch die Höhe der relativen Anteil an der Spielzeit visualisiert ist. Zusätzlich sind die jeweiligen Mannschaften nach diesem relativen Spielanteil sortiert, wodurch das erste Rechteck von Oben, jeweils der Spieler mit der meisten Spielzeit in dieser Saison ist. Farblich markiert sind nun Veränderungen im Kader. Eine grüne Markierung bedeutet, dass dieser Spieler neu zur Mannschaft gestoßen war (einzig Manuel Neuer und Luca Toni schafften es sofort die meiste Spielzeit aufzuweisen). Eine rote Einfärbung deutet darauf hin, dass es sich um die letzte Saison im Trikot des FC Bayern handelte (nur Lúcio und Lewandowski verließen die Bayern als Spieler mit der meisten Einsatzzeit). Die blaue Markierung ist letztlich für die Spieler vorgesehen, welche nur für eine Saison in der Mannschaft waren und diese anschließend direkt wieder verließen.

Es ist sicherlich zu erwarten, dass sich Harry Kane in der nun folgenden Saison, weit oben in dieser Grafik einordnen wird. Auch Konrad Laimer scheint momentan in einer guten Position für viel Spielzeit zu sein. Dennoch scheint es keinen gravierenden Einschnitt zu geben, sondern der FC Bayern nur seinen kontinuierlichen Umbruch fortzusetzen. Die Kaderentwicklung derart iterativ voranzutreiben und gleichzeitig kontinuierlichen Erfolg sicherzustellen, mag eine der größten Leistungen der letzten Jahre überhaupt sein. Auch wenn es mit vollem Festgeldkonto und starker nationaler und internationaler Positionierung einfacher sein mag, gibt es genug Beispiele dafür, dass dies nicht selbstverständlich ist (man denke nur an Manchester United nach der Ära von Alex Ferguson).

Fazit

Abschließend bleibt nur festzuhalten, dass wir uns alle auf einen Ausnahmestürmer freuen dürfen, der insbesondere durch seine jahrelange Konstanz und gesunde Bodenständigkeit (Youtube: Harry Kane Takes One For the Team While Eating Spicy Wings | Hot Ones) auffällt. Die Wahrscheinlichkeit eines wie bei Sadio Mané enttäuschenden ersten Jahres scheint hier deutlich niedriger zu sein. Nichtsdestotrotz, ist die Rekordablöse von mehr als 100 Millionen Euro selbst für den FC Bayern ein überaus signifkanter Betrag. Dieser zeigt einerseits die Priorität eines Stürmers für den Verein auf und zeugt andererseits von dem Willen, die heutzutage aufgerufenen Summen mitzugehen und zu bezahlen. Ob dies für den FC Bayern, die Bundesliga und den Fußball allgemein ein gutes Zeichen ist, mag jeder für sich beurteilen.