Miasanrot-Awards: Entwicklung der Saison 2020/2021 – FC Bayern Frauen

Justin Trenner 28.05.2021

Für die Miasanrot-Awards der Frauen haben wir uns Expert:innen von außerhalb unserer Redaktion hinzugeholt. Neben meiner eigenen flossen die Stimmen von Ex-Spielerin Verena Schweers, den Journalistinnen Ellen Hanisch und Jasmina Schweimler, dem Fotografen und Podcaster Sven sowie Bayern-Fan Sebastian Buch mit ein. Gemeinsam haben wir die Entwicklung der Saison bestimmt: Sydney Lohmann. Mit vier Stimmen setzte sie sich gegen Sarah Zadrazil (2) durch.

Imago Images

Dass Sydney Lohmann eines Tages eine Fußballerin von Weltklasseformat werden würde, hat wohl kaum jemand bezweifelt. In dieser Saison zählt sie endgültig zu den besten Spielerinnen, die es in der Frauen Bundesliga gibt und auch in der Champions League konnte sie auf sich aufmerksam machen. Mit ihrer unvergleichlichen Art prägt sie mit nur 20 Jahren bereits das Spiel des FC Bayern in der Offensive.

In den vergangenen Jahren war ein großes Problem der Münchnerinnen, dass sie in der Offensive zu wenig Durchschlagskraft haben. Lohmann ist sicher nicht allein dafür verantwortlich, dass das in dieser Saison besser ist, aber sie ist vielleicht der Hauptfaktor. Nahezu jeder Angriff dreht sich um sie, egal ob sie gerade auf der Außenbahn, im Mittelfeldzentrum oder auf der Neunerposition unterwegs ist. Sie verbindet zwei Kerneigenschaften, die im Frauenfußball kaum zu finden sind: Einerseits machen ihr technisch nur wenige Spielerinnen auf der Welt etwas vor. Ihre Ballkontrolle, ihr Passspiel und ihre Dribblings sind absolute Waffen im Offensivspiel. Auf der anderen Seite ist sie physisch auf einem Top-Level. Körperlich muss sie sich vor keiner Verteidigerin der Welt verstecken, was ihr im Eins-gegen-eins einen Vorteil gegenüber anderen Angreiferinnen verschafft.

Lohmann ist zugleich aber sehr beweglich und durchaus schnell. Zwar nicht so schnell wie einige Flügelspielerinnen, aber schnell genug, um ihren Gegenspielerinnen im Zentrum entscheidende Meter abzunehmen. Aber auch im Kopf ist sie gedankenschnell. Sie versteht Situationen und Zusammenhänge auf dem Platz in der Regel schneller als andere und verschafft sich durch clevere Positionierung häufig einen wichtigen Vorteil. Die 20-Jährige wirkt bereits unglaublich erfahren und abgezockt, obwohl sie erst 2017 für die Profimannschaft der Bayern Frauen debütiert hatte. Sie übernimmt Verantwortung, coacht ihre Mitspielerinnen und ist für Kapitänin Lina Magull somit ein extrem wichtige Ergänzung im Bayern-Mittelfeld.

Immer wieder gelingt es ihr im Mittelfeldzentrum, Gegenspielerinnen aus ihren Positionen zu ziehen und Räume für ihre Mitspielerinnen zu öffnen, indem sie das Spiel bereits in der Vororientierung zuverlässig liest. Wer Lohmann ohne Ball beobachtet, wird immer wieder kleine Blicke sehen, mit denen sie ihre Umgebung im Blick behält. Das hilft ihr auch im Strafraum, wenn sie sich beispielsweise im Rückraum anbietet, um einen Flachpass möglich zu machen oder sich selbst für Kopfbälle in Position bringt. Denn auch das ist eine ihrer Qualitäten: Wie bei ihren Toren in Hoffenheim oder gegen Chelsea schafft sie es immer wieder, sich freizulaufen und als Empfängerin für Flanken da zu sein.

Lohmann ist eine unglaublich vielseitig einsetzbare Spielerin. Nominell ist sie auf der Zehn sicher am stärksten, aber gerade mit diesem Kader der Bayern Frauen bieten sich auch noch andere Möglichkeiten. Durch die Verpflichtung von der erfahrenen Mittelfeldspielerin Saki Kumagai wird der Konkurrenzkampf für die drei Mittelfeldpositionen in Scheuers System erhöht. Die Japanerin kann zwar auch in der Innenverteidigung spielen, hat ihre Chancen aber doch eher einen Tick weiter vorn. Vielleicht erleben wir in der kommenden Saison deshalb das eine oder andere Mal eine Mittelfeldraute mit Lohmann als Spielgestalterin und Kopf auf der Zehn. Genauso könnte sie als eine Art falsche Neun agieren. Ihre klugen Läufe und ihre technischen Fähigkeiten wären prädestiniert für ein solches Experiment. Zumal die Bayern einige Flügelspielerinnen haben, die gut in ein solches System passen würden.

Eine mögliche Variante mit Sydney Lohmann als zentraler Offensivspielerin bei aktuellem Kader.

Aber auch die Zahlen sprechen für sie: In 28 Partien hat die offensive Mittelfeldspielerin 15 Tore erzielt und sechs weitere Treffer vorbereitet. Damit zählt sie zu den Topscorerinnen des Teams. Vor allem aber hat sie auch wichtige Tore erzielt – beispielsweise beim 1:1 in Wolfsburg oder beim 2:1-Hinspielerfolg im Champions-League-Halbfinale gegen Chelsea. Lohmann hat sich in dieser Saison zu einem der Köpfe dieses Teams entwickelt, das steht außer Frage.

Und doch gibt es auch bei der Entwicklung der Saison noch Luft nach oben für die kommenden Jahre. Ihre Chancenverwertung war über die gesamte Saison gesehen trotz der vielen Tore ausbaufähig und insgesamt kann sie an ihrer Konstanz innerhalb einer Spielzeit und selbst innerhalb eines Spieles noch arbeiten. In über 50 % der Ligaspiele wurde sie vorzeitig ausgewechselt. Gerade in den Top-Spielen mit Chelsea hat man zudem in der einen oder anderen Situation gesehen, dass selbst sie unter Druck an ihre Grenzen kommen kann – auch wenn sie kurz zuvor mit einer kleinen Verletzung zu kämpfen hatte.

Bei einer 20-Jährigen ist das aber ohnehin fast schon Kritik auf unfair hohem Niveau. Kleine Leistungsschwankungen sind in diesem Alter vollkommen normal. Für sie war es wichtig, diese Spiele gegen Chelsea überhaupt bestritten zu haben. Gerade junge Spieler:innen lernen dann am meisten, wenn sie über ihre Grenzen hinausgehen müssen, um mitzuhalten. Lohmann hat in dieser Saison eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie das kann. Gerade das Pokalspiel gegen Wolfsburg hat gezeigt, wie sehr sie dem Team fehlen kann. Sie ist ein Geschenk für den FC Bayern und es ist nicht hoch genug zu bewerten, dass es dem Klub in der Hinrunde gelungen ist, sie bis 2024 an sich zu binden. Viele, wenn nicht sogar alle Top-Klubs in Europa wären froh, eine Spielerin wie Sydney Lohmann in ihren Reihen zu haben. Vollkommen verdient ist sie deshalb unsere “Entwicklung der Saison 2020/2021” bei den FC Bayern Frauen.



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