Miasanrot-Awards: Entwicklung der Saison 2020/21

Daniel Trenner 29.05.2021

Eigentlich wollte Hasan Salihamidžić ja ganz wen anders. Im Sommer 2019 versuchte er abermals vergeblich Callum Hudson-Odoi von Chelsea loszueisen. Das scheiterte wie auch alle anderen zukünftigen Versuche. Doch befindet man sich einmal in London, will man bekanntlich nicht mit leeren Händen zurück, also sackten er und Marco Neppe kurzerhand Jamal Musiala ein.

(Bild: Imago Images)

Erste Schritte

So gliederte sich das damals noch als englisch geltende Talent im Campus ein. Zuerst in der U17, dann in der U19 und schließlich ab der Rückrunde bei den Amateuren. In Sebastian Hoeneß’ Meistermannschaft machte er sich auch für Hansi Flick interessant und so nahm der ihn mit nach Lissabon als Trainingspartner.

Hier sollte allerdings keine falsche Legendenbildung betrieben werden, es ist mitnichten so, als hätte der junge Musiala in der 3. Liga alles in Grund und Boden gespielt. Das Supertalent, dass ihm jetzt durchaus zurecht nachgesagt wird, blitzte da nur selektiv auf. Die Entwicklung, die nun so richtig Fahrt aufnahm, kam für nicht wenige wirklich überraschend und zeigt nur einmal mehr, wie unterschiedlich Karrieren junger Talente verlaufen können. Die einen spielen in der Jugend alles in Grund und Boden, fassen aber bei den Erwachsenen keinen Fuß. Andere spielen trotz ihres exzellenten Rufes bei unterklassigen Teams keine besondere Rolle, um dann bei den Profis zu explodieren.

Und explodiert ist er. Vom allerersten Spieltag an, sah Hansi Flick in Musiala einen vollwertigen Kaderspieler. Als Joker sammelte er stetig Minuten in allen Wettbewerben und konnte sogar erste (zugegeben unwichtige) Bundesligatore für sich verzeichnen.

Gamechanger im Dezember

Der große Durchbruch kam dann in der ersten Dezemberwoche. Bereits für das Achtelfinale qualifiziert, warf Hansi Flick gegen Atlético Madrid die ganz große Rotationsmaschine an. Musiala war hier der beste Mann einer unterlegenen Mannschaft. Mit feinen Bewegungen schnitt er immer wieder durch Simeones Abwehrwand.

Wichtiger als dieses bessere Freundschaftsspiel war jedoch das darauffolgende Bundesligaspiel. Konservativ aufgestellt, lief der FC Bayern Leipzig und dem Ergebnis hinterher. Dann verletzte sich Javi Martínez noch in der ersten Hälfte und Hansi Flick brachte mit Musiala den Gamechanger. Ganz intuitiv bildete er Dreiecke mit seinen Mitspielern und auf einmal floss das Spiel, wo es zuvor noch stockte. Den wichtigen Ausgleich schoss Musiala mit einem überlegten Distanzschuss gleich selbst.

“Er ist ein sehr großes Talent. Das Tor macht er super, auch sonst hatte er sehr gute Aktionen, er ist sehr ballsicher, sehr quick, flink und schwer zu greifen. Da werden die Bayern noch ein paar sehr schöne Erlebnisse mit ihm haben.”Julian Nagelsmann, sein künftiger Trainer. Nicht nur die Bayern, Julian.

Ein Schuss ins Glück – und zum endgültigen Durchbruch beim FC Bayern.
(Bild: Imago Images)

Polyvalenz

Lucien Favre prägte einst den Begriff Polyvalenz im modernen Fußball-Sprachgebrauch. Vielseitig einsetzbare Spieler. Jamal Musiala ist hierbei ein Paradebeispiel solcher schweizer Taschenmesser. Trotz seiner limitierten Spielzeit gab es kaum eine Position, die er bislang noch nicht bekleiden durfte. Überwiegend auf der offensiven Acht eingesetzt, spielte er auch schon auf beiden Flügeln, klassisch auf der Zehn und kurzzeitig sogar im defensiven Mittelfeld. Dort wird wohl kaum seine Zukunft liegen, doch auf allen anderen Positionen überzeugte er. Seine markanteste Fähigkeit sind seine Dribblings. Im zentralen Mittelfeld zeigt er sich hier als raumöffnender Fummler im Halbraum. Mehr Thiago als Thomas Müller oder Leon Goretzka.

Auf den Flügeln hingegen, machte er die Leihe Douglas Costas komplett obsolet. Dort kann er sein Tempo voll ausspielen und dabei am meisten seine noch vorhandenen Schwächen im Passspiel kaschieren.

Ein Ausblick auf seine Rolle unter Löw und Nagelsmann

Diese Polyvalenz brachte ihn schlussendlich auch in den EM-Kader, denn was der Bundestrainer sucht und in Musiala gefunden hat, ist etwas anderes als was Hansi Flick die meiste Zeit der Saison in ihm sah. Für Flick war Musiala meist der erste Ersatz für Thomas Müller im offensiven Mittelfeld oder der offensiven Acht. Auch sonst war Bayerns Mittelfeld diese Saison sehr ausgedünnt, was Spielzeit für Musiala hieß.

Mit all diesen Sorgen muss sich Joachim Löw nicht herumschlagen, im Mittelfeld herrscht ein Überfluss wie sonst nirgends. Doch gerade nach Dribblern verlangt es ihn schon seit Jahren. Musiala wird die Rolle des quirligen Offensivjokers bei der EM einnehmen, für die Rolle gibt es sonst niemanden. Musiala mag viel öfter zum Einsatz kommen, als viele Beobachter es für möglich halten.

Wie bei allen Spielern, darf man gespannt sein, wo Julian Nagelsmann Musiala sehen wird. Eine Fähigkeit, die bisher unerwähnt blieb, ist sein Torabschluss. Sechs Tore in unter 900 Minuten sind ein sehr guter Wert. Gut möglich, dass Nagelsmann Musiala noch ein Stück weiter vorne sehen wird. Denkbar wäre es, wenn er zusammen mit Thomas Müller und Serge Gnabry eine Riege von Halbraumstürmern bilden würde. Dort könnte er hinter Lewandowski mit einem Partner etwa in einem 3-4-3 die Halbpositionen bespielen, während offensive Flügelläufer sie unterstützen.

Die Saison 2020/21 ist die Saison des Emporkömmling Jamal Musiala. Der 17-Jährige, der als Nobody in die Saison startete, sich in die Rotation des amtierenden Champions-League-Siegers spielte, einen kleinen Verbandskrieg zwischen England und Deutschland vom Zaun riss und schließlich zur Europameisterschaft fährt. Teile dieser Story erinnern an einen gewissen Joshua Kimmich. Nicht das schlechteste Omen.

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