Zittersieg im Schauerspiel zu Halloween

Maurice Trenner 31.10.2020

Geisterspiel an Halloween im Kölner Rhein-Energie-Stadion. Die Statistik für die Heimmannschaft vor dem Spiel war schaurig: Seit zwölf Spielen ist die Dom-Truppe bereits ohne Sieg gegen den FC Bayern und Trainer Markus Gisdol wartet gar bereits 15 Liga-Spielen auf einen Dreier. Gute Vorzeichen also für den Titelverteidiger, den Anschluss an die Tabellenspitze zu halten.

Falls ihr es verpasst habt

Die Aufstellungen

Nach dem aufreibenden Sieg in Moskau warf Hansi Flick die Rotationsmaschine mit insgesamt sechs Wechseln an. Robert Lewandowski durfte das Spiel sogar daheim auf der Couch mit einer halben Portion laktose- und zuckerfreiem Avocado-Eis genießen. Der Stürmerstar, der zumindest in der Presse den Rekord von Gerd Müller jagt, war nach Absprache mit Coach Flick nicht im Kader. Für ihn stürmte Choupo-Moting.

Ein Comeback gab die Flügelzange Gnabry und Sané, die am ersten Spieltag noch den FC Schalke schwindelig gespielt hatte, dann aber aufgrund von Verletzungen (Sané) und einem (falsch)-positiv Coronatest (Gnabry) aufgesprengt wurde. Martínez rückte neben Kimmich ins Mittelfeld, da Goretzka lieber daheim an der Hantelbank als in Köln auf der Auswechselbank saß. In der Abwehr liefen Boateng und Sarr für Alaba und Hernández auf.

Bei den noch sieglosen Kölnern setzte Gisdol auf ein klares 4-5-1, wobei Özcan und Limnios neu ins Team rückten. Marius Wolf, der bisher einen guten Eindruck hinterlässt, konnte nach Problemen unter der Woche auflaufen, während Kapitän und EM-2016-Elfmeterheld Jonas Hector aufgrund einer langwierigen Nackenverletzung weiter ausfiel.

Die erste Halbzeit

Nach verschlafenen zehn Minuten, in denen sich die neu zusammengestellte Bayern-Elf langsam an das Spiel herantasten musste, gab es aus dem Nichts einen Handelfmeter. Sané hatte zuvor Gnabry im Sechzehner bedient und dessen Hereingabe wurde von Wolf mit dem Unterarm geblockt. Den fälligen Strafstoß verwandelte Müller in Vertretung von Lewandowski souverän (12.). 

Auch mit der Führung im Rücken schafften es die Münchner nicht gegen das Mittelfeldpressing der Rheinländer Chancen herauszuspielen. Im Spielaufbau versuchten die Gäste erst gar nicht die Kölner zu erdrücken, sondern griffen schnell zu langen Bällen, die jedoch allesamt gefahrlos blieben. Auch folgerichtig hatten die Bayern bereits nach zwanzig Minuten zwei gelbe Karten zu Buche stehen.

Mit lediglich einer weiteren Chance durch Sané ging es auf die Pause zu. Während die Kölner schon auf den Pfiff der Schiedsrichters warteten, gewann Kimmich zentral einen Ball und machte das Spiel über rechts schnell. Dort lief Gnabry auf die Abwehr zu und schloss aus zehn Metern ins linke untere Toreck ab. Das wichtige 2:0 (45.+1).

Die zweite Halbzeit

Nach Wiederbeginn waren die Münchner aktiver als noch vor der Pause. Mit tatkräftiger Unterstützung der Kölner, die durch ein leichtes Pressing der Gäste nun einige Ungenauigkeiten im eigenen Aufbau hatten, kamen Gnabry und Choupo-Moting zu Chancen.

Nach einer knappen Stunde brachte Flick Zirkzee und Costa für Choupo-Moting und Sané, die beide einen gebrauchten Tag erwischt hatten. Weitere zwanzig ereignislose Minuten später ersetzte Alaba Martínez. Der Österreicher durfte damit auf seiner heimlichen Wunschposition im Mittelfeld einige Minuten sammeln.

Bayern agierte über die gesamte Halbzeit nur im Verwaltungsmodus und kassierten in der 82. Minute die Quittung. Nach einer Flanke schloss Thielmann ab, wobei der Schuss noch von Drexler abgefälscht wurde und so an Neuer vorbei im Tor landete. Süle verpasste es dabei den Kölner abseits zu stellen, die restliche Kette war rausgerückt. 

Nach dem Tor spielten die Kölner mit offenem Visier auf Sieg, wodurch sich für die Münchner viele Räume ergaben. Diese bespielten sie mit einer haarsträubenden, aber für diesen Nachmittag passenden Inkonsequenz. Für die Statistik durfte Roca in der Nachspielzeit noch aufs Feld.

Nach dem Arbeitssieg gegen Moskau unter der Woche musste der Rekordmeister auch gegen Köln zittern. Auch bedingt durch die vielen Wechsel fanden die Münchner nicht zu ihrem Spiel und gewannen am Ende nur mit Mühe und Not gegen erst zu spät ihre Chance witternde Kölner.

Dinge, die auffielen

1. Noch koan Roca’n’Roll

Flick wechselt durch und einer muss dennoch auf der Bank sitzen. Auch gegen den 1.FC Köln durfte Sommer-Neuzugang Marc Roca nicht auflaufen. Lediglich im als Pflichtspiel verkleideten Test gegen Düren schenkte Flick dem Spanier das Vertrauen. Muss man den jungen Mittelfeldspieler nun schon abmelden?

Mitnichten, denn vor allem zwei Dinge dürfen nicht unterschätzt werden. Zum Einen standen Flick in den englischen Wochen bisher kaum reguläre Mannschaftstrainings zur Verfügung. Meist stand hauptsächlich Regeneration auf dem Trainingsplan, wie der Trainer unter der Woche selbst zugab. Zum Anderen ist Rocas Position des zentralen Mittelfeldspielers natürlich elementar im Bayern-Spiel. In dieser Rolle ist neben der taktischen Schulung im Training auch die Abstimmung mit den Mitspielern und das Einstudieren von Abläufen wichtig. 

Roca wird im späteren Saisonverlauf sicher noch die wichtige Rolle als Kaderspieler einnehmen, die ihm nach dem Wechsel öffentlich zugetraut wurde. Spätestens nach der Länderspielpause wird er dies auch auf dem Platz öfter nachweisen dürfen.

2. Staffelung im Spielaufbau

Besonders in der ersten Hälfte taten sich die frisch zusammengewürfelten Bayern schwer Chancen herauszuspielen. Dies lag vorrangig an der Staffelung bei eigenem Spielaufbau, die sich durch das neue Mittelfeld-Duo Kimmich und Martínez ergab. Neben dem Spanier sollte Kimmich klar den etwas offensiveren Part der Doppelsechs übernehmen. Dadurch kamen jedoch Javis Probleme in der Spielgestaltung einmal mehr zutage – besonders in Sachen Kreativität und Tempoverschärfung.

Daher ließ sich Kimmich immer wieder weit fallen, wodurch dann jedoch der Verbindungsspieler ins letzte Drittel fehlte. Eine Rolle die sonst Goretzka mit großer Bravour und noch größerem Laufaufwand ausfüllt. In der zweiten Halbzeit versuchten Müller und Gnabry häufiger sich aktiv in den Spielaufbau einzubringen, was sich direkt in mehr Torchancen niederschlug. Doch nach einem Strohfeuer zu Beginn der zweiten Halbzeit schlichen sich wieder alte Muster ein. Am Ende standen 6:10 Torschüsse auf dem Spielbericht.

3. 60 Minuten machen keinen Sané-Tag

Erstmals nach der 1:4-Niederlage gegen Hoffenheim stand Leroy Sané wieder in der bayerischen Startelf. Der im Sommer verpflichtete Flügelstürmer musste jedoch noch den Rost abschütteln, der sich nach den Wochen zwischen Verletzung, Reha und Comeback merklich abgesetzt hatte. Besonders auffällig waren immer wieder kleinere und größere Ungenauigkeiten im Bayernspiel. Zum Zeitpunkt seiner Auswechslung standen lediglich 33 Ballaktionen für die Nummer Zehn zu Buche, von denen fünf als unsauber in die Statistik eingingen.

Es ist noch ein langer Weg zurück für den deutschen Nationalspieler, das ist spätestens nach heute klar. Flick wird ihn weiterhin behutsam auf- und einbauen müssen. Für das Topspiel gegen Dortmund am nächsten Samstag sind so jedoch Coman und der heute erfolgreiche Gnabry in der internen Ordnung vor ihm.

4. Sarr als Linksverteidiger

Gegen Köln stand Hansi Flick vor einem Problem: Ihm waren die Linksverteidiger ausgegangen. Davies fehlt noch verletzt, aber gleichzeitig wollte er Hernández und Alaba nach vielen Spielen eine verdiente Pause geben. Gerade der Österreicher wirkte zuletzt überspielt. Daher griff der Triple-Trainer tief in die Trickkiste und stellte Bouna Sarr hinten links in die Viererkette.

Der Franzose, eigentlich hinten rechts beheimatet und eindeutig Rechtsfuß, fand sich also in ungewohntem Fahrwasser wieder. Dafür schlug er sich auf jeden Fall wacker, allerdings auch nicht mehr. Immer wieder merkte man ihm an, dass er den Ball lieber auf dem rechten Fuß hätte. Egal, ob im Dribbling oder bei Flanken. Hinzu kamen bei ihm ebenfalls einige unsichere Ballannahmen und Abspiele. Es wäre jedoch sicher ungerecht von diesem Spiel heute auf Sarrs generelle Eignung für den FC Bayern zu schließen. Das Experiment als Linksverteidiger wird Flick hoffen nicht mehr wiederholen zu müssen.

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