Keine Party gegen Paderborn, Bayern müht sich zu spätem 3:2-Sieg

Daniel Trenner 21.02.2020

Falls Ihr es verpasst habt

Die Aufstellung 

Jérôme Boateng und Benjamin Pavard holten sich in Köln gemeinsam ihre fünfte Gelbe Karte ab, wodurch Flick sich gezwungen sah, seine Abwehr auf gleich zwei Positionen zu verändern. Dazu meldete sich Leon Goretzka am Spieltag ab, gegen Chelsea soll er jedoch wieder fit sein. So kam es in der Abwehr zu gleich zwei Startelfpremieren: Zum einen fing Winterleihgabe Álvaro Odriozola zum ersten Mal ein Spiel an, zum anderen begann die Linksfüßerkette bestehend aus Davies, Alaba und Hernández erstmals vom Start weg gemeinsam. Flick weigerte sich jedoch seine Linksfüßer in eine Viererkette zu packen, stattdessen spielten die Bayern erstmals unter ihm in einer Dreierkette. Der zentrale Innenverteidiger Alaba wurde von Hernández und Kimmich flankiert, Odriozola und Davies waren Flügelverteidiger. Damit Bayern durch den offensiven Odriozola defensiv nicht entblößt wird, stellte Hansi Flick dem Spanier Corentin Tolisso als rechten Achter zur Seite. Ähnlich haben bereits seine Vorgänger Joshua Kimmichs Offensivdrang versucht, defensiv abzusichern. Dazu durfte sich Philippe Coutinho wieder einmal beweisen, er spielte für Coman, während Gnabry nach seinen Toren in der Mannschaft blieb. Chelsea am Dienstag bereits fest im Blick, bekam Thomas Müller noch eine Pause und saß auf der Bank, auf der neben anderen Talenten erstmals in der Rückrunde auch Oliver Batista-Meier saß. Mit der neuen Dreierkette spielte Bayern ein recht klares 3-4-3.

Wie in der Vorschau besprochen, begann der SC Paderborn im 4-2-3-1-System mit den schnellen Angreifern um Streli Mamba in vorderster Reihe. Gegen den Ball verteidigten sie im 4-4-2.

1. Halbzeit

Im Gegensatz zu den Blitzstarts gegen Köln oder Mainz, war es von Beginn an ein zähes Spiel. Bayern war klar spielbestimmend, ohne jedoch reihenweise glasklare Chancen zu erspielen, während Paderborn ständig an der Abseitskante auf Chancen lauerte und Neuer sogar mehrfach zu Ausflügen außerhalb seines Strafraums zwang. Mit der ersten großen Tormöglichkeit gingen die Bayern dann in der 25. Minute trotzdem in Führung. Lewandowski eroberte links am Strafraumeck den Ball, gab ihn in die Mitte zu Tolisso, dem der Ball ein wenig versprang, wodurch er so nicht selbst zum Schuss gelangen konnte. Der Ball kam zu Gnabry, der im Strafraum umringt von Gegenspielern lange verzögerte, um dann rechts-unten zur Führung zu treffen. Das Spiel tröpfelte weiter vor sich dahin, Bayern kam weiterhin zu Abschlüssen ohne jedoch Zingerle vor wirkliche Probleme zu stellen. Als alles bereits nach einer 1:0-Pausenführung aussah, kam Paderborn buchstäblich aus dem Nichts zum Ausgleich. Ein langer Schlag auf Srbeny sollte Torwartlibero Manuel Neuer wieder einmal entschärfen, fälschlicherweise entschied er sich jedoch nicht zur Grätsche anzusetzen, obwohl er eigentlich rechtzeitig lossprintete. Srbeny schaffte es so, den Ball noch vorbeizulegen, den Torwart ausgespielt, hieß es nun freie Bahn zum 1:1-Ausgleichstreffer und Pausenergebnis.

2. Halbzeit 

Ohne Wechsel kamen die Teams aus der Kabine und auch das Spiel blieb recht gleich. Aus fast identischer Position wie bei seinem 1:0 in Köln in der Woche zuvor, scheiterte Lewandowski diesmal am Torwart, auch die daraus resultierende Ecke, konnte Zingerle nur knapp entschärfen (52.). Zwischenzeitlich kam Michel für Mamba. In der 63. Minute waren die Arbeitstage für Odriozola und Coutinho beendet, Coman und Müller übernahmen. Die Dreierkette wurde aufgelöst, Kimmich war nun Rechtsverteidiger, Gnabry wechselte zudem auf die linke Seite. Nach einer direkt folgenden Halbchance, kamen die Bayern nach diesen Veränderungen wieder in Führung. Paderborn geschah im eigenen Aufbau ein Fehler, Gnabry enteilte all seinen Verteidigern und spielte den Ball von der Grundlinie diagonal zurück auf Lewandowski, der sich diesmal nicht bitten ließ und zum 2:1 traf (70.)

Die Führung hielt allerdings keine fünf Minuten, denn mit einem einzigen Vertikalpass, war die Münchner Defensive bereits entblößt, Jastrzembski konnte mit großen Schritten in den Strafraum auf Neuer zusprinten. Dessen Schuss hielt der Torwart noch, beim Abstauber von Michel war er jedoch machtlos (75.). Wirklich viel, fiel Bayern daraufhin immernoch nicht ein, also brachte Flick Joker-Gott Zirkzee in der 87. Minute für Tolisso. Dieser war zwar nicht erfolgreich, doch sein Last-Minute-Segen ging diesmal auf den Nebenmann Lewandowski über. Halblinks gab Davies auf die linke Seite zu Gnabry, dieser flankte scharf in der Mitte zum alleingelassenen Lewandowski, der den Ball mit dem Fuß ins Netz beförderte (88.). 

Der FC Bayern kam noch durch Gnabry zu einer weiteren Chance, doch am Endergebnis änderte sich nichts, mit Mühe und Not bezwangen sie den Tabellenletzten mit 3:2. Nun können sie es sich das verbleibende Wochenende über gemütlich machen und schauen, inwieweit Leipzig, Dortmund und Mönchengladbach nachziehen können. Am Dienstag geht es zum großen Champions-League-Spiel an die Stamford Bridge in London gegen Chelsea.

Dinge, die auffielen

1. Plötzlich Dreierkette

Hansi Flick überraschte alle, indem Bayern erstmals unter ihm mit einer klaren Dreierkette agierte. Von der Personallage und dem Gegner ausgehend, war das sinnvoll. Mit Odriozola spielte rechtsaußen seit langer Zeit wieder ein klar offensiv ausgerichteter Verteidiger und vollkommen glücklich agierte das Paar Alaba und Hernández bislang nicht. Dazu spielte man mit Paderborn gegen einen Tabellenletzten, der ganz gleich wo und gegen wen, immer offensiv anrennt und die gegnerische Defensive überrennen möchte. Mit einer Viererkette wären so viel mehr kritische direkte Duelle entstanden, die beim Zweikampfverlust sofort das eigene Tor vor große Gefahr stellen würde.

Zieht man jedoch einen Spieler nach hinten, fehlt weiter vorne wiederum jemand und 60 Minuten lang war dies dem Spiel auch anzusehen. Durch den Verlust des zusätzlichen Offensivspielers, werden so die Schwachstellen in der Offensive nur akzentuiert. Coutinho musste sich umso mehr am Spiel beteiligen und umso mehr offenbarte sich, in was für einem Leistungsloch sich der Brasilianer derzeit befindet. Man bekommt fast Mitleid damit, wie wenig Selbstvertrauen dieser große Techniker derzeit besitzt, doch er macht es einem auch nicht leicht, wenn er es trotzdem immer wieder mit dem Kopf durch die Wand erzwingen möchte. Eigentlich ist das 3-4-3 wie gemacht für Coutinho, weil er sich so fast die ganze Zeit über in seinem geliebten linken Halbraum aufhalten kann, doch er konnte seine Chance nicht nutzen. Gegen Chelsea wird er kaum eine Option für die Startelf sein, eventuell wird Flick während des Spiels sogar abwägen, ob er ihn überhaupt einwechseln sollte. Derzeit scheint der Brasilianer mehr eine Gefahr für die eigene Mannschaft zu sein, als für die gegnerische.

Insgesamt bekam man das Gefühl, dass es gegen Paderborn mehr am Willen, als an der Taktik drohte zu scheitern. Defensiv stand man mit der Dreierkette sicher, das Gegentor kam aus dem Nichts durch einen individuellen Torwartfehler und auch offensiv hätte es besser klappen können, wenn die Spieler an ihre Leistungsgrenzen gegangen wären. Tolisso tat dies nicht, Thiago hatte mehr Fehler als üblich in seinem Spiel und auch Gnabry merkt man an, dass er noch nicht topfit ist. Durchaus problematisch war jedoch, dass die Mannschaft die Dreierkette nicht vollends erfolgreich auflösen konnte. Jastrzembski wurde vor Paderborns 2:2 derartig viel Raum gewährt, dass man das Gefühl bekam, die ganze Bayern-Elf dächte noch immer, sie spielen mit einem zusätzlichen Flügelverteidiger.

2. 90 Minuten lang zweite Halbzeit

Nach vielen sehr guten ersten Halbzeiten in den vergangenen Wochen und Leistungseinbrüchen zur Pause, wollte der FC Bayern gegen Paderborn eigentlich vor dem Champions-League-Spiel in London Konstanz beweisen. Das taten sie auch vorzüglich, denn dieses Mal bestätigten sie einfach das gesamte Spiel über die zweiten Halbzeiten der vergangenen Wochen. Zugegeben, defensiv wurde es dieses Mal erst in der zweiten Halbzeit schwammig, doch gerade mit dem Ball war das Spiel von Lethargie geprägt. Der kreative Esprit mit dem man von Beginn an Köln, Hoffenheim oder Schalke teilweise erdrückte, war gegen Paderborn nicht zu sehen, viel mehr brauchten die Spieler zu lange um gute Entscheidungen zu treffen. So reicht es nicht um zu eigenen Tormöglichkeiten zu kommen, schlussendlich konnte man zwar gleich dreifach treffen, doch erst das letzte Tor entstand so wirklich, weil es der FC Bayern sich erspielt hatte, den Toren davor gingen Fehlpässe Paderborns voraus.

Der FC Bayern ist derzeit in einer merkwürdigen Konstellation, in diversen Interviews wird dem Trainer derartig das Vertrauen ausgesprochen, dass man fast wöchentlich eine Vertragsverlängerung erwartet. Doch konstant stimmte die Leistung eigentlich nur gegen Schalke 04. In einer anderen Konstellation könnte man die Partie gegen Paderborn unter “Arbeitssieg” verbuchen ohne weiter darüber nachzudenken, so schaut man sich die vergangenen Wochen an und sieht eher eine Partie, die die schwachen Seiten der vergangenen Spiele ins Scheinwerferlicht stellt. In gewisser Weise zählten gegen Paderborn natürlich nur die drei Punkte, die man sich ja auch erspielte; wo der FC Bayern sich wirklich befindet, wird wie so oft die Champions League zeigen müssen.

3. Der emsige Odriozola

In den vergangenen Wochen bekam man immer mehr das Gefühl, das Experiment Odriozola wäre bereits gescheitert, noch bevor der Mann sich auch nur einmal in der Startformation hatte probieren können. Wirklich überzeugen konnte der Spanier gegen Paderborn nicht, doch man merkte ihm den Willen und das Können an. Gleich vier mal ging er ins Dribbling, die Hälfte davon war auch noch erfolgreich, gerade dieser Wert zeigt, welche Option den Bayern ohne offensiven Außenläufer fehlt. Durch die Dreierkette wurde Odriozola defensiv kaum getestet, dies geschah mit Absicht, doch zeigt es eben den Vorteil Pavards an: Mit ihm rechts hinten steht Bayern defensiv stabil, ohne vorne auf einen Offensivspieler zu verzichten. Odriozolas Flanken waren eher gemischt, teilweise präzise, teilweise ungenau. Insgesamt hat er sich zwar nicht unbedingt für das Spiel gegen Chelsea aufgedrängt, aber für zusätzliche Partien danach empfohlen. Nur sollte er in Zukunft aufpassen, sich nicht mehr so schnell hinzuwerfen, sobald er im Strafraum touchiert wird.

4. In Gedenken an Hanau

Leider überschattete den Alltag dieser Tage die grauenhafte Nachricht aus Hanau. Die Miasanrot-Redaktion positioniert sich klar gegen Rassismus. Wir gedenken den Opfern Ferhat Ünver, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kalojan W., Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi sowie Bilal Gökçe und wünschen den Angehörigen viel Kraft.

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