Ist Harry Kane der bessere Robert Lewandowski?

Elischa Trenner 14.05.2024

„Hätte ein Tel da vorne gespielt, würden sie zwingend schlechter dastehen?“ Diese Frage hat Dietmar Hamann bei Sky gestellt und meint damit die Leistung von Harry Kane beim FC Bayern München. Kritik wie dieser muss ein Spieler, der im Sommer über 100 Millionen kostete, häufig entgegentreten. Doch wie gut ist der Englishman in Neufahrn und kann er gar an die Leistungen des polnischen Rekordstürmers Lewandowski anknüpfen?

Als Robert Lewandowski in der Saison 2020/2021 41 Tore in der Bundesliga für den FC Bayern München schoss und damit den Fabelrekord von Gerd Müller übertraf, waren sich viele sicher: Einen Mittelstürmer wie Lewandowski wird es so schnell nicht mehr beim FC Bayern München geben.

Drei Jahre später geht mit Harry Kane ein Spieler auf Torejagd, der nicht nur eine ähnliche Torquote aufweisen kann, sondern mit seinen Pässen aus der Tiefe ein neues Element in das Offensivspiel der Münchner bringt. Ist er damit der bessere Lewandowski oder flaut der englische Harry Kane gegenüber der polnischen Tormaschine ab? Ein Vergleich zwischen Prime Lewandowski und Prime Kane.

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Zuerst ein Blick auf die wichtigsten Statistiken: Robert Lewandowski konnte in der Saison 2020/2021 137 Torschüsse in der Bundesliga generieren während Harry Kane aktuell 146 auf Tore in Bundesligastadien schoss. Dabei erreichte er in der Bundesligasaison 36 Tore, was durchschnittlich ein Tor alle 79 Minuten bedeutet. Lewandowski stand in seiner Rekordsaison in nur 29 Bundesligaspielen auf dem Platz und konnte dabei alle 60 Minuten einnetzen. Hier hat also der Pole, stand jetzt, einen leichten Vorteil gegenüber Kane.

Harry Kane und Robert Lewandowski: Ein statistischer Vergleich

Bei den expected Goals (xGoals) laut Understat sticht ein Unterschied zwischen den beiden Ausnahmestürmer in ihren jeweiligen Saisons hervor. Kane liegt aktuell bei 33,12 xGoals. Somit übertrifft er seine tatsächlich erzielten Toren um 2,88 Tore. Lewandowskis Statistik ergibt 32,08 xGoals, was in einer Überperformance von 8,92 Toren gipfelt. Beide Werte sind herausragend, der von Lewandowski fast schon außerirdisch.

Beim Thema Verletzungsanfälligkeit scheint Harry Kane diese Saison ebenso unverwüstlich zu sein, wie Lewandowski zu großen Teilen seiner Karriere. Der Londoner bestritt bis auf das letzte Spiel gegen den VFL Wolfsburg alle 32 Bundesligaspiele von Beginn an und auch fast immer über die kompletten 90 Minuten. Beide Spieler bringen damit eine Schlüsseleigenschaft mit, um als alleiniger Topstürmer eine Mannschaft tragen zu können.

Im Bezug auf Vorlagen erreicht Kane nach 32 Spieltagen acht Assists, während Lewandowski in der gesamten Saison sieben verbuchen konnte. Hier sind sich die beiden Spieler also ebenbürtig. Lewandowskis Stärke lag hier insbesondere in engen Kombinationen um den Strafraum, in denen er seine Mitspieler in Szene setzen konnte. Er war auch in der Lage als klassischer Zielspieler zu agieren und so die Bälle auf die nachrückenden Offensivspieler abzulegen. Kane ist hier, entgegen den Erwartungen, weniger der klassische Mittelstürmer. Situationen, in denen er hoch angespielt wird bzw. er mit dem Rücken zum Tor agieren muss, sind nicht seine Stärke (natürlich mit dem Maßstab der absoluten Weltklasse).

Schnittstellenpässe vs. Kombinationsspiel

Eine Beobachtung, die im Laufe der Saison deutlich wurde und die Harry Kane auch schon lange auszeichnet ist seine Eingebundenheit in die tiefen Räume des Offensivspiels und damit verbunden Schnittstellenpässe auf die Außenstürmer. Insbesondere in der Hinrunde setzte er immer wieder Sané in gefährliche Räume ein, die dieser zu Beginn der Saison auch häufig nutzen konnte. Hier waren auch Parallelen zum Zusammenspiel von Kane mit Heung-min Son bei den Tottenham Hotspurs zu erkennen.

Durch den enormen Formeinbruch von Sané und die allgemeine Verletzungsgeschichte der Bayernoffensive, waren diese Kombinationen in der Rückrunde immer seltener erfolgsversprechend. Die Vorliebe Kanes für lange Bälle zeigt sich auch in der Statistik. So spielt er durchschnittlich 1,6 lange Pässe pro Spiel, Lewandowski hingegen lediglich 0,5.

Mit langen und kurzen Pässen konnte Kane diese Saison 13 Großchancen kreieren während Lewandowski 2020/2021 neun verzeichnete. Die Zahlen stützen dabei den Eindruck, den die beiden Spieler auf dem Platz verkörpern. Beide haben enorme stärken im Abschluss innerhalb des Strafraums. Während Lewandowski vor allem mit physischer Präsenz, seinem Kurzpassspiel und seinem Antritt punkten konnte, sticht für Harry Kane seine Übersicht, sein Stellungsspiel im Strafraum und seine Kopfballstärke hervor. Hinzu kommt noch, dass es Kanes erste Saison beim FC Bayern und in der Bundesliga ist. Ein Fakt, der seine Leistungen diese Saison umso bemerkenswerter macht.

Wer bringt die Mannschaft mehr voran?

Neben den Individualleistungen ist es ebenso relevant wie die gesamte Mannschaft um den jeweiligen Starspieler in der Offensive agiert. Häufig wurde Lewandowski Egoismus und eine zu starke Fokussierung auf seinen eigenen Torerfolg vorgeworfen. Kane hingegen wirkt durch seine Fähigkeiten zum langen Passspiel und sein sympathisches und professionelles Auftreten auf und neben dem Platz, als der ideale Mitspieler. Die Offensivleistung einer Mannschaft kann natürlich nicht nur auf den Mittelstürmer zurückgeführt werden. Dennoch können Rückschlüsse auf die Kompatibilität mit der Mannschaft geschlossen werden.

Der FC Bayern kann aktuell 90 Tore in der Bundesliga vorweisen. Vierzig Prozent davon erzielte Harry Kane. Zweitbester Torschütze ist Jamal Musiala mit 12 Toren. Aktuell ergeben sich 4,5 Großchancen pro Spiel. In der Saison 2020/2021 waren es nach 34 Spieltagen 99 Tore, wovon einundvierzig Prozent auf das Konto von Robert Lewandowski gingen. Damals erzielte Thomas Müller mit 15 Toren die zweitmeisten Treffer. Über die Saison gerechnet waren es hier 3,5 Großchancen pro Spiel.

Interessanterweise sind die relevanten Offensivstatistiken der beiden Saisons sehr ähnlich. Es ist zu sehen, dass sowohl Lewandowski als auch Kane dem Spiel viele Impulse und Vorteile auf unterschiedliche Art geben konnten und können. Wahrscheinlich ist, dass Kane mit formstärkeren bzw. weniger verletzten Außenspielern noch einen deutlich höheren Einfluss auf erzielte Tore durch seine Assists und kreierte Großchancen gehabt hätte.

Ein Unentschieden als Ritterschlag

Die Statistiken sprechen leicht für den polnischen Elitestürmer, allerdings muss man beachten, dass die Saison 2020/2021 eine deutlich erfolgreichere für den FC Bayern München war und Harry Kane somit den Umständen entsprechend eine herausragende Saisonleistung zeigt.

Das Kräftemessen Harry Kane gegen Robert Lewandowski in der Form seines Lebens geht Stand jetzt unentschieden aus, was für die Debutsaison Kanes in der Bundesliga mehr als ein Ritterschlag ist. Ob Kane in den verbleibenden Spielen noch in die Nähe der 40 Toremarke vordringt und ob ein möglicher Umbruch im Sommer dem Spiel des Engländers weiter entgegenkommt, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen. Erfreulich ist, dass der Abgang von purer Weltklasse im Sturmzentrum, wenn auch mit einem Jahr Verzögerung, durch pure Weltklasse ersetzt wurde.

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