Die Herausforderung für Xabi Alonso

Christopher Trenner 04.08.2015

Die Probleme im Spielaufbau

Xabi Alonsos Stärke ist der Spielaufbau und sein sicheres Passspiel. Gerade seine präzisen langen Bälle kann im Bayern-Kader sonst nur Holger Badstuber spielen. Für die Münchner ist diese Passart in einer sehr pressinglastigen Bundesliga aber essentiell, um sich selbst Torchancen zu erspielen und Räume zu finden. In einem System mit Dreierkette, wie in der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg zu sehen, liegt der Spielaufbau auf den Schultern von Xabi Alonso. Seine Aufgabe ist es, die Bälle strategisch ins letzte Angriffsdrittel zu tragen. Sei es mit einem vertikalen Pass auf die (zumeist zwei) Achter, oder mit einem langen (diagonalen) Pass auf die beiden Flügelstürmer. Vor allem in der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg hatte Alonso Probleme den Spielaufbau der Münchner zu prägen. Lange öffnende Bälle auf Robben oder Costa waren meist zu ungenau. Nur drei seiner sieben langen Pässe kamen während des gesamten Spieles an. Ein unterdurchschnittlicher Wert. Auch in schwierigen Spielen der vergangenen Rückrunde zeigte Alonso hier bessere Werte.

Gegnerlange Pässeangekommene PässePassquote
Borussia Mönchengladbach (0:2)13861,54%
Borussia Dortmund (1:0)9666%
Bayer Leverkusen (5:3 n.E.)11763,63%
Borussia Dortmund (0:2 n.E.)211571,42%
Wolfsburg (4:5 n.E.)7342,86%

Die Zuspiele auf die beiden vorgelagerten Müller und Thiago waren zumeist auch nicht besser, da Alonso aufgrund des Pressings der Wolfsburger zu stark nach hinten rückte, um die nötige Ruhe zum Aufbauen zu bekommen. Die Folge waren riesige Löcher im Bayern-Mittelfeld und eine mangelnde Verbindung zwischen den Mannschaftsteilen. Es zeigte sich ein Mal mehr, dass Alonso Druck durch Pressing nicht mag. Er weicht bei diesen Szenen gerne einen Schritt zu viel zurück. Die Abstände zu seinen Vorderleuten stimmten nicht. Ballstafetten mit den eigenen Abwehrspielern sind zumeist die Konsequenz. Oder anders formuliert: Horizontale statt vertikale Zuspiele.

Gegen Wolfsburg versuchte Pep Guardiola Thiago im weiteren Spielverlauf Alonso an die Seite zu stellen, um den Druck der Wolfsburger abzufangen und den Spielaufbau durch klarere Rollen besser zu verteilen. Das funktionierte zwischen zweitem und letzten Drittel besser. Allerdings wurde das Zurückziehen von Thiago mit der Umstellung auf die Viererkette erkauft. Diese hat den Nachteil, dass die Außenverteidiger sehr stark aufrücken müssen, um Überzahlsituationen zu kreieren. Kommt es zum Ballverlust, ergeben sich überdies noch gute Räume mit Konterchancen für den Gegner. Wolfsburg weiß solche Lücken zu bespielen. Nicht umsonst vertraute Pep Guardiola lieber auf die Dreierkette, die sich in der Defensive nicht so anfällig zeigt. Ein Nachteil aus Alonsos Sicht ist jedoch, dass er dann in der Regel etwas höher steht und die Gegenspieler ihn noch einfacher zustellen können. Beim Supercup konnte sich Alonso phasenweise steigern, insbesondere als er ab Mitte der zweiten Halbzeit gut in Zweikämpfe gekommen ist und auf engem Raum den Ball verteilen konnte.

Wie bereits erwähnt, Xabi Alonsos Spiel wird schwächer, umso höher der Druck wird. Viele gute Gegner machen sich dies mittlerweile zu Nutze und stellen Alonso geschickt zu, wobei der Spanier sich dann aus solchen Situationen nur unzulänglich befreien kann und oftmals als Anspielstation nicht zur Verfügung steht. Oder sie greifen ihn früh an und unterbinden so sein Aufbauspiel. Für beide Formen Xabi Alonso zu bespielen hat Pep Guardiola in den letzten neun Monaten bisher nur wenige Lösungen gefunden. Die wohl bestmögliche Option ihn als zentralen Aufbauspieler in einer Dreierkette zu bringen, scheitert an seiner fehlenden Spritzigkeit, welche in der Abwehr wohl nur neue Löcher aufreißen würde.

Unzureichende Antizipation in der Abwehr

Beim Supercup konnten die Bayern und die Mitspieler von Xabi Alonso über weite Strecken der Partie die gefährlichen Konter der Wolfsburger unterbinden. Lediglich in der Phase zwischen der 20. – 35. Minute zeigten die Wölfe gute Ansätze im Umschaltspiel. Die besten Szenen entwickelten sich durch Standardsituationen der Münchner oder durch gut eroberte zweite Bälle im Mittelfeld. Hier war eine klare Steigerung im Defensivverbund zu erkennen, denn es gelang die fehlende Schnelligkeit von Xabi Alonso gut zu verstecken. Alonso wurde nicht einfach von seinen Gegnern überlaufen. Der Spanier zeigte indes auch positive Ansätze, mit einer Zweikampfquote von 60% war er der beste Münchner, die insgesamt nur 40% ihrer Zweikämpfe im Supercup gewannen. Hinzu kamen fünf abgefangene Pässe und vier Klärungen.

Im Pressing-Spiel konnte Alonso aber nicht unterstützend einwirken. Die Wolfsburger eroberten gerade im Mittelfeld zu viele einfache Bälle, weil die verschiedenen Linien des Bayernsystems nur unzureichend harmonierten. So waren die Lücken zwischen Angriff und Mittelfeld, aber auch Abwehr und Mittelfeld zu groß. Mit der Folge, dass die Wolfsburger sich aus zunächst gut vorbereiteten Pressingsituationen sehr leicht befreien konnten. In einigen Szenen fiel hier auch Xabi Alonso negativ auf, der zu selten nachrückte und Passwege der Wolfsburger nicht nachhaltig genug zustellte.

Hinzu kamen Fehler in der Defensive beim Verschieben in der Abwehrkette. In der zweiten Halbzeit hatte Wolfsburg im Gegensatz zur ersten Hälfte längere Ballbesitzphasen. Diese konnten meist nur mit Glück oder individuellen Fehlern der Wolfsburger unterbunden werden, nicht aber durch das eigene Stellungsspiel der Münchner. Die Abstände auf einer Linie waren vielfach zu groß. So ergaben sich große Lücken zwischen den einzelnen Ketten, die die Wolfsburg mit Steilpässen zum Teil gut ausnutzten. Hier war Alonso meist zu passiv, so dass Benatia oder Boateng aushelfen mussten, was wiederum Löcher in der Defensive riss.

Die Zwischenmenschliche Komponente

Durch den Abgang von Bastian Schweinsteiger ist eine neue Situation entstanden. Xabi Alonso muss aufgrund seiner Erfahrung den Laden mit zusammenhalten und zugleich als Bindeglied während der sich abzeichnenden Umbruchphase fungieren. Eine etwas schwierige Situation, schließlich befindet sich Alonso selbst im letzten Vertragsjahr. Ob eine Vertragsverlängerung vorstellbar ist, bleibt abzuwarten. Wohl von beiden Seiten gibt es hierfür zu viele Unbekannte. Allen voran die Besetzung des Trainerstuhls. Innerhalb des Vereins genießt Xabi Alonso aber eine große Rückendeckung. Die Fehler aus der Rückrunde, dass Alonso aufgrund verschiedener Verletzungen überspielt wirkte, sollen durch bessere Lastenverteilung gemanagt werden. Hier ergeben sich Chancen für Spieler wie Vidal, Kimmich, Lahm oder Alaba. Ob die bessere Verteilung gelingt und Früchte trägt, bleibt abzuwarten und ist letztendlich eng an die Anzahl der Verletzten geknüpft.

In der Summe muss sich Alonso steigern, will er gegen die Top-Teams der Bundesliga bzw. der internationalen Klasse weiterhin in der Startelf stehen, sollte Pep Guardiola eine alternative Lösung finden. Hier haben die Münchner zuletzt zu oft das Nachsehen in den direkten Duellen. In der Rückrunde wurde gegen die Teams, die am Ende zwischen Platz 2 und 6 eingelaufen sind, nicht gewonnen. Auch in der Champions-League-KO-Phase gab es viele Schwierigkeiten, ungeachtet der Halbfinalspiele gegen Barcelona. In diese Reihe ordnet sich nun auch das Supercup-Spiel ein. Gerade seine große Pressinganfälligkeit und der hohe Druck auf ihn, ist ihm gegen Wolfsburg abermals zum Verhängnis geworden und wurde von den Gastgebern überwiegend gut ausgenutzt. Hinzu kamen zuletzt immer wieder individueller Fehler, die Gefahr für das Tor der Münchner heraufbeschworen. Alonso war in vielen dieser Partien augenscheinlich zumeist das schwächste Glied auf dem Platz. Auch Pep Guardiola muss die Situation genau analysieren. Kann ein System gefunden werden, in dem die Stärken von Alonso im Spielaufbau besser zum tragen kommen und zugleich seine Schwächen besser kaschiert werden? Gerade gegen die Top-Teams der Bundesliga bzw. in der Champions League. Erste Ansätze waren während des Supercups zu sehen, diese reichen aber noch nicht aus. Eine Option wurde mit Vidal bereits verpflichtet. Dieser kann durch sein zweikampforientiertes Spiel den Gegner anders zusetzen, als es mit dem Duo Schweinsteiger und Alonso der Fall gewesen wäre. Zugleich könnte Vidal durch vertikale Pässe den Spielaufbau zum Teilen mit übernehmen. Eine andere Möglichkeit wäre Alaba in die Mitte zu ziehen. Hier könnte er durch seine Läufe ähnliche Aspekte in das Spiel bringen wie Vidal – nur eben durch Läufe. Dieses Gedankenspiel ist zur Zeit aber eher unwahrscheinlich, da Badstuber verletzt ist, sowie Martinez und Dante nur einen Bruchteil der Vorbereitung absolvieren konnten. Alaba wird somit in der Abwehr gebraucht.

Erwähnenswert ist das Verantwortungsbewusstsein des Spaniers. Wie bei seinem Elfmeter zu sehen war. Dass dieser ordentlich geschossen, aber dennoch pariert wurde, steht sinnbildlich für die aktuelle sportliche Situation.

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