Wie Guardiola den FC Bayern taktisch revolutionierte

René Marić Trenner 23.05.2016

Kollege Marco Henseling sprach bei Spox im Sommer 2012 von der Postmoderne; 1986 tat dies in der ZEIT schon Klaus Bartels. 2010 schlug sogar mit Christoph Biermann in der TAZ einer der wichtigsten deutschen Fußballautoren unserer Zeit in die gleiche Kerbe. Grundsätzlich ist die Postmoderne lediglich eine Weltanschauung. In diesem Kontext verweist sie auf eine Nutzung alter Ideen in neuem Gewand im Fußball anstatt einer Innovationsmöglichkeit.

Doch was hat Guardiola damit zu tun? Wie erwähnt, kommen solche Innovationen nur selten. Arrigo Sacchis Raumverknappung – hierzulande von Helmut Groß und dessen Schülern propagiert – in den späten 80ern gilt vermutlich als die letzte Innovation. Doch Guardiola und dessen wichtigster Einfluss – Juanma Lillo – haben mit ihrer Verschmelzung aus Offensive und Defensive, aus der Nutzung eines organisierten Positionsspiels und ihrer spezifischen Nutzung des Ballbesitzes ebenfalls dafür gesorgt.

Seither hat sich der Weltfußball verändert. Sieht man sich heute Spiele von vor zehn Jahren an, wirkt der Unterschied zum aktuellen Stand dramatisch. Spiele von vor zehn Jahren sehen wiederum nur marginal anders aus als von vor dreißig. Das Spiel mit Ball ist strukturierter, das Tempo ist enorm – hier ist die Symbiose aus dem aggressiven Pressing von Guardiolas Barcelona schnell kopiert und von vielen Mannschaften angewandt worden. Besonders in Deutschland, wo sich Klopp nach eigenen Aussagen sehr an Sacchi orientierte, ist dies auffällig.

Was hat Pep aber noch in petto? Die große strategische Innovation fehlt. Viele erwünschten sich eine abermalige Evolution des Fußballs in dieser Komponente, als der Katalane zu Bayern wechselte. Passiert ist es nicht; was nicht weiter verwunderlich ist. Rein taktisch ist aber der künftige Ex-Bayerntrainer nach wie vor einer, wenn nicht der Beste seines Fachs. Dies stellte er in seinen drei Jahren in München eindrucksvoll unter Beweis.

Jahr 1: Die Suche nach der gemeinsamen Identität

Zu Guardiolas Amtsantritt herrschte ein selten gesehener Hype. Seine Pressekonferenz und das erste Training wurden auf eine hierzulande noch nicht dagewesene Art und Weise inszeniert. Gleichzeitig war es ein Anstoß für bisher ebenfalls selten gesehene Überlegungen taktischer Natur. Was würde Guardiola beim Triple-Sieger verändern? Sollte er überhaupt was verändern? Um diese Fragen beantworten zu können, entstand zumindest in der Blogosphäre eine Reflektion darüber, wofür Guardiola denn genau stehe und was ihn damit von Heynckes differenzierte. Die Mainstreammedien unterfütterten dies mit wichtigen Informationen zu Guardiolas Planungen. So wurde schon nach dem ersten Training richtig berichtet, dass der Startrainer Franck Ribéry gerne in der Mitte einsetzen würde.

Guardiola traf aber auf einige Hindernisse. So waren die Gegner in Deutschland mit der weltweit ihresgleichen suchenden Ausrichtung auf Pressing und Umschaltmomente rein strategisch ein unangenehmer Gegner. Zwar mangelte und mangelt es einigen Bundesligamannschaften an der hochklassigen Struktur mit Ball oder im klassischen Defensivspiel, wie es die spanischen Teams aufweisen, Pressing und Konter beherrscht man in der Breite jedoch mindestens genauso gut. Außerdem waren Spieler wie Ribéry nicht vollends von einzelnen Umstellungsideen überzeugt.

In der ersten Saison entstand ein gewisser Zwist. Wie sehr könne man denn vom Heynckes-Fußball abweichen? Die Grundprinzipien des Positionsspiels wurden zwar dank der Qualität Guardiolas auf dem Trainingsplatz schnell etabliert, doch es mangelte an schwer zu trainierenden Feinheiten. Das Freilaufverhalten von Robben und Ribéry variierte zwischen „unsauber im Positionsspiel“ und „zu statisch“. Mandzukic als vorderster Spitze öffnete weiterhin Räume wie in der Heynckes-Ära, war spielerisch jedoch zu schwach und seine raumöffnenden Bewegungen waren wegen Guardiolas System weniger wertvoll. Zentral gab es spielstarke Akteure, doch Kroos und noch viel stärker Schweinsteiger waren in ihrem Passrhythmus und Verhalten mit Ball am Fuß nicht so ideal wie Xavi und Iniesta beim FC Barcelona. Kroos fand sich zwar schnell zurecht, mit Schweinsteiger hatte Guardiola in dessen Zeit beim FC Bayern jedoch fast immer seine Mühen.

Thiago, Guardiolas Wunschspieler.(Bild: Gonzalo Arroyo Moreno / Getty Images)
Thiago, Guardiolas Wunschspieler.
(Bild: Gonzalo Arroyo Moreno / Getty Images)

Guardiolas Wunschverpflichtung Thiago Alcantara laborierte wie Götze immer wieder an Verletzungen. Gemeinsame Spektakel wie gegen den BVB im ersten Aufeinandertreffen in der Bundesliga blieben leider nur eine Seltenheit. Während der Saison fand Guardiola jedoch Lösungen für die Probleme. Einerseits von Spiel zu Spiel gegnerspezifische Anpassungen, die meist ins Schwarze trafen und für den frühesten Meister in der Geschichte der Bundesliga sorgten, andererseits grundlegende Veränderungen im System. Besonders drei Maßnahmen kristallisierten sich heraus:

  • Lahm als Sechser
  • In die Mitte rückende Außenverteidiger
  • Veränderte Flügelstürmerrollen

Lahm auf die Sechs zu stellen, galt für Guardiola selbst als wichtigster Schachzug in der Saison. Der Kapitän der deutschen Weltmeisterelf überzeugt durch seine enorme Spielintelligenz, sein strategisches Geschick und seine Pressingresistenz. Er brachte mit und ohne Ballbesitz entscheidende Stärken in das Gesamtkonstrukt der Münchner.

Die einrückenden Außenverteidiger wurden vorwiegend genutzt, wenn nicht Lahm in der Mitte agierte. Hiermit schaffte Guardiola, Lahm und Alaba zentral zu nutzen, wodurch die Achter höher agieren und die Flügelstürmer Breite geben konnten. Kroos auf der Sechs war dann die häufigste Ergänzung der Spielfeldmitte.

Damit ging wie erwähnt eine Veränderung der Flügelstürmerrollen einher. Das Spiel der Bayern wurde in den Passrhythmen flügelorientierter, immer wieder suchte man nun Durchbrüche über breite Dribblings, Flanken, Schnittstellenpässe durch die Halbräume und schnelle Kombinationen mit den höheren Achtern. Bayern scheiterte letztlich gegen Real Madrid im Rückspiel des CL-Halbfinales an jenen Problemen, die zu Anfang der Saison sichtbar waren: Mangelnde Balance in der Absicherung, Probleme in der Spielfeldmitte, Unsauberkeit im letzten Drittel.

Diese Anpassung war ein Fingerzeig auf die zukünftige Entwicklung der Bayern

Jahr 2: Detailarbeit im System

2014/15 war jene Identität, welche die Bayern in den nächsten zwei Jahren führen sollten, schon früh erkennbar. Bereits die Transfers zeigten dies. Bernat als neuer Außenverteidiger, Xabi Alonso auf der Sechs, Rode als Alternative im Mittelfeld und Lewandowski ganz vorne waren Indizien für eine neue bzw. klarere Ausrichtung.

Lewandowski war keine „falsche Neun“, kein Stürmertyp wie z.B. Karim Benzema, sondern ähnlich zu Mandzukic, doch mit massiv besserem Spiel mit Ball am Fuß. Er sollte die Verbindung geben aus der Möglichkeit weiterhin lange Bälle zu spielen, Flanken in die Mitte bringen zu können oder für die Flügelstürmer als Ablagestation zu fungieren. Alonso war grundsätzlich ein Ersatz für den abgewanderten Kroos, doch der Spanier bringt einige wichtige Unterschiede zum deutschen Nationalspieler. Alonso kann eher als alleinige Sechs spielen und spielt enorm fokussierte lange Diagonalbälle. Für das neue System eine optimale Ergänzung in dieser Hinsicht. Rode brachte mehr Dynamik, physische Präsenz und Vertikalität ins Mittelfeldzentrum, Bernat wiederum eine Alternative zu Alaba.

Alaba war nämlich ein wichtiger Aspekt in diesem zweiten Jahr. Verstärkt experimentierte Guardiola nach dem DFB-Pokalfinale gegen den BVB, wo die Dreierkette zum ersten Mal in einem Pflichtspiel genutzt wurde, mit drei Verteidigern in der ersten Linie. Immer wieder gab es 2014/15 3-4-3/3-4-2-1-Systeme. Wichtig schien für Guardiola hierbei herauszufinden, wie genau man die Flügel nutzen sollte.

Einige Spiele hatten bspw. einen Flügelstürmer (Robben) und einen Außenverteidiger (Bernat) auf den Seiten. In anderen Partien nutzte man zwei Außenverteidiger seitlich oder kehrte zum 4-3-3 zurück, welches aber häufiger wie ein 4-4-2 interpretiert wurde. Gegen den Ball spielte Müller öfters tiefer, besetzte in Ballbesitz jedoch mit Lewandowski die vorderen zentralen Räume. Ein paar Mal gab es sogar ein 4-3-1-2/4-1-3-2 zu sehen – also eine Mittelfeldraute –, in der Robben, Ribéry und Götze gemeinsam vor Alonso und hinter zwei Stürmern agierten (Hertha, Hoffenheim).

Diese Phase sorgte für einige tolle Partien. Neben dem Kantersieg gegen die Roma mit Robben als Flügelverteidiger fiel immer wieder auch die Nutzung Alabas ins Auge, der als Halbverteidiger nach vorne marschierte und eine Schlüsselrolle in diesem System einnahm. Alonso als Sechser vor drei Verteidigern funktionierte ebenfalls besser, die Kombination mit ihm und Schweinsteiger als zwei Sechser klappte allerdings weiterhin nicht. Der versuchte erhöhte Fokus auf die Flügelstürmer wurde jedoch zum zweischneidigen Schwert: Ribéry und Robben fielen immer wieder aus, in der heißen Phase der Saison im Frühjahr fehlten öfters beide Akteure.

Zwar konnte man es durch die herausragende Qualität gegen den Ball, die individuelle Klasse und andere Gimmicks – inkl. ein paar verstärkt konterorientierten Spielen und Flankenfokus auf Müller und Lewandowski – kompensieren, für die nächste Saison musste jedoch eine Änderung her. Guardiola entschied sich für eine personelle anstatt einer systemischen.

Im letzten Guardiolajahr nahmen die Experimente ab. Zwar gab es natürlich immer wieder die spezifischen Anpassungen an den Gegner, diese variierten jedoch eher im Detail und nicht in der Teamtaktik.

Jahr 3: Ein fast gelungener Abschluss

Dreierkette und Co. wurden gelegentlich wieder genutzt, spätestens im Frühling gab es aber vorrangig das 4-1-4-1/4-3-3 und gewisse Abwandlungen davon zu sehen. Dies war möglich, weil im Sommer mit Coman und Costa zwei neue Flügelstürmer geholt haben. Die Flügelstürmerpositionen waren nun mehrfach besetzt.

Costa und Coman boten grundsätzlich 1-zu-1-Ersatz für Ribéry und Robben, können beide jedoch auch auf der gegenüberliegenden Seite agieren und vermehrt für Flanken zur Grundlinie durchbrechen. Damit wurde die Verbindung zweier Grundkonzepte – dem Fokus auf die Mittelstürmer und dem Fokus auf die Flügelstürmer in der Ausrichtung – geschaffen. Fielen Ribéry und Robben aus, konnte man das System beibehalten und auf Dribblings der Außen in Richtung Mitte setzen, man konnte es verändern oder auch asymmetrisch auslegen, wenn nur einer aus Robben/Ribéry fit war. Bei Bedarf können auch Götze und Müller im Kader über den Flügel kommen, dieser Bedarf war allerdings kaum noch gegeben.

Eine weitere Verpflichtung entpuppte sich ebenfalls als wichtiger Aspekt in diesem variablen 4-1-4-1 mit asymmetrischer Mittelfeldbesetzung. Vidal als weitere Option in der Mitte verdrängte sogar Guardiolas Lieblingsspieler. Thiago pendelte zwischen Stammelf und Bank; sogar dann, wenn er einsatzbereit ist. Anfangs hatte der chilenische Neueinkauf von Juventus Turin allerdings seine Probleme. Im Aufbauspiel brachte er keine neue Komponente ein, im Angriffsspiel war er der Effektivität der Kombinationen abträglich. Erst, als Guardiola Vidal verstärkt als vorstoßenden Akteur mit dementsprechender Absicherung nutzte, wurden dessen spezielle Stärken (Torgefahr, Vertikalität im Spiel ohne Ball, Besetzung der Strafraumrückräume, Gegenpressing) ins System eingebunden.

Für den ganz großen Wurf – ein erneutes Triple – sollte es nicht reichen. Guardiola und seine Spieler scheinen das „Projekt“ dennoch für erfolgreich zu halten, wenn man deren jüngste Aussagen so deuten möchte. Dabei haben sie nicht Unrecht. Im Fußball ist enorm viel Zufall im Spiel. Mal hat man Pech, mal die Anderen Glück.

Guardiola beim Spiel gegen Atletico Madrid.(Bild: JOHN MACDOUGALL / AFP / Getty Images)
Guardiola beim Spiel gegen Atletico Madrid.
(Bild: JOHN MACDOUGALL / AFP / Getty Images)

Abschlussdiskussion: “Mia san Mia” erfüllt

Natürlich darf Guardiola vor Kritik nicht geschützt werden. Die Trainingssteuerung wirkte in Anbetracht der vielen Verletzten nicht immer optimal, auch wenn dies natürlich nicht isoliert Guardiola alleine zugeschrieben werden kann. Die Einbindung Götzes hätte anders ablaufen können, ebenso wie der Umgang mit Medien und einzelne Ausrichtungen in bestimmten Spielen, wo taktisch nicht durchgehend richtig aufgestellt wurde.

Die Frage ist jedoch, ob es jemand anders besser gemacht hätte. Konstant richtig aufstellen vermag kaum ein Trainer. Das ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Guardiola ist im Gegensatz zu vielen anderen allerdings mutig genug, auch erfolgreiche Aufstellungen zu verändern, um die Erfolgswahrscheinlichkeit in speziellen Partien zu erhöhen. Das macht ihn angreifbar, obwohl eigentlich nicht der Fehler, sondern der mangelnde Mut Fehler zu begehen, das größere Kritikfeld sein sollte.

Guardiola kann man eher als eine Art Projektmanager sehen. Seine Ziele waren eine neue – seine – Spielweise bei den Bayern zu etablieren und sie gleichzeitig salon-, äh, deutschlandfähig zu machen. Das gelang durchaus. Das „Mia san Mia“ wurde nicht ad acta gelegt, sondern erweitert. Die Dominanz zeigte sich in jedem Spiel, Meistertitel wurden den Bayern schon zu Saisonbeginn bescheinigt und trotz der schwierigen Aufgabe, diese hohen Erwartungen inmitten eines wiedererstarkten BVB und der Doppelbelastung zu erfüllen, schaffte man es mit beispielloser Souveränität.

Den Projektmanager Guardiola könnte man wie folgt definieren: Konzeptphase (vor Amtsantritt), Definitionsphase (Jahr 1), Entwurf- und Entwicklungsphase (Ende Jahr 1 bis Anfang Jahr 3), Betriebs- und Wartungsphase (Jahr 3), Stilllegungsphase (letzten Monate von Jahr 3). Statistische Werte wie Expected Goals, die weniger von Einzelergebnissen abhängig sind als der Spielstand, sprechen übrigens davon, dass Guardiolas Mannschaft sich diesbezüglich auch vor dem Triplesiegerteam 2013 oder der großen Barcelonamannschaft Guardiolas nicht verstecken muss.

Natürlich wird wegen einzelner Fehler und einem mangelnden CL-Titel ein Fleck auf der weißen Weste verbleiben. Doch Guardiola hat es geschafft, dass die Diskussion über Fußball auf ein neues Niveau gehoben wird. Zwar wehren sich manche Mainstreammedien und Stammtischexperten dagegen, die Blogosphäre und einige Journalisten sind allerdings weitgehend mitgegangen. Und es zeigt sich auch in Gesprächen mit Trainern im Profibereich (sh. das Doppelinterview mit Tuchel auf DFB.de) und im Amateur- oder Jugendbereich, wie sehr Guardiola als Vorbild dient. Jogi Löws Nationalmannschaft orientierte sich ebenso an einige Ideen wie junge oder weniger bekannte Trainer aus unteren Niveaus, ob ein Horst Steffen (früher Stuttgarter Kickers, jetzt Preußen Münster) oder Sandro Schwarz (Mainz II). Was Rangnicks und Klopps Fußball Ende der 2000er an Entwicklung lostrat, könnte sich in den nächsten Jahren dank Guardiola vollziehen – oder so möchte man wünschen.

»Eier, wir brauchen Eier!«

— Oliver Kahn

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  1. ….und schon wieder eine zutreffende Analyse, deren Langzeitergebnis viel Freude für die Zukunft verspricht…..

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    1. Ich bin dem Blog sehr dankbar, daß ein Gastautor eine so ausführliche und sachliche Analyse der 3 Guardiola-Jahre vornehmen durfte! Es wäre schön, wenn es weitere Gastautoren geben würde. Ich denke, dies würde unseren Blog, unser MIa-san-rot, auf eine weitere Stufe heben. :-)

      1. Es muss natürlich auch immer mal wieder zum Thema passen. Bei René hat sich das einfach angeboten, weil er Guardiola sehr intensiv verfolgt, privat Bayern-Fan ist und da sehr rationale und gute Ansichten vertritt. Wenn eine Konstellation aus Thema und Gastautor es so hergibt, dann ist das sicherlich immer mal wieder drin.

  2. bakeacakeorsomething Seite 23.05.2016 - 19:54

    Vielen Dank für diese tolle Analyse!
    Ich persönlich, und das ist jetzt nur eine Detailfrage, frage mich immernoch, warum man am Ende die Variabilität so zurück gefahren hat. In der Hinrunde war das ja noch anders gewesen, und so quasi-perfekt das System am Ende war, die Unberechenbarkeit war schon mächtig zuvor. Kaum ein anderer Trainer kann eig. auf diesem Niveau trainieren, somit ist das kein wirklicher Kritikpunkt (wie im Text wunderbar in Bezug auf den Mut ausgedrückt, macht ihn das immernoch nicht zu einem schwächeren Trainer als all die anderen, ganz im Gegenteil).
    Ich würde es wirklich gerne nachvollziehen können, verdammt! ;-) War er der Meinung, dass die Mannschaft das braucht? Wollte er perfekte Mechanismen? Die falschen Verletzten? Es steht ja doch in starkem Gegensatz zu den zweieinhalb Jahren zuvor.
    Würde mich über Meinungen anderer freuen.. :-)

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    1. Die Frage hab ich mir auch gestellt. Sie ist aber eigentlich hier im Forum beantwortet worden:

      Oft ging es gar nicht viel anders. Z.B. im Pokalfinale hat sich die Mannschaft von selbst aufgestellt. Nur Coman hätte man früher bringen können. Aber für Ribery, den bis dahin besten? Hätte man ihn für Costa gebracht, wäre erstens ein Elferschütze rausgenommen worden. Zweiten hätte man dann keinen Wechsel für Ribery mehr gehabt, falls der nochmal in Gelbgefahr geraten wäre.

      Variabilität gab es sehr wohl, als Müller im Calderon draußen saß ..

      Pep ist einfach sehr vorsichtig geworden. Kann man verstehen, wenn man die letzen beiden Jahre nimmt, in denen das eine oder andere Spiel “hergeschenkt” wurde bzw. wo man sehr ungute Auswärtstore kassiert hatte.

      1. Er hat auch deshalb nicht mehr so viel angepasst, weil es ja auch irgendwo lief. Bayern gewann die Spiele und fand seinen Rhythmus. Die Spiele gegen Atlético waren mit Ausnahme der ersten halben Stunde sehr stark und es gab keinen Grund für Anpassungen.

        Ich denke auch dass Guardiola mit dem Wissen, dass er keine weitere Saison mehr haben würde, auch vermehrt auf den Gedanken gekommen ist: “Gut, jetzt versuch ich nicht mehr die Mannschaft noch schöneren Fußball spielen zu lassen, sondern will die Saison mit Titeln beenden.” Dafür ist er einen pragmatischeren Weg gegangen. Dazu kamen auch über lange Strecken Verletzungen von wichtigen Bausteinen, die ja Bestandteil dieser taktischen Variabilität waren. Inklusive starker Formschwankungen von Schlüsselspielern wie Müller und Thiago. (Müller zähle ich gerade am Ende der Saison dazu, da seine Auftritte nicht immer gut waren, auch wenn es Müller ist.)

  3. die viel interessantere kritik an guardiola formuliert der autor leider nicht weiter aus (einige kritikpunkte sind m.e. beck­mes­se­risch: die einbindung götzes konnte nicht ohne entsprechende leistungsnachweise götzes erfolgen, und die blieben meist aus; der umgang mit den medien ist vollkommen nachvollziehbar, wenn man kostbare lebenszeit nicht mit sportboulevardesker seichtigkeit vergeuden möchte) – und zwar die frage nach der spielerischen regression der vergangenen monate, die nur in einem überragenden halbfinalrückspiel ihre kurzfristige aufhebung sah.

    nach dem gladbach-spiel (https://miasanrot.de/fc-bayern-gladbach-analyse/) konnte man vom autor christopher auf diesem kanal folgendes lesen:

    “Trotzdem manifestiert sich der Negativtrend in Sachen Spielkultur nun seit Wochen mit wenigen positiven Ausreißern. Auch gegen Hertha wirkte die Guardiola-Elf, die eigentlich schon in der kompletten Rüclrunde in einer recht statischen Ausrichtung mit wenig Varianten agiert, merkwürdig gehemmt, gedrosselt und irgendwie van Gaalig.”

    ich habe im kommentarbereich damals schon versucht eine diskussion anzustossen, vielleicht zu früh. da jetzt aber die zeit der rückblicke und globalanalysen anzubrechen scheint, ist die zeit auch für diese fragen gekommen:

    – wie ist dieser festgestellte “negativtrend” erklärbar?

    – warum spielte der fc bayern so viele wochen mit dieser “recht statischen ausrichtung”?

    – gibt es dafür vielleicht strukturelle gründe, da in jeder guardiola-saison in der rückrunde eine spielerische regression stattfand? die auch in diesem text erwähnten traumspiele, z.b. gegen rom 2014, aber auch schon in man city 2013, oder arsenal 2015 fanden alle in der vorrunde statt…

    – warum agiert diese überragend besetzte mannschaft über weite strecken der rückrunde so “merkwürdig gehemmt, gedrosselt und irgendwie van Gaalig”, obwohl sie dieses mal nahezu vollständig war?

    – in dieser datensammlung (https://twitter.com/iMiaSanMia/status/734500520967196673) wird die jeweils letzte bundesligasaison von guardiola & heynckes gegenübergestellt: was m.e. in erster linie auffällt ist die starke diskrepanz zwischen der hohen anzahl an chancen/torschüssen unter guardiola und den erzielten toren, oder anders gesagt: weniger toschüsse und weniger chancen unter heynckes bedeuteten 18 mehr geschossene tore! man brauchte offensichtlich viel zu viele chancen, um ein tor zu erzielen – der entscheidende genickbruch im diesjährigen CL-halbfinale: über 50 torschüsse in beiden spielen & nur 2 tore. in der vorrunde der zurückliegenden saison war das noch komplett anders herum… welche gründe kann man dafür anführen?

    da ich von den analysen der ständigen autoren auf dieser seite, aber auch maric und co. sehr angetan bin, & zugleich ein großer anhänger der guardiolaschen fussballideologie bin, würde mich v.a. deren einschätzung zu diesen kritikpunkten, die sie in der vergangenheit in der einen oder andere form selbst aufführten, interessieren. kurz und knapp gefragt:

    warum kam es in den letzten monaten zu dieser “Stilllegungsphase” (maric), also zur stilllegung der spielerischen leichtigkeit, rafinesse, der strategischen variabilität, der kreativität sowie der torgeilheit?

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    1. Interessante Fragen, zweifelsohne !

      Danke dafür. Danke auf dem Team für die Analyse !

    2. Du beantwortest die meisten Fragen ja schon selbst. Gerade in der Bundesliga wurden ja über Phasen der Rückrunde Chancen ausgelassen, die fast schon lächerlich waren. Gegen Atlético schossen wir 55 in Richtung Tor des Gegners.

      Zur Statik des Systems: Verletzungen, Formschwankungen wichtiger Schlüsselspieler, aber auch der Alternativen auf der Bank und den Faktor dass Pep im letzten Jahr vielleicht einen rationalen Weg mit mehr Titelchancen verbunden haben könnte sind für mich die Hauptgründe. Ich habe die Experimente und Umstellungen aber auch etwas vermisst.

  4. Mein Senf:

    1. Dass die Winger jetzt nicht mehr nur “invers” spielen, ist IMHO die Zukunft. Ob das aber an Guardiola liegt, oder vielleicht doch an Reschke, wissen wir nicht. Ich würde beide dafür loben.

    2. Dass unter Heynckes aus weniger Chancen mehr Tore erzielt wurden, liegt glaube ich schlicht auch an Mandzukic und Gomez. Gerade Gomez hatte eine unglaubliche Quote, wohl mit die beste aller Bayernstürmer der letzten 10 Jahre (sogar besser als Makaay und Toni). Nachdem Lewandowski allerdings nach Jahrzehnten die 30 Tore Marke erreicht hat, sollte man vielleich nicht nur nach der Quote schielen.

    3. Taktisch betrachtet fehlt mir ein Punkt: Was ist mit der Mitte? Guardiola wollte Ribery in die Mitte ziehen, was nicht geklappt hat. Er hat es mit Robben versucht und sogar mit Costa (er hatte auch Messi umfunktioniert). Bayern hat jetzt Sanches geholt, einen Mann für die Mitte. Ist das die Zukunft? Oder bleiben wir beim Spiel über die Flügel?

    Antwortsymbol1 AntwortKommentarantworten schließen
    1. Hm… schwierig zu sagen. Hier könnte man reflexartig auch auf Götze hinweisen. Wenn Guardiola wirklich einen Mann für die Mitte wollte, warum hat er den offensichtlichsten Spieler dafür in die Halbräume oder auf den Flügel geschoben? Auch wenn alle fit waren.

  5. Sehr schöne Analyse.
    Würde jetzt nicht in jedem Punkt mitgehen. Mit der zur Zeit überall auftretenden Projektmanagertheorie kann ich z.B. ziemlich wenig anfangen.
    Wenn sich für mich etwas in diesen Jahren gezeigt hat, dann dass Pep viel mehr Pragmatiker als Theoretiker und der Taktikfundamentalist als der er gemein hin angesehen wird. Da ist imo viel mehr ad hoc und situativ passiert, als dass das einem jahrelang verfolgten Plan geschuldet wäre.
    So in dieser Rückrunde z.B. die Improvisationen die dem Ausfall der gesamten IV geschuldet waren. Die sich dann dem Cramerschen Axiom folgend (“Alles hängt mit allem zusammen. Rupfst du dir am Hintern ein Haar aus, tränt das Auge.”) auf alle anderen Mannschaftsteile auswirkten und vielleicht (sehr wahrscheinlich) auch Anteil an der hier angesprochenen spielerischen Regression der Rückrunde hatten.

    Interessant übrigens wie sich seit wenigen Tagen der Spin zum Thema Guardiola zu drehen scheint. Nachdem nach seinem Abgang das Thema Pep-Bashing ins Leere laufen würde und die 1000ste Diskussion darüber ob und warum er jetzt gescheitert wäre irgendwann sinnlos wird, entdeckt man jetzt schon zunehmend seriöse Auseinandersetzungen mit seiner Bayernzeit.
    Freue mich schon auf die Schlagzeilen irgendwann im Spätsommer/Herbst nach der ersten Niederlage, dass Carlo eben kein Pep wäre. (Freuen = Ironiemodus ((-:)

  6. @ franzferdl
    (hatte das auch bei https://petersgradmesser.wordpress.com gebloggt)
    „Hochaufgerückt vollgas-dominant spielen“ heißt 90 Minuten 11 mannige 100prozentige Dauerkonzentration. Guardiola drehte das Team so mental ständig ans Limit. Bei nur 99,9 Prozent Konzentration scheppert’s bei einem international gutem Gegner sehr wahrscheinlich. Gefährlich dann gerade, wenn’s flüssig läuft und man sich gewissermaßen selbst „in Sicherheit“ einlullt.
    Ich mache seit 20 Jahren Kampfsport. 100 Prozent Dauerkonzentration geht nicht. Man muss Luft rausnehmen und gerade im Stress in einer „Sicherheitsposition“ mal mental entspannen können, um so die Konzentration wieder zu sammeln.
    Ich glaube, dass auch viele Verletzungen und „van gaalartige“ Endspurtschwierigkeiten letztendlich durch „mentale Überbeanspruchung und Auszehrung“ entstanden sind und freue mich demnächst auf eine kleine Prise italienischer Gelassenheit. Und vielleicht auch mal List:

    „So stumpf wie der Rasen rührte Bayern in Madrid völlig überraschend Beton an. Als sich Atletico nach 35 Minuten aufmachte ein wenig zu öffnen, wurde es überrumpelt“ – das wäre doch mal eine nette Schlagzeile für morgen. Die Zukunft liegt meiner Meinung nach in polyvalenten Spielern, die auch polyvalent Spielstile in einem Match changieren können.

    Trotz allem war Guardiolas Leistung grandios.

  7. […] drehte sich diese Woche noch einmal alles um den Abschied von Pep Guardiola, René Marić in einem Gastbeitrag und unser Autor Justin verabschiedeten sich vom Katalanen. Dazu gab es einen Abschieds-Pepcast in […]

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