Gastkommentar: Denkwürdige JHV für Uli Hoeneß

Christian Trenner 02.12.2018

Ein Gastkommentar von Christian Nandelstädt.

Ich beginne am besten mit Bratwürsten. Die von HoWe, die es auch bei Aldi gibt und eben auch in der Allianz Arena. Nein, Uli Hoeneß hat nicht höchstpersönlich dafür gesorgt, dass die Würste seines ehemaligen Unternehmens (das seit Jahren seinem Sohn gehört) im Stadion verkauft werden. Wie ich erfahren habe, wurden damals mehrere Produkte mehrerer Anbieter blind verköstigt. Und nach Meinung des Caterers der Allianz-Arena schmeckten die Würschtl von HoWe am besten. Das kann man glauben oder nicht. Ich tue es.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil sie einen der zahlreichen Vorwürfe beinhaltet, denen Uli Hoeneß sich auf der Jahreshauptversammlung ausgesetzt sah. Und weil sie das Niveau markiert, auf das jener denkwürdige Freitagabend absank.

Die Jahreshauptversammlung begann mit vereinzelten Lachern über Hasan Salihamidzic, der nach Aussage von Hoeneß lieber bei der Mannschaft sein wollte, als im Audi Dome zu sitzen. Ich weiß nicht, warum an dieser Stelle über den Sportdirektor gelacht wurde, der Präsident jedenfalls schien die Übeltäter mit seinen Blicken zu bestrafen. Nach diesem ersten Aufreger plätscherte die Veranstaltung wie erwartet dahin. Es gab keine wichtigen Wahlen, die von Jan-Christian Dreesen präsentierten Zahlen waren wie immer top, Vize-Vize Mennekes plauderte wie immer im Stil eines sauerländischen Büttenredners unterhaltsam, respektvoll und fast rührig über Tischtennis, Basketball und andere Sportabteilungen des e.V.

Erster Höhepunkt war dann die Rede von Uli Hoeneß selbst. Ein überraschend milder, sachlicher Vortrag, in dem auch selbstkritische Worte zur berüchtigten „PK“ fielen, die mit kräftigem Applaus bedacht wurden. Hoeneß’ Ausführungen zur sportlichen Lage bei den Profis wurden von den Mitgliedern ohne Unmutsbekundungen zur Kenntnis genommen. Von schlechter Stimmung angesichts der prekären Situation um Niko Kovac, den Maulwürfen und den zu dünn besetzten Kader konnte im Audi Dome keine Rede sein. Ich war nicht mit allem einverstanden, was Hoeneß sagte. Aber ich war einverstanden mit dem Tonfall seiner Rede. Ich hatte einen emotionalen, vielleicht sogar polemischen Vortrag erwartet, möglicherweise mit Seitenhieben für Medien und TV-Experten. Nichts dergleichen. Zwischendurch wirkte Uli Hoeneß nervös, als wäre er unsicher, was der Abend noch bringen würde. Sein Gespür für Stimmungen sollte ihn wieder einmal nicht trügen.

Dann trat Karl-Heinz Rummenigge ans Pult. Wenn man so wie er am Manuskript klebt, liest man halt wiederholt „unser rot-weißes Stadion“ und kann nicht schlagfertig darauf reagieren, wenn auf jedes „weiß“ ein empörtes „Grau!“ zurückgerufen wird. Es war grotesk. Weiß Rummenigge denn nicht, dass es sinnlos ist, den Mitgliedern die grauen Sitze der Arena als weiß zu verkaufen? Grau ist grau und sollte auch ehrlicherweise so bezeichnet werden. Auch ich war für rot-weiße Sitze. Aber der Verein hatte nun mal Gründe dafür, keine weißen Sitze einzubauen (Ressourcenverschwendung, Kosten, Verschmutzung, eventuell auch ein Veto der Architekten) und dann sollte man auch dazu stehen! Wenn aber der Vorstandsvorsitzende trotzig Grau als Weiß bezeichnet, fühlt man sich als Mitglied auf den Arm genommen.

Karl-Heinz Rummenigge würdigte in seiner Rede Jupp Heynckes und die Spieler, die den FC Bayern zum Saisonende verlassen haben. Auch Juan Bernat bekam warme Worte auf den Weg. Und langanhaltenden, teilweise frenetischen Applaus. Für mich ein Wendepunkt dieser Jahreshauptversammlung. Denn allen im Saal, den Verantwortlichen auf der Bühne wie den Mitgliedern war klar, dass Bernat nicht für seine sportlichen Verdienste gefeiert wurde. Sondern dass es eine „warme Dusche“ für den von Hoeneß so heftig Kritisierten war. Eine Wertschätzung des sensiblen Publikums. Als Protestäußerung ein Signal natürlich auch an Uli Hoeneß. In dem Moment ahnte ich – und vermutlich auch Uli Hoeneß, dass man sich bei den anstehenden Wortmeldungen auf etwas gefasst machen müsse.

Als das Mitglied in der Lederjacke ans Rednerpult trat, dachte ich zwei Jahre zurück. Bei der Jahreshauptversammlung 2016 trug ich eine lang vorbereitete und vorm Spiegel geübte Rede vor, mit der ich den FC Bayern für viele vereinspolitische Entscheidungen kritisierte. Es war die JHV, die als „Krönungsmesse“ in die Geschichte einging. Uli Hoeneß, aus der Haft zurückgekehrt, wurde von über 7.000 anwesenden Mitgliedern erneut zum Präsidenten gewählt. Mit 108 Gegenstimmen. Die Stimmung lud nicht gerade dazu ein, sich vor die „Ulianer“ zu stellen und eine ganze Liste kritischer Punkte vorzutragen.

Meine Absicht war es auch deshalb, unbedingt konstruktiv zu kritisieren, nicht polemisch zu werden. Ich wollte nicht nur gehört werden und Dampf ablassen. Ich wollte einen langfristigen Dialog mit dem Verein. Daran musste ich denken, als ich dem Redner gestern zuhörte, wie er in einer Suada Uli Hoeneß traktierte. Der Rundumschlag beinhaltete die Bratwürste, den Einfluss seines Bruders Dieter, das Katar-Engagement, die Auswahl von Sportdirektor und Trainer, die Verbannung Breitners von der Ehrenloge und die Beschimpfungen von Bernat. Inhaltlich war da einiges relevantes dabei; viele Dinge, die mich im letzten Jahr auch geärgert haben. Kontraproduktiv jedoch war nicht nur die schiere Menge der Vorwürfe, sondern der polemische, herablassende Tonfall. Natürlich gehört eine Menge Mut dazu, eine derartige Rede zu halten. Aber es gehört – für mich – auch der richtige Stil dazu, wenn man von Uli Hoeneß ernst genommen werden will. Nach meiner Rede wurde ich von Uli Hoeneß zum Gespräch an die Säbener Straße eingeladen. Er wollte mit mir über alle Kritikpunkte sprechen, nahm sich fast 90 Minuten Zeit dafür. Dabei betonte er, dass ihm der Tonfall der Kritik gefallen hätte und dass er total offen für konstruktiven Widerspruch wäre.

Das Publikum am jetzigen Abend reagierte auf den Redebeitrag des Mitglieds mit starkem Applaus und Gegröle. Das war kein Grüppchen aufgewiegelter Irrer. Das waren vielfach Mitglieder, die vor zwei Jahren Uli Hoeneß gewählt hatten.
Als der Präsident dann eine Diskussion mit dem Redner ablehnte, wurde er ausgebuht und ausgepfiffen. Hoeneß zeigte sich erschüttert darüber. Ich glaube: Mit seinen verbalen Ausfällen gegen Bernat und Özil hat Uli Hoeneß den Ton gesetzt, den er am Abend zurückgespielt bekam. Wie aus einer Echokammer hörte er den rauen Kommunikationsstil, den er selbst zuvor pflegte.

So bilanzierten die pfeifenden Mitglieder des FC Bayern ihr Jahr mit ihrem Präsidenten. Denn sie wünschen sich eigentlich ein „Souverän“. Jemanden, der einen Weltclub repräsentiert. Mit feinen Antennen und gezielten Nadelstichen – gegen Kontrahenten auf Augenhöhe. Sie wählten einen Uli Hoeneß, den sie danach nicht bekamen. Ich bin mir aber sicher, dass Hoeneß darüber nachdenkt und für sich die richtigen Schlüsse zieht. Auch wenn der Verein nun nach außen die Pfiffe und Buhrufe mit der sportlich schwierigen Situation erklären will. Hoeneß weiß, womit er viele Mitglieder verärgert hat. Die Basis liegt ihm nach wie vor am Herzen. Er wird versuchen, sie zurückzuerobern.

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