Fünf Aufgaben für den FC Bayern

Steffen Trenner 27.04.2017

Fakt ist: Der Trainer wird zum Trainingsauftakt 2017 Carlo Ancelotti heißen. Er wird sich bis dahin auch nicht zu einem virtuosen Taktik-Genie entwickeln, sondern weiter eine relativ simple Struktur vorgeben in der die individuelle Qualität aller Spieler zur Geltung kommen soll.

Arbeiten muss Ancelotti vor allem an der Balance zwischen Defensive und Offensive. Gerade gegen die Top-Teams der Champions League muss der FC Bayern Wege finden in bestimmten Phasen aus einer sicheren Defensive heraus zu agieren. In den Spielen gegen Real und Dortmund fing sich Bayern in guten Ausgangslagen nach Gegenstößen rote Karten und Gegentore. Hier ist spielerisch am ehesten eine Verbesserung möglich.

Es wird im Sommer keinen „Umbruch“ im klassischen Sinne geben. Neuer, Boateng, Hummels, Alaba, Thiago, Müller, Lewandowski stehen für viel Geld langfristig unter Vertrag. Hinzu kommen mit Vidal, Robben, Ribéry weitere hochklassige gestandene Spieler und mit Süle, Kimmich und Coman sehr hoffnungsvolle Talente. Das Gerüst steht für die kommenden Jahre. Darauf sollte man jede Überlegung aufbauen. Fünf Aufgaben sind jetzt zu lösen.

1. Personalfragen klären

Der FC Bayern sucht seit dem Abgang von Matthias Sammer einen Verantwortlichen für den sportlichen Bereich. Michael Reschke beschrieb im von uns übersetzten El Pais-Interview sehr genau wie das Anforderungsprofil aussieht:

»Ich glaube, dass alle Spitzenvereine gut beraten sind, zukünftig mit einer sportlichen Doppelspitze zu agieren. Eine Art „Innenminister“, als wichtigster Absprechpartner für den Trainer, die Spieler, den Trainerstab, die medizinische Abteilung und alle weiteren Mitarbeiter im Teamumfeld, sowie als Bindeglied zum Präsidium und der Geschäftsführung. Gleichzeitig muss er den Klub in den Medien und somit in der Öffentlichkeit vertreten. Zudem gilt es mit der Nachwuchsabteilung und weiteren Abteilungen des Klubs vernetzt zu sein.

Zusätzlich braucht man eine Art „Außenminister“. Es gilt, in Zusammenarbeit mit der extrem wichtigen Scouting-Abteilung den nationalen und internationalen Spielermarkt, im Spitzen- und Nachwuchsbereich einschätzen zu können. Zudem muss man, so vernetzt zu sein, dass man wichtige Vertrags-Konstrukte wie Ausstiegsklauseln kennt. Selbstverständlich gilt es auch die eigenen Talente sehr gut einschätzen können. Dieser „Außenminister“ muss dann gemeinsam mit dem Trainer, der Geschäftsführung und dem „Innenminister“ eine Kaderplanungs-Strategie vorzubereiten.«

Reschke ist in diesem Szenario der Außenminister. Gesucht wird ein Innenminister. Es braucht nicht nur eine sichtbare Stimme für die Medien (die Sammer immer war) sondern auch ein Korrektiv, dass intern auf Fehlentwicklungen einwirken kann und vor allem die übergeordnete Philosophie des Vereins durch- und umsetzt.

Mit Lahm und Eberl hat der Verein bereits zwei mehr als geeignete Kandidaten vergrault. Hansi Flick ist ein Name, der durchaus häufiger zu hören ist. Offiziell sind nach Eberls Absage aber keine weiteren Kandidaten bekannt.

Wichtig ist auch, dass Ancelotti einen Co-Trainer an die Seite gestellt bekommt. Nach dem Wechsel von Paul Clement in Richtung Swansea hat Ancelottis Sohn Davide diese Aufgabe gemeinsam mit Hermann Gerland übernommen. Clement war wichtig für die taktische Arbeit im Training. Gerland wechselt im Sommer ins Nachwuchsleistungszentrum. Ancelotti ist gut beraten einen versierten Co-Trainer dazu zu holen, der für die Mannschaft auch als außer familiärer Ansprechpartner fungieren kann. Im Zweifel muss der Vorstand das durchsetzen und einfordern.

2. Den Etablierten tief in die Augen gucken

Auch wenn viele Spieler langfristig gebunden sind, sollten die Bayern-Verantwortlichen im Sommer gezielt Gespräche mit Spielern aus diesem Gerüst suchen. (Eigentlich die ideale Aufgabe für einen Sportdirektor). Es muss um die Frage gehen, ob jeder Spieler bereit ist die nun anbrechenden Veränderungen ohne Lahm und Alonso voll mitzutragen.

Das bedeutet auch, dass sich Rollen ändern können. Ribéry und Robben können mit 34 oder 35 nicht erwarten immer noch in jedem Spiel wie selbstverständlich gesetzt zu sein. Es macht sogar Sinn mindestens einen von beiden häufiger als Joker zu nutzen.

Auch Vidal ist ein Kandidat für so ein Gespräch. Möglicherweise auch Boateng und Thomas Müller. Gleichzeitig geht es auch um eine neue Hierarchie in der Mannschaft, die sich nun nach und nach herausbilden muss. So etwas entsteht nicht unbedingt von alleine, sondern muss von Ancelotti und der sportlichen Führung mit geleitet werden.

3. Den Kader gezielt verstärken

Einen großen Umbruch wird es nicht geben. Trotzdem ist der Kader nicht perfekt. Auf Wunsch von Ancelotti war er in der laufenden Saison sogar verhältnismäßig klein. Das ist meist gut für die Stimmung im Team. Aber häufig schlecht für den durchaus wichtigen internen Konkurrenzkampf. Das ursprüngliche Ziel mit 20 Feldspielern durch die Saison zu gehen, sollte dieses Mal erfüllt werden.

Einen Star für den offensiven Flügel. Einen Backup für Lewandowski. Weitere gute, entwicklungsfähige Spieler für die Außenverteidiger-Position und die Offensive sowie ein spielstarker Torwart. So sieht der Katalog für die nächsten beiden Jahre ungefähr aus.

Mein Eindruck ist, dass die Situation am Transfermarkt noch immer völlig falsch eingeschätzt wird. Ein Beispiel: Andrea Belotti von FC Turin, der eine starke Saison mit bisher 25 Toren in der Serie A spielt, hat in seinem Vertrag eine Ausstiegsklausel von 100 Millionen Euro. Offenbar gibt es Überlegungen bei Turin ihm diese Ausstiegsklausel abzukaufen, weil sie möglicherweise zu niedrig (!) ist. Auch Kylian Mbappe ist nach einer sehr guten Saison bereits bei 100 Millionen Euro und mehr Ablösesumme zu taxieren. Sein Berater verriet unlängst, dass nur vier Vereine in der Lage sind ihn zu bezahlen. Barca, Real, City und United. Das kann man für Berater-Getöse halten. Aber so schätzen auch Verantwortliche den Markt aktuell ein. Hinzu kommt ein enormes Gehalt.

Allein diese Beispiele zeigen: Es ist verdammt schwer Stars zu bekommen. Es braucht:

1. Einen wechselwilligen Spieler.
2. Einen abgabewilligen Verein.
3. Sehr viel Geld.
4. Die klare Überzeugung, dass dieser Spieler eine Rekordsumme wert ist.

Des FC Bayern wird Real Madrid, Barcelona, Juventus oder eine Reihe von englischen Vereinen nicht finanziell ausstechen. Bei Kevin De Bruyne oder Leroy Sané war das bereits zu erkennen.

Der Blick muss deshalb geweitet werden. Dass in den nächsten zwei Jahren ein Spieler benötigt wird, der in der Lage ist ein Spiel gegen Real Madrid oder Dortmund zu entscheiden ist klar. Das wird auch im Verein so gesehen. Es gibt unterschiedliche Wege einen solchen Spieler zu bekommen. Einen Star, der unzufrieden ist (Alexis Sanchez, James) mit leichtem Rabatt. Einen gestandenen Spieler im mittleren Alter (Insigne, Carrasco, Mertens, Koulibaly) ohne Rabatt. Oder ein junges Top-Talent, das sich zügig weiter entwickeln kann. (Coman, Brandt, Gnabry, M. Dembélé).

Bayerns Kaderplaner Michael Reschke ist durch sein enormes Netzwerk und sein gutes Auge besonders geübt darin Spieler unter dem Radar oder mit sehr günstigen Vertragskonstellationen zu finden. Um einen Star zu verpflichten, würden wohl auch Hoeneß, Rummenigge und Ancelotti ihre gesamte Strahlkraft in die Waagschale werfen.

Nicht unkompliziert ist auch die Suche nach einem Backup für Lewandowski. Es ist sinnvoll einen weiteren Spezialisten im Kader zu haben. Es ist leicht einen Ersatz für Spiele gegen Augsburg oder Mainz zu finden. Aber wer kann den Polen in Spielen gegen Real Madrid oder Dortmund vertreten, wenn es hart auf hart kommt? Und wer ist in dieser Rolle besser als Thomas Müller und ist trotzdem bereit sich in 75% der Spiele auf die Bank zu setzen? Wäre Sandro Wagner eigentlich besser als Thomas Müller?

Gern wird auf das Jahr 2012/2013 verwiesen. In der Tat war das Stürmerduo Mandzukic/Gomez, dass sich je nach Gegner auf hohem Niveau abwechseln konnte ideal. Aber Gomez ging nach der Saison, weil er sich (berechtigterweise) mit der Rolle nicht zufrieden geben wollte. Hier kommen wohl nur Ü30 oder U21-Spieler infrage.

Nach den Niederlagen gegen Real Madrid und Dortmund wird rund um den FC Bayern zurecht vieles grundsätzlich diskutiert. Was der FC Bayern jetzt angehen muss:

4. Das zentrale Mittelfeld ordnen

Mit dem Karriereende von Xabi Alonso stellt sich die Frage wie das zentrale Mittelfeld in Zukunft organisiert werden soll. Ancelotti setzte in vielen wichtigen Spielen auf die Kombination Alonso, Thiago und Vidal. Nicht immer wirkte das passend. Ohne Alonso braucht es erstens keinen tief abkippenden Aufbauspieler und zweitens keine zusätzliche Hilfe in der Defensive.

Ohnehin machten die Münchner starke Spiele mit nur zwei zentralen Spielern hinter vier Offensiven davor. Thiago und Vidal+4 oder Thiago und Martinez+4. In Bundesliga-Spielen auch in Kombination mit Rudy oder Kimmich. Das klingt sehr verlockend – zumal dadurch auch eine Rolle für Thomas Müller im offensiven Mittelfeld frei würde und die spielerische Stärke der Innenverteidiger endlich zur Geltung kommen könnte. Ein Wechsel von Martinez ins Mittelfeld wo er in der Triple-Saison überragende Spiele machte, würde zudem die Einsatzchancen für Süle erhöhen,

Die Bayern-Verantwortlichen müssen mit dem Trainer zügig klären wohin die Reise im zentralen Mittelfeld gehen soll. Eine zusätzliche Neuverpflichtung könnte bei einer Umstellung auf zwei zentrale Mittelfeldspieler trotz des Alonso-Abgangs überflüssig werden.

5. Einen Plan für Kimmich, Coman, Süle und Sanches entwickeln

Es ist vertretbar, dass Carlo Ancelotti in der letzten Saison von Philipp Lahm und Xabi Alonso, die Entwicklung der jungen Spieler etwas hinten angestellt hat. Auch wenn man erwähnen muss, dass Coman häufig verletzt war und Kimmich nicht weniger gespielt hat als unter Guardiola im Jahr zuvor, war es für beide ein insgesamt eher negatives Jahr. Sanches Spiel gibt bisher Rätsel auf. Es bleibt den Bayern im nächsten Jahr aber nichts anderen übrig als herauszufinden was sie an ihren Jungspunden haben. Mit Süle kommt mindestens ein weiterer hinzu. Nicht ausgeschlossen ist, dass auch aus der eigenen Jugend noch der ein oder andere heranrückt.

Es ist eine Binsenweisheit, aber auf der Bank ist noch niemand besser geworden. Die Saison ist lang genug um allen 20 oder mehr Pflichtspiele zu ermöglichen. Insbesondere Süle, Coman und Kimmich haben angedeutet, dass sie zu höherem berufen sein könnten. Für Kimmich tut sich durch Lahms Karriereende eine riesige Chance auf. Coman ist nach seiner Verlängerung der erste Kandidat, um Ribéry und Robben Spielzeit abzunehmen.

Wenn die Jungen in zwei bis drei Jahren Schlüsselspieler sein und schon jetzt im Ernstfall helfen sollen, muss der Verein in ihre Entwicklung investieren. Dies sollte man dem Trainer als Aufgabe mitgeben. Das hat nichts mit Einmischung in die Aufstellung zu tun, sondern mit den langfristigen Zielen des Vereins. Und die müssen spätestens ab dem Sommer wieder im Fokus stehen.

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