Wie die Nachwuchsarbeit besser werden soll

»Der FC Bayern schickte Sané und Weigl weg«. Diese Schlagzeile ist am Montag überall zu lesen. Die Information bezieht sich auf ein längeres Stück des Kicker Sportmagazins zur Nachwuchsarbeit des FC Bayern, die viel spannender ist, als die oben genannte Schlagzeile vermuten lässt. Denn, dass bei der Bewertung von 14-16-jährigen Jugendspielern Fehleinschätzungen dabei sind eignet sich zwar für Überschriften, ist aber keine Sensation.

Dass der FC Bayern in der Nachwuchsarbeit seit einigen Jahren ein Problem hat, ist nicht neu. Mit Milos Pantovic konnte in der laufenden Saison nur ein Spieler, der nach dem Jahr 2012 aus der eigenen Jugend kam, überhaupt einen Bundesliga-Einsatz für den Rekordmeister verzeichnen.

Auch wir bei Miasanrot hatten uns im Herbst 2015 in einer vierteiligen Serie mit der Situation in den Jugendmannschaften beschäftigt. Auch wenn die kommenden Jahrgänge mit einigen herausragenden Talenten durchaus Hoffnung machen, arbeitet der Rekordmeister daran seine Jugendarbeit neu zu strukturieren. Dazu gehört der neue Campus im Münchner Norden und eine Zentralisierung der inhaltlichen Koordinierung der Nachwuchsarbeit unter U23-Coach Heiko Vogel. Nach personell unruhigen Jahren mit zahlreichen Struktur- und Personalveränderungen – zuletzt mit der Demission von Michael Tarnat – soll nun Konstanz einkehren.

Frischer Wind im Jugendbereich

Vogel nennt im Kicker ein paar interessante Ansätze. So soll die Rundumbetreuung mit Athletiktrainern, Sportpsychologen und weiteren Spezialisten zurückgefahren werden. Die Nachwuchsspieler sollen Widerstände spüren, um Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen zu fördern. Auch im Scouting wird sich einiges ändern. Der Fokus wird viel stärker als zuletzt auf das bayerische Umfeld konzentriert. Fast 20 Scouts werden sich auf den Raum München und die weiteren Teile Bayerns konzentrieren. Die besten Jugendspieler aus der Region, dazu 2-3 Rohdiamanten pro Jahrgang aus dem weiteren deutschen oder europäischen Umfeld – so umschreibt Mastermind Michael Reschke die Zielsetzung im Kicker.

Leroy Sane und David AlabaLeroy Sane im Zweikampf mit David Alaba
(Bild: PATRIK STOLLARZ / AFP / Getty Images)

Auch ein Bekenntnis zum Aufstiegsziel der Amateure ist zwischen den Zeilen zu lesen. Der Sprung aus der Regionalliga in die Bundesliga wird gerade auf Grund der gestiegenen Erwartungen beim FC Bayern als zu groß erachtet. Hier wird im Sommer zu beobachten sein, ob der Verein bereit ist in die Amateure zu investieren, um den komplizierten Aufstieg in die 3. Liga zu schaffen. Dass die Münchner zum Beispiel bei der jüngsten Verletzungsmisere in der Innenverteidigung niemanden mit Bundesliga-Format aus dem Nachwuchsbereich hochziehen konnten, dürfte auch den letzten vom Defizit in der Jugendarbeit überzeugt haben.

Die Situation zeigt, dass es für den FC Bayern insgesamt schwieriger geworden ist. Junge Spieler und deren Berater wissen wie schwer es ist, sich in München durchzusetzen und bevorzugen deshalb bessere Situationen in Stuttgart, Leipzig oder Hoffenheim. Auch so ist die stärkere Konzentration auf das unmittelbare Münchner Umfeld im Nachwuchsscouting zu verstehen.

Zum Anderen ist das klare Bekenntnis zur Verbesserung der Nachwuchsarbeit auch als Reaktion auf die veränderte Marktsituation in Europa und insbesondere in England zu sehen. Der FC Bayern ist darauf angewiesen wieder vermehrt Weltklasse-Spieler aus den eigenen Reihen zu entwickeln. Das Beispiel Kingsley Coman zeigt zwar, dass die Münchner in der Lage sind europäische Top-Talente zu finden und früh zu verpflichten. Diese Transfers sind jedoch teuer und damit nicht ohne Risiko. »Es wäre ein Traum für uns, wenn der nächste Kingsley Coman Fritz Schmidt heißt, aus Solln stammt und seit Jahren zu unseren Juniorenteams zählt«, gibt Reschke im Kicker zugespitzt die Zielsetzung vor.

Die Ansätze der Münchner Verantwortlichen klingen logisch und durchdacht. Ob sie erfolgreich sind, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Schon 2012 rief der damalige Präsident Uli Hoeneß zur großen Aufholjagd im Jugendbereich auf. Ein Erkenntnis-Defizit gibt es also schon lange nicht mehr. Es hakt in der Umsetzung. Sammer, Reschke und Vogel haben nun die Chance dies zu ändern. Für die Identität und sportliche Zukunft des FC Bayern ist das von entscheidender Bedeutung.

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Leserkommentare
  1. Jester

    Bei allen Anpassungen oder Veränderungen geht meiner Meinung nach der wichtigste Punkt ein wenig unter. Vertrauen!

    Alleine dieser Satz: “Müller spielt immer” war/ist doch eine Lebensversicherung für ihn gewesen. Das Vertrauen hat sich absolut ausgezahlt. Und ich finde, dass wir da durchaus den Ein oder Anderen Kandidaten gehabt hätten, der ein solches Vertrauen durchaus zurück gezahlt hätte.

    Gaudino hatte für mich (mal abgesehen vom körperlichen Defizit, welches man trainieren hätte können) absolut die Anlage, einen Toni Kroos tatsächlich vergessen zu machen. Natürlich steht bei einem FC Bayern wirtschaftlich viel auf dem Spiel, aber wenn man jedes Jahr einem Nachwuchsspieler eine realistische Chance gibt, wird er die mit Vertrauen auch nutzen können.

    Und ob ein neues Leistungszentrum oder ein verbessertes Scouting dort die Abhilfe schafft wage ich einfach mal zu bezweifeln.

    1. Pantagruel

      Das Vertrauen von van Gaal in Müller ist ja damals nicht vom Himmel gefallen, sondern hat sich Müller mit guten Leistungen verdient. Der war damals schon eine Verstärkung für die Mannschaft. Gaudino war bei allen guten Ansätzen doch noch sichtlich überfordert mit den Anforderungen der Bundesliga.
      Unter Pep haben durchaus einige junge Spieler mal reinschnuppern dürfen, aber diese Einsätze waren im Prinzip Geschenke. Wer mehr will, muss sich das dann eben auch erstmal verdienen, so wie Kimmich das jetzt tut.

  2. grullit

    Vertrauen in junge spieler is die staerke schlechthin von van gaal. ohne ihn kein triple kein schweini auf der 6, kein badstuber mueller & alaba. pep kann das nicht. pep hat andere qualitaeten. trotz trainenrn die das vertrauen nicht geben koennen. durch hitzfeld und jup hat man emre can und hummels verloren…wie stuende die innenverteidigung wenn diese fehler nicht begangen waeren? leider wird immer wieder das presse probaganda mantra wiederholt das es fuer jugendsapieler beim anspruchsdenken des fcb so schwer is. das stimmt nicht: bei keinem verein auf der welt sind so viele weltmeister aus jugendspielern entstanden.
    maier mueller beckenbauer hoeness paule schwarzenbeck kapellmann aumann auge pfluegler hummels lahm schweini kroos und mueller..

    1. Jetzt übertreibst du aber ein bisschen (“Pressepropaganda” etc…)
      LvG hat neben seiner doch gewöhnungsbedürftigen Art sicher einiges Positives beim FCB bewirkt, was auch definitiv nachhaltig war. Ob es ohne ihn kein Triple gegeben hätte, keine Ahnung.
      Müller z.B. hat auch schon Einsätze bei Klinsmann gehabt. Ob die Geschichte stimmt, dass er kurz vor dem Verkauf stand – auch keine Ahnung, es gibt so viele Gerüchte.
      Hummels hat man endgültig unter LvG nach Dortmund ziehen lassen. Alaba wurde unter LvG nach Hoffenheim verliehen.
      Dass ihn LvG Schweini zum Sechser gemacht hat, stimmt, aber Schweini war zu dem Zeitpunkt schon ein Führungsspieler und kein Nachwuchsspieler mehr.
      Wenn man die aktuelle IV (unverletzt) sieht – und zwar mit Boateng, Martinez, Benatia, Badstuber und jetzt auch Kimmich (und Alaba), dann steht man nicht ganz sicher nicht schlechter da als mit Hummels und Can. Letzterer hätte auf Zeit wohl keine Chance bei Bayern…
      Nun zu den von dir genannten alten Recken: Gerd Müller kam aus Nördlingen (den hat man den Löwen weggeschnappt), Hoeneß kam aus Ulm, Breitner aus Freilassing. Kapellmann kaufte man für teures Geld aus Köln …. etc.

      Sicher ist eine gute Jugendarbeit essentiell und sicher kann der FC Bayern derzeit mit ihr nicht zufrieden sein, auch wenn Dremmler (sen.) vor einiger Zeit in einem Interview argumentiert hat, dass man eigentlich insgesamt doch höchst erfolgreich in der Jugendarbeit der letzten Dekade war, was das Hervorbringen von Erst- und Zweitligaspielern betrifft. Nur: das Niveau bei Bayern ist eben noch wesentlich höher als bei anderen Profi-Clubs.
      Als LvG Trainer in München geworden ist (Sommer 2009), war das Niveau der Mannschaft ein ganz anderes als jetzt. Ein Badstuber z.B. hätte heute keine Chance, so wie in 2009/10 durchzustarten … Dass es ganz Junge schaffen können, zeigt das Beispiel Coman, nur kommt der nicht aus der eigenen Jugend.
      Um direkt von der Bayernjugend in die Erste aufsteigen zu können, musst du heute schon “Weltklasse für die Alterstufe” sein … Das galt aber z.B. auch für Alaba und Kroos – beide wurden zur Ausbildung und weiteren Reife trotzdem innerhalb der BL verliehen.

      Dass z.B. Gaudino nicht so weit wie diese beiden ist, zeigt, dass er nicht in der BL untergekommen ist, sondern in die 1. Schweizer Liga verliehen wurde … Bei Green ist eine Leihe innerhalb der BL schief gegangen, und obwohl er US-Nationalspieler ist, bei der letzten WM sogar im AF ein Tor geschossen hat, sehe ich für seine weitere Profi-Karriere leider aktuell etwas schwarz …

      1. wipf1953

        Kapellmann kam 1973 für eine Rekordablöse vom FC Köln … (und hat glaub ich zuerst für Alemannia Aachen gespielt).

  3. Es ist und bleibt ein wichtiges, und kompliziertes Thema.
    Ein großes Problem in der Diskussion ist, dass oft zwei Fragen miteinander vermischt werden, die man meiner Meinung nach trennen sollte:

    1) Wie steht es um die Jugendarbeit des FCB?

    Und hier ist meine oberflächliche Einschätzung aus der Hubschrauberperspektive: Eher unbefriedigend. Abzulesen z.B. an Nominierungen von FCB-Junioren für U-Auswahlmannschaften, abzulesen am Abschneiden der A- und B-Jungend in den letzten Jahren in Bundesliga und europäischen Wettbewerben.

    [Kleiner Exkurs: Ohne im Detail auf Gaudino einzugehen, wir sollten nicht vergessen, dass wir hier nicht von einem „Starspieler“ der U-Teams a la Kroos, Götze, Can sprechen, sondern von einen Nachwuchskicker, der kaum (überhaupt?) für die Jugendnationalelf spielte, bevor Pep ihn nach oben zog. Die aktuellen Jungstars spielen in Dortmund, Wolfsburg, Schalke, Stuttgart, Leverkusen, Hoffenheim usw.]

    Woran liegt es, dass wir im Moment nicht dort stehen wo der FCB mit seinem Selbtverständnis auch mit der Jugend stehen sollte?
    Schaffen wir es, die richtigen Spieler im näheren und ferneren Umland an Land zu ziehen? Müller hin, Lahm her, nur mit Spielern die von Kleinauf beim FCB spielen, wird man keine erfolgreiche Nachwuchsarbeit leisten können, dafür ist die Entwicklung zu unberechenbar. Also muss man auch die Alabas, Kroos’s und Cans mit 14-17 nach München locken. Und muss diejenigen, die man letztlich hat, entsprechend entwickeln. Das scheint in den letzten Jahren nicht funktioniert zu haben.
    Obwohl auch hier nicht alles schlecht gelaufen ist: Am letzten Spieltag standen ein 20- und ein 22-jähriger aus der Bayernjugend in der Startelf des Bundesligavierten (PEH und Schöpf bei Schalke) und ein weiteren 22-jähriger ist absoluter Stammspieler in Liverpool. Etc.

    2) Wie steht es um die Integration von hoffungsvollen Jungspielern in die 1. Mannschaft des FCB?

    Hier etwas kürzer, weil es leider kein Paralleluniversum gibt, in dem wir sehen wir Müller sich ohne LVG entwickelt hätte.
    Nur eins: Der aktuelle Anspruch beim FCB ist abartig hoch. Ist einfach so. Auch beim anderen FCB aus Katalonien gibt es die gleichen Probleme: Die Integration und Entwicklung von Messi, Xavi, Puyol, Busquets, Iniesta und Pique ist nun auch schon eine ganze fucking Weile her. Bartra, Sergi Roberto, Rafinha und Munir haben (hatten) richtig große Probleme auf Einsätze zu kommen. Einzig bei Sergi Roberto sieht es diese Saison etwas anders aus, aber sicherlich u.a. der Kombination aus Verletzungspech, Transfersperre + Extrabelastung mit Weltcup geschuldet. Und er ist auch schon 24.
    In den Jahren davor hatten es Deulofeu, Montoya, Traoré, Bojan, Denis Suarez usw. alle nicht geschafft und mussten sich woanders versuchen.
    Und die Vorgenannten sind tendenziell nicht die „Gaudinos“ von Barcelona, sondern über ihm anzusetzen.
    Bei Real, Chelsea, Man City sieht es nicht anders aus.

  4. Jo

    Grundsätzlich war ich mit der Jugendarbeit langfristig betrachtet nicht unzufrieden.
    Was mich in den letzten zwei oder drei Jahren aber irritiert ist die zunehmend erratischer werdene Personalpolitik. Da ist ein kommen und gehen von Verantwortlichen und Trainern das auf mich einen ziemlich konzeptlosen Eindruck macht.
    Passend dazu die unverständliche Entscheidung in der Person Vogel die beiden Ämter des Gesamtverantwortlichen und des Amateuretrainers zu vermengen. Nicht nur, dass man eigentlich mit einer Funktion schon genügend ausgelastet sein sollte, verbrennt man bei sportlichem Mißerfolg gleich auch noch den Teamleiter mit.
    Der Leiter des Juniorteams sollte unabhängig vom sportlichen Tageserfolg langfristig und konzeptionell handeln. Für einen Trainer gilt das zwar im Grunde auch, aber man kennt ja die berühmten “Mechanismen”, die dort viel schneller zu Konsequenzen führen.

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