Roundtable zum Rückrundenstart des FC Bayern: „Chance auf CL-Krönung im Kaiserjahr ist groß“

Maurice Trenner 18.01.2024

In großer Runde hat sich die Miasanrot-Redaktion eingefunden, um die Hinrunde Revue passieren zu lassen und ihre Vorhersagen über die zweite Saisonhälfte zu treffen.

Mehr des Guten…

Welche Stärken aus der Hinrunde sollte der FC Bayern beibehalten?

Andreas K.: Der FC Bayern sollte weiter daran arbeiten, bei Standardsituationen stark zu sein. In der letzten Saison fielen insgesamt 12 Tore nach Standards, nach der Hinrunde sind es in dieser Saison bereits 10 Tore. Besonders gegen tief stehende Gegner, bei denen spielerisch nicht immer eine Lösung gefunden werden kann (was ich nicht allzu sehr kritisieren würde), können Standards eine Lösung bieten.

Mittlerweile werden zum Beispiel viele Ecken nicht einfach in die Mitte geschlagen. Wenn der Ball nach Standards weiter im Besitz bleibt, kann sowohl durch die individuelle Klasse der einzelnen Spieler im Eins-gegen-eins, als auch durch das Herstellen von Überzahlsituationen ein Vorteil erzielt werden. 

Am Ende freut sich vielleicht auch insgeheim (noch) Pep Guardiola, der vor fast zehn Jahren bereits die Ausführung der Ecken beim FC Bayern kritisierte. Dazu hätte er in dieser Saison wirklich keinen Anlass. Und wer weiß, vielleicht wird er diese neue Stärke auch noch selbst zu spüren bekommen…

Georg: Drei Dinge, die mir aufgefallen sind: Erstens scheint es in der Mannschaft zu stimmen. So viele Nebengeräusche im Umfeld und rund um Transfers wie lange nicht, aber am Team scheinen sie abzuperlen, vielleicht sogar zu einer Wagenburg-Mentalität zu führen. Das hilft auf dem Weg zu großen Erfolgen. Zweitens und am offensichtlichsten: Das Traumduo Leroy Sané und Harry Kane. Einfach so weiterspielen. Drittens die defensive Ernsthaftigkeit. 15 Gegentore in 16 Spielern sind gut, noch nicht sehr gut. In den weiterführenden Statistiken wie expected Goals sieht es besser aus. Darauf können sie aufbauen.

…und weniger des Schlechten 

Die erste Saison mit einer vollen Vorbereitung von Tuchel lief dennoch nicht ohne Makel. Was muss sich in der Rückrunde verbessern?

Florian: In der Hinrunde haben die Bayern zu viele Gegentore kassiert. Das lag aus meiner Sicht an der sehr offensiven Spielweise und der fehlenden Konterabsicherung. Diese Gier, “zu Null” zu spielen, fehlte mir in einigen Spielen. Das muss in der Rückrunde definitiv und vor allem in der Champions League besser werden. 

Andi: Thomas Tuchel spricht immer gerne von Kontrolle und ist auch nach einem mauen 1:0-Sieg in Köln ganz begeistert davon, wie das Spiel kontrolliert wurde. Ich finde es nicht schön, aber völlig legitim etwas abwartender zu agieren, wenn dafür eben mehr Kontrolle und defensive Stabilität einkehrt. Allerdings gibt es immer noch die Phasen, in denen Bayern völlig die Kontrolle und den Zugriff verliert. Gegen Hoffenheim war es zwischen der 60. und 70. Minute, als die TSG am Drücker war, bei einem höheren xGoals-Wert stand (1.05 zu 1.42) und eigentlich ausgleichen musste. Auf ähnliche Weise wurde es auch in den Heimspielen gegen Heidenheim und Manchester unnötig spannend. Ich hoffe also, dass es mehr Kontrolle und weniger dieser wilden Phasen gibt.  

Daniel: Ein sehr konkreter Punkt, auf den ich achten werde, ist die Spieleröffnung aus der Innenverteidigung. Bei Bayern ist in den letzten Jahren ja ein schleichender Qualitätsabfall im spielerischen Defensivbereich eingetreten. Ich hoffe eigentlich, dass die Rückkehr de Ligts – dem besten Innenverteidiger Bayerns – hier für Aufschwung sorgt, seine neuerliche wenn auch nur kurze Verletzungspause lässt mich aber wieder schlimmes für dessen Rückrunde erahnen. Von Upamecano wird man das Beckenbauern nicht mehr erwarten können, aber Kim war insgesamt auf ordentlichem Niveau enttäuschend, was das spielerische Element angeht.

Justin: An der Stelle muss ich Daniel widersprechen. Ich halte de Ligt zwar für den besten Defensivspieler in der Verteidigung, doch was das „Beckenbauern“ angeht, macht Upamecano bei den Bayern keiner etwas vor. Bei den gespielten Pässen (93,64), den Pässen mit progressivem Raumgewinn von knapp zehn Metern (6,55) und der Passquote (rund 92 Prozent) zählt er jeweils zu den besten der Welt – alles pro 90 Minuten. Auch bei der insgesamt addierten Distanz seiner progressiven Pässe (521 Meter pro 90 Minuten) ist der Franzose im besten Prozent der Top-5-Ligen. Upamecano ist einer der unterschätztesten Aufbauspieler der Welt. Ja, er hat immer wieder seine unerklärlichen Auftritte, für die er zu Recht kritisiert wird. Aber wenn überhaupt jemand das Spiel von hinten aufziehen kann, dann ist es er.

Wenn einer alleine träumt…

In der Hinrunde waren das neu formierte Duo aus Torjäger Kane und Scorer Sané in aller Munde. Gleichzeitig wurde die einstige Traumehe aus Kimmich und Goretzka öffentlich zum Problemfall. Welcher Spieler wird der Rückrunde – positiv oder negativ – seinen Stempel aufdrücken?

Florian: Jamal Musiala wird für den FCB noch mehr Scorer sammeln, was er schon gegen Hoffenheim andeutete. Manchmal fehlt ihm noch etwas die Präzision und Ruhe beim Abschluss, da wird er in der Rückrunde einen Schritt nach vorne machen.

Maurice: Matthijs de Ligt hatte eine komplizierte Hinrunde, über die Justin hier ausführlich geschrieben hat. Durch den Asien-Cup-Aufenthalt von Kim hat der Niederländer nun die Chance, sich für die weitere Saison zu empfehlen. Basierend auf seinen starken Leistungen in der Vorsaison erwarte ich, dass er Tuchel überzeugen kann. Besonders in der klassischen Defensivarbeit ist de Ligt sicherer und weniger fehleranfällig als Upamecano, weshalb ich ihn im direkten Duell vorne sehe. Im Spielaufbau wird sich der 24-Jährige allerdings noch etwas strecken müssen.

Andi: Alphonso Davies feierte einen furiosen Start beim FC Bayern, aber seitdem blieb die erhoffte Weiterentwicklung aus. Es ging sogar eher zurück als voran. Der Kanadier kann eklatante Stellungsfehler zwar häufig durch seine unglaubliche Geschwindigkeit ausgleichen, aber trotzdem kam ich bei den nicht abreißenden Gerüchten um einen möglichen Wechsel zu Real Madrid ins Grübeln. Gibt Bayern ihn für viel Geld ab, wäre vielleicht ein Upgrade möglich. Doch seit November habe ich das Gefühl, Phonzie berappelt sich. Es sind nicht seine Dribblings, sondern eine Stabilisierung in der Defensive. Davies steht disziplinierter in der Kette und wird seltener überspielt. Dazu gewinnt er deutlich mehr seiner Zweikämpfe. Im letzten Spiel gegen Hoffenheim entschied er alle seine Defensivzweikämpfe für sich, hatte mit 128 die meisten Ballbesitzphasen und spielte mit 94 die meisten erfolgreichen Pässe. Ich hoffe, diese Entwicklung setzt sich fort und wir sehen in der Rückrunde einen kaum zu stoppenden Davies. 

Kane er den Rekord knacken?

Nur drei Jahre nachdem Lewandowski den 40-Tore-Rekord von Gerd Müller übertraf, muss der Pole um seine Bestmarke zittern. Zur Halbzeit ist Kane gleichauf mit ihm. Knackt Harry Kane den Lewandowski-Rekord?

Maurice: Der Nikolaus ist noch nicht der Osterhase, so lautet die alte Fußballweisheit eines gewissen Ehrenpräsidenten. Und ähnlich wie damals Werder Bremen am Ende den Titel noch an den Rekordmeister abtreten musste, gehe ich auch bei Harry Kane davon aus, dass er am Ende die 41 Tore von Lewandowski nicht knacken wird. Das ist allerdings mehr ein Gefühl als eine wirkliche Analyse, liegen die beiden Stürmer doch nach allen Metriken kaum auseinander. Nach 16 Spielen: Beide 22 Tore, beide 5 Assists, 4.50 zu 4.59 Schüsse pro 90 Minuten und 1.07 zu 1.09 xG pro 90 Minuten. 

Jonas: Wie Maurice richtig sagt, kann man aufgrund der ähnlichen Statistiken der beiden schwer voraussagen, ob es für Kane am Ende tatsächlich reichen wird. Mein Gefühl ist aber ein wenig anders und ich glaube persönlich daran, dass er den Rekord mindestens einstellen kann. Zwar hat Kane im Gegensatz zu Lewandowski mehr spielgestalterische Aufgaben auf dem Platz, dafür hat er aufgrund von Lewandowskis damals einmonatiger Verletzungspause im besten Fall bis zu fünf Spiele mehr Zeit, den Rekord zu knacken. Knapp wird es also bestimmt.

Daniel: Die Verletzungspause ist ein gutes Stichwort. Ich hatte es schon bei ähnlichen Fragerunden erwähnt und tue es gerne nochmal: Der 41er Lewy war ja nicht die Spitze von Lewandowskis Leistungsvermögen. Sein fiktiver Peak wäre seine 41er Version mitsamt der fünf verpassten Spiele. Lewandowski war nicht auf dem Weg, Gerd Müllers Rekord mit letzter Kraft buchstäblich in der letzten Minute zu brechen, er war bis zur Verletzung auf dem Weg, den Rekord vollkommen zu pulverisieren. Ohne Verletzung wäre die Frage gewesen, ob er die 50 knackt, nicht Müllers 40.

Das erwähne ich alles, um aufzuzeigen, was eigentlich möglich ist für einen Weltklassestürmer im modernen Bayern-Kosmos. Bleibt Kane 34 Spiele verletzungsfrei, wird er Lewandowskis 41 knacken, aber unter dem unbekannten Wert bleiben, zu dem Lewandowski vor seiner Verletzung unterwegs war.

Deutscher Meister wird… 

In der Liga ist es an der Spitze so knapp wie schon lange nicht mehr. Anders als in den Vorjahren scheint Herbstmeister Bayer Leverkusen der stärkste Konkurrent auf den Titel. Was erwartest du in der Bundesliga? Holt der Serienmeister seinen nächsten Titel oder kommt es zur Wachablösung?

Andreas K: Bayer Leverkusen hat bisher kein einziges Spiel verloren und drei Unentschieden erzielt: gegen die Top-Mannschaften Borussia Dortmund, VfB Stuttgart und den FC Bayern. Der FC Bayern hat neben dem 2:2 gegen die Bayer-Elf auch ein weiteres 2:2 gegen RB Leipzig vorzuweisen und natürlich (leider) das 1:5 bei der Eintracht. Bisher hat sich keines der beiden Teams weitere grobe Patzer erlaubt. Letztendlich werden kleine Details darüber entscheiden, wer die Nase vorn hat: VAR-Entscheidungen, Verletzungen und vor allem die Erfahrungen im Endspurt einer Saison werden hierbei eine Rolle spielen. In diesem Kontext sehe ich den FC Bayern vorn.

Maurice: …nur der FCB! Wie Andreas korrekt geschrieben hat, hat sich Leverkusen bisher noch keinen Patzer in dieser Saison erlaubt. Dennoch ist der Rekordmeister, ein Sieg gegen Union Berlin angenommen, nur einen Punkt hinter dem Tabellenführer. Dieser muss jetzt zudem noch ohne einige Schlüsselspieler auskommen, die beim Afrika-Cup aktiv sind. Der Titel geht auch in diesem Jahr an die Isar.

Georg: …solange er nicht in die Super League abwandert oder Sportdirektoren aus Köln einstellt, wie immer der FCB. Gewinnt der FC Bayern das Nachholspiel, schließt er die Hinrunde mit 44 Punkten ab, nur einen Punkt hinter Leverkusen. Der FC Bayern wird auch in der Rückrunde 40 Punkte oder mehr holen. So gut Leverkusen bisher spielt, um mit dem FC Bayern mitzuhalten, müssten sie ihre unglaubliche Form und das bisschen Spielglück (viel brauchten sie bisher nicht) noch eine komplette Halbserie konservieren. Das traue ich ihnen nicht zu. Leverkusen wird knapp unter 80 Punkten einlaufen. Das reicht nicht für die Alonso-Meisterschaft.

Justin: Dann mache ich mich doch mal aus Prinzip unbeliebt und sage: Leverkusen. Das Team von Alonso wird zwar eine Schwächephase erleben, diese aber schnell hinter sich lassen. Auch die Bayern werden noch mindestens einen Durchhänger haben. Wenn Leverkusen das so durchzieht, kann man ohnehin nur zu eine der beeindruckendsten Meisterschaften der Bundesliga-Geschichte gratulieren. Ich traue ihnen das zu.

Und was ist mit Europa? 

Die Königsklasse ist wie immer das Zünglein an der Waage bei der Bewertung einer Saison. Im Achtelfinale trifft Bayern mit Lazio Rom auf ein machbares Los. Doch wie weit kommt der Triple-Sieger von 2020 dieses Jahr? 

Georg: So weit die Lose tragen. Das Feld ist schwach wie selten in den letzten zehn Jahren. Manchester City könnte mit dem genesenen de Bruyne wieder zur starken Vorjahresform finden, aber dahinter muss sich der FC Bayern vor niemandem verstecken. Die Chance auf eine Krönung in Wembley im Kaiserjahr ist groß.

Andreas K.: Seit dem Titelgewinn in der Corona-Saison 19/20 schied der FC Bayern dreimal in Folge im Viertelfinale aus. Das entspricht nicht den Erwartungen der Fans und Club-Bosse. Die Gegner waren dabei PSG, FC Villarreal und Manchester City. Die Auslosung gegen Lazio, den derzeitigen Tabellen-Fünften in Italien, sollte definitiv den Weg ins Viertelfinale ermöglichen. Lazio ist ein solides Team, jedoch keineswegs herausragend. Der beste Torschütze der Saison ist der erfahrene Ciro Immobile mit lediglich vier Toren. Es deutet sich an, dass das Viertelfinale erneut zu einer entscheidenden Runde wird. In allen Duellen außer mit Real Madrid und Manchester City sollten die Bayern favorisiert sein, womit das Erreichen des Halbfinales möglich ist. Allerdings hängt das finale Abschneiden auch wieder davon ab, wie sich eventuelle Verletzungen auf die Kaderbreite auswirken. Die Defensive des FC Bayern ist nach wie vor nicht optimal aufgestellt.

Jonas: Tuchel selbst sprach letztens in einem Interview davon, dass das Viertelfinale das Mindestziel sei, man aber nicht viel weiter planen könne und von Spiel zu Spiel schauen müsse. Und da gebe ich ihm vollkommen recht. Lazio ist Pflicht. Aber danach kommt es einfach auf zu viele nicht kontrollierbare Faktoren an, wie weit der FC Bayern wirklich kommt. Losglück, Verletzungen oder Sperren von Schlüsselspielern und auch Kleinigkeiten während des Spiels entscheiden über Sieg und Niederlage. Grundsätzlich denke ich aber, dass dieses Jahr zumindest wieder das Halbfinale drin ist, auch weil es außer Real Madrid und Manchester City kein Team gibt, das wirklich gefährlich wirkt.