Analyse: FC Bayern München – VfL Wolfsburg 5:0 (2:0)

Felix Trenner 10.12.2016

Falls ihr es verpasst habt:

Auf vier Positionen veränderte Ancelotti die Aufstellung gegenüber der Partie unter der Woche, als die Münchner die Champions-League-Gruppenphase mit einem 1:0 gegen Atletico abschließen konnten. Philipp Lahm und Javi Martinez rückten für Rafinha und Mats Hummels (mit Magen-Darm-Grippe nicht im Kader) in die Viererkette, in der erneut David Alaba als Innenverteidiger auflief. Juan Bernat nahm seine gewohnte Rolle auf Außen ein.

Bayern München gegen VfL Wolfsburg, Aufstellung Bayern München vs VfL Wolfsburg, 10.12.2016, Grundformationen.

In der Offensive kamen Müller und Ribery für Sanches und Costa zum Zug. Thiago und Vidal übernahmen das zentrale Mittelfeld, Xabi Alonso blieb somit nach seiner leichten Verletzung erstmal auf der Bank. Mit Müller, Robben, Ribery und Lewandowski durfte somit dieselbe Offensive ran, die am letzten Wochenende gegen Mainz überzeugt hatte.

Beim VfL Wolfsburg formierte sich eine Dreier- bzw. Fünferkette mit Rodriguez, Bruma und Knoche in der Zentrale, die von Schäfer und Blaszczykowski flankiert wurden. Guilavogui, Gerhardt und Caligiuri sollten aus dem Mittelfeld heraus Gomez und Mayoral im Sturm mit Bällen versorgen.

Die Bayern begannen die Partie äußerst gelassen und kontrolliert, ließen den Ball zwar im Mittelfeld gut laufen, kamen aber in den ersten fünf Minuten nicht wirklich in die gefährlichen Räume. Aus dem Nichts heraus entstand jedoch in der achten Minute die erste Großchance, als Lewandowski einen Ball am Strafraum gut festmachen konnte und in den Lauf von Bernat spielte, dessen Abschluss jedoch von Benaglio glänzend abgewehrt werden konnte.

Die Münchner nahmen den Schwung der ersten Möglichkeit mit und kombinierten sich immer wieder stark über beide Seiten in den Strafraum. Viel lief über Robben, aber auch Lahm und Bernat rückten immer wieder nach und tauchten an der Grundlinie auf. Ein vermeintliches Foul an Ribery in der 14. Minute wurde zurecht nicht mit einem Elfmeter bestraft.

Wenig überraschend war die Konsequenz aus den bayerischen Offensivbemühungen, wenig überraschend war der Torschütze und noch weniger überraschend war, wie dieser das Tor erzielte: Arjen Robben fasste sich in der 18. Minute ein Herz, nutzte den Freiraum, den man ihm auf der linken Seite gewährte und traf vom Strafraumeck über den chancenlosen Benaglio hinweg zum 1:0. Die Bayern profitierten hier auch von der Verletzung von Marcel Schäfer, der an der Außenlinie behandelt wurde und der somit als Gegenspieler fehlte. Wenige Minuten später kam Horn für Schäfer in die Partie.

Und die Bayern legten nach: Nach einer guten Kombination über Ribery gelangte der Wolfsburger Klärungsversuch zu Vidal, dessen Schuss aus etwa 20 Metern von Knoche so abgefälscht wurde, dass Lewandowski nur noch zum 2:0 einschieben musste (22.). Die zwei Tore nach Distanzschüssen waren die Konsequenz der passiven Wolfsburger Defensive, die zwar am Strafraum verschob, jedoch keinen Zugriff auf die Roten bekam und somit immer wieder Freiräume für Kombinationen oder eben Abschlüsse ließ.

Das Spiel beruhigte sich nun etwas, was allerdings nicht bedeutete, dass der VfL offensiv irgendwelche Akzente setzen konnte. Gomez’ 8 Ballkontakte bis zur 30. Minute sprechen eine deutliche Sprache. Auf Seiten der Münchner hatte Müller in der 32. eine Kopfball-Halbchance nach einer Flanke von Lewandowski. Der Pole hätte vier Minuten später nach einer Hereingabe von Ribery beinahe seinen zweiten Treffer erzielt, scheiterte jedoch an Bruma, der auf der Linie klären konnte.

Das Halbzeitfazit fiel aus Münchner Sicht durchweg positiv aus: Die Bayern hatten das Spiel stets kontrolliert und immer wieder gute Druckphasen mit starken Kombinationen, die Chancen und die 2:0-Führung brachten. Das Ganze allerdings fand gegen extrem ungefährliche Wolfsburger, die defensiv keine Sicherheit und offensiv keine Gefahr ausstrahlten, statt.

Etwa ab der 50. Minute zeigte sich, dass die Niedersachsen doch ein paar offensive Spieler auch auf dem Feld hatten. Die Münchner ließen die Wolfsburger mehrmals in den Strafraum eindringen, schlugen dann allerdings umgehend zurück: Thiago stahl wenige Meter vor dem gegnerischen Strafraum den Ball, legte mit einer elegentanten Lambadahüften-Bewegung auf Müller ab, dessen Schuss noch entscheidend von Lewandowski abgefälscht wurde (58.).

Die zaghaften Wolfsburger Bemühungen, den Anschlusstreffer zu erzielen, wurden mit dem 3:0 im Keim erstickt, die Bayern bestimmten nun wieder den Rhythmus und kamen durch Robben und Thiago bis zur 70. Minute zu weiteren Möglichkeiten. In der 75. Minute erhöhten die Münchner erneut – und endlich war es Thomas Müller, der jubeln konnte. Nach 999 Minuten ohne Tor war sowohl ihm als auch dem Publikum in der Allianz Arena die Erleichterung über den Treffer nach einem abgefälschten Robben-Schuss anzumerken.

Die Wolfsburger gaben den Widerstand nun endgültig auf. Trotz mehrerer Wechsel veränderte sich nichts an der spielerischen Stärke der Bayern – im Gegenteil: Der eingewechselte Rafinha wurde in der 85. Minute von Robben eingesetzt, legte flach in die Mitte, wo Douglas Costa dampflokartig heranrauschte und mit vollem Risiko zum 5:0 vollendete.

Das 5:0 hätte in den letzten Minuten noch zum 6:0 werden können – aber auch ohne einen weiteren Treffer steht fest: Die Bayern belohnten sich und das Publikum mit einem kleinen Schützenfest für eine dominante Leistung gegen erschreckend schwache Wolfsburger.

3 Dinge, die auffielen:

1. Viel Variabilität gegen schwache Wolfsburger

Monoton, kombinationsarm und nicht zwingend im letzten Drittel – so musste das Bayern-Spiel vor einigen Wochen noch beschrieben werden. Die gute Nachricht: Das Spiel gegen Wolfsburg war erneut ein Wegzeiger in die richtige Richtung. Insbesondere die erste Halbzeit zeigte, dass die Bayern auch ohne Pep Guardiola an der Seitenlinie gut kombinieren können und vor allem variabel agieren.

Die Passstafetten auf engem Raum im und am Wolfsburger Strafraum waren nur ein Teil der Erfolgstaktik. Immer wieder waren es lange Bälle aus dem Mittelfeld von Thiago und sogar Müller, die Chancen auf dem Flügel einleiteten. Hinzu kamen mit Lahm und Bernat zwei Außenverteidiger, die vergleichsweise “klassisch” agierten, ihre Vordermänner immer wieder überliefen und so für zusätzliches Übergewicht im letzten Drittel sorgten. Bezeichnend war auch, dass sowohl das 1:0 als auch das 2:0 nach Distanzschüssen fielen – viele Wege führten am Samstag also zum Erfolg.

Sicherlich: Die Kombinationen, die Flanken und die Dominanz im Generellen muss angesichts der erschreckend schwachen Wolfsburger Leistung mit Vorsicht betrachtet werden – einen passiveren und konterschwächeren Gegner werden die Bayern wohl kaum finden. Dennoch ist es ein gutes Zeichen, dass die Münchner Offensive derzeit variabel agieren kann, sich viele Chancen auf verschiedene Arten und Weisen erarbeitet und so wesentlich mehr Torgefahr ausstrahlt als noch im November.

Thiago zeigte eine erneut herausragend gute Partie.(Foto: CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)
Thiago zeigte eine erneut herausragend gute Partie.
(Foto: CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images)

2. Thiago macht den Unterschied

Franck Ribery und Arjen Robben haben die Weltklasse auf die Außenbahnen des FC Bayern gebracht, Thiago bringt sie derzeit ins Mittelfeld. Was der Spanier in dieser Saison Woche für Woche abliefert ist schlichtweg beeindruckend. Aus einem kreativen, spielverständigen Mittelfeldspieler hat sich in den letzten Jahren trotz vieler Verletzungen ein zweikampfstarker, pressingresistenter und spielbestimmender Weltklasse-Akteur entwickelt, der das Spiel der Roten derzeit auf ein anderes Niveau hebt.

Die Partie gegen Wolfsburg steht exemplarisch für die genialen Leistungen des Spaniers: Er hatte die meisten Ballaktionen, führte die meisten Zweikämpfe und kreierte eine Heatmap, die den Rasen der Allianz Arena rot färbte. Das 3:0 leitete er mit einer wunderbaren Pressingaktion ein, stahl den Ball geschickt und legte mit einer wahrlich artistischen Bewegung für Müller ab.

Thiago schafft es einerseits mit seiner Ballbehandlung in der Zentrale Sicherheit zu geben, andererseits mit seinen langen Pässen viel einzuleiten und obendrein mit seinen Aktionen aus Hacke und Hüfte einen genialen Esprit ins Mittelfeld zu bringen, den bislang nur wenige Spieler in der Geschichte des FC Bayern ausstrahlten.

Es war die wohl beste erste Halbzeit der Saison – aber dieses Fazit hatte man bereits nach den Partien gegen Gladbach oder Eindhoven ziehen können. Im Gegensatz zu den bisherigen guten ersten Hälften schafften es die Bayern gegen Wolfsburg auch nach dem Wiederanpfiff ihr Niveau weitgehend zu halten und strahlten darüber hinaus eine Gier aus, die schon am letzten Wochenende gegen Mainz zu sehen war und die essentiell ist, will man im Kampf um die Meisterschaft dominant auftreten.

Selbst das 3:0 sorgte nicht dafür, dass die Münchner sich zurücklehnten und ihren Vorsprung verwalteten, nicht mal nach dem 5:0 hatte man das Gefühl, dass Arjen Robben und seine Kollegen genug hatten. Es war zum vielleicht ersten Mal unter Carlo Ancelotti eine Präsentation der Dominanz über 90 Minuten, wenngleich Wolfsburg alles dafür tat, um keinen Widerstand zu leisten. Gleichzeitig war es eines der wenigen Bayern-Spiele in dieser Saison, in denen kein Übergewicht auf einer der Seiten bestand – die Offensivkette sorgte über rechts, links und durch die Mitte gleichsam für viel Gefahr. Beleg dafür: Von den Pässen ins vordere Drittel gingen 98 nach links und 98 nach rechts (Quelle: FourFourTwo). Ausgeglichenheit par excellence.

Die Partie gegen Wolfsburg war der optimale Auftakt für die von Ancelotti geforderte erfolgreiche Endphase des Jahres. Ein dominanter Auftritt wurde nicht nur mit drei Punkten, sondern aufgrund der Ergebnisse der Konkurrenz auch mit der Tabellenführung belohnt – der FC Bayern findet sich nach dem 14. Spieltag wieder in der Komfortposition an der Tabellenspitze wieder.

3.1. Thomas Müller trifft wieder. Es ist alles gut.

FC Bayern – VfL Wolfsburg 5:0 (2:0)
FC Bayern München Neuer – Lahm, Martínez, Alaba, Bernat – Vidal (71. Alonso), Thiago (81. Rafinha), Müller – Robben (46. Müller), Lewandowski, Ribéry (77. Costa)
Bank Ulreich – Boateng, Kimmich, Sanches
VfL Wolfsburg Benaglio – Knoche, Bruma, Rodriguez – Blaszczykowski (83. Vierinha), Caligiuri, Guilavogui, Gerhardt, Schäfer (22. Horn) – Gomez, Mayoral (61. Möbius)
Bank Casteels, Träsch, Gustavo, Hansen
Tore 1:0 Robben (18.), 2:0 Lewandowski (22.), 3:0 Lewandowski (58), 4:0 Müller (76.), 5:0 Costa (86.)
Karten Gelb: Thiago
Schiedsrichter Sascha Stegemann (Mittelrhein)
Zuschauer 75.000 (ausverkauft)

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