FC Bayern: Dominanz und der leise Aderlass – wo steuert die Frauen-Bundesliga hin?
Die Frauen-Bundesliga steckt in einem verdammt kniffligen Spagat.
Auf dem Papier läuft es gut: Die Rekorde bei den Zuschauerzahlen purzeln, die insgesamt 182 Begegnungen wurden in der Saison 2025/26 von 653.750 Zuschauerinnen besucht, die Erträge klettern über die 43-Millionen-Euro-Marke (Saisonreport 2024/25), und wenn die richtigen Klubs im Free-TV laufen, schalten über eine Million Menschen ein. Doch schaut man auf den Rasen, bröckelt teilweise das Fundament. Die Liga verliert immer wieder ihre auffälligsten Gesichter.
Georgia Stanway, Vivien Endemann, Selina Cerci, Nicole Anyomi, Elisa Senß – die Wechselliste Richtung Ausland wird immer länger. Schon davor waren Jule Brand und Lea Schüller weg. Der VfL Wolfsburg hat nahezu alle Schlüsselspielerinnen der vergangenen Jahre abgeben müssen.
Ob England, Spanien, die USA oder Frankreich: Wer in der Spitze mithalten will, packt früher oder später die Koffer. Und das liegt längst nicht nur am Gehaltsscheck. Es geht um das Gesamtpaket: volle Ränge bei ganz normalen Ligaspielen, professionellere Bedingungen in der Medizin und Reha, bessere Trainingsplätze und schlicht das Gefühl, im „echten“ Zentrum des Frauenfußballs zu kicken.
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FC Bayern marschiert – auch ohne Spektakel
Einer profitiert von dieser Gemengelage aber: der FC Bayern. Die Münchnerinnen haben sich längst zur unangefochtenen Macht im deutschen Frauenfußball entwickelt. Vier Titel in Folge sprechen eine deutliche Sprache, genau wie die Bilanz der Saison 2025/26 mit 74 von 78 möglichen Punkten und einem fast aberwitzigen Torverhältnis von 90:9.
Das Erschreckende für die Konkurrenz ist dabei gar nicht mal, dass Bayern jeden Gegner an die Wand spielt. Es ist diese stoische Ruhe. Selbst an Tagen, an denen die Beine schwer sind und spielerisch wenig zusammenläuft, reicht den Münchnerinnen die schiere Qualität von der Bank oder ein Einzelmoment.
So wie jüngst beim 3:0 im Supercup gegen den VfL Wolfsburg, als die Wolfsburgerinnen zu Beginn das bessere Team waren und zu Chancen kamen, aber Ende aber doch deutlich verloren haben. Wobei genau das auch zum Problem werden kann. Profitieren die Bayern wirklich davon, dass sie so konkurrenzlos sind? Stanway erklärte jüngst zwischen den Zeilen, dass ihr die Liga zu langweilig war, als sie das Niveau in England betonte.
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Wolfsburg starrt in die Lücke, Frankfurt sucht die Rolle
Jahrelang war der VfL Wolfsburg das Maß aller Dinge in Deutschland und Stammgast in den späten Champions-League-Runden. Wenn nun Spielerinnen wie Vivien Endemann gehen, zeigt das, wie sehr das Fundament ins Wackeln gerät.
Wolfsburg stürzt nicht ab, sie bleiben ein sehr gutes Team. Aber der Abstand zu Bayern wird größer, während die europäische Konkurrenz davoneilt. Die große Frage in Wolfsburg lautet schlicht: Welches Argument hat der Klub noch, wenn eine junge Nationalspielerin ein Angebot aus der englischen WSL auf dem Tisch hat?
In Frankfurt ist die Lage noch verzwickter. Nach der Übernahme des Spielbetriebs des alten 1. FFC Frankfurt durch die Eintracht hat das zwar eine gewisse Wucht gebracht, aber im großen Vereinsapparat droht die Frauenabteilung schnell ins zweite Glied zu rutschen.
Der Kader verlor zuletzt wichtige Stützen, man verpasste die Champions-League-Ligaphase gegen Real Madrid, spielte anschließend zwar im neu geschaffenen Women’s Europa Cup weiter. Aber die Eintracht muss trotzdem aufpassen, nicht dauerhaft im Niemandsland zwischen Ausbildungsklub und verpassten Ansprüchen zu landen.
Schleichende Entwertung der Liga
Es geht gar nicht darum, Auslandstransfers zu verteufeln. Für die einzelnen Spielerinnen ist der Schritt oft genau richtig. Doch wenn die Bundesliga zu einer reinen Ausbildungsliga verkommt, verliert sie ihre Strahlkraft. Gerade wenn man bedenkt, was die Ausgangsposition war. Bis Mitte der 2010er Jahre war Deutschland das Aushängeschild Europas. Dann investierten andere, während man sich hierzulande auf den Erfolgen ausruhte.
Während England massiv Geld in Klubs, Stadien und die Vermarktung der Women’s Super League pumpt und die weltweiten Rekordtransfers anführt, wirkt der Ligaalltag in Deutschland abseits der Topspiele oft langweilig. Ein Gipfeltreffen Bayern gegen Wolfsburg holt Top-Einschaltquoten – die Partien dahinter gehen medial aber fast komplett unter.
Am Ende leidet darunter auch die Nationalmannschaft. Wer international wieder um Titel mitspielen will, braucht keine Liga, in der der Meister im Vorbeigehen gewinnt.
Bayerns Spagat: Lokale Macht vs. internationale Elite
Für den FC Bayern entsteht dabei ein ziemlicher Spagat. Einerseits wäre es völlig unsinnig, den eigenen Vorsprung künstlich zu bremsen – die Münchnerinnen haben sich ihre Machtposition hart erarbeitet. Andererseits bringt es auch Bayern nichts, wenn sie eine Liga nach Belieben dominieren, in der die Konkurrenz mangels Geld und Perspektive langsam austrocknet.
Der Blick in München muss ohnehin längst nach Europa gehen. Der nationale Titel ist zwar Pflicht, aber die echte Messlatte heißt nicht mehr Wolfsburg oder Frankfurt, sondern Barcelona, Chelsea, Arsenal oder Lyon. Erst recht mit dem neuen Champions-League-Modus und seinen sechs Spielen in der Ligaphase. Wenn Bayern da dauerhaft ganz oben mitmischen will, brauchen sie Woche für Woche echten Druck in der Heimat – und genau deshalb muss der Klub ein Eigeninteresse an einer starken Bundesliga haben.
Das bedeutet ganz konkret: Bayern sollte nicht einfach jede gegnerische Leistungsträgerin kaufen. Sinnvoller wären kluge Leihmodelle, Rückkaufoptionen für eigene Talente und eine aktivere Rolle als echter Entwicklungsmotor für die ganze Liga. Gleichzeitig muss aus den FCB-Frauen eine globale Marke werden. Die Männer profitieren seit Jahrzehnten von weltweiten Tourneen und Fanbases – die Frauen stehen da im internationalen Vergleich mit Klubs aus den USA oder England erst am Anfang, haben in der Sommerpause bei der Japan-Reise aber einen weiteren, wichtigen Schritt gemacht.
Abspaltung vom DFB verzögert sich
Was der Entwicklung helfen kann, ist die geplante Eigenständigkeit der Frauen Bundesliga, die Frauen-Bundesliga hat sich mit dem FBL e.V. bereits vom DFB gelöst und strebt ab der Saison 2027/28 die vollständige Eigenständigkeit an.
Aber der Prozess gilt als zäh und konfliktreich, weil noch formale Schritte ausstehen und die Klubs über künftige Reformen wie Meister-Playoffs und eine Abstiegsrelegation uneinig sind, während gleichzeitig die TV-Rechte neu ausgeschrieben werden sollen und Forderungen nach Mindestgehältern sowie verbindlichen Infrastrukturstandards (z. B. Rasenheizung) weiter offen sind.
Trotzdem war und ist dieser Schritt wichtig. Der FC Bayern kann und muss hier eine tragende Rolle übernehmen. Als größter Fußballklub des Landes haben sie eine enorme Verantwortung.
Am Ende steht die Liga (noch) nicht vor dem Abgrund, sondern an einer klaren Gabelung. Deutschland hat das Geld, die Tradition und den Nachwuchs, um den Anschluss an England nicht komplett zu verlieren. Aber das alte Argument „Bei uns lernt man solides Fußballhandwerk“ zieht bei den Topstars nicht mehr.
Wirtschaftlich zu konservativ
Klar ist zudem: Der wirtschaftlich konservative Weg der allermeisten Klubs funktioniert nicht. Woanders werden moderate finanzielle Risiken in Kauf genommen, weil an den Wachstumsmarkt geglaubt wird. Real Madrid hat jüngst viel Geld in den eigenen Kader investiert. Dass die Bayern mit dem Stadion in Unterhaching in Steine investiert haben, ist wichtig. Wenn mit Franziska Kett, Klara Bühl und Co. im kommenden Sommer aber Leistungsträgerinnen gehen sollten, dann kann das nicht der Anspruch dieses Klubs sein.
Zwar betont Bianca Rech immer wieder, dass es nicht allein ums Geld gehe. Erst kürzlich gab sie The Rise of Women’s Football ein Interview. Dort erklärte sie, dass man Verlässlichkeit in den Spielansetzungen und feste Zeiten für die Fans brauche und die Finanzen nur ein Teilaspekt wären. Sie sieht extreme Ablösesummen und die Überhitzung des Transfermarkts ohne klare Leistungsdifferenzierung kritisch. Identität und Kultur wären wichtigere Säulen und mit dem FC Bayern werde man das Wettrüsten nicht starr mitmachen. Es gehe um wirtschaftliche Vernunft.
Dennoch dürfte es ihren Job nicht gerade schwerer machen, wenn man sich in der Führungsebene dazu entscheiden würde, den Etat um die eine oder andere Million Euro anzuheben. Es wäre eine kleine Summe für den Gesamtverein, aber ein erheblicher Boost für die Frauenabteilung, der die ambitionierten Ziele realistischer macht. Zumal eine Anhebung des Budgets nicht zwingend konträr zum Thema Vernunft stehen muss. Schließlich ließe sich mit dem Geld auch so wirtschaften, dass man dem Ziel der Eigenständigkeit näher kommt.
Aber auch andere Klubs in Deutschland agieren eher abwartend. Was skeptische Stimmen wohl als „wirtschaftliche Vernunft“ titulieren würden, kann auch als verpasste Chance gesehen werden. Die Mittel in der Bundesliga sind deutlich begrenzter als in England. Auch daher dürfte die Haltung kommen, dass es auf die eine oder andere Million mehr nicht ankommt, wenn andernorts sowieso mehr Geld vorhanden ist.
Meint man es in Deutschland aber ernst mit der Entwicklung, muss mehr kommen als in den letzten Jahren. Spanien, Frankreich und Co. sind nicht enteilt. England wird nicht alle Spielerinnen allein für sich beanspruchen können. Es geht darum, in der Nachwuchsförderung, dem Scouting und in der Infrastruktur die notwendigen Schritte einzuleiten, um dem Trend der letzten Jahre entgegensteuern zu können.
Die EM 2029 wird zum Mutmacher
Die geplante Heim-EM 2029 ist dabei die Riesenchance, um das Ruder herumzureißen. Ein solches Großturnier im eigenen Land kann genau der Katalysator sein, den der deutsche Frauenfußball jetzt braucht: für modernste Infrastruktur, frisches Investorinnenngeld und einen echten Hype, der nicht nach zwei Wochen wieder verpufft.
Der DFB und die Klubs dürfen diese Steilvorlage bloß nicht wieder in bürokratischen Klein-Klein-Projekten versanden lassen. Und sie dürfen auch nicht glauben, dass dieses Turnier von allein zum Katalysator wird. Nach dem großen Hype rund um die EM in England vor einigen Jahren wurde mal wieder zu wenig Aufwand betrieben, um eine echte Entwicklung anzustoßen.
Bayern hat gezeigt, wie man professionelle Strukturen aufbaut. Jetzt müssen Wolfsburg, Frankfurt und der Rest der Liga nachziehen und eigene, mutige Konzepte auf den Tisch legen. Finanziell ist der Abstand bei weitem nicht so groß wie beispielsweise in der Männer-Bundesliga.
Wenn das gelingt – und man den Schwung Richtung 2029 nutzt –, bleibt die Bundesliga eine Top-Adresse. Wenn nicht, reifen die besten Spielerinnen zwar weiterhin hier heran, ihre Glanzzeiten erleben die Fans dann aber im englischen Pay-TV.



