Eine Karriere mit Stil: Eine Ode an Super Mario

Daniel Trenner 14.07.2020

Jeder liebt diese Außenseiter-Geschichten, und ungeachtet seines allgemein bekannten Talents ist es genau das, was Mario Gómez Karriere war, eine ewige Außenseiter-Geschichte.

Probleme unter van Gaal

Gómez Profikarriere begann 2003 in Stuttgart beim VfB. Schnell machte er mit guten Leistungen auf sich aufmerksam, so dass schon bald die Bayern hellhörig wurden und ihn schließlich im Jahr 2009 in einem aufsehenerregenden Transfer verpflichteten. Gómez war mit geschätzten 30 bis 35 Mio. Euro nicht nur der bis dato teuerste Transfer der Bundesliga, er war auch Mittelstürmer. Das Klinsmann-Debakel bei den Bayern hatte zwar viele offene Wunden im Kader aufgedeckt, aber ausgerechnet die Mittelstürmer-Position war keine davon. Offensichtlich erfolgte seine Verpflichtung einfach gemäß der guten alten Uli-Hoeneß-Schule: Wenn es irgendwo einen guten deutschen Spieler gibt, dann soll er doch bitte für die Bayern spielen. Und so kam es, dass die Bayern trotz ihres eigentlich sehr reibungslos funktionierenden Sturm-Duos aus Miroslav Klose und Luca Toni eine Rekordablöse für einen Stürmer hinlegten, dem schon bald der zweifelhafte Ruf anhaften sollte, der größte Transferflop in der Geschichte des FC Bayern gewesen zu sein.

Mario Gómez auf seiner Stammposition in der Saison 2009/10: Der Bank.
(Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images)

Louis van Gaal ist ein genialer Trainer, dem die Bayern auf ewig für die Transformation ihres Spielstils dankbar sein müssen, doch seine taktischen Talente in allen Ehren, Kommunikation zählte eher nicht zu seinen großen Stärken. Als die Situation ungemütlich wurde und die Leute begannen Fragen zu stellen, warum gewisse Transfers nicht so eingeschlagen hatten wie erhofft, war er ganz schnell dabei, die Verantwortung anderen zuzuschieben: Tymoshuck und Gómez seien ja bereits vor seiner Zeit verpflichtet worden, ihm könne man da nichts vorwerfen.

Normalerweise kommt so eine Aussage einem Todesurteil für einen Spieler gleich und, in der Tat, Gómez durchlebte eine katastrophale Saison. Er war zu den Bayern mit dem Anspruch gekommen, im Sturm die erste Wahl zu sein. Stattdessen war er am Ende die dritte. Und während viele seiner Mitspieler es wenigstens schafften, das Ruder mit einer spektakulären WM noch rumzureißen, war das Turnier für ihn ebenfalls eine Katastrophe.

Wiederauferstehung gegen Hannover

Gómez wollte nach all den Tiefschlägen einfach nur noch weg, einfach nur einen frischen Start irgendwo anders. Er hatte sich für einen Wechsel zum FC Liverpool entschieden und alles schien bereits in trockenen Tüchern, alles schien als wäre seine seine Karriere bei den Bayern zu Ende, bevor sie überhaupt wirklich beginnen konnte. Doch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge legten wie aus dem Nichts doch noch ein Veto gegen den Transfer ein, als frühere Stürmer kannten sie sich aus mit Angreifern und sahen Gómez noch nicht am Ende seines Weges beim FC Bayern.

Und so begann die Saison 2010/11 für Mario Gómez genau dort, wo die vorangegangene aufgehört hatte: Auf der Bank, von wo aus er aus sicherer Entfernung seinem Sturmpartner Ivica Olić bei der Verrichtung seines Tagwerks zugucken konnte. Doch das Schicksal hatte noch ein Wörtchen mitzureden. Olić und Klose verletzten sich beide und so blieb van Gaal widerwillig nichts anderes übrig, als seine dritte Wahl im Sturm aufzubieten – und, wie es so schön heißt, der Rest ist Geschichte. Die Leistungen von Gómez ab diesem Zeitpunkt als phänomenal zu beschreiben, wäre immer noch eine bodenlose Untertreibung. Bis heute denke ich immer noch hin und wieder an dieses schicksalsträchtige Spiel gegen Hannover zurück und erinnere mich daran, wie sehr ich mich mit Mario Gómez über diesen Hattrick gefreut habe. Er bedeutete nicht weniger als den Wendepunkt seiner Karriere. Er hatte in den ersten sieben Spielen der Saison kein einziges Tor erzielt, an dessen Ende waren es unglaubliche 28. Hätte er diese Quote über alle 34 Saisonspiele an den Tag legen können, würde Lewandowski heutzutage womöglich Gómez’ Rekord jagen, nicht Gerd Müllers. All diese Geschichten, dass er nicht zu den Bayern passen würde, dass van Gaal ihn auf den Tod nicht leiden könne, dass er bloß ein Konterstürmer wäre, all das war schlagartig verstummt. Die Chefetage strahlte natürlich vor Zufriedenheit, ihr Veto hatte sich komplett ausgezahlt.

Bescheidenheit trotz mangelnder Wertschätzung

In den nächsten zwei Spielzeiten erzielte Gómez Tore fast nach Belieben. In der Bundesliga, im Pokal, in der Champions League. Und zeigte dabei kein bisschen Selbstgerechtigkeit. Er war immer einfach nur froh, dem Team helfen zu können. Es wirkt ein wenig ungerecht, dass er diese Hochphase seiner Karriere nicht in Titel umwandeln konnte. Im Gegenteil: Immer war er es, der als Sündenbock für alles mögliche herhalten musste, und sei es auch noch so absurd. Traf im Halbfinale gegen Madrid und verwandelte beide Elfmeter der Bayern in der Champions League in der Saison, aber wen machte Hoeneß als den Schuldigen aus? Gómez. Gewann mit seinem Tor das Spiel gegen Portugal bei der EM, aber wer wurde von Mehmet Scholl im Fernsehen vor einem Millionenpublikum kritisiert? Gómez. Das Spiel gegen die Niederlande nur wenige Tage später war vielleicht das beste seiner gesamten Karriere, aber was war das Hauptthema in der Analyse danach? Dass Gómez nicht gut genug sein solle.

Sich beim Elfmeterschießen wegducken? Nicht Mario Gómez.
(Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Was ich an Gomez am meisten bewundere, ist seine Bescheidenheit. Er sollte seinen Platz bei den Bayern genauso verlieren, wie er ihn erlangt hatte, nämlich durch eine Verletzung während der sein Sturmpartner Mandžukić auftrumpfen konnte. Aber nie konnte man ihn darüber auch nur ein schlechtes Wort verlieren hören. Jupp Heynckes schwärmt immer noch davon, wie hochanständig Gómez sich in der Saison verhalten hat. Als er seinen Freunden dabei zusah, wie sie den WM-Pokal in die Höhe reckten, stachelte dies nicht seinen Neid an, sondern seine Leidenschaft, die ihn aus seinem Karrieretief befreien sollte. Am Ende hatte er mehr Tore in der Champions League erzielt als solch vermeintliche Weltklasse-Stürmer wie Hernan Crespo, Robin van Persie, Gonzalo Higuaín und sogar Luis Suárez, ohne aber je die Attitüde heraushängen zu lassen, er sei zu gut für Beşiktaş, Wolfsburg oder die zweite Liga.

Mario Gómez ist sagenhaft unterschätzt als Spieler und als Mensch und ich freue mich unheimlich darüber, dass er seine Karriere mit einem Aufstieg beenden konnte. Danke für deine Zeit bei den Bayern und herzlichen Glückwunsch, Super Mario! So, und nun lasst uns alle zusammen noch ein letztes Mal diesen Knopf drücken: Mario Gómez (cha cha)!

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