Bayern-Fans: Ein Mai ohne Emotionen

Maurice Trenner 01.05.2022

Es ist Mai 2022, die Zeit der Titelfeiern ist gekommen. Doch in der Champions League duelliert sich der Underdog FC Villareal mit den übermächtigen Spielzeugen internationaler Milliardäre und im Pokalfinale versuchen aufmüpfige Freiburger das Dosen-Imperium zu stürzen. Als einzig spannende Frage für einen Bayern-Fan bleibt, ob Paul Wanner noch Spielzeit in den letzten unwichtigen Ligaspielen bekommt.

“Der Weihnachtsmann war noch nie der Osterhase” und “Titel werden im Mai vergeben” lauteten seinerzeit die schlauen Sprüche ehemaliger Vereinsgranden. Doch in der zweiten Saison in Folge bestreitet der Serien- und Rekordmeister FC Bayern im Mai kein relevantes Spiel mehr. Der Titel in der Bundesliga steht bereits fest, da die Münchner einmal mehr der Konkurrenz enteilt sind, und in den restlichen Wettbewerben ist man bereits ausgeschieden. National in eigenen Sphären, aber international beim Konzert der Großen nicht eingeladen – ist das die neue Zukunft für die Bayern?

Doch auch für einen Anhänger des Vereins ist dieser Spagat nicht einfach. Im “Brot-und-Butter-Geschäft” Bundesliga spiegelt sich dies gut anhand meiner Tippstrategie wieder. Beim Großteil der Begegnungen tippe ich seit Jahren fast blind: Heimspiel Bayern 4:0-Sieg, Auswärtsspiel 3:1-Erfolg. Seit letzter Saison habe ich bei Partien in der Allianz Arena auf 4:1 korrigiert, da die Abwehr bei Umschaltsituationen immer öfter vogelwild agiert. Alleine gegen Leipzig, Dortmund und Gladbach komme ich ins Stocken und tippe auch mal ein knappes 3:2. Der Sieg ist aber einkalkuliert. Ein enges Spiel entspricht schon einer kleinen Enttäuschung. Ein Unentschieden kommt einem Drama gleich.

Unter Guardiola gab es noch jede Woche die Gewissheit, dass aus der Genialität des Trainers eine taktische Finesse entspringen würde, die es zu beobachten und analysieren galt: Wie performt Robben als Wing-back, welchen Einfluss hat Boateng als Sechser oder wie lässt Neuer als De-Facto Spielmacher das Gegenpressing ins Leere laufen? Unter Kovac gab es knappe Spiele und einen echten Titelkampf. Unter Flick gab es das absolute Spektakel mit Chancenwucher auf beiden Seiten. Doch diese Saison?

Da ziehen die Spieltage ins Land. Der Abstand auf die Verfolger verkommt zu einer Randnotiz. Ich versuche meine Faszination mit dem Blick auf Statistiken und Rekorde aufrechtzuerhalten: Wie oft muss Lewandowski noch treffen, damit die 365-Tore-Marke von Müller erreichbar wird? Wie viele Spiele fehlen Müller noch auf Maier, um Rekordspieler zu werden? Schaffen wir diese Saison endlich die unknackbaren 101 Tore?

Die eigentliche Vorfreude aber gilt dem Frühjahr und der Champions League. Endlich diese Abende an denen alles möglich scheint, an denen ein zu forsches Herausrücken von Hernandéz das Herz in die Hose sacken lässt, ein unbedachter Fehlpass von Kimmich im Aufbau die Haare raufen lässt und ein Elfmeter von Lewandowski auf Zehenspitzen stehend verfolgt wird.


Das Versprechen lautet Spannung und das Messen mit den Besten auf allerhöchstem Niveau. “Do or Die” sagt der Engländer, “Tod oder Gladiolen” ein selbstbewusster Holländer. Das Ausscheiden letztes Jahr gegen Paris war ein solches Spiel. Die Münchner waren sichtbar nicht in der Form des Triple-Jahres und dennoch warf die Mannschaft alles in die zwei Partien mit dem Finalgegner aus der Vorsaison. Am Ende war das Scheitern haarscharf. Doch als Fan war man emotional zufrieden.

Aber in dieser Saison will sich selbst mit ein paar Wochen Rückblick dieses Gefühl in der Nachbetrachtung der Partien gegen Villarreal nicht einstellen. Die Spanier wurden in den Interviews der Münchner Offiziellen und auch in der Vorberichterstattung deutscher Medien sicherlich deutlich zu klein geredet. Dennoch sind die Gelb-Blauen jene Marke Mannschaft, die man als FC Bayern schlagen muss. Mein Tipp war eher 4:1 statt 3:2.   

Villarreal lockt noch nicht die großen Emotionen hervor, wie dies ein Auftritt an der Anfield Road oder im Bernabeu macht. Die Anspannung über den Tag und direkt vor dem Anpfiff war überschaubar. Die beiden Spiele verfolgte ich dann wie in Trance. Das Hinspiel als Parodie auf die löchrige Abwehr der Saison mit einem scheinbar endlosen Strom an Chancen für die spanischen Hausherren, die von einem frenetischen Publikum angefeuert wurden. Das Rückspiel als ideenloses Anrennen auf ein gelb-blaues U-Boot mit tausend Beinen. Und doch blieb bis zur 88. Minute die Gewissheit, dass am Ende noch alles gut werden würde. Bis zu diesem Treffer von Chukwueze, der plötzlich die ganze Saison beendet und bittere Realität werden lässt.

Es klingt für viele Anhänger anderer Fans sicherlich arrogant und abstoßend, doch der zehnte Meistertitel ist an dieser Stelle nur ein Trostpflaster. Die wahre Spannung und die echte Aufregung erfährt man als Bayern-Fan nur noch unter der Woche im April und Mai. Was ist der Ausweg, was sind die Alternativen und wie kommt der Verein von hier zu dort?

Beim Blick in die jüngere Vergangenheit zeigen sich zwei Wege. Da war die Mitte der 2000er Jahre, in denen ein international vollkommen abgehängter FC Bayern in der Champions League bestenfalls vereinzelte Nadelstiche setzen konnte. So zum Beispiel 2007 als van Bommels Last-Minute-Anschluss im legendären Bernabeu und Makaays First-Second-Auftakt in der Allianz Arena das große Real Madrid stürzten, nur um danach an Mailand zu scheitern. Gleichzeitig kämpfte man in einer Liga voller Spannung mit wechselnden Rivalen auf Augenhöhe, holte nur fünf Titel in elf Spielzeiten zwischen 2002 und 2012.

Der krasse Gegensatz stellten dann die ersten Heynckes- und Guardiola-Jahre dar, in denen eine entfesselte und gierige Mannschaft die Liga auf der Jagd nach Rekorden dominierte und in der Champions League für Gänsehautabende sorgte. 

Und nun: Quo vadis, FC Bayern? Der Verein scheint gefangen zwischen zwei Welten. Im immer zu eskalierenden internationalen Transfermarkt wirkt das Münchner Festgeldkonto wie der einsame blaue Zwanziger, mit dem der junge Sprössling sehnsüchtig auf die neusten Sneaker blickt, während ein Freund die schwarze AMEX seines Vaters zückt. 

Unlängst ist es schwieriger geworden, gemachte Spieler und vielversprechende Talente zu einem Wechsel an die Isar zu bewegen, genauso wie auch Vertragsverhandlungen immer häufiger stocken. Mit Alaba, Thiago und Süle musste man schon einige namhafte Leistungsträger gehen lassen. Auch wenn es in jedem individuellen Fall stichhaltige Argumente für den Wechsel gab, so ist es absolut offensichtlich, dass dies den Kader ausgedünnt hat. Die Mannschaft ist für den Schritt zurück in Pep-Zeiten aktuell spätestens ab Kaderplatz Acht zu schwach besetzt. Die Last-Minute-Einkäufe der letzten Jahre wie Sarr, Richards oder Roca sind kaum mehr als ein Pflaster, das nach dem Duschen von der Wunde gerutscht ist.

Gleichzeitig scheitert Trainer Nagelsmann, auch als Opfer der oben beschrieben Umstände, noch an der riesigen Erwartungshaltung mit der er im Sommer nach München kam. Das diesjährige Matchplanning und In-Game-Coaching sind noch unter dem Niveau, das der immer noch junge Coach in Leipzig regelmäßig unter Beweis stellte. Spätestens nach diesem Saisonende wird der 34-Jährige intern und in der Öffentlichkeit noch stärker im Fokus stehen.

An beiden Stellen ist nun das Management gefragt. Oliver Kahn ist abseits seines Auftritts im Doppelpass vor zwei Wochen öffentlich noch wenig präsent. Doch der Vorstandsvorsitzende muss nun zum einen seinen Sport-Vorstand in die Pflicht nehmen, denn ein Plan ist in Salihamidžićs Wirken von Außen nur schwerlich zu erkennen. Der Kader der Münchner bedarf eines gezielten Aderlasses an strategischen Stellen, einer punktuellen Verbesserung in der Spitze und einer Stärkung in der Breite. Zum anderen muss er sich öffentlich vor Nagelsmann stellen und somit dem Trainer in diesem Sommer ohne internationales Turnier die Ruhe in der Vorbereitung zu geben, die notwendig ist, um mit der Mannschaft seine taktische Philosophie einzustudieren und das Feuer im Team wiederzuerwecken.

Die nächste Saison wird eine wegweisende sein für die Mannschaft auf dem Weg zwischen Magath-Tristesse und Jupp-Galore. Und genauso für mich als Fan, der sich nach Spannung und Emotionen sehnt.

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— Oliver Kahn

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