Die Super League als Chance? – Ein Streitgespräch

Daniel Trenner 28.04.2021

Heute also Champions-League-Halbfinale ohne den FCB, aber mit City, Chelsea und Real, deren SL-Pläne vorerst gescheitert sind. In uns rumoren die Pläne weiterhin. Daniel und Georg zum Streitgespräch.

Daniel: Georg, du hast auf Twitter und deinem Blog für die Super League geworben. Bevor du in die Südsee emigrieren musst, um dich vor wütenden Fans zu schützen, kannst du deinen Standpunkt nochmal aufzeigen?

Georg: Hi Daniel! Ich glaube, meine überschaubare Reichweite schützt mich vor einem Shitstorm, so dass ich noch keine Flucht ins Exil plane ;-). Aber zum Thema: Der europäische Fußball steht vor enormen Herausforderungen. Und eine Super League könnte meiner Meinung nach tatsächlich zur Lösung beitragen.

Daniel: Aber eine Super League würde doch bloß endgültig die Superreichen von den Normalen abkapseln. Irreversiv und endgültig. Wo konkret siehst du denn die Chancen einer Super League?

Georg: Genau in dieser endgültigen Abkapselung sehe ich eine große Chance, vielleicht die einzige Chance, den Fußball zukunftsfähig zu machen. Es ist doch so, dass wir eine nie dagewesene Leistungsspreizung in den nationalen Ligen erleben. Juventus ist bereits neunmal in Folge Meister, der FC Bayern wird es gerade. Neun. Das ist eine unvorstellbare Dominanz. Als Kind dachte ich, so etwas gibt es nur in Schottland. 

Das ist ein Punkt, wo ich selbst als Bayern-Fan sage: Stop the Count! Gebt den Spitzenvereinen ihre eigene Liga und lasst sie da untereinander spielen – während gleichzeitig die nationalen Ligen wieder ausgeglichener werden.
Damit bin ich auch beim zentralen Unterschied gegenüber den vorgestellten Plänen: Eine Super League, die ich unterstütze, ist eine konsequente Super League, die mit einem Rückzug der teilnehmenden Clubs aus den nationalen Ligen einhergeht. 

Daniel:  Das was du hier ansprichst, sind exakt die Gründe, wieso auch für mich eine Super League nur eine Frage der Zeit war und eigentlich immer noch ist. Die zentrale Frage ist doch: Wie bringe ich den Wettbewerb wieder zurück?

Doch bevor wir zurückblicken, wie wir hier angekommen sind, möchte ich anmerken, dass auch die Super League sportlich für mich keine Lösung ist. Das tolle am Format der europäischen Ligen ist doch, dass es praktisch kein totes Liga-Mittelfeld gibt. Jede Mannschaft spielt entweder um die Meisterschaft, verschiedenste europäische Wettbewerbe oder den Klassenerhalt. Am Ende der Saison geschieht mit der halben Liga gar nichts, aber auf dem Weg dorthin haben sie um die verschiedensten Dinge gespielt, daher die Spannung. Die Super League hat sowas nicht.

Es heißt oft, wenn Real Madrid jede Woche gegen Liverpool spielt, wird das langweilig. Und das stimmt auch, aber meiner Meinung nach wäre das weniger wegen mangelnder Fan-Bindung der Fall, sondern wegen sportlicher Irrelevanz. Entweder man spielt um nur einen einzigen Meisterschaftsplatz an der Sonne – und dann kann man die halbe Liga vergessen. Oder man spielt wie aktuell angedacht um Play-offs – und dann sind diese ganzen Spiele bis zu den Play-offs irrelevant.

Die Spiele Bayern gegen PSG waren doch nicht einfach deshalb so gute Spiele, weil es sich um zwei Schwergewichte handelte, sondern weil beide Blut sahen. Beiden ging es um die Saisons, den ganz großen Titel am Ende. Pack diese Paarung in eine Super League und du hast nicht ansatzweise diese Spielqualität.

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Bild: Imago Images

Georg: Da bist du in meinen Augen jetzt schon einen Schritt weiter, nämlich bei der Frage, wie man eine Super League in sich spannend gestalten kann. So weit bin ich mit meinen Gedanken gar nicht. Mit möglichen Play-offs sprichst du eine denkbare Variante bereits an. Sind Spiele in der NFL langweilig, nur weil es keine Absteiger gibt? Auch könnte ich mir ein Super-League-Modell vorstellen, in dem es Absteiger gibt. Ich würde da jetzt noch nicht so eingeengt denken wollen. 

Daniel: Also ich finde ja Spiele der NFL aus ganz anderen Gründen langweilig, aber das ist natürlich ein völlig anderes Thema…  (lacht)

Das aktuelle Modell der Super League sah ja deutlich vor, dass es 15 Founding Members gab. Nur der Rest sollte sich irgendwie über Qualifikation zu den Großen retten. Modelle mit einem möglichen Abstiegskampf sehe ich auch schwierig, denn wohin sollen sie absteigen? Bei der von dir gewünschten Abkapselung wären sie aus den Ligen raus und die können ja schlecht immer ein paar Plätze für den Fall der Fälle warm halten.

Ich sehe nicht, wie man ohne Attraktivitätsverlust Modelle mit Play-offs realisieren soll. Wenn sich zwei topplatzierte Vereine begegnen, sollte es doch eigentlich ein Spitzenspiel geben, tatsächlich hätte man aber ein denkbar irrelevantes Spiel, eben weil beide Mannschaften bereits ziemlich fest in den Play-offs wären.

Ich mag das amerikanische System mit Regular Season und Post Season auch so schon nicht besonders und auf den Fußball sehe ich es erst Recht nicht übertragbar. In den USA hat man die College-Ligen als Unterbau, man hat den Draft und Vereine sind Franchises. In den Staaten funktioniert es. Aber ich denke, versucht man das in Europa aufzustellen, erhält man nur die Nachteile, nicht aber die Vorteile der amerikanischen Systeme.

Hier sehen wir ja auch ganz konkret einen der vielen Gründe wieso dieser jetzt angebrachte Super-League-Pitch so krachend gescheitert ist. Die amerikanischen Chefs der englischen Teams dachten sich, man könne das US-System einfach auf den europäischen Fußball übertragen, aber so einfach ist das nicht. Vermutlich war auch noch eine ganz große Portion amerikanischer Hybris dabei… 

Georg: Wohin sie absteigen sollen? Zurück in die nationalen Ligen zum Beispiel. Warum nicht die Super League als europäische transnationale Liga oberhalb von Bundesliga, Premier League und Co. einführen? Auch Playoffs machen die vorherigen Ligaspiele nicht obsolet. Es gilt, einen Play-off-Modus zu finden, in dem Teams von der besseren Platzierung in der Regular Season profitieren, z.B. durch Heimspiele. Aber das sind alles Umsetzungsfragen für die Zukunft. 

Mir geht es Stand jetzt noch ums Grundsätzliche. Es gibt doch bereits eine verkappte Super League, nämlich die Champions League. Dort spielt für Real, Juve und Bayern die eigentliche Musik. Diese Spiele finden weltweit Beachtung. Und die dabei erzielten Fernseh-, Matchday- und Sponsoringeinnahmen führen dazu, dass der finanzielle Unterschied zwischen den Superklubs und den normalen Bundesligisten uneinholbar groß geworden ist.

Daniel: Ja, die Finanzen sind die Krux. Hier empfehle ich zurückzuschauen, wie wir eigentlich in diesem Schlamassel angekommen sind.

Jahrzehntelang war alles noch gut, dann kam die Champions League. Die Vorteile der Champions League Anfang der 90er überwogen noch und wir hatten bis zum Ende der 00er Jahre ja auch regelmäßig verschiedene Meister in den Top-Ligen. Doch spätestens mit der Lobbyarbeit der Superreichen in den späten 00er-Jahren wurde sie zum handfesten Problem. Die Zugpferde der Ligen und Champions League wollten eine sichere Einnahmequelle haben und so wurden alle möglichen Legacy-Koeffizenten eingeführt, um nicht einfach bloß eine Setzliste in der Gruppenphasen-Auslosung zu haben, sondern damit Spitzenklubs mehr vom Kuchen abbekommen.

Das Resultat dieser ganzen furchtbaren Änderungen: Unter der gerade beschlossenen Champions-League-Reform könnte Eintracht Frankfurt ins Finale kommen – und würde doch weniger verdienen, als ein in der Gruppenphase gescheiterter FC Barcelona.
Seitdem das Kuchenstück der Topvereine im Verhältnis immer größer wird, können die sich auch ungestraft Fehler erlauben. Hat der FC Bayern früher Fehler gemacht (siehe: Ballack-Nachfolge, Klinsmann) wurden andere Vereine Meister – mitunter schaffte man es nicht einmal in die Champions League. Mittlerweile werden sie auch mit Trainerfehlbesetzungen wie Ancelotti und Kovač Meister.

Und hier gilt es das Rad zurückzudrehen. Sportliche Fehler müssen wieder bestraft werden, diese Reformen müssen bekämpft werden. Resigniert man jedoch einfach vor dieser Entwicklung und stimmt man der Sezession der Topvereine zu, ist der Geist endgültig der Flasche entwischt und es wird nie mehr ein Zurück geben.

Georg: Da sind wir bei einem springenden Punkt. Dieses Zurückdrehen des Rades, das sehe ich einfach nicht. Vielleicht fehlt mir die Fantasie, aber kannst du dir vorstellen, dass Rummenigge und Pérez auch nur auf einen Euro Umsatz verzichten, um ihre Wettbewerber zu stärken? Die großen Klubs sind zu mächtig und machiavellistisch clever, als dass sie eine andere Verteilung zuließen. Die kleinen Klubs ihrerseits haben andere Schwerpunkte und divergierende Interessen, als dass sie sich ernsthaft mit den Großkopferten aus der Champions League anlegen könnten. Nee, ein Zurückdrehen des Rades wird es nicht geben.

Ich bin mir auch nicht sicher, inwieweit ich es wollen würde. Für mich ist beim Wunsch nach einem Zurückdrehen des Rades immer auch viel Verklärung dabei. Wohin denn zurückdrehen? Diese Forderungen bleiben zu oft im Vagen oder Utopischen. Der Fußball, den ich mir seit zehn Jahren in der Champions League anschauen kann, ist großartig. Ich will weiterhin Neymar gegen Kimmich. Ich will mich 24/7 auf verschiedenen Kanälen und Plattformen mit Fußball beschäftigen können. 

Es ist nur schlicht so, dass einige Superklubs ihren nationalen Konkurrenten entwachsen sind. Diese Realität muss man akzeptieren. Als Konsequenz bleiben nur Enteignung oder Abspaltung. Enteignungen kann ich mir nur schwerlich vorstellen, deshalb bleibe ich dabei, dass eine Abspaltung die bestmögliche Lösung ist. 

Weniger Schwergewichtsduelle – Besser für die Zukunft?
Bild: Imago Images

Daniel: Ich kann mir Enteignungen auch nur schwer vorstellen. Aber wenn ich mich zwischen Enteignung und dem Kniefall vor diesem Wettbewerb zerstörenden, unsolidarischen Kapitalismus entscheiden muss, entscheide ich mich für den Kampf für die Enteignung! So unwahrscheinlich die Aussicht auf Erfolg auch sein mag!

Wohin man das Rad zurückdrehen muss, ist für mich recht klar: Den guten finanziellen Mittelweg zwischen Einführung der Champions League und ihrer Deregulierung in der zweiten Hälfte der 00er Jahre. Deren Folgen man so richtig erst im letzten Jahrzehnt spürte, da dann aber auch umso mehr. Vorher wurden Bayerns Fehler stets knallhart bestraft. In Italien gewannen sogar die Römer Vereine Meisterschaften, in Spanien Valencia. Das war auch eine Zeit, wo nicht jeder gute Spieler spätestens mit 21 bei einem Topverein war. David Villa wechselte erst mit 29 nach Barcelona und es war dem Fußball nicht abträglich.

Zugegeben, die ganz großen Schwergewichtskämpfe werden dann zwangsläufig abnehmen, weil die Bayerns der Welt mit weniger Geld zwangsläufig einen schwächeren Kader haben werden. Und das akzeptiere ich.
Wir reden hier ja nicht vom Einführen des sportlichen Kommunismus, wo Vereine mit guten Leistungen keinen Wettbewerbsvorteil haben werden. Er wird weiter bestehen – nur eben abgeschwächt. Dafür bekommen wir aber wieder stärkere Ligen, eine respektable Europa League.

Das Problem ist das Erreichen dieser Utopie. Hierfür müssten alle Entscheidungsträger an einem Strang ziehen. UEFA, FIFA und vor allem die verschiedenen Parlamente und Regierungen. Möglich wäre es definitiv, da unterschätzt manch einer die legislative Macht eines Parlaments, aber es müssten wirklich alle dabei sein und das ist wahrlich nur schwer vorstellbar. 

Aber wir drehen uns hier schlussendlich im Kreis: Die Alternative wäre die unumkehrbare Akzeptanz der Diktatur der superreichen Vereine und das möchte ich nicht.

Georg: Für mich bleiben Diskussionen rund um Enteignen oder Zurückdrehen der Zeit rein akademisch. Theoretisch möglich, natürlich, aber praktisch nicht vorstellbar. Dafür haben zu wenige der beteiligten Institutionen (Vereine, Verbände, Medien) ein Interesse daran.

Ich bleibe dabei: Für einen zukunftsfähigen Fußball braucht es eine Super League. 
Ich will einen Fußball, der auch meine Kinder erreicht. Ich brauche TikTok nicht, aber der Fußball braucht TikTok, wenn er die nächste Generation erreichen will. So wie der Fußball sich für unsere Generation mit Pay-TV, Champions League und Blogs veränderte, so wird er sich für die nächste Generation nochmal verändern müssen. 

Ich will einen Fußball, der für alle Menschen da ist. Gehört der FC Bayern nur dem Fan aus Rosenheim, der im Auswärtsblock in Stuttgart mitsingt, oder gehört er auch jener Anhängerin aus Phnom Penh, die in erster Linie online mitfiebert? 

Ich will einen Fußball, in dem Frankfurt, Köln, Bilbao und Atalanta in ihren Ligen Meister werden können. Ich will einen Fußball, in dem der Tabellenletzte öfter als einmal alle 100 Spiele gegen den Tabellenersten gewinnen kann. 

Die jüngst geplante Super League als private VIP-Champions-League parallel zu den nationalen Ligen hätte das nicht erfüllt. Die lehne ich ab. Aber eine echte Super League, die Superklubs dauerhaft oder temporär aus den nationalen Ligen entfernt, die könnte das schaffen. Es wäre weiß Gott keine perfekte Lösung. Aber es ist die einzige, die ich bisher sehe. 

Daniel: Der Fußball nutzt die Neuen Medien natürlich grotesk schlecht, darüber brauchen wir gar nicht zu sprechen. Aber die Bundesliga auf Twitter und TikTok geht auch ohne Super League. Und um die Jugend verstärkt zu erreichen, braucht man Wettbewerb. Wettbewerb für den man, wie ich versucht habe herauszustellen, keine Super League braucht. Für den Rest gilt wohl oder übel: Agree to disagree.

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