VfL Wolfsburg – FC Bayern München 1:3 (0:3)

Steffen Trenner 27.10.2015

Am Ende wurde es zumindest in der ersten Hälfte eine Demonstration der momentanen Münchner Stärke. Ein ungefährdeter 3:1-Sieg am Dienstag-Abend bringt Bayern in die nächste Runde und damit auch ein Stück näher nach Berlin.

Falls ihr es verpasst habt:

Bayern-Coach Pep Guardiola wechselte wie erwartet im Vergleich zum Köln-Spiel auf mehreren Positionen durch. Xabi Alonso, Thiago und Martínez kehrten für das K.o.-Spiel in die Mannschaft zurück. Etwas überraschend blieb Coman statt Robben in der Startelf. Auch Vidal begann zunächst nur auf der Bank. Die Gastgeber mussten durch den kurzfristigen Ausfall des konterstarken Kruse improvisieren. Caligiuri, Draxler und Vierinha begannen als unterstützende Offensivspieler hinter Dost.

VfL Wolfsburg vs. FC Bayern

Die Münchner zwangen die Wolfsburger durch die inzwischen stilprägenden weiten Bälle von Boateng schon früh tief in die eigene Hälfte. Schon nach vier Minuten hatten die ganz in Rot gekleideten Gäste die erste klare Torchance, als Müller nach einer Ablage von Lewandowski aus kurzer Distanz an Benaglio scheiterte (4.). Wolfsburg war zunächst sichtlich bemüht sicher zu stehen und vermied jegliches Risiko im Umschaltspiel. Die Münchner präsentierten sich dagegen extrem bissig im Pressing und eroberten viele Bälle sehr schnell zurück. Eine tolle Einzelleistung von Douglas Costa brachte dann das 1:0. Der Brasilianer zog in der 13. Minute mit Tempo nach innen und hämmerte den Ball aus rund 22 Metern in den Winkel.

Auch danach agierten die Münchner mit sehr viel Schwung und Tempo. Passive Wolfsburger hatten nun kaum eine Chance durchzuatmen. Träsch konnte in der 17. Minute noch knapp vor Lewandowski retten. Nur zwei Minuten später war es dann aber soweit. Coman überwand durch ein sehenswertes Solo die Wolfsburger Abwehr, Douglas Costas abgewehrter Schuss landete über Alaba bei Müller, der aus kurzer Distanz ins lange Eck einschob (19.).

Mit der Führung im Rücken nahmen die Münchner ein wenig Tempo heraus und ließen den Ball etwas länger zirkulieren. Gefährlich blieb trotzdem nur eine Mannschaft. Alaba flankte nach einem tollen Lauf von der Grundlinie in den Rücken der Wölfe-Abwehr und fand den völlig freistehenden Müller, der mit einer sehenswerten Direktabnahme zum vorentscheidenden 3:0 traf (34.). Bis zur Pause hätten Thiago (38.) und erneut Müller (41.) sogar noch weiter erhöhen können.

Im Prinzip war das Spiel zur Pause entschieden. Nach dem Seitenwechsel ging es mehr um Ergebnisverwaltung was an einer etwas tieferen Positionierung der Gäste abzulesen war. Bayern blieb trotzdem bis zur 70. Minute die bessere Mannschaft ohne die ganz großen Torchancen nachzulegen. Erst in der Schlussphase kam Wolfsburg stärker ins Spiel und hätte durch Caliguiri den Anschlusstreffer erzielen müssen. Weil Neuer parierte blieb es bis zur Nachspielzeit ruhig. Dann gelang dem eingewechselten André Schürrle nach Vorlage von Arnold doch noch Ergebniskosmetik (90+1).

Der 3:1-Erfolg war hochverdient. Einzig einige Nachlässigkeiten in der Schlussphase trübten das ansonsten strahlende Bild etwas. Der FC Bayern präsentierte sich eine Woche nach dem Dämpfer in der Champions League gegen den FC Arsenal in toller Form und zieht ins Achtelfinale des DFB-Pokals ein.

3 Dinge, die auffielen:

1. Eine Halbzeit nahe der Perfektion

Die ersten 45 Minuten waren die vielleicht vollkommenste und beste Halbzeit des FC Bayern unter Pep Guardiola. Gewiss hat der Rekordmeister in den vergangenen Monaten Rekorde und Superlative en masse produziert. Die Leistungsexplosion beim 6:1 gegen Porto in der Champions League. Ein 8:0 gegen den HSV. Der Fünferpack von Lewandowski vor wenigen Wochen und vieles weitere mehr. Und doch verschoben die Münchner die Grenze des Leistungsvermögens am Dienstag-Abend in den ersten 45 Minuten noch einmal ein Stückchen weiter in Richtung Perfektion. Mit einer unheimlichen Aggressivität und Konsequenz drückte die Guardiola-Elf den Hausherren von der ersten Minute an ihr Spiel auf. Bayern verlor keine Zeit mit umständlichen Ballzirkulationen, sondern war darauf bedacht die Balance zwischen schnellem Spiel in die Spitze und sichernden, aber nie verschleppenden Kombinationen auszutarieren. Es war eine Augenweide.

Manch einer mag sich gefragt haben, ob der Verzicht auf Vidal gegen ein nominell konterstarkes Team wie Wolfsburg zu riskant sein könnte. Doch auch ohne Vidal kam Wolfsburg nicht zur Entfaltung. Weil Coman, Costa und Lewandowski den Ball nach Ballverlust unerbittlich jagten. Weil Alaba immer wieder unterstützend das Zentrum verdichtete und Boateng weit vorgerückt verteidigte. Wolfsburg wirkte überrascht von Bayerns Wucht im Gegenpressing und zog sich beinahe verunsichert zurück.

Im Offensivspiel präsentierten sich die Münchner variabel und sprühten vor Spielwitz. Boatengs lange Bälle auf den an der Grenze zum Abseits lauernden Müller waren stets gefährlich. Thiago wirkte spielfreudiger als zuletzt und fand zu jeder Zeit gute Lösungen, während Costa und Coman auf den Flügeln immer wieder das Tempo erhöhten. Die Qualität von Bayerns Offensivspiel lässt sich häufig daran ablesen auf welch unterschiedliche Weisen Torchancen entstehen. In der ersten Hälfte gegen Wolfsburg war alles dabei. Fernschüsse, Flanken, Schnittstellenpässe, Dribblings, Flügelwechsel. Es war dominant und effektiv zugleich. Wolfsburg ergab sich spätestens ab der 15. Minute seinem Schicksal und betrieb mit einer zunehmend biederen Herangehensweise mehr oder weniger Schadensbegrenzung.

Der einzige Wermutstropfen der starken Leistung? Es war die zweite Runde des Pokals. Das Finale findet im Mai 2016 statt. Es ist noch ein langer Weg bis nach Berlin.

2. Alaba glänzt in fast vergessener Rolle

Es ist eigentlich unglaublich, dass David Alaba im europäischen Fußball immer noch ein wenig unter dem Radar fliegt. Alaba hat es mit 23 Jahren geschafft auf mindestens drei Positionen absolute Weltklasse darzustellen. Er hat in den vergangenen Wochen wie selbstverständlich die Rolle des angreifenden Halbverteidigers erfunden oder zumindest revolutioniert. Gegen Wolfsburg durfte er wieder auf seiner ehemals angestammten Position als linker Verteidiger in der Viererkette ran. Es wirkte als ob Alaba nach Wochen in defensiverer Ausrichtung von der Leine gelassen wurde. Unermüdlich marschierte er den linken Flügel herunter, trieb Coman immer wieder an, verteidigte hoch und leitete viele gefährliche Situationen am Strafraum ein.

Es war spannend den Österreicher mal wieder auf dieser Position zu sehen, weil auch deutlich wurde, wie stark er sein Spiel im letzten Jahr weiterentwickelt hat. Alaba ist längst nicht mehr nur der dynamische Flügelläufer, der durch Tempo und Wucht Durchbrüche provoziert. Alaba ist ein kompletter Fußballer geworden, der am Strafraum den Kopf hochnimmt und immer häufiger den richtigen, statt den naheliegenden Pass spielt. Alaba bereitete zwei der drei Treffer direkt vor und hatte maßgeblichen Anteil an der starken ersten Hälfte der Münchner. Vor allem Coman profitierte vom Zusammenspiel mit dem Linksfuß, weil er anders als Bernat, Lahm oder Rafinha als Partner immer wieder aktiv bis zur Grundlinie vorstieß und damit die rechte Abwehrseite der Wolfsburger auseinanderzog. Träsch und später Vierinha hatten große Probleme frühzeitig Zugriff auf die beiden offensiv ausgerichteten Spieler auf dem linken Flügel zu finden. Über ihre Seite wurde der Großteil der Angriffe vorgetragen.

David Alaba unterstrich jedenfalls erneut, dass er zu den absoluten Leistungsträgern beim FC Bayern zählt. Er sollte bei der Diskussion um die besten Spieler Europas längst häufiger genannt werden. Und das sicher nicht nur wegen seiner Leistung gegen Wolfsburg am Dienstag-Abend.

3. Die Rotation zahlt sich aus

Pep Guardiola rotiert in dieser Saisonphase sehr konsequent und mit Bedacht. Es ist ein großer Vorteil des breiten Kaders, dass der Coach trotz einiger Verletzungen immer wieder neue Reize setzen kann. Xabi Alonso, aber auch dem zuletzt manchmal überspielt wirkendem Thiago, tun die Schaffenspausen wie am Wochenende gegen Köln sichtlich gut. Guardiola hält seine Ankündigung ein, dass der erfahrene Alonso in englischen Wochen höchstens zwei der drei Spiele von Beginn an absolviert. Bisher sind keine Abnutzungserscheinungen in seinem Spiel zu erkennen. Er wirkte auch gegen Wolfsburg physisch präsent und spielerisch handlungsschnell und leistete so seinen Beitrag zum Einzug in die nächste Runde. Dass Guardiola gegen Wolfsburg offensiv (Robben) wie defensiv (Vidal) auf hohem Niveau nachlegen konnte, unterstreicht den exzellent austarierten Kader.

Es gab in den vergangenen Wochen Stimmen, die in der Rückkehr von Arjen Robben und vielleicht demnächst auch Franck Ribéry ein Problem für den FC Bayern sahen. Zu viele Spieler sorgen für schlechte Stimmung – so die Theorie. In Wahrheit ist es eher andersherum. Wenn der FC Bayern in dieser Saison in allen Wettbewerben das hohe Niveau des Saisonstarts aufrecht erhalten will, braucht er viele hochklassige Spieler und einen Trainer, der bereits ist die ganze Breite des Kaders zu nutzen. Im Moment hat der FC Bayern beides – und profitiert davon.

VFL WOLFSBURG – FC BAYERN 1:3 (0:3)
VfL Wolfsburg Benaglio – Träsch (26. Arnold), Naldo, Dante, Rodriguez – Luiz Gustavo, Guilavogui – Vieirinha (71. Jung), Draxler (63. Schürrle), Caligiuri – Dost
FC Bayern Neuer – Lahm, Martinez, Boateng, Alaba – Alonso (71. Vidal) – Müller (79. Rafinha), Costa, Thiago, Coman (67. Robben) – Lewandowski
Bank Ulreich, Benatia, Kirchhoff, Kimmich
Tore 0:1 Costa (15.), 0:2 Müller (20.), 0:3 Müller (34.), Schürrle (90.)
Karten Naldo, Dante / Coman, Alonso
Schiedsrichterin Knut Kircher (Rottenburg)
Zuschauer 30.000 (ausverkauft)

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