Der FC Bayern startet mit offenen Baustellen in die Saison

Georg Trenner 08.08.2023

Veränderungen im Bayernkader

In der Sommerpause hat sich der FC Bayern mit Raphaël Guerreiro, Konrad Laimer und Kim Min-Jae verstärkt. Die ersten beiden kamen ablösefrei. Für Kim bezahlte der FC Bayern 50 Millionen Euro an die SSC Neapel. Weitere Neuzugänge sind geplant. 

Malik Tillman, Gabriel Vidović und Alexander Nübel kehrten von ihren Leihen zurück, wobei Nübel an den VfB Stuttgart weiterverliehen wurde. Tillman und Vidović könnten den Verein ebenfalls wieder verlassen.

Bereits verlassen haben den FC Bayern Yann Sommer, Sadio Mané, Lucas Hernández, Marcel Sabitzer, Daley Blind, João Cancelo für insgesamt über 100 Millionen Euro.

Erkenntnisse aus den Testspielen

Insgesamt absolvierte der FC Bayern fünf Spiele, vier davon gegen Profiteams. Wie bereits in der Champions League war Manchester City erneut eine Nummer zu stark. Der Champions-League-Sieger fügte dem FC Bayern die einzige Niederlage in der Vorbereitung zu. Gegen die Amateure von Rottach-Egern sowie den FC Liverpool, Kawasaki Frontale und AS Monaco siegte der FC Bayern. 

Die Spielweise des FC Bayern wies erwartbare Parallelen zum ersten Halbjahr 2023 auf: gefälliges Offensivspiel, vergebene Chancen und defensiv ab und an Unsicherheiten. 

Während man mit Bewertungen der Form einzelner Spieler zurückhaltend sein sollte, sind Rückschlüsse auf Pläne des Trainers klarer sichtbar. 

Formation: Viererkette soll Sicherheit bringen

Tuchel schickte sein Team nominell im 4-2-3-1 Standardsystem auf den Rasen. Die Abwehrkette bildete in allen fünf Spielen eine Viererkette. Situativ wird diese natürlich immer wieder zur Dreierkette, wenn zum Beispiel Davies nach vorne schiebt oder Mazraoui einrückt, aber die Viererkette ist die Basis. 

Vor der Viererkette setzte Tuchel auf eine Doppelsechs und Musiala auf der Zehn. Tel und Gnabry wechselten sich im Sturmzentrum und auf dem Flügel ab, während Sané oder Coman den anderen Flügel besetzten.  

Personal: Konstanz soll zu Eingespieltheit führen

Tuchel setzte früh auf Konstanz und etablierte Anfangsformationen. Statt bunt durchmischen setzte er in der ersten Halbzeit stets auf elf Spieler, die zum engeren Kandidatenkreis für die Startelf gehören. Spieler aus der zweiten Reihe wie Bouna Sarr, Amateure und Jugendspieler wie Arijon Ibrahimović und Frans Krätzig kamen erst in der zweiten Halbzeit zum Einsatz, wenn Tuchel kräftig durchwechselte. 

Tuchel erklärte, dass ihm wichtig sei, dass die designierten Stammspieler sich einspielen können. Fünf Spieler standen in allen Spielen in der Startelf, weitere vier immerhin viermal. Diese Entscheidungen von Tuchel dürften mehr als ein Fingerzeig über seine aktuellen Pläne sein. 

Alphonso Davies, Benjamin Pavard, Konrad Laimer, Serge Gnabry und Jamal Musiala standen in allen fünf Spielen in der Startelf; Noussair Mazraoui, Joshua Kimmich, Leroy Sané und Mathys Tel viermal. 

Bei Davies, Pavard, Kimmich und Musiala überrascht das Vertrauen Tuchels nicht. Dass der Trainer so konsequent auf Laimer, Gnabry, Sané, Tel und Mazraoui setzte, ist hingegen eine kleine Überraschung, wenngleich teilweise erklärbar durch ausstehende Transfers und Verletzungen einiger Konkurrenten. Sie alle nutzten das Vertrauen des Trainers und drängen sich für weitere Startelfeinsätze auf.

Entsprechend gehören jene Spieler, auf die Tuchel seltener setzte, zu den potentiellen Verlierern der Vorbereitung. Leon Goretzka und Kingsley Coman kamen etwa nur einen und zwei Startelfeinsätze. Thomas Müller und Eric Maxim Choupo-Moting verpassten fast die komplette Vorbereitung. Auch Matthijs de Ligt war lange angeschlagen und stand nicht einmal in der Startelf. Ryan Gravenberch scheint im Mittelfeld derzeit klar hinter Kimmich, Laimer und Goretzka zu stehen. 

Von den Nachwuchsspielern konnte sich vor allem Frans Krätzig in Szene setzen. Der 20-jährige Linksverteidiger spielte auffällig und wurde gegen Liverpool sogar zum Man of the Match gewählt. Er könnte auch perspektivisch davon profitieren, dass es auf der Position des Linksverteidigers nach den Abgängen von Hernández, Blind und Cancelo eine Vakanz hinter Alphonso Davies gibt, solange der Neuzugang Guerreiro ausfällt – oder falls Tuchel mit dem Portugiesen im Mittelfeld plant. Die offensiven Talente wie Wanner und Ibrahimovic haben es schwerer, im Mittelfeld und im Angriff ist der Kader voller. 

Stammelf: Laimer und Tel mit guten Chancen

Basierend auf den Einsätzen in der Vorbereitung zeichnen sich aktuell klare Tendenzen für die Startelf ab. Im Tor ist Sven Ulreich solange gesetzt, bis ein neuer Torhüter verpflichtet wird oder bis Manuel Neuer wieder fit wird. Davies, Pavard, Kimmich, Laimer, Musiala und Gnabry sollten nach der Vorbereitung ebenfalls gesetzt sein, wenn sie fit sind.

Acht Spieler haben realistische Chancen auf die weiteren vier Plätze:

Duell um zwei Plätze in der Abwehr: Vier Kandidaten kommen für die beiden Innenverteidigerplätze in Frage. De Ligt scheint noch nicht ganz fit und in Form zu sein. Möglich, dass er mindestens im Supercup noch auf der Bank Platz nehmen muss. Pavard ist gesetzt, aber es ist unklar, auf welcher Position er zum Einsatz kommt. Vier von fünf Spielen bestritt er in der Innenverteidigung, eins als Rechtsverteidiger. Spielt er in der Innenverteidigung, rutscht Mazraoui ins Team. Kim hat in den letzten drei Tests von Beginn an gespielt und gute Ansätze gezeigt, aber auch noch ein paar Unsicherheiten. Es ist denkbar, dass Tuchel ihm noch Zeit gibt. Upamecano scheint ein bisschen an Boden zu verlieren, könnte aber paradoxerweise davon profitieren, dass de Ligt und Kim noch Zeit bekommen. Seine Ausgangslage war vor der Saison 2022/23 ähnlich, am Ende kam er auf 43 Einsätze. 

Duell um zwei Plätze in der Offensive: Coman, Tel und Sané kämpfen um zwei Startplätze in der Offensive neben Musiala und Gnabry. Insbesondere Gnabrys Abschlussstärke wird gebraucht, solange kein Stürmer verpflichtet wurde. Tel und Sané hinterließen in der Vorbereitung einen besseren Eindruck und sammelten mehr Torbeteiligungen als Coman. Es wäre keine Überraschung, stünde der 18-jährige Tel im Supercup in der Startelf. 

Thomas Müller und der designierte Stürmer-Neuzugang werden hier perspektivisch die Lose in der Offensive neu verteilen. 

Prognose für die Startelf im Supercup: Ulreich – Mazraoui, Pavard, de Ligt, Davies – Kimmich, Laimer – Sané, Musiala, Gnabry – Tel. 

Geschlossene Baustellen beim FC Bayern

Innenverteidigung: Das “Monster” Kim Minjae ersetzt Lucas Hernández eins zu eins. Zwar verliert der FC Bayern einen Linksfüßler, aber er gewinnt einen Spieler, der in den letzten Jahren fast nie verletzt war. Das Quartett aus Kim, de Ligt, Upamecano und Pavard dürfte eines der stärksten Abwehrverbünde in Europa sein. Mit de Ligt als 23-jährigem “Junior” der Gruppe und Pavard als 27-jährigem Senior ist der FC Bayern auch perspektivisch sehr gut aufgestellt. Selbst wenn Pavard den Verein noch verlassen sollte, entsteht kein Engpass. Stanišić und der potentielle Neuzugang Walker könnten hinter dem dann verbleibenden Trio aushelfen.

Sadio Mané: Mané-Abgang. unzufrieden in vielerlei Hinsicht. Auch wenn man den Eindruck nicht verwehren kann, Mané wurde phasenweise als Sündenbock genauso unverhältnismäßig kritisiert wie er vor einem Jahr übertrieben gefeiert wurde. Der Transfer nach Saudi-Arabien schließt das in Summe unglückliche Kapitel Mané beim FC Bayern. 

Sportliche Führung: Bisher sind die Ergebnisse der Interims-Transfer-Task-Force des FC Bayern überschaubar. Wäre der Club auf seiner Suche nach einem Torhüter, einem Sechser und einem Stürmer mit Ex-Sportvorstand Hasan Salihamidžić vielleicht schon weiter? Auch wenn mit weiteren Transfers zu rechnen ist, macht die Transferphase deutlich, dass ein Verantwortlicher für die sportliche Leitung gebraucht wird. Christoph Freund wird zum 1. September beim FC Bayern als Sportdirektor beginnen und das Vakuum füllen.

Offene Baustellen im Kader des FC Bayern

Vier klassische Positionsgruppen gibt es im Fußball: Tor – Abwehr – Mittelfeld – Angriff. In allen vier Bereichen hat der FC Bayern noch kleinere oder größere Baustellen.  

Tor: Sommer und Nübel haben den Verein verlassen. Bei Manuel Neuer ist noch nicht klar, wann er wieder fit geschweige denn in Form sein wird. Sind es Wochen oder Monate, bevor der Kapitän wieder eingreifen kann? Oder muss man das Undenkbare denken und die Zeit nach Neuer planen?

Es ist davon auszugehen, dass der FC Bayern noch auf dem Transfermarkt aktiv wird und einen weiteren erfahrenen Torhüter verpflichtet. Dass Sommer und Nübel abgegeben wurden, bevor jemand verpflichtet wurde, ist mit Risiken verbunden, aber nachvollziehbar. Der Genesungsverlauf von Neuer spielt eine große Rolle, sowohl für den FC Bayern als auch für potentielle Neuzugänge. Mit jedem Tag Abwarten verliert der neue Schlussmann zwar Zeit zum Einspielen, aber der FC Bayern gewinnt Klarheit über Neuers Gesundheitszustand und kann dadurch eine “bessere” Entscheidung treffen – eine Entscheidung darüber, welches ob der neue Schlussmann ein Vertreter oder Nachfolger werden wird.

Rechtsverteidigung: Zählt man Pavard dazu, ist der FC Bayern mit ihm, Mazrouai sowie Sarr und Stanišić für die Kadertiefe gut aufgestellt. Wenn alle bleiben. Pavard, dessen Vertrag 2024 ausläuft, und Mazraoui liebäugelten beide mit einem Wechsel. Kyle Walker könnte als neuer Rechtsverteidiger in die Bresche springen. Ob er dabei Henne oder Ei ist, sei dahingestellt. Der FC Bayern kommentierte offensiv, an dem Rechtsverteidiger interessiert zu sein. 

Sechser und überladenes Mittelfeld: Quantitativ ist das Mittelfeld voll. Für die zwei Positionen im Zentrum stehen Kimmich, Laimer, Goretzka, Gravenberch und Guerreiro zur Verfügung. Dazu können mit Abstrichen Musiala, Sané oder Müller als offensive Variante eines Achters dazu gezählt werden. Tuchel spielte bereits im Frühjahr vereinzelt mit dem Trio Musiala, Kimmich und Müller im Zentrum. Trotz der Kaderfülle machte Tuchel während der Vorbereitung deutlich, dass ihm eine bestimmte Rolle im Kader fehlt: “Wir haben keinen richtigen defensiven Sechser, der sehr defensiv denkt, der darauf achtet, dass da hinten nichts passiert, dem es mehr um den Schutz der eigenen Defensive geht”, wird Tuchel von Spox zitiert. Ob noch ein Sechser mit dem gesuchten Profil kommt, ist derzeit offen. 

Stürmer: Kane, or not Kane, das ist die Frage, die seit Wochen alles rund um den FC Bayern überschattet. Wasserstandsmeldungen hin und B-Pläne her, der Königs-Transfer ist in der Schwebe. Es ist die offensichtliche 100-Millonen-Euro-Großbaustelle. Klar scheint, dass der FC Bayern auf dieser Position tätig wird. Harry Kane ist die dezidierte Wunschlösung. 

Trotz Baustellen noch kein Grund zur Sorge

Der neue CEO Jan-Christian Dreesen wies zurecht darauf hin, dass das Transferfenster bis Ende August geöffnet sei.  Viele Transfers werden erst im Laufe des Augusts vollzogen, viele Transfers hängen miteinander zusammen wie fallende Dominosteine.

Auch bei der internationalen Konkurrenz ist die Kaderplanung längst nicht abgeschlossen. Real Madrid hat noch keinen Nachfolger für Benzema. Paris hat Messi abgegeben, Mbappé und Neymar wollen auch weg, die Suche nach den Nachfolgern läuft. Juventus und Chelsea verhandeln über Vlahovic und Lukaku. Der FC Barcelona würde aber am liebsten noch die halbe Welt kaufen.

Am 19. September startet die Gruppenphase in der Champions League. Dann muss das Team stehen. Bis dahin sind der Supercup und vier Ligaspiele Zeit, die Baustellen zu schließen. Intern oder extern. Mit Plan A oder Plan B.