FC Bayern München: 4:2 gegen den BVB! Heilsbringer Thomas Tuchel?

Justin Trenner 01.04.2023

Falls Ihr es verpasst habt:

Die Aufstellung

Thomas Tuchel hat das gemacht, was viele Trainer tun, wenn sie einen Klub mitten in der Saison übernehmen: Back to basics. Und so stellte er auf ein flexibles Viererkettensystem um. Benjamin Pavard kehrte zurück auf die rechte Defensivseite, vor Kimmich agierten Coman, Goretzka, Müller und Sané. Choupo-Moting durfte wie gehabt im Sturmzentrum ran.

1. Halbzeit: Alles wie immer beim FC Bayern und Borussia Dortmund

Die Partie begann aus Sicht des FC Bayern etwas verhalten. Gegen den Ball lief Müller zusammen mit Choupo-Moting zwar aggressiv an und auch die beiden Flügelspieler schoben mal raus, doch alles in allem legte Tuchel zunächst Wert auf ein kompaktes Zentrum im Mittelfeld.

In Ballbesitz bemühten sich die Münchner um einen strukturierten und ruhigen Aufbau. Dortmund ließ hier und da mal aufblitzen, dass sie sich viel vorgenommen hatten, blieb zunächst aber ohne guten Abschluss. Gerade als sich beide Teams so ein wenig zu neutralisieren schienen, kullerte der Ball erstmals ins Tor von Borussia Dortmund. Und mehr BVB in München ging eigentlich gar nicht. Upamecano wollte Sané in die Tiefe schicken, doch Kobel stürmte überhastet aus dem Tor und schlug über den Ball, statt im Strafraum zu warten und ihn aufzunehmen. Plötzlich stand es 1:0 für die Bayern und keiner wusste so richtig, wie es dazu kommen konnte (13.). Der Treffer wurde von der DFL als Eigentor gewertet.

Fortan waren die Münchner das druckvollere Team. Ein guter Umschaltmoment führte zu einem gefährlichen Abschluss von Goretzka (17.), der wiederum in eine Ecke mündete. Diese schlug Kimmich auf den Kopf von de Ligt. Der Niederländer verlängerte auf Müller und es stand 2:0 für die Bayern (18.). Und wer die Auftritte von Borussia Dortmund in der Allianz Arena kennt, der weiß, dass auch ein drittes Gegentor häufig nicht lang auf sich warten lässt. Bayern eroberte die Kugel auf dem rechten Flügel, Sané schloss aus der Distanz ab und Kobel sah abermals nicht gut aus, weil er den Ball nach vorn abklatschen ließ. Müller vollendete auch deshalb, weil Can nicht mit ihm durchlief (23.).

3:0 nach rund einem Viertel des Spiels – die Einen haben es kommen sehen, die Anderen waren diesmal der festen Überzeugung, dass der BVB es länger offen halten würde. Nach dieser verrückten Spielphase kehrte wieder mehr Ruhe ein. Erst kurz vor der Pause war es Coman, der frei durch war, das 4:0 aber nur deshalb verpasste, weil er im Rasen hängen blieb. Dann ging es in die Kabinen.

2. Halbzeit: FC Bayern macht früh den Deckel drauf

Auch der zweite Durchgang verlief so, wie es sich der FC Bayern gewünscht hatte. Ein Aufbäumen des BVB blieb aus. Stattdessen machten die Münchner wieder Druck. In der 51. Minute war es ein Weltklasse-Pass von Sané, der Coman das 4:0 ermöglichte.

Bayern verdiente sich den Sieg anschließend auch in der Höhe, ließ die eine oder andere gute Möglichkeit liegen. Auch mit dem Ball wurde es mit der hohen Führung im Rücken etwas geduldiger und ruhiger, Dortmund zog sich zurück.

Umso unnötiger war das Foul des zuvor eingewechselten Gnabrys, der Bellingham im Strafraum legte und so einen Elfmeter verursachte. Can verwandelte sicher (72.). Der Aufwind blieb aber nur kurz. Bayern bekam schnell wieder Ruhe ins Spiel. Und doch konnte das Team von Tuchel nicht verhindern, dass die Schlussphase zu passiv lief – und Dortmund doch noch zum zweiten Tor kam. Malen traf kurz vor Schluss zum 2:4 aus BVB-Sicht (89.). Kurz darauf wurde die Partie abgepfiffen.

Dinge, die auffielen:

1. Was hat Thomas Tuchel verändert?

Die große Frage vor dem Spiel war: Was wird Thomas Tuchel verändern? Am präsentesten war die Umstellung auf ein Viererkettensystem. Mit dem Ball war es meist ein 4-1-4-1. Kimmich nahm die Rolle des tuchel’schen Ankersechsers ein und blieb dabei sehr diszipliniert. Vor ihm war es dynamischer und flexibler. Müller tauschte hin und wieder mit Sané die Positionen, Goretzka variierte ebenfalls bei der Positionierung, zog damit auch immer wieder Can aus seiner Position.

Taktisch veränderte Tuchel aber auch über Zahlenspielerei hinaus so einiges. Kimmichs recht disziplinierte Rolle auf der Sechs ist ein wichtiges Detail. Darüber hinaus stand vor allem die Offensivreihe wieder etwas breiter als noch unter Nagelsmann. Beim Spiel mit dem Ball versuchte Tuchel zudem, die Abläufe zunächst möglichst simpel zu halten. Immer wenn die Bayern hektisch in die Spitze spielten, stand der Trainer bereits an der Seitenlinie, um ihnen klarzumachen, dass diese Hektik vor allem bei Führung nicht notwendig ist.

In der ersten Halbzeit hatten die Münchner phasenweise sehr wenig Ballbesitz. Am Ende der ersten 45 Minuten waren es 47 Prozent. Das lag einerseits daran, dass das Pressing etwas tiefer war als in den Vorwochen. Bayern lief meist im 4-4-2 an, machte aber nur mit Müller und Choupo-Moting Druck auf den Dortmunder Spielaufbau. Coman links und Sané rechts schoben erst dann mit nach vorn, wenn der BVB auf den jeweiligen Flügel eröffnete. So kam auch der Ballgewinn vor dem 3:0 zustande. Ansonsten überließ man Dortmund große Spielanteile – weitgehend aber in Spielfeldbereichen, die für den FC Bayern nicht weiter problematisch waren.

Trotzdem war Tuchel anzumerken, dass er gern noch häufiger den Ball in den eigenen Reihen gesehen hätte. Immer wieder signalisierte er seinen Spielern, dass sie nicht um jeden Preis das Tempo anziehen sollen. Immer wieder gestikulierte er mit den Händen so, als würde er auf eine Bremse drücken. „Es war ein bisschen zu offen das Spiel“, erklärte er anschließend bei Sky: „Wir wollen mehr Dominanz haben, mehr Dominanz in der gegnerischen Hälfte.“

Doch durch die abwartende Haltung gegen den Ball ließ er den BVB eben auch genau das tun, was ihm auf diesem Niveau nicht liegt: Spielgestaltung. „Wir sind in viele Konter gelaufen, ungewohnt“, zeigte sich auch BVB-Kapitän Marco Reus bei Sky überrascht. Man darf gespannt sein, wohin die taktische Reise des FC Bayern geht. „Der Fokus liegt auf Dominanz und Ballbesitz“, gab Tuchel bereits Einblicke in die Zukunft. Doch in diesem ersten Spiel zeigte sein Team auch noch andere Qualitäten. Das spricht für ihn.

2. Wie gut haben die Veränderungen von Thomas Tuchel funktioniert?

4 Tore, 2 Gegentore, drei Punkte und die Tabellenführung – die kurze Antwort ist also: Die Änderungen haben sehr gut funktioniert. Bayern fühlte sich sowohl mit der breiteren Ausrichtung als auch mit der etwas tieferen Herangehensweise gegen den Ball offenbar sehr wohl. Auch deshalb, weil beides nicht in Stein gemeißelt war, sondern es immer wieder Ausschläge in das andere Extrem gab. Beim Pressing also höheres Anlaufen und bei der Ausrichtung ein etwas kompakteres Positionsspiel.

Gerade das Flügelspiel war aber ein Schlüssel zum Erfolg. Coman und Sané waren ständige Aktivposten im Spiel nach vorn und verteidigten defensiv mit. In der zweiten Halbzeit, als Dortmund aufmachen musste, waren sie bei zahlreichen Kontern die treibende Kraft. Hinzu kam die sehr freie Rolle von Müller, der nicht nur wegen seiner Tore spielentscheidend war, sondern auch wegen seiner hohen Arbeitsrate. Müller tauchte offensiv wie defensiv in ganz unterschiedlichen Räumen auf und war für den BVB kaum zu greifen.

Arbeiten muss Tuchel dennoch an einigen Dingen, die auch in der Vergangenheit den einen oder anderen Punkt kosteten. Unnötige Hektik im Spiel nach vorn und noch mehr Kontrolle in allen Spielphasen beispielsweise. „Es war das ganze Spiel über zu schlampig“, kritisierte Tuchel die fehlende Präzision. Vieles war dann eben doch typisch für den FC Bayern in dieser Saison. Nach nur einer Woche und sehr wenigen Trainingseinheiten kann man dem Trainer dafür aber keinen Vorwurf machen. Der sah „viele gute Sachen, aber auch viel Luft nach oben“.

3. Der Tuchel-Effekt?

Ja und nein. Einerseits haben die Änderungen von Tuchel gut funktioniert, auf der anderen Seite war es ein typisches Heimspiel gegen den BVB, bei dem alles für die Münchner lief. Die Euphoriewelle, die sich nach diesem deutlichen Sieg aufzubauen droht, ist jetzt schon zu hoch. Dafür war das, was die Münchner gezeigt haben, noch längst nicht genug. Selbstredend war das auch nicht zu erwarten, doch man kann nicht ausblenden, dass der BVB es den Bayern durch schlimme Aussetzer sehr einfach gemacht hat und es durchaus Muster gab, die auch unter Nagelsmann immer wieder zu Leistungsschwankungen führten.

Zu oft ließ man den BVB trotz hoher Führung gewähren, zu wenig schaffte man es gerade in der Schlussphase, das Ergebnis dann auch mal zu halten und zu eng liest sich dieses Ergebnis am Ende trotz einer Überlegenheit über weite Strecken des Spiels. Der BVB wird abreisen und sagen: Ohne die beiden leichtfertigen Torwartfehler … – dabei war Bayern das auf allen Ebenen bessere Team. Und das eben auch zunehmend wieder über 90 Minuten zu zeigen, wird Tuchels große Aufgabe sein. „Wenn wir ruhig gespielt haben, wenn wir klar gespielt haben, haben wir hochkarätige Chancen gehabt“, analysierte er anschließend.

Bezeichnend dafür war auch die Reaktion von Tuchel auf den Führungstreffer. Kein Jubel, kein Lächeln, stattdessen die klare Geste: Ruhig bleiben. Auch der erfahrene Trainer weiß, dass die Aufgaben ab jetzt immer größer werden. Und dementsprechend sollte dieser Sieg auch nicht überbewertet werden. Er ist der wichtige und notwendige Auftakt für den Tuchel-FCB. Nicht mehr, nicht weniger. Angesichts der letzten Jahre könnte man auch etwas stammtischig sagen: Einen deutlichen Heimsieg gegen den BVB hätte nahezu jeder Trainer mit den Bayern einfahren können.

4. Ist die Meisterschaft jetzt durch?

Nein. Schon beim nächsten Auswärtsspiel in Freiburg muss der FC Bayern zeigen, dass er jetzt stabiler auftreten kann. Die englischen Wochen werden ihnen trotz breitem Kader einiges abverlangen, während der BVB in der Champions League schon ausgeschieden ist. Es sind nur zwei Punkte, die die beiden Klubs trennen. Zumindest in den kommenden Wochen bleibt es erstmal spannend. Viel wird auch davon abhängen, wie Dortmund auf die Schlappe reagiert. In den letzten Jahren ließen sie sich durch Niederlagen in München zu oft den Wind aus den Segeln nehmen. Trotzdem sollte die Frage nach der Meisterschaft mit der Geste des Abends von Thomas Tuchel beantwortet werden: Gemach, gemach!