Adventskalender: Unsere Wunschtransfers – Türchen 17

Maurice Trenner 17.12.2020

Diesen Artikel schrieb Jonas Austermann, der für die TZ und den Münchner Merkur über den FC Bayern berichtet.

Im Sommer 2012 nach der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine trug es sich zu: Der FC Bayern nahm Kontakt zum Berater von Gerrard auf. Das bestätigte der damals 32-Jährige in seiner Autobiografie „My Story“. Die Gespräche führten bekanntlich zu keinem Transfer, sie sind aber Anlass genug, um ein bisschen zu spinnen.

Situation beim Verein

Sommer 2012: Beim deutschen Rekordmeister ist in der spielfreien Zeit Wundenlecken angesagt. Trainer Jupp Heynckes und seine Mannschaft haben eine unvorstellbar bittere Saison hinter sich. In der Bundesliga landeten die Roten acht Punkte hinter Borussia Dortmund. Die Elf von Jürgen Klopp fügte den Münchnern im DFB-Pokal-Finale zudem eine 2:5-Pleite bei. Und dann folgte auch noch das Trauma des Finale dahoam in der Champions League – 3:4 im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea.

Der Klub liegt in Trümmern? Weit gefehlt! Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der im Urlaub auf Sylt weilt, und Heynckes telefonieren täglich. Es geht darum, wie an den entscheidenden Stellschrauben gedreht werden kann.

Im Vorjahr hatten die Bayern Keeper Manuel Neuer vom FC Schalke 04 geholt, dazu Innenverteidiger Jérôme Boateng von Manchester City und Rafinha als Ersatzmann für Rechtsverteidiger Philipp Lahm. In Heynckes’ 4-2-3-1-System hatten im zentralen Mittelfeld meist Bastian Schweinsteiger und Luiz Gustavo agiert, Letzterer allerdings nicht immer ganz überzeugend.

Situation beim Spieler

Gerrard hatte ebenfalls eine wenig zufriedenstellende Saison 2011/2012 hinter sich. Aufgrund von Leistenproblemen und einer entzündeten Wunde kam der Liverpool-Kapitän lediglich auf 18 Premier-League-Einsätze (zwölf Mal Startelf). In der Liga landete das Team von Coach Kenny Dalglish nur auf Rang acht, verpasste das internationale Geschäft um ganze zwölf Zähler. Im Sommer 2012 spielte Gerrard eine gute EM, schied als Kapitän mit den Three Lions aber schon im Viertelfinale nach Elfmeterschießen gegen Italien aus.

Der schussgewaltige Mittelfeldmann war mit 32 Jahren nicht mehr der wilde, unaufhaltsame Box-to-box-Spieler früherer Tage. Gerrard hatte entweder mit Lucas Leiva oder Charlie Adam oft einen kleineren, aber giftigen Nebenmann. Der Mann mit der Rückennummer 8 dirigierte das Liverpooler Spiel mittlerweile mit klugen Pässen und gefährlichen Standards.

Situation im hypothetischen Team

Gut möglich, dass bei erwähnten Telefonaten zwischen Rummenigge und Heynckes der Name Gerrard fiel, die Bayern suchten schließlich einen neuen Mittelfeld-Partner für Schweinsteiger. Gustavo hatte zwar einen feinen linken Fuß, leistete sich aber immer wieder Unkonzentriertheiten – wie etwa beim frühen 0:1 im Pokalfinale gegen den BVB. Auch Anatoliy Tymoshchuk genügte nicht höchsten Ansprüchen. Toni Kroos war damals eher auf der Zehn heimisch.

Das Bayern-Trikot hätte Steven Gerrard sicherlich auch so hervorragend gestanden wie später Xabi Alonso.
(Foto: Jan Kruger/Bongarts/Getty Images)

Gerrard hätte den Posten neben Schweinsteiger einnehmen können, ob er dem bayerischen Spiel eine neue Komponente gegeben hätte, bezweifle ich aber. Dafür waren sich Schweinsteiger und der alternde Gerrard zu ähnlich in ihrer Spielweise. Beide langten auch gerne in den Zweikämpfen hin, oberste Priorität hatte für sie aber, das Angriffsspiel der eigenen Mannschaften zu lenken und zu strukturieren.

Ausblick: Was wäre, wenn …

Der FC Bayern entschied sich im Sommer 2012 völlig richtig, verpflichtete den großgewachsenen und zweikampfstarken Javi Martínez für die damalige Rekord-Ablösesumme von 40 Millionen Euro aus Bilbao. Der Erfolg gab Heynckes mit seinem kostspieligen Transferwunsch Recht. Die Bayern erholten sich von der denkwürdigen Saison 2011/2012 – auch ohne Gerrard.

Mit einem herausragenden Martínez holten sich die Münchner im Finale gegen Dortmund die Champions-League-Krone. In der Bundesliga hängte der FCB den BVB mit 25 Punkten Vorsprung meilenweit ab, der Pokalsieg gegen Stuttgart komplettierte das erste Triple der Klub-Historie. Auch wenn Martínez’ Spielstil nicht mehr so recht zum Münchner Spiel der Gegenwart passt, ist er auch heute noch ein verlässlicher Abräumer – ab und zu auch in der Innenverteidigung – oder wichtiger Torschütze im UEFA-Supercup. Im kommenden Sommer ist aller Voraussicht nach Schluss, der Vertrag des Spaniers in München läuft aus. Ihn reizen „neue Ziele“.

Und Gerrard? Der fand nach seiner durchwachsenen Saison 2011/2012 beim FC Liverpool noch mal zu alter Stärke zurück und kam zu vielen Einsätzen. Tragisch war, wie er im April 2014 nahe der Mittellinie den Halt verlor und Chelseas Demba Ba einen einfachen Treffer ermöglichte. Liverpool verlor eine vorentscheidende Partie im Titelrennen, wurde am Ende nur Vizemeister.

Gerrard blieb unvollendet, weil ohne Meistertitel, aber eben auch ein „One-club-man“. Der Wechsel ins Fußballrentner-Paradies namens Major League Soccer (MLS) zu Los Angeles Galaxy im Jahr 2015 konnte an diesem Status nicht rütteln. Zwei Jahre später hängte Gerrard die Schuhe endgültig an den Nagel, erst wurde er Jugendtrainer in Liverpool, wechselte 2018 dann zu den Glasgow Rangers. Nach zwei Vizemeisterschaften schickt Coach Gerrard sich diese Saison an, die Titel-Serie von Stadtrivale Celtic nach neun Titeln zu beenden.

Und wenn es beim FC Liverpool um die Nachfolge von Klopp geht, fällt – wen wundert’s – immer wieder der Name Gerrard. Die beiden Trainer vereint übrigens schon jetzt, dass ihre Verträge 2024 auslaufen. Ein Schelm, wer …

Hinweis auf das nächste Türchen: Es war vielleicht DAS Transfergerücht der 90er. Früher ein Rivale, hätte er zusammen mit Lothar Matthäus die Liga womöglich kräftig durcheinander gewirbelt.

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