Personal und Schicksalsschläge: Der FC Bayern hat noch ein weiteres Problem
Drei Siege, vier Unentschieden – die letzten sieben Spiele sind in der Gesamtbetrachtung nicht nach dem Gusto des FC Bayern München.
Jedes Spiel erzählt dabei seine eigene Geschichte. Während die Remis in Augsburg und Stavanger ein Dorn im Auge sind, dürften Unentschieden gegen Arsenal und Dortmund für etwas weniger Ärger sorgen. Zumal die Situation gerade alles andere als einfach ist.
Beim Team läuft derzeit einiges unrund: Die Verletzungen nehmen kein Ende. Ismael Saibari und Serge Gnabry werden sich in die Liste der Ausfälle einreihen, vermutlich sogar länger fehlen. Bei Michael Olise bleibt nach seiner Auswechslung gegen den BVB nur die Hoffnung, dass es nicht so schlimm ist. Hinzu kommen Luis Díaz und Jamal Musiala – die Offensive geht auf dem Zahnfleisch.
Neben den Dingen, die während einer Saison immer mal passieren können, gibt es zudem Schicksalsschläge, die außergewöhnlich sind: Musialas Erkrankung, der Krankenhausaufenthalt von Vincent Kompany oder Joshua Kimmichs großer familiärer Verlust – für ein Team nicht einfach, das alles aufzufangen.
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Chancenwucher gegen den BVB: Der FC Bayern verpasst Vorentscheidung
Unter all den Umständen ist es sogar beeindruckend, wie gut die Bayern noch unterwegs sind. In der Bundesliga stehen sie auf dem ersten Platz, im Topspiel gegen den BVB sprach statistisch alles für sie – sogar sehr klar. Je nach Modell hatten die Münchner einen Expected-Goals-Wert (xG) von 3,5 bis 4,8 und ließen zwischen 0,5 und 1,3 xG zu.
Ob Harry Kane, Konrad Laimer oder Olise: Sie alle hatten die Chance, die Partie frühzeitig zu entscheiden. Dass sie es nicht taten, ist ein Problem, das nicht neu ist. Bei allen Unentschieden in dieser Saison war es nicht die generelle fußballerische Leistung, sondern vor allem die Chancenverwertung, die nicht gut war.
Man könnte es also berechtigterweise genau darauf herunterbrechen: Bayern trifft das Tor in dieser Saison nicht mehr so konstant wie noch in der letzten Saison. Trotz der Vielzahl an Toren, die das Team auch jetzt schon wieder erzielt hat. Allerdings lässt diese Perspektive einen weiteren Aspekt vermissen, der in dieser Saison fast noch gar nicht besprochen wurde: Das eigene Pressing hat stark abgebaut.
Das Pressing des FC Bayern schwächelt
Es gibt da eine sehr hilfreiche Statistik: Passes allowed per defensive action (PPDA). Übersetzt und erklärt: Wie viele Pässe darf ein Gegner innerhalb dessen ersten 60 Prozent des Spielfelds spielen, ehe eine Defensivaktion erfolgt. Bei Wyscout sind es 60 Prozent, bei understat beispielsweise 50 Prozent. Miasanrot nutzt hier die Daten von Wyscout.
In den ersten beiden Jahren pendelte der Durchschnittswert unter Kompany zwischen 9 und 10 PPDA. Im Weltfußball ist das ein Wert, der relativ niedrig ist. Der FC Barcelona ist unter Hansi Flick eines der aggressivsten Teams, das im Pressing am weitesten nach vorn schiebt. Mit 8,6 PPDA spiegelt sich das auch in dieser Statistik und ordnet gut ein, wo die Bayern in etwa stehen – oder standen?
Nimmt man den Durchschnitt der letzten zehn Pflichtspiele, steht der Rekordmeister „nur“ noch bei 11,7. Besonders hoch war der Wert gegen den FC Arsenal (über 18), als man vor allem in der ersten Halbzeit sehr tief verteidigte. Nur zweimal lag man unter 10. Gegen den BVB (9,26) und Viking (8,37). Statistisch lässt sich damit durchaus ablesen, was man mit bloßem Auge beobachten konnte: Der Druck auf den Ball ist derzeit nicht optimal.
Bayern ließ den BVB wieder ins Spiel
Dass die Bayern auch mal tiefer verteidigen müssen, ist natürlich nicht neu. In der vergangenen Saison gab es solche Situationen unter anderem gegen Chelsea, Paris oder auch den BVB. Kompany sprach dann häufig davon, dass Gegner sich dieses Privileg mit spielerischer Leistung verdienen würden. Ein vom Trainerteam ausgetüftelter Plan, den Gegner bewusst kommen zu lassen, steckte jedoch fast nie dahinter.
Vielleicht war das zumindest gegen Arsenal diesmal anders – wohl aber aus der Personalsituation und vielleicht ein Stück weit fehlendem Glauben an das eigene Pressing heraus. Denn genau diesen Eindruck vermittelt das Anlaufverhalten im Moment: Energie und Durchschlagskraft fehlen mindestens in Phasen des Spiels.
Gegen den BVB sind hier vor allem die Schlussphasen der beiden Halbzeiten zu nennen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatten die Bayern ihre stärkste Phase des Spiels – verbunden mit einem sehr niedrigen PPDA-Wert. Zufall?

Eher nicht. Neu ist die Problematik auch nicht. In besagten Spielen gegen Chelsea, PSG und Dortmund hatten die Bayern in Phasen der Spiele ebenfalls mit Kontrollverlusten zu kämpfen und interessanterweise korrelierten diese häufig mit längeren Abschnitten ohne Ballbesitz. Nochmal anhand der Grafik oben: Zwischen der 16. und der 30. Minute und zwischen der 76. und 90. Minute hatte Dortmund die größten Anteile am Spiel.

Auch das Matchmomentum von Fotmob unterstreicht das mehr oder weniger. Das Tor zum 1:1 war eher eine Anomalie aus einem individuellen Fehler heraus als eine klar absehbare Entwicklung. Sowohl das Abseits-/Foultor zum vermeintlichen 1:0 der Dortmunder als auch der späte Ausgleich zeichneten sich aber in der Spielentwicklung ab.
In beiden Phasen kamen die Bayern nicht gut ins Pressing, überließen dem Gegner viel Ballkontrolle und somit die Möglichkeit, dem Spiel den eigenen Stempel aufzudrücken.
Zu viele tiefe Verteidigungsphasen
Greift das Pressing vorn nicht, muss sich der FCB zurückziehen. Dazu gibt es keine Alternative. Wer in einer Fußballsimulation mit einem Spieler ständig den Sprintknopf durchdrückt, wird schnell an Ausdauer verlieren, das Verletzungsrisiko erhöht sich und die Spieler werden irgendwann langsam. Was im Videospiel vielleicht noch irgendwie auszugleichen ist, bedeutet in der Realität Kontrollverlust.
Bayerns Grundidee ist deshalb vereinfacht ausgedrückt: Viel Ballbesitz, schnelle Rückeroberung des Balls und möglichst früh mit Toren den Deckel draufmachen. In diesen Rhythmus kommen sie aktuell aber nicht. In der Schlussphase ließen die Münchner den BVB wieder ins Spiel, weil die Bälle nach Eroberung zu schnell wieder weg waren und das Pressing nicht nach Wunsch funktionierte.
Oft kommen die Münchner einen oder zwei Schritte zu spät. In der tiefen Formation fühlen sie sich dann oft nicht wohl. Gegen Arsenal kassierte man das zweite Gegentor, weil man tief zu passiv wurde. Auf dem rechten Flügel verpassten die Münchner den Zugriff, die Verlagerung konnte nicht verteidigt werden. Dann gab es ein Missverständnis zwischen Josip Stanišić und Alphonso Davies und schließlich das Tor von Declan Rice.
Gegen den BVB fiel der Ausgleich ebenfalls nach einer längeren Phase der fehlenden Ballkontrolle. Bayern bekam das Spiel nicht mehr beruhigt.
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Gefährliche Lage in der Champions League
Was also steht unter dem Strich? Das ist gar nicht so einfach. Die Problemanalyse kann unmöglich gänzlich von der Personalsituation entkoppelt werden. Die generelle Lage rund um den FC Bayern spielt fraglos eine Rolle. Gerade offensiv drückt der Schuh. Gegen Dortmund standen am Ende mehr Außenverteidiger als Angreifer auf dem Feld.
Das wird in den nächsten Spielen nicht besser. Dass der Rhythmus des Teams gestört ist, kann daher nicht überraschen. Gleichzeitig gibt es Indizien, dass gerade das hohe Pressing auch schon vorher ein Problem war. Schon in der Schlussphase der letzten Saison gab es erste Anzeichen.
Gegen Dortmund war ein Problem, dass einzelne Spieler eher halbherzig in die Pressingarbeit gingen. Bei allem berechtigten Lob für die Klasse von Michael Olise: Der Franzose wirkte am Samstagabend halbherzig in seinen Aktionen. Nicht zuletzt beim zwischenzeitlichen 1:1, als er dem Pass von Kane nicht entgegenging. Aber auch in der Arbeit gegen den Ball. In der Anfangsphase gab es zwei Szenen, in denen Serge Gnabry sich fragend umdrehte, nach dem Motto: Wo bleibt ihr? Ich will pressen, aber ihr müsst aufrücken.
Der lange WM-Sommer, die zerstückelte Vorbereitung, die Personalprobleme, die Schicksalsschläge – es ist gerade sehr viel, was rund um den FC Bayern passiert. Zu erwarten, es würde alles so laufen wie immer, ist zu viel. Gleichzeitig ist die Situation nicht ungefährlich. In der Liga kann eine schwächere Ergebnisphase immer auf der Langstrecke ausgeglichen werden.
In der Champions League hingegen steht jetzt schon ein sehr wichtiges Spiel an. Auswärts muss es bei Atlético Madrid eigentlich ein Sieg sein, um die Top-4 nicht aus den Augen zu verlieren. Ein weiterer Punktverlust könnte weitreichende Folgen haben. Aktuelle Situation hin oder her. Einfacher wird es mit all den Ausfällen sicher nicht.



