K(l)eine Rolle rückwärts: Julian Nagelsmann muss sich hinterfragen – und vielleicht den Hut nehmen
Man wolle voll auf Attacke gehen, ließ Julian Nagelsmann vor dem Spiel des DFB-Teams gegen Paraguay verlauten. Es werde ein anderes Gesicht seiner Mannschaft geben als gegen Ecuador. Es klang vielversprechend, was der Bundestrainer zu sagen hatte.
Doch die Ernüchterung folgte schnell. Ein Kick gegen Paraguay, der vielleicht sogar nochmal eine Nummer schlechter war als das letzte Gruppenspiel. Nagelsmann ist wahrlich nicht zu beneiden. Mehr noch als so mancher Vereinstrainer wird beim ehemaligen Münchner jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, jeder taktische Kniff von Millionen Hobby-Nationaltrainern auseinandergenommen.
Klar, eine Weltmeisterschaft ist ein besonderes sportliches Ereignis, hier entscheiden Kleinigkeiten ob man zur Fußballlegende wird oder wie Ribbeck und Co. vom Hof gejagt wird.
- Werbung: Das neue Bayern-Trikot und 50 Prozent auf Klassiker sparen – JETZT bei Kitbag (Affiliate-Link)
- Werbung: Das WM-Trikot der Nationalmannschaft – jetzt im offiziellen DFB-Fanshop! (Affiliate-Link)
Und, anders als es auf Vereinsebene der Fall ist, muss man als Nationaltrainer mit dem Spielermaterial leben, das man per Definition zur Verfügung hat. Spielertransfers sind nicht möglich, wer keinen deutschen Pass hat, kann der DFB-Elf nicht weiterhelfen.
Weitere Artikel zum FC Bayern München und zur WM 2026:
- So lief das Davies-Comeback für Kanada
- DFB-Team: Die Bayern-Achse wird zum Problem
- Zur aktuellen Podcast-Folge
DFB-Team: Formtiefs und falsche Entscheidungen
Und, das gehört auch zur Wahrheit, Nagelsmann ist nur bedingt Schuld daran, dass seine Kreativspieler Wirtz, Havertz oder Musiala nicht in Top-Form sind. Dass mit Gnarby und Karl hochkarätige Alternativen fehlen, ist ihm ebenfalls nicht anzukreiden.
Und doch hat sich Nagelsmann in der Vergangenheit das Leben selbst schwer gemacht. Zum einen hat er sich kommunikativ ins Abseits gedribbelt, als er zuerst Oliver Baumann den Rücken stärkte, nur um den Hoffenheimer kurz vor der Weltmeisterschaft für Manuel Neuer zu degradieren, der bisher nicht nur statistisch betrachtet ein mittelmäßiges Turnier spielt.
Und auch in der Offensive legte sich Nagelsmann ein kommunikatives Ei ins Nest. Erst sprach er Undav die Qualität für mehr Spielminuten ab, entschuldigte sich dann öffentlich, nur um dem Stuttgarter weitestgehend auf der Bank schmorren zu lassen. Der Ex-Bayern-Trainer begründete dies mit den Rollen, die er jedem Spieler vor der Weltmeisterschaft zuordnete. Gegen Paraguay dann die Rolle rückwärts: Undav stürmte für den zuletzt glücklosen Musiala.
Eine Entscheidung, die zwar nachvollziehbar war, durch seine klaren Aussagen im Vorfeld machte sich der Nationaltrainer allerdings angreifbar. Undavs Startelf-Mandat wirkte wie eine Rolle rückwärts, die nicht aufging. Musiala ersetzte den blassen und schwachen Stuttgarter nach gut einer Stunde.
Julian Nagelsmann bleibt taktisch stur
Zum Taktischen: Dass Joshua Kimmich auf der Rechtsverteidiger-Position spielen muss und Nagelsmann dort nicht einen einzigen nominellen „Experten“ nominierte, hinterließ vielerorts ein Fragezeichen. Nagelsmann sprengte bewusste das bajuwarische Mittelfeld um Pavlović und Kimmich, ein taktischer Kniff der bisher nur gegen das zweitklassige Curacao aufging – und bedingt gegen die Elfenbeinküste.
Man muss Nagelsmann ankreiden, dass er zu lange an seiner taktische Idee festhielt: Er macht die Räume mit seiner Philosophie eng. Das kann aufgehen, wenn die Kreativgeister in Form sind. Es kann aber auch die Probleme verschärfen, wenn ihnen fast jeder zweite Ball verschärft. Enge Räume werden enger und dem Spiel fehlt dann Entlastung durch Breite, die Nagelsmann offenbar nicht geben will.
Nagelsmann hat eine Idee, aber keinen Plan B. Er verändert zwar hin und wieder das Personal, aber nur selten seine taktische Ausrichtung. Ein biederes Paraguay musste gegen Deutschland in den ersten 45 Minuten gar nicht viel richtig machen, um den viermaligen Weltmeister vor dem eigenen Tor fernzuhalten. Und auch nach dem 1:1 durch Havertz brannte die deutsche Elf kein Offensiv-Feuerwerk ab.
Mehr Fragezeichen als Antworten beim DFB-Team
Gegen die Südamerikaner fehlten den Deutschen Tiefenläufe, Breite und Ideen im Offensivspiel. Nmecha, der mit Pavlović auf der Sechs nie wirklich harmonierte, wurde zur Pause folgerichtig ausgewechselt. Kimmich hingegen verblieb vorerst in der Viererkette. Dort hat der Kapitän allerdings altbekannte Probleme beim Erfüllen der defensiven Aufgaben.
Dass der Kapitän nicht der schnellste Spieler ist, fiel schon gegen die Elfenbeinküste auf. Später rückte er dann doch ins Mittelfeld. Nagelsmann schien beinahe verzweifelt zu sein bei seinen Anpassungen – und ein wenig kann man das ob der schwachen Form vieler Spieler auch verstehen. Trotzdem waren viele der Wechsel seltsam. Anton, Thiaw und Co. – warum nicht in die Offensive investieren?
Der Bundestrainer betonte vor dem Duell mit Paraguay, dass es „im Fußball (…) nur ums Gewinnen (geht). Wenn du gewinnst, ist alles perfekt. Wenn du verlierst, ist alles shit. Also müssen wir gewinnen.“ Das ist nicht gelungen. Im Elfmeterschießen endete der Traum von einer Kehrtwende jäh.
Immerhin entgeht man so einem Debakel gegen Frankreich. Für Nagelsmann könnte das viel größere Debakel gegen Paraguay aber das Ende bedeuten. Vielleicht muss es das sogar. Diese Leistung war einer deutschen Nationalmannschaft unwürdig.
Auch interessant: Julian Nagelsmann – der Unverstandene oder der nicht Verstehende?



