Messi mit Weltpokal
Bild: Dan Mullan/Getty Images

WM 2026 – Favoritencheck, Teil 2: Italienisches Brasilien, englisches Pulverfass und vollendetes Argentinien

Daniel 13.06.2026

Ehe in der Nacht mit Brasilien bei der WM 2026 der erste Mitfavorit ins Turniergeschehen eingreift, schauen wir uns beide südamerikanische Riesen an und ob England wirklich bereit für den großen Wurf ist.

Außerdem norden wir die DFB-Elf inmitten der Favoriten ein. Frankreich, Spanien und Portugal hat Miasanrot bereits auf Weltmeistertauglichkeit überprüft, heute sind Brasilien, Argentinien und England dran.

Wird Harry Kane von Thomas Tuchel ausgebremst oder verhilft der Deutsche dem Weltklassestürmer zum ganz großen Wurf? Und kann Lionel Messi weiter Geschichte schreiben?

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Brasilien: Mit Catenaccio zum 6. Stern?

Brasilien sehnt sich nach seinem sechsten Titel. Es sehnt sich danach, endlich wieder eine europäische Mannschaft in einem K.-o.-Spiel zu besiegen (zuletzt 2002!). Die Sehnsucht ist so groß, dass es die stolze Geschichte brasilianischer Trainer ignoriert und erstmals einen Europäer ans Ruder setzt. Carlo Ancelotti ist sein Name und dieser steht wie kein anderer für Pokalerfolge. Vor allem für den silbernen, mit den großen Ohren im Klubfußball.

Ancelottis Einstieg in den Nationalmannschaftsfußball war von vielen heiß ersehnt, zu gut passt sein Trainer-Ansatz für den internationalen Fußball. Hier hat man wenig Zeit für taktische Übungen und muss aus vielen Egos schnell eine eingeschworene Mannschaft bauen, also genau das, was Ancelotti liegt. So weit, so logisch ist der brasilianische Ansatz für dieses Turnier.

Scheitern kann es indes an der Qualität im Kader. Dies ist Mitnichten die schlechteste Seleção, die es jemals zu einer Weltmeisterschaft geschafft hat, aber von den Besten sind sie ebenfalls ein ganzes Stück entfernt. Mittelmaß im Mittelfeld (ein 34-jähriger Casemiro!) und den Außenverteidigerpositionen verhindert eine Einschätzung auf Top-Favoriten-Niveau.

Was sie allerdings haben, ist Weltklasse in der zentralen Defensive mit Torhüter Alisson, Marquinhos und Gabriel, sowie Weltklasse und Speed im Angriff mit Vinícius Jr. und Raphinha, also genau die Zutaten für guten italienischen Catenaccio-Fußball. Wobei die Form der Weltstars vor allem im Angriff fraglich ist. Raphinha fiel zuletzt viel aus, Vinícius Jr. hatte keine allzu erfolgreiche Saison mit Real Madrid.

Ein wenig erinnert Brasilien an Italien, spielen sie doch einen modernen Catenaccio. Und nein, mit Catenaccio ist hier nicht das Klischee der späteren Jahre mit zwei Fünferketten vor dem eigenen Strafraum gemeint, sondern echten Catenaccio nach Art Helenio Herreras: Gut diszipliniert, gerne tief verteidigen und dann blitzschnell kontern. Genau dafür haben sie das Spielermaterial.

Nun werden Tahiti und Schottland sie natürlich nicht kontern lassen. Und Marokko wahrscheinlich auch nicht. Verlieren sie im Laufe des Turniers nicht den Kopf, könnten sie mit ihren Konterfähigkeiten jedes Top-Team schlagen. Aber bis dahin müssen sie erst einmal kommen und dann auch das Selbstbewusstsein haben, den Schalter Richtung Konterfußball umzulegen.

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Gut möglich, dass der Tenor vor einem möglichengroßen Viertelfinalduell sehr negativ sein wird, schließlich erwartet man von Brasilien mehr als Gewürge gegen kleinere Teams. Für 80 Prozent Ballbesitz ist dieses Team allerdings nicht gemacht. Rund um das Chaos mit Neymar und die vielen Diven des Teams könnte es auch schnell unruhig werden.

WM 2026: Unsere Vorschau auf das Turnier

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Argentinien: Can we have an encore?

Als Argentinien Lionel Messi wortwörtlich in Katar über seinen Schultern trug, dachten nicht wenige den Abschluss Messis in der Nationalmannschaft gesehen zu haben. Man solle aufhören, wenn’s am schönsten sei, heißt es oft aus dem nüchternen Europa. Aber falsch gedacht, vier Jahre später und Messi ist immer noch da, zusammen mit dem Trainer und Gros seiner Weltmeistermannschaft.

Ist also die Titelverteidigung drin? Na ja, hier sollte man vorsichtig sein. Für den Titel braucht es eigentlich eine gewisse Grundqualität, vielfach Weltklasse auf dem Feld zu haben. Argentinien 2022 war hier eigentlich die große Ausnahme einer Regel, die so fast alle Weltmeister der vielen Jahrzehnte vereint. Ein alter Messi überstrahlte alles und tut es auch heute noch, dazu gibt es jedoch nicht allzu viel Qualität der allerhöchsten Güteklasse.

Der großartige Stürmer Julián Alvarez ist heuer nochmal besser als noch in Katar, ob er allerdings eine ebenso beeindruckende WM hinlegen kann wie damals, darf bezweifelt werden. Dazu gesellen sich gute Spieler wie Mac Allister, Fernández oder Tagliafico. Einzig der verrückte Emi Martínez konnte wirklich nachhaltig neben Alvarez seinen Weltmeisterstatus auch im Vereinsfußball bestätigen. Hinzu kommen ein paar vielversprechende Talente wie Nico Paz.

Alles nur Schaulaufen? Nicht ganz. Argentinien hatte schon mit besseren Spielern schlechtere Aussichten, denn Fußball ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Einzelspieler. Lionel Scaloni hat aus nicht der besten Generation eine eingeschweißte Truppe geformt, bei der jeder weiß, was der andere tut. So viel Teamspirit hat kaum eine andere Nation im Länderspielkosmos. Ein Spirit, der sich auch durch das eigene Ballbesitzspiel zieht.

Mehr noch, der Erfolg macht diese Argentinier nicht satt, sondern scheint sie viel mehr zu beflügeln. Nach der Vollendung der heiligen Mission in Katar ließen sie eine überlegene Copa America und beeindruckende WM-Quali folgen.

Diese argentinische Mannschaft hat einfach Freude am Fußball, doch reicht das? Kann das die etwas mangelnde Spielerqualität noch einmal kaschieren? Fraglich. Der Blitz schlägt bekanntlich nie zweimal ein und Argentinien hatte sein Glück, wenn man ehrlich ist, bereits in Katar verbraucht, wenn man auf den Turnierbaum schaut. Damals ging es über Australien, die Niederlande und Kroatien ins Finale.

Aber braucht es das überhaupt für eine erfolgreiche WM? Weltmeister sind sie ja bereits fast alle schon, wenn sie also nur ein paar gute Spiele zeigen und irgendwann unter den besten Sechzehn oder Acht rausgehen und Messi nochmal seine wirklich letzten Runden in einem WM-Stadion dreht, reicht das nicht auch, um alle zu befrieden? Das muss sich zeigen. Jener Messi könnte übrigens auch den Torrekord von Miroslav Klose angreifen. Aktuell steht der Superstar bei 13 Treffern. Drei fehlen ihm noch zum Remis. Allerdings ist ihm Kylian Mbappé mit 12 Toren schon auf den Fersen.

England: Alles für den Titel – schafft ausgerechnet Tuchel den Coup?

Wir haben über brasilianische Sehnsucht gesprochen. Bereits beglückte Argentinier. Aber kein Land lechzt so sehr nach einem internationalen Titel wie England. Sechzig Jahre schon warten sie auf einen zweiten Titel im Männer-Fußball.

Große Namen wie Lineker oder Lampard konnten sie nicht ins gelobte Land führen. Zwischendurch gab es bei Europameisterschaften gar Peinlichkeiten wie die fehlende Qualifikation zur EM 2008 oder das Aus gegen Island 2016.

Gareth Southgate brachte das Land wieder auf Erfolgskurs, das allerdings auf Kosten jeglicher Unterhaltung. Die Spiele 2021 und 2024 bei ihren Finalteilnahmen waren eine absolute Zumutung. Dass sie 2022 ihr schwächstes Ergebnis unter Southgate bei bestem Fußball einfuhren, ist eine Ironie der Geschichte.

Nun ist die Ära Southgate vorbei und die FA ist so scharf auf den Titel, dass sie tatsächlich – welch Schock! – ausgerechnet einem Deutschen die Zügel der wichtigsten englischen Mannschaft gaben.

Thomas Tuchel führt den Weg seines Vorgängers konsequent fort. Entertainment bleibt auch unter ihm ein Fremdwort. Zudem stimmen nun auch die Ergebnisse nicht. In Testspielen gab es Heimniederlagen gegen den Senegal und Japan. Andorra konnte man daheim in der Quali nur mit 1:0 besiegen.

Das alles führte zu Unruhe im Land des einmaligen Weltmeisters, noch bevor Tuchel die Bombe der Kadernominierung platzen ließ. Der ehemalige Trainer des FC Bayern setzt komplett auf die Karte geschlossener Kader und verzichtet für die WM auf die englischen Lieblingssöhne Palmer, Foden und Alexander-Arnold. Zudem darf der Abwehrchef der letzten Turniere, Harry Maguire, diesmal nicht mitführen.

An einem Strang ziehen und Kumbaya singen schön und gut, aber England verzichtet damit auf veritable Qualität, die nun, acht Jahre nach dem letzten nominellen Erfolg bei der WM in Russland, diesem Kader mittlerweile wirklich fehlt. Denn der Zahn der Zeit war nicht freundlich zu den Three Lions. Harry Kane befindet sich mit bald 33 Jahren zwar in der Form seines Lebens, aber sonst schaut man auf den Kader und ertappt sich beim Gedanken: Diese Generation, die eigentlich vom Gefühl ähnlich wie Deutschland 2014 “mal dran” wäre, scheint ihre besten Tage hinter sich zu haben.

Raheem Sterling, ihr bester Offensivspieler 2018 und 2021, ist mittlerweile Timo-Werner-mäßig komplett abgestürzt, sein Nachfolger Bukayo Saka ist die ganze Saison schon nicht fit, auf den Außenverteidigerpositionen waren sie mal mit Luke Shaw, Kyle Walker und dem bereits erwähnten Trent Alexander-Arnold Weltspitze, in der Innenverteidigung setzt Tuchel auf John Stones, der zuletzt unter Guardiola keine Sekunde mehr bekam und nebst Foden gibt es mit dem nun ebenfalls fehlenden Jack Grealish einen weiteren teuren City-Transfer, der nicht die Entwicklung nahm, die man ihm prophezeite.

Gerade der Verzicht auf Cole Palmer hat die englische Öffentlichkeit schockiert, selbst wenn man andere nach dessen schwacher Saison stärker sieht. Ganz auf einen der wenigen Spieler verzichten, die an guten Tagen wirklich Weltklasse zeigen könnten, scheint abenteuerlich. Auch andere Personalien scheinen fragwürdig: So nimmt man etwa den in Saudi-Arabien spielenden Ivan Tomey mit, um im Notfall eine Kante ins Zentrum stellen zu können, verzichtet aber mit Alexander-Arnold auf einen der besten Flankengeber der Welt.

Das ganze macht dieses England zu einem Pulverfass. Weltmeister oder Bust, so einfach lautet die Devise. Und wenn es schief geht, dann wird die noch immer mächtige englische Regenbogenpresse die Hyänen auf den deutschen Trainer hetzen.

Qualität hat dieser Kader natürlich noch immer: Funktioniert das Triumvirat aus Declan Rice, Jude Bellingham und dem bekanntlich stets zurückfallenden Harry Kane, könnte England jedes Team durch das Zentrum knacken. Mit dem Fast-Bayern-Spieler Anthony Gordon haben sie auch starke Qualität dazubekommen.

Gewinnen sie ihre komplizierte Gruppe mit Kroatien und Ghana, blüht ihnen danach ziemliches Losglück, immerhin gibt es dann einen Gruppendritten und anschließend den ersten der schwachen Gruppe A von Mexiko. Aber natürlich müssten sie dafür Kroatien und Ghana auch wirklich hinter sich lassen und das wird leichter gesagt sein als getan. England ist eine absolute Wundertüte.

Deutschland: Was kann das DFB-Team reißen?

Eine solche ist auch Deutschland. Über sechs Titel-Anwärter haben wir gesprochen, Kandidaten für starke Viertel- oder gar Halbfinalruns wie Japan, Norwegen oder etwa Deutschlands Gruppengegner Ecuador haben wir an anderer Stelle beleuchtet.

Deutschlands Platz in diesem Turnier wirkt vor dem ersten Spiel unklar. Die Stimmung im größten Miesepeterland der Welt ist natürlich wie immer im Keller, aber das ist vor großen Turnieren oft schon der Fall gewesen. 2010 rechnete spätestens nach der Ballack-Verletzung kaum jemand mit einem Erfolg, am Ende bereitete eine junge DFB-Elf allen am meisten Freude. 2014 war sich der ganze Erdball einig, Deutschland gehe als einer der beiden Top-Favoriten ins Turnier, während man in der Heimat Löws Elf kaum mehr als die Gruppenphase zutraute.

Deutschland hat die Zutaten für alles denkbare: Von Gruppenkoller gegen eine physisch starke Elfenbeinküste und Defensivkünstler aus Ecuador, über frische Spiele mit dennoch frühem Aus gegen Frankreich, bis hin zu einer Rückkehr der Halbfinal-Deutschen.

Denn eigentlich hat Deutschland ja alles: Qualitativ gute Verteidiger, ein logisches, sich ergänzendes Mittelfeldpaar und unter Nagelsmann scheint Deutschlands jahrelanger Toremangel auch überwunden zu sein. Das größte Problem ist und bleibt die defensive Zuordnung. Egal ob Finnland, Ghana oder die USA: Es ist zu leicht, gegen Deutschland zu Torchancen zu kommen. Ein langer Ball und schon herrscht Chaos in der deutschen Abwehr. Bei längeren Ballbesitzphasen des Gegners fühlt sich die Mannschaft erst Recht unwohl.

Schon allein deshalb ist es elementar wichtig, Frankreich so lange aus dem Weg zu gehen, wie nur irgend möglich. Die Franzosen fühlen sich pudelwohl damit, tief zu verteidigen und Kontern ist ohnehin genau ihr Ding. Das Nations-League-Spiel vom letzten Jahr ist da ein Paradebeispiel. Auf den zweiten Tabellenplatz darf man trotzdem nicht schielen, denn auch dieser ist mit der Frankreich-Gruppe über Kreuz, hier sogar im Sechzehntelfinale und ob die Franzosen wirklich selbst Erster werden gegen den Senegal und Norwegen, steht in den Sternen.

Aber das alles ist Zukunftsmusik. Erst einmal muss Deutschland sich gegen Ecuador und Côte d’Ivoire durchsetzen und gegen Curaçao den ersten Pflichtsieg einfahren. Dass Deutschland die Gruppenphase übersteht, ist ja bekanntlich kein Selbstverständnis mehr – trotz verändertem Modus.

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