„Definitiv richtig“: Joshua Kimmich über Fast-Wechsel und Verlängerung beim FC Bayern
Dass Joshua Kimmich den FC Bayern München beinahe verlassen hätte, ist längst kein Geheimnis mehr. Nun zeigt die Dokumentation „Kapitän Kimmich“ vom ZDF, wie knapp es wirklich war.
„Stand jetzt weiß ich nicht, was passieren sollte, dass hier verlängern sollte“, sagte Kimmich im Spätsommer 2024: „Selbst wenn wir jetzt 30 Spiele in Folge gewinnen und das finanzielle Angebot Wahnsinn ist und der Verein hinter mir steht. Ich will es nicht zu 100 Prozent ausschließen, aber zu 95 Prozent sehe ich es nicht kommen, dass ich hier verlängere.“
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Diese und zwei, drei andere Aussagen werden derzeit besonders medial aufgegriffen. Statt einfach nur abzuschreiben, hat sich Miasanrot die gesamte Dokumentation angesehen und die Chronologie aus Sicht der Protagonisten, wie sie dort dargestellt wird, nachgezeichnet.
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Die Ausgangslage: Beschädigtes Verhältnis zwischen dem FC Bayern und Joshua Kimmich
Im Jahr 2024 war die Lage zwischen Spieler und Verein extrem angespannt. „Es war jetzt die letzten Monate, Jahre sehr, sehr schwierig“, erzählte Kimmich: „Wir waren sportlich nicht so erfolgreich. Dann war es natürlich schon so, dass das Verhältnis gelitten hat, weil der Support des Vereins nicht so da war, wie man sich das erhofft und erwünscht.“
Konkreter wird der Kapitän der Nationalmannschaft hier nicht. Doch zwei Aspekte dürften für ihn entscheidend gewesen sein: Während der Corona-Hochphase machte Kimmich publik, dass er skeptisch sei, was eine Impfung anbelangt. Daraufhin rollte eine Welle öffentlicher Kritik auf ihn zu. Eine Phase, in der sich der FC Bayern zurückhielt, statt seinen Spieler zu schützen.
Der zweite Aspekt ist rein sportlicher Natur. Kimmich schien intern längst nicht mehr unumstritten zu sein. Seine Leistungen waren immer noch gut bis sehr gut, oft aber nicht mehr auf Weltklasse-Niveau, weil sich leichte Fehler häuften. Ein besonderer Einschnitt dürfte die Übernahme von Thomas Tuchel gewesen sein. Der heutige England-Coach forderte aktiv in aller Öffentlichkeit einen echten Sechser und versetzte Kimmich im Laufe der Zeit auf die Rechtsverteidigerposition.
Ein Vorgehen, das wie eine Degradierung daherkam und offensichtlich Wirkung beim Spieler hinterließ. „Es war überhaupt keine Beziehung zwischen Jo und dem FC Bayern mehr da“, beschrieb Max Eberl die Situation, die er als neuer Sportvorstand vorgefunden hatte.
Sommer 2024: Kimmich plötzlich Verkaufskandidat
„Generell hate ich schon das Gefühl, dass die Bayern sehr offen waren, mich abzugeben“, so der Mittelfeldspieler: „Das trägt auch nicht dazu bei, dass die Bindung zwischen Verein und Spieler größer wird.“ Eberl bestätigte diese Haltung. Im Sommer 2024 hätte Kimmich gehen können, wenn er gewollt hätte.
Ein Grund sei die Gehaltsstruktur gewesen. „Man hat den Druck, ein Stück weit zu sparen.“ Es hätten sich viele Vereine gemeldet. Darunter auch Paris Saint-Germain. Kimmich habe sich mit Luis Enrique und Luis Campos ausgetauscht: „Die haben echt den Eindruck vermittelt, dass sie einen wirklich haben wollen.“
Bevor er in konkrete Verhandlungen ging, habe er aber mit seinem Klub sprechen wollen – der nun plötzlich anders über die Geschichte dachte und einen Riegel vorschob. Eberl begründete diesen Sinneswandel damit, dass die Gespräche mit Vincent Kompany über den Kader und seine Struktur ausschlaggebend waren. Man könne das Gehaltsgefüge zudem sowieso nicht schlagartig reduzieren.
Auch Kompany selbst kommt in der Dokumentation zu Wort. „Wir sprechen die gleiche Sprache“, sagte er über Kimmich. Man war sich einig, ihn halten zu wollen. Doch genau das war auch der Zeitraum, in dem Kimmich seine 95-Prozent-Aussage traf. „Das Verhältnis verbessert sich nicht mit ein, zwei Gesprächen“, erklärte er.
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Spätsommer 2024: Warum Kimmich zunächst geblieben ist
Für den DFB-Kapitän begann nun eine Phase, in der er sich auf mehreren Ebenen Gedanken über seine Zukunft machen musste. Sportlich, familiär, finanziell – all diese Faktoren spielten eine gewichtige Rolle. Im Sommer wollte er aber noch nicht gehen, „weil ich das Gefühl hatte, dass ich das nicht verdient habe, so zu gehen. Ich habe mit dem Verein so viele Höhen erlebt, habe mit dem Verein alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Wäre ich jetzt im Sommer weggegangen, hätte sich das für mich wie ein Versagen angefühlt“.
Ende September habe es dann das erste konkrete Angebot des FC Bayern gegeben. Eine Unterschrift sei für ihn zu diesem Zeitpunkt aber kein Thema gewesen. Eigentlich, so wird es in der Dokumentation immer wieder deutlich, war er sich sicher: „Ich möchte unbedingt nochmal etwas Neues sehen.“ Aber: „Für uns als Familie wäre ein Wechsel nicht optimal.“
„Ich fürchte fast, er könnte es wegen uns in Erwägung ziehen, zu verlängern, weil er uns das Leben leicht machen möchte“, sagte Lina Kimmich im Spätsommer 2024: „Und genau das will ich aber nicht. Deshalb hoffe ich fast, dass er wechselt. Einfach, damit er es nicht bereut, es nicht gemacht zu haben.“ In Kimmich schien dennoch so langsam ein Wechsel in der Stimmung einzusetzen. Aus den 95 Prozent Wechselchance wurden plötzlich weniger: „70 Prozent gehen, 30 Prozent bleiben“, sagte er rund um das 1:1 gegen Bayer Leverkusen Ende September 2024.
Winter 2024/25: Der FC Bayern will die Verlängerung
Eberl hatte damals die große Hoffnung, dass die Zeit noch ausreichen würde, um Kimmich von einem Verbleib zu überzeugen und zu reparieren, was zuvor beschädigt wurde. „Erster Schritt: Vertrauen gewinnen. Zweiter Schritt: Ihm zu verstehen geben, was wir vorhaben“, so der Sportvorstand. Der FC Bayern wollte im Winter das Tempo erhöhen und eine Entscheidung herbeiführen.
Kimmich aber zögerte weiterhin, was bei Eberl wiederum zu leichter Skepsis geführt habe. Im Februar nahm die Sache dann mit mehreren Gesprächen richtig Fahrt auf. „Es ist jetzt nicht so, dass wir uns übermorgen einigen, glaube ich“, sagte der Nationalspieler: „Da müssen wir noch ein paar Runden drehen.“
Und weiter: „Ich bin jetzt 30, das sehe ich. Ich sehe aber nicht, dass ich auf einem schlechteren Level bin als vor vier Jahren. Dazu sehe ich, dass meine Rolle viel wichtiger und stärker ist im Team. Ich soll Kapitän werden. Ich sehe, dass ich noch mehr Verantwortung zu tragen habe, noch mehr Leistung zeigen muss.“ Unterschreiben könne er aber noch nicht, erklärte er rund um ein Gespräch mit Eberl und Co.
Am Tag darauf kam dann Luis Campos zu ihm nach Hause: „Als dann Paris nochmal so konkret auf den Tisch gekommen ist, auch mit dieser Art und Weise, auch wie der Luis Campos, also der Sportdirektor, das gemacht hat, das hat mich schon gecatcht. Ich sollte da ein wichtiges Puzzleteil sein, auch als Spieler mit etwas mehr Erfahrung und das macht dann schon was mit einem.“
Einladung nach Paris, Druck vom FC Bayern
PSG habe ihn damals nach Paris eingeladen, um sich selbst ein Bild machen zu können. Doch er lehnte ab, weil er das mitten in der Saison nicht für möglich hielt. Dafür aber bot seine Frau an, die Reise zu übernehmen und so kam es dann auch. In einem Gespräch mit ihrem Mann sagt sie nach ihrer Rückkehr: „Wenn du sagst, du willst hundertprozentig da spielen, kriegen wir das schon hin.“
„Mein Problem ist, dass ich nicht nur eine Fußballentscheidung treffe“, erwiderte Joshua Kimmich. „Aber das kannst du machen, das sage ich dir ja. Du kannst nur an das denken“, antwortete wiederum Lina Kimmich. Was ihn sichtbar ins Grübeln brachte. „Die Mannschaft dort ist extrem jung und hungrig“, führte er Argumente für Paris an: „Was schon reizvoll ist, dass die noch nie die Champions League gewonnen haben. Da kann man schon Geschichte schreiben.“ (PSG gewann erst danach den Titel, Anm. d. Red.)
Aber mittlerweile hatte auch der FC Bayern wieder mehr Proargumente auf seiner Seite: „Das Ding ist halt, dass sich bei uns im letzten halben, dreiviertel Jahr, Jahr viel verändert hat. Mit neuem Trainer und wir spielen wieder besser. Davor hatten wir schon eine schwierige Phase, wo es einfacher gewesen wäre, etwas Neues zu machen.“
Paris lockte damals auch mit einem „krassen“ finanziellen Angebot: „Wenn man das als Außenstehender betrachtet, würde man sagen, es ist eine dumme Entscheidung bei Bayern zu bleiben.“ Aber er habe das nicht zum ausschlaggebenden Faktor machen wollen. Immer wieder wird in der Dokumentation deutlich, dass vor allem die Zukunft seiner Familie das Zögern herbeigeführt hat. Als Single wäre er wohl schon 2024 gewechselt.
„Ich glaube an unseren Trainer“
Gegen Ende Februar 2025 gab es dann eine Situation, in der der FC Bayern den Druck erhöhte, um Planungssicherheit zu haben. Kimmich erbat noch zwei Tage mehr Bedenkzeit, woraufhin das Angebot erstmal zurückgezogen wurde. Anders als damals von vielen Medien berichtet sei ihm aber klar kommuniziert worden, dass man ganz normal weitersprechen werde.
Dass es an die Öffentlichkeit gelang, war für Kimmich „sehr unglücklich“, da es „jetzt darum ging, was will der Kimmich denn noch, jetzt wird er gierig, jetzt will er mehr Geld“. Wenn es nur darum gegangen wäre, so der Sechser, „dann wär die Entscheidung nicht pro Bayern gefallen“.
Doch am Ende entschied er sich für den Verbleib in München. „Die Vision, dass ich bei so einem großen Verein über zehn, fünfzehn Jahre (bezogen auf seine Laufbahn seit 2015, Anm. d. Red.) eine prägende Figur sein kann und auch die Rolle, die ich in der Mannschaft und im Verein einnehmen kann“ sei für ihn ausschlaggebend gewesen: „Gepaart mit dem, dass ich sehr an unseren Trainer glaube, auch an unsere Mannschaft.“
„Ich war schon sehr froh, aber ich glaube, ich war sehr froh für ihn“, erzählte Kompany: „Weil es die richtige Entscheidung für ihn ist.“ Wenn man sich im sportlich „richtigen Umfeld befindet, dann wird man das nicht so schnell woanders finden“. Und auch die Angst von Lina Kimmich, ihr Mann könne diese Entscheidung, die er auch wegen seiner Familie traf, irgendwann bereuen, bestätigte sich bisher nicht.
„Es war für mich die Chance, zu zeigen, dass wir besser sind als Paris“, analysierte Joshua Kimmich seine Situation nach dem Ausscheiden gegen PSG in dieser Champions-League-Saison: „Trotzdem würde ich selbst mit dem Wissen jetzt die Entscheidung wieder so treffen, weil ich glaube, dass wir schon eine besondere Mannschaft haben in einem besonderen Klub. Den Vertrag zu verlängern, war definitiv richtig.“
Mit dem FC Bayern strebt er jetzt nach mehr. „Man will immer den maximalen Erfolg haben und wenn ich jetzt so zurückblicke, haben wir es halt einmal in elf Jahren geschafft und das ohne Fans“, blickte er etwas enttäuscht zurück: „Deswegen ist das schon eigentlich zu wenig, wenn man ehrlich ist.“ Mit der aktuellen Konstellation strahlt Kimmich aber wieder Optimismus aus, was die eigene Zukunft und die des Vereins anbelangt.



