Chávez, Fernández, Ličina und Co.: Bayerns Transfers sind ein Kompliment für den Campus
Adin Ličina, Javier Fernández, Felipe Chávez, Moritz Göttlicher, Jussef Nasrawe und einige weitere Talente verlassen den FC Bayern München im Winter. Einige dauerhaft, andere auf Leihbasis.
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Mit dem VfL Bochum (Göttlicher) und dem 1. FC Nürnberg (Fernández) sind zwei ambitionierte Zweitligisten unter den Abnehmern. Chávez wird wiederum zum 1. FC Köln wechseln und Nasrawe nach Österreich in die dortige Bundesliga (SV Ried). Ličina macht es indes ähnlich wie Kenan Yildiz vor einigen Jahren und wechselt in die Akademie von Juventus Turin.
Der erste Eindruck vieler Fans dürfte dabei nicht immer positiv sein – schließlich ist damit ein gewisser Aderlass verbunden. Talente bleiben nicht in München, sondern wechseln offenbar woanders hin, um Spielpraxis zu bekommen. Wie so oft bei Kritik an Jugendarbeit muss jedoch auch hier differenziert werden und letztendlich kann man auch zum gegenteiligen Fazit kommen: Die vielen Wechsel werden dem Campus eher helfen als schaden.
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FC Bayern mit smarten Transferentscheidungen
Denn zunächst mal verlieren die Bayern hier kein großes Talent auf Dauer. Und sie verlieren vor allem kein einziges Talent, das am Campus akut in Verdacht stand, einen Weg wie Karl antreten zu können. Wenn Spieler zuletzt fest verkauft wurden, dann meist aus nachvollziehbaren Gründen.
Chávez durfte zuletzt bei den Profis andeuten, dass er schon ziemlich weit ist. Nun wird er an den 1. FC Köln verliehen. Die Kölner sollen eine Kaufoption haben. Wie schon bei anderen Transfers in der Vergangenheit, haben sich die Münchner laut kicker aber eine Rückkaufoption gesichert.
Ein smartes Konzept für Spieler, die ihre Karriere im Profibereich starten wollen, das bei der großen Konkurrenz beim FCB aber nicht tun können. Man schafft Anreize für ambitionierte Vereine, sich mit den Talenten zu befassen. Hätte Köln sich Chávez auch dann ausgeliehen, wenn sie keinerlei Chance auf einen längeren Verbleib hätten? Fraglich.
Die Rückkaufoptionen bieten dem FC die Möglichkeit, auch finanziell davon zu profitieren, sollte der peruanische Nationalspieler sich durchsetzen – und die Bayern behalten für einen in der Regel minimalen Aufpreis die Option, ihn wieder zurückzuholen. Alle Parteien profitieren.
FC Bayern Campus: Leihen sind nicht immer erfolgreich
Bei Ličina soll es ähnlich sein. Beim talentierten Offensivspieler sicherten sich die Bayern laut verschiedenen Medienberichten zumindest eine Weiterverkaufsbeteiligung von 30 Prozent sowie ein „Matching Right“, das ermöglicht, mit einem gleichen Angebot wie das eines anderen Vereins bevorzugt zu werden.
Fernández, trotz vieler Ausfälle zuletzt wohl der größte und vielversprechendste Name dieser Liste, verlängerte seinen Vertrag beim FCB und schloss sich nun dem FCN per Leihe an. Eine Entwicklungsoption, die jungen Talenten immer helfen kann – wenngleich in diesem Fall die Frage erlaubt sein sollte, ob es nicht sinnvoller wäre, erstmal die körperlichen Probleme in den Griff zu bekommen. Tarek Buchmann ist hier ein warnendes Beispiel.
Generell gibt es auch einige Leihen in der Vergangenheit, die nicht so aufgegangen sind, wie man sich das in München gewünscht hat. Allerdings sind an solchen Prozessen auch immer mehrere Parteien beteiligt. Manchmal wollen Spieler lieber bleiben oder zu einem anderen Verein gehen, als es der FCB im Sinn hat. Trotzdem bleiben Leihgeschäfte eines der wichtigsten Mittel, um frühzeitig zu sehen, wie weit die Talente schon sind.
Unklar ist indes, wie die Vertragsdetails bei Moritz Göttlicher aussehen. Der 17-Jährige gilt als sehr talentierter Mittelfeldspieler, konnte sich aber bisher noch nicht so entwickeln wie andere Top-Talente am Campus. Die Liste an Spielern könnte man noch sehr lange weiterführen. In den vergangenen Jahren war das Interesse an Bayern-Talenten wieder deutlich größer.
FC Bayern verdient mit dem Campus wichtiges Geld
Spieler wechselten international und national in Top-Ligen und setzten sich dort mitunter durch. Bayern generierte zudem die eine oder andere gute Ablösesumme. Für Jonah Kusi-Asare (vier Millionen Euro Leihgebühr), Frans Krätzig (3,5 Millionen Euro), Paul Wanner (15 Millionen Euro), Adam Aznou (neun Millionen Euro und Gabriel Vidovic (1,2 Millionen Euro) gab es allein im vergangenen Sommer etwas mehr als 30 Millionen Euro.
Auch Malik Tillman (12 Millionen Euro) oder Joshua Zirkzee (27,5 Millionen Euro) sind gute Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit. Der Campus sollte in mehrerlei Hinsicht nicht nur als Quelle für kommende Superstars wie im Fall von Jamal Musiala, Aleksandar Pavlović oder Lennart Karl gesehen werden – und auch nicht ausschließlich als Ausbildungsstätte für Kaderspieler wie Josip Stanišić.
Freilich ist das das oberste Ziel: Möglichst viele Spieler in den Profikader des FC Bayern zu bringen. Doch die Qualität der Arbeit am Campus lässt sich nicht nur daran messen. In der Bewertung wurde den Mitarbeiter*innen im Nachwuchsleistungszentrum oft Unrecht getan, wenn sie nur daran gemessen wurden, wie viele Talente es bei den Bayern schaffen.
Das Interesse von Juve und Co. ist ein Kompliment für den Campus
Dass Klubs wie Juventus Turin oder auch jene aus der Bundesliga und der 2. Bundesliga sich regelmäßig am Campus umschauen, ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal – und letztlich ein Kompliment für die Arbeit. Schaffen es viele Spieler in den Profibereich, kann die Ausbildung nicht so schlecht sein, wie sie manches Mal dargestellt wurde. Das Problem, das der FC Bayern im Umgang mit seinen Talenten hat, ist, dass er eben extrem erfolgreich ist und dementsprechend sehr viele Top-Spieler in seinem Profikader hat.
Der Anspruch ist riesig. Selbst die besten Talente des Campus müssen sich enorm strecken, um sich ihre Chance zu erarbeiten. Entsprechend oft passiert es, dass Top-Talente ihren Weg woanders suchen. Eine berechtigte Kritik von Beratern und dem Umfeld der Spieler in München war in der Vergangenheit, dass es dem FCB nicht gelinge, seinen besten Campus-Spielern eine echte sportliche Perspektive aufzuzeigen – sei es in München oder woanders.
Das war auch bei Karl der Fall, der im Sommer lange seine Zukunft hinterfragte. Dass die Bayern sich auf wichtigen Führungspositionen erneut neu aufstellen, ist ein Zeichen dafür, dass man hier weiter nachjustieren möchte. Michael Wiesinger, Jochen Sauer und Christoph Freund werden künftig daran arbeiten müssen, den Übergang in den Profibereich noch weiter zu optimieren.
Abgänge sind immer auch Werbung
Ein weiterer entscheidender Punkt, der bei Abgängen gern übersehen wird, ist die Werbung, die das Nachwuchsleistungszentrum damit für sich macht. Junge Spieler in Deutschland sehen, dass vom FC Bayern aus der Schritt zu Klubs wie Juventus oder Köln möglich sein kann, wenn es für ganz oben vielleicht doch (noch) nicht reicht.
Damit wird auch die Mär ins Reich der Fabeln verwiesen, dass junge Spieler sich mit einem Wechsel an den Campus die Karriere zerstören. Mit Wanner, Tillman, Yildiz, Zirkzee und zahlreichen anderen Spielern gibt es gute Beispiele, die eine anderweitige Argumentation bekräftigen. Selbst Arijon Ibrahimović, der sich bei seinen bisherigen Leihstationen eher verzockt hat, spielt in Heidenheim eine gute Saison und dürfte damit beste Karten auf weitere Chancen im Profibereich haben.
All das sind Argumente in Verhandlungen, um Top-Talente in Deutschland von sich zu überzeugen. Ein Konkurrenzkampf, der für die Bayern naturgemäß nicht ganz einfach ist – denn nur die Strahlkraft, der größte Klub in Deutschland zu sein, reicht längst nicht mehr aus.
Die jüngsten Abgänge sind vor diesem Hintergrund positiv zu bewerten. Auch wenn die Bayern Amateure sportlich zunächst darunter leiden könnten. Dann müssen aber eben andere Talente einspringen, die sich wiederum im Männerfußball beweisen können, bevor der nächste Schritt ansteht. Entweder bei den Bayern selbst oder woanders.
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