Vorschau: Wieder eine Union sein!

Justin Trenner 29.10.2021

Im Fußball werden Dingen oft eine viel zu große Bedeutung beigemessen. Ein Kantersieg gegen Leverkusen? Diese Bayern sind nicht mehr zu stoppen! Eine historische Klatsche in Gladbach? Endlich sind die Münchner entschlüsselt! Zur Wahrheit gehört, dass Fußball ein Spiel ist, in dem kleine Details plötzlich alles über einen Haufen werfen können. Plötzlich häufen sie sich und entwickeln eine Lawine, die nicht mehr zu stoppen ist.

Das Gute im Fußball wie auch in vielen anderen Bereichen: Man bekommt schnell die Chance, das wieder vergessen zu machen. Beim FC Bayern aber ticken die Uhren manchmal anders. Die erste Niederlage gegen Frankfurt konnte man zurecht vernachlässigen. Das überlegene und klar bessere Team hatte verloren. Kommt vor.

Nun aber haben sie es an der Säbener Straße mit einer Niederlage zu tun, die nicht unglücklich war, sondern hochverdient. Eine 0:5-Packung, die sogar noch höher hätte ausfallen können, wenn Gladbach in den richtigen Momenten die vorhandenen Chancen genutzt hätte.

Rückblick: Das Debakel in Gladbach

Bayern wiederum zeigte sich ideenlos. Spätestens nach dem 0:2 schien es, als würde dieses Team in seine Einzelteile zerfallen. Einzelne Spieler wie Leroy Sané, Serge Gnabry, Lucas Hernández oder auch Alphonso Davies versuchten, mit dem Kopf durch die Wand zu laufen. Wenigstens haben sie etwas versucht, könnte man angesichts der schwachen Leistungen von Leon Goretzka, Thomas Müller oder Dayot Upamecano behaupten. Doch das Problem war nicht, dass jemand nicht wollte, sondern dass das Team als Ganzes nicht konnte. Und hier kommt selbstverständlich auch Julian Nagelsmann ins Spiel, der sich eingestand: „Mir war wichtig, dass die Spieler die Fehler auch bei mir suchen.“

Angefangen hatte das Spiel denkbar schlecht. Ein frühes Gegentor, einfache Abspielfehler und der falsche Ehrgeiz, das 0:1 sofort mit noch vertikalerem Spiel zu kontern. Die Bayern liefen ins offene Messer und fanden keinen Weg, das Pressing der Gladbacher strukturell zu umspielen. Weil sie ihrer eigenen Struktur nicht mehr zu vertrauen schienen. Lange Bälle, der Verlust der eigenen Ordnung und weitere Geschenke, die mit jenem von Davies vor dem 0:1 vergleichbar waren, folgten.

Selbst einem Klub wie dem FC Bayern kann es passieren, dass man von einem Gegner derart überrollt wird, dass der Einstieg ins Spiel schwer fällt. Doch spätestens die Ratlosigkeit im zweiten Durchgang wirft Fragezeichen auf. „Das war nicht Bayern-like“, ist eine vielzitierte Phrase, die auch Müller auf Instagram teilte. Kein Aufbäumen, keine alternativen Lösungsansätze, dieselben Unsicherheiten im Spiel nach vorn – die große Frage, die sich jetzt stellt: Ist das ein Streichergebnis, oder müssen grundlegende Dinge in Frage gestellt werden?

Mehr zum Gladbach-Spiel und den taktischen Problemen der Bayern erfahrt ihr in unserer neuen Folge „Mia san Rotstift“:

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Union Berlin: Laufstark und aggressiv

Grundlegendes muss womöglich nicht gleich in Frage gestellt werden. Schließlich arbeiten auch beim FC Bayern nur Menschen. Aber einfach abhaken und weitermachen ist auch keine Option. Zumal am Wochenende ein Gegner auf die Bayern wartet, der gegen den Ball mit ähnlicher Qualität wie Gladbach agiert: Gut strukturiert, kompakt im Mittelfeldzentrum und aggressiv in den Zweikämpfen bei zugleich gutem Nachschieben von hinten.

Es wird nicht so einfach für die Münchner, Unions Defensive zu knacken. Mit 10,1 Expected Goals against (StatsBomb / fbref.com) stellen die Eisernen aktuell zumindest bei den erwarteten Gegentoren die drittbeste Defensive hinter Mainz (9,8) und den Bayern (7,8). Zehn tatsächliche Gegentore sind wiederum Platz vier, weil Freiburg (6 bei 10,5 xGA) und Leipzig (9 bei 13,8 xGA) dahingehend überperformen.

Das Defensivkonzept von Urs Fischer lebt von einer hohen Intensität. Bei 41,8 Prozent Ballbesitz (Platz 15 laut WhoScored) rennen sie dem Ball häufiger hinterher als dass sie ihn laufen lassen – 420,3 Pässe pro Partie sind im unteren Drittel der Tabelle zu verorten. Wer viel gegen den Ball arbeitet, muss viel laufen. Laufdaten sagen oft nicht viel über die Qualität einer Mannschaft aus, aber dass Union die drittweiteste Distanz der bisherigen Saison zurückgelegt hat (1058,7 Km), ist in diesem Kontext durchaus aussagekräftig.

Aussagekräftig ist allerdings auch, dass Union bei den intensiven Läufen (Platz 14) und den Sprints (Platz 18) offensichtlich doch nicht so viel macht. Woran liegt das?

Weiterentwicklung unter Fischer

Ein Erklärungsansatz könnte die gute Grundstruktur sein. Union deckt die Räume in der eigenen Hälfte gut ab und schafft es aus einer flexiblen Dreier- beziehungsweise Fünferkettenformation heraus, die Abstände vor allem in Ballnähe gering zu halten, ohne ballfern einen zu großen Raum offen zu lassen, in den sie dann bei Verlagerungen mit kraftvollen Läufen verschieben müssen.

Das Spiel gegen den Ball ist in den letzten Jahren weniger wild geworden. Vielleicht ist Union im Defensivspiel aktuell die beste Version seiner selbst. Fischer wählt dabei im Mittelfeld immer wieder passende Staffelungen, um einen Gegner auf die Außenbahnen zu lenken und ihn dort mit den Flügelverteidigern zu stellen.

Auch wenn es in einigen Punkten Gemeinsamkeiten zu Gladbach gibt, dürfte Bayern im Spielaufbau aber wieder mehr Freiheiten erhalten als zuletzt. Es gibt zwar Momente, in denen Union auch mal nach vorn durchschiebt und höher presst, das sind aber eher Ausnahmen. Meist agieren sie aus einem tiefen Mittelfeldpressing, um den Gegner in die gewünschten Räume zu lenken und dann spät, aber aggressiv und strukturiert zuzupacken.

Will man im Spiel gegen den Ball Aspekte suchen, die noch nicht so laufen wie gewünscht, dann ist man schnell auf individueller Ebene angelangt. Fehler in der Entscheidungsfindung, unnötiges Öffnen von Räumen, schlecht geführter Zweikampf – alles Ausnahmen und auf diesem Niveau normal. Wirklich anpacken sollte Fischer aber die Frage danach, wie der Raum hinter den rausschiebenden Flügelverteidigern verteidigt wird. Da haben sie jetzt schon den einen oder anderen Angriff zu viel zugelassen. Insgesamt dennoch Kritik, die zeigt, wie viel besser das Team im Vergleich zur Debütsaison geworden ist. Denn da gab es noch weitaus mehr Fragezeichen.

Bayerns größte Herausforderung der bisherigen Saison?

Im Spiel nach vorn haben sich die Unioner ebenfalls weiterentwickelt. Waren sie zu Beginn in der Bundesliga vor allem als Standardspezialisten und physisch starke Mannschaft bekannt, wissen sie jetzt vor allem in offensiven Umschaltsituationen auch spielerisch zu überzeugen.

Die Eisernen spielen pro Partie 0,78 Pässe in einen offenen Raum im Rücken der gegnerischen Verteidigung (Throughballs, oder als deutsche Ableitung womöglich Steckpässe) – gemeinsam mit Leipzig der viertbeste Wert der Liga. Zudem sind sie im Flügelspiel brandgefährlich und bringen ihre Mittelfeldspieler in den Halbräumen gut in Position.

Für die Bayern wird es dementsprechend nicht so leicht, eine Reaktion zum 0:5 in Gladbach zu zeigen. Wie schnell können sie das Geschehene gedanklich abhaken? Wie kommen sie am Samstag ins Spiel? Will man das Pokalaus als Ausrutscher vergessen machen, braucht es nicht nur einen Sieg gegen Union, sondern die gleiche Überzeugung und Sicherheit im Spiel wie vor dieser Woche. Das umzusetzen, wird eine große Herausforderung – vielleicht die größte der noch jungen Ära Nagelsmann.



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