Vorschau: Wer Bochum wählt, wählt den Linksrutsch

Justin Trenner 16.09.2021

Über elf Jahre ist der Abstieg des VfL Bochum aus der Männer-Bundesliga nun her. Elf Spielzeiten in der zweiten Liga hat es gedauert, bis der Traditionsverein abermals den Aufstieg ins Oberhaus gepackt hat. Es ist der sechste Aufstieg seit Gründung der Bundesliga im Herrenbereich.

Traditionell befand sich Bochum fast immer an der Schwelle zwischen erster und zweiter Liga – allerdings mit starker Tendenz zum Oberhaus. Zwischen 1971 und 1993 spielte der VfL durchgängig in der Bundesliga. Erst dann begann man sich das Image des Fahrstuhlvereins aufzubauen, ehe eben eine lange Zeit in der 2. Bundesliga folgte.

Aber Bochum ist zurück – und will sich nach Möglichkeit wieder festbeißen in der deutschen Spitzenklasse des Herrenfußballs. In einer durchaus beeindruckenden Zweitligasaison hat man sich den Aufstieg als Meister redlich verdient. Fünf Punkte Vorsprung waren es letztendlich auf den Relegationsplatz. Dass dieser Erfolg möglich war, lag auch daran, dass mit Thomas Reis ein Trainer gefunden wurde, der gut nach Bochum passt.

VfL Bochum: Gelingt der Klassenerhalt?

Vielen erfolgreichen Klubs wird nachgesagt, dass Konstanz auf Schlüsselpositionen ein wichtiger Faktor sei. In Bochum lässt sich diese These teilweise bestätigen. Zumindest auf der Trainerbank dürfte es dem Klub gut getan haben, nicht nach nur wenigen Monaten wieder große Diskussionen führen zu müssen. Reis ist jetzt seit dem 6. September 2019, also etwas über zwei Jahre der Chef an der Seitenlinie. So lange hat es an der Ruhr zuletzt Gertjan Verbeek ausgehalten, der zwischen Januar 2015 und Juli 2017 Trainer und zunächst ebenfalls recht erfolgreich war.

Doch so erfolgreich wie Reis war im letzten Jahrzehnt keiner. Auf einen achten Platz und einen guten Pokalfight gegen die Bayern folgte der Aufstieg. Dass Bochum durchaus Qualität in diese Liga bringen kann, haben sie in den ersten vier Spielen allerdings nur angedeutet. Drei Niederlagen gegen Wolfsburg (0:1), Köln (1:2) und Hertha (1:3) sind eher ernüchternd – immerhin gab es aber auch schon einen 2:0-Erfolg gegen starke Mainzer.

Trotzdem tendiert das Zwischenfazit in Bochum zu kritischen Tönen. So schrieb Janik Aschenbrenner, Autor des VfL-Bochum-Blogs einsachtvieracht.de nach der Niederlage gegen Köln: „Die Herangehensweise des VfL über weite Teile des Spiels, vor allem aber in der ersten Hälfte, wirft dementsprechend ein großes Fragezeichen auf.“ Nicht die vermeintlich fehlende individuelle Qualität eines Aufsteigers, nicht die Zeit, die das Team etwa zur Gewöhnung an das neue Team braucht, sondern die Herangehensweise steht im Fokus der zugegebenermaßen noch leisen Kritik.

Zu passiv?

Reis stand in der zweiten Liga für einen in den besten Phasen spektakulären Offensivfußball. Hohes Pressing, schnelles und vertikales Spiel sowie ca. zwei Tore pro Spiel umreißen seine Philosophie. Zugleich stand der VfL aber auch für eine gute Grundabsicherung in der Defensive. 39 Gegentore waren nach Kiel Topwert. In der Bundesliga tun sich die Bochumer aktuell mit beidem schwer: Sowohl die eigenen Stärken in der Offensive als auch in der Defensive kommen noch gar nicht zum tragen. Und beides hängt irgendwie miteinander zusammen.

Nach vier Partien zählt der VfL zu den passivsten Teams der Liga. Nur 128-mal setzen sie ihre Gegenspieler pro 90 Minuten aktiv unter Druck (Platz 16) – 26,5-mal im Angriffsdrittel (Platz 15), 50,8-mal im Mittelfeld (Platz 18) und 50,8-mal im Defensivdrittel (Platz 4). Diese Zahlen haben für sich genommen noch keine große Aussagekraft. Es gibt Mannschaften, die ganz bewusst auf wenig Druckmomente, sondern mehr auf eine kompakte Grundordnung setzen, die dem Gegner den Zugriff in bestimmte Räume verwehren soll. Auch ist es wenig überraschend, dass der VfL als Aufsteiger viel im eigenen Defensivdrittel verteidigen muss.

Im Kontext dessen, wie die Bochumer allerdings in der zweiten Liga gespielt haben, erscheinen die wenigen Druckmomente aber doch als mindestens kleiner Beweis dafür, wo aktuell noch Probleme liegen. Zwar gibt es frei zugänglich keine Vergleichsdaten aus der letzten Saison, aber auch ohne Daten ist erkennbar, dass auf Bochum eine beliebte Stammtischphrase zutrifft: „Sie kommen nicht in die Zweikämpfe.“

Bochumer Linksfokus

Gegen Hertha ließen sie einmal Souat Serdar und später Myziane Maolida nahezu durch die gesamte Hintermannschaft spazieren. Technische Qualität der Gegenspieler hin oder her: Solche Gegentore dürfen auch Bochum nicht passieren.

Doch es ist bei weitem nicht alles schlecht beim Aufsteiger. Insbesondere im Vergleich zum direkten Konkurrenten aus Fürth schlägt sich der VfL bisher beachtlich – mit einer klaren Idee im Spiel nach vorn. Reis setzt auf ein schnelles Spiel in die Spitze und viele Verlagerungen. Dabei gibt es zwei Muster, die jeweils die linke Angriffsseite als Ausgangspunkt haben.

49 % aller Bochumer Angriffe laufen über links – kein anderes Team in der Liga fokussiert sich so stark auf eine Spielfeldzone. Die CDU würde vermutlich einen „Linksrutsch“ vermuten. Bisher lag das maßgeblich an den Spielertypen, die Reis eingesetzt hat. Auf der linken Außenverteidigerposition agiert mit Danilo Soares ein Spieler mit Offensivdrang, der entsprechend abgesichert werden muss. Vor ihm hat sich zuletzt Gerrit Holtmann festgespielt. Der 26-Jährige überraschte einige mit beeindruckenden Dribblings.

Rechts wiederum haben die Bochumer ein kleines Problem. Auf der Defensivposition probierte Reis bisher Cristian Gamboa, der in allen Bereichen klare Defizite offenbarte, Herbert Bockhorn, der vor allem defensiv Probleme hatte und Konstantinos Stafylidis aus, der wiederum eher links seine Stärken hat und auch nicht gerade überzeugt hat. Davor spielte zumeist Simon Zoller, der auch kein echter Flügelspieler ist und demnach oft einrückend agierte.

Gut bis ins Angriffsdrittel, aber dann …

Das alles führt beinahe automatisch zu einer Linksüberladung. Mitunter agierten gegen Hertha bis zu sieben Feldspieler auf der linken Hälfte des Spielfelds. Der VfL will die Räume links eng machen, um bei Ballverlusten sofort ins Gegenpressing zu kommen. Durch die vielen Spieler soll sich zudem die Möglichkeit ergeben, Holtmann in die Tiefe zu schicken. Im Zentrum sind dann Sebastian Polter und Zoller dankbare Abnehmer von Flanken und Zuspielen.

Bochum ist für einen Aufsteiger schon recht spielstark unterwegs und findet nahezu durchgängig Wege in den gegnerischen Strafraum. Mit 20,8 Pässen aus dem Spiel heraus ins Angriffsdrittel und fünf in den gegnerischen Strafraum pro 90 Minuten stehen sie ligaweit auf Platz 13 und 15 – jeweils beispielsweise vor Mainz 05. 4,1 Expected Goals (Platz 16) und vier Tore (Platz 15) sind aber zu wenig Ausbeute daraus.

Es gibt also keine klare Idee, wie man ins letzte Drittel kommen möchte und die wird den eigenen Ansprüchen entsprechend gut umgesetzt. Dann aber fehlen Anschlusslösungen. Hertha-Trainer Pál Dardái analysierte nach dem glücklichen 3:1-Sieg seiner Mannschaft fast schon süffisant, dass man den VfL auf der überladenen Seite spielen lassen wollte, um im Zentrum Überzahl zu behalten und die Flanken zu verteidigen. Schaut man sich an, wie viel Hertha dennoch zugelassen hat, ist das sicher kein Ansatz, den es zu kopieren lohnt. Aber er hat einen Punkt: Bochum ist bei allem Lob für den sonstigen Ballvortrag zu ungefährlich.

Stärken

  • Hohe Pressingmomente wirken oft druckvoll und gut organisiert
  • Offensive Umschaltmomente
  • Kombinationsspiel auf der linken Seite
  • Holtmann-Dribblings
  • Verlagerungen

Schwächen

  • Defensiv zu passiv
  • Wenig Torgefahr
  • Zu wenig Mut
  • Oft weite Wege zum Kontern
  • Passgenauigkeit – zu wenig ballsichere Spieler im Zentrum
  • Rechte Seite ist defensiv anfällig und offensiv zu wenig gefährlich
  • Mit Zoller fällt ein Schlüsselspieler lange aus
  • Viele individuelle Fehler

Typische Spielweise

  • 4-4-2 / 4-2-3-1
  • Linksüberladungen mit Ball; allgemein extreme Linkslastigkeit
  • Viele Seitenverlagerungen (18,3 pro Spiel, Platz 2 der Liga) – meist von links nach rechts, um den aufrückenden AV freizuspielen
  • Schnelles Spiel ins Angriffsdrittel
  • Absicherung durch Gegenpressing
  • Torgefahr meist nach Einzelleistungen oder offensiven Umschaltmomenten
  • Gegen Bayern wahrscheinlich insgesamt etwas tiefer
  • Lange Bälle hinter die Bayern-Kette, um Holtmann zu schicken?

Schafft der VfL den Klassenerhalt?

Dass Reis nun auch noch auf Simon Zoller verzichten muss, der mit einem Kreuzbandriss lange ausfallen wird, erschüttert alle beim VfL. Zoller war mit drei Toren und drei Vorlagen in fünf Pflichtspielen der absolute Garant für Torgefahr. Nach ihm kommt im Kader lange nichts. Für die Hoffnungen auf den Klassenerhalt ist das ein herber Dämpfer.

Man darf gespannt sein, ob sich die Bochumer davon erholen können. Gegen den FC Bayern werden sie wohl darauf bedacht sein, tiefer zu verteidigen und Spieler wie Holtmann in aussichtsreiche Kontersituationen zu bringen. Viel Ballvortrag und -zirkulation sind daher nicht zu erwarten.

Dafür wird die Defensive vor die größtmögliche Herausforderung gestellt. Machen die Bochumer erneut so viele individuelle Fehler, könnte der Samstagnachmittag in München ein für sie unschönes Ende nehmen. Das und die Frage nach der Torgefährlichkeit werden Reis noch einige Wochen lang begleiten. Der VfL ist sicher nicht chancenlos im Abstiegskampf, aber er wird in beiden Aspekten noch zulegen müssen, wenn er am Ende auf Platz 16 oder 15 stehen möchte.



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